Und die Welt steht still

Ich stolpere in eine Klassik-Sendung. Es singt Maria Callas. Wie gebannt höre ich zu, ich lasse alles liegen, es ist, als hielte die Welt ihren Lauf an. Diese warme, leuchtende Stimme, die Sicherheit, mit der sie ihre Wege geht. Man spürt: Kunst hat in ihrem Wesen gerade nichts Künstliches, sondern äußert sich vollkommen natürlich. Dass es so etwas gegeben hat! Es ist, als zeige die Welt eine ihrer tiefsten Möglichkeiten.

Mächte der Gegenwart (17): Westbindung

Man spricht nicht viel über Selbstverständlichkeiten, und eine Selbstverständlichkeit war es seit dem Zweiten Weltkrieg, dass Deutschland sich politisch im Kielwasser der USA bewegt (genau genommen zunächst nur Westdeutschland, seit 1990 dann das vereinigte Land). Diese klare Westbindung wird, wenn man die Dinge einmal aus einem gewissen Abstand betrachtet, von einer eigenartigen Mischung an Argumenten, Empfindungen und Ängsten begleitet.

Zunächst einmal ist da die Einsicht: Wir können gar nicht anders. Deutschland ist sozusagen von Kopf bis Fuß, politisch, wirtschaftlich und militärisch, von der dominierenden Macht des Westens abhängig. Mehr als ein begrenztes Ausscheren (wie bei Schröders Nein zu einem Irak-Einsatz) ist da nicht drin.

Unter diesem ersten liegt ein zweiter Gedanke: Wir wollen auch nicht anders, wir haben mit einem eigenen politischen Weg zu schreckliche Erfahrungen gemacht. Diese zweite gedankliche Figur wird auch sofort aktiviert, sobald nur im Geringsten Überlegungen zu einer eigenständigeren Rolle Deutschlands in der öffentlichen Debatte auftauchen. Augenblicklich schießen überall Warnschilder vor einem deutschen „Sonderweg“ hoch, vor neuen Irrläufen wie in der Hitlerzeit. Oder es wird, wie von Joschka Fischer, Hohn und Häme ausgeschüttet: „Fangen wir jetzt wieder an, das Weltkind in der Mitte zu sein? Schwankend zwischen West und Ost? Eine eigenständige Rolle suchend?“ Mit anderen Worten, es herrscht ein tiefes Selbstmisstrauen, das von seinem Ursprung her verständlich ist, in dieser Form aber auf einen fatalen Masochismus hinausläuft: Legt uns an die Kette, wir sind unberechenbar!

Alles in allem ist es eine neurotische politische Kultur. Sie spürt dunkel ihre Unfreiheit und wagt zugleich keinen freien Schritt, sie wagt es nicht einmal, ihre politischen Ziele und Schwerpunkte gelassen zu klären.

Dass eine solche Form der Westbindung gewisse Gegenimpulse und Ost-Phantasien erzeugt, ja sogar einer Gestalt wie Putin Sympathien zutreibt, ist nur ein weiteres Symptom der Neurose. Wo eine freie politische Atmosphäre außer Sichtweite ist, erscheint manchen eine alternative Form der Unfreiheit attraktiv. Denn das eigentlich Selbstverständliche ist dann kaum mehr denkbar: dass eine Gesellschaft human und eigenständig ihren politischen Weg bestimmen könnte, nicht in blinden Allianzen, aber in verlässlichen Kooperationen.

Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren

Aus verschiedenen Gründen habe ich in letzter Zeit ein bisschen häufiger mit der kommunizierenden Generation zu tun. Also mit denen, die immer ein Gerät in der Hand haben und ständig online sind. Meine Erfahrung ist aber: Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren. Sie bringen alles durcheinander. Wahrscheinlich sind es einfach zu viele Mails und Messages. Verabredungen werden vergessen, Fragen nicht beantwortet, man redet aneinander vorbei, Termine werden verwechselt. Halbwegs kommunikationsfähig sind nach meinem Eindruck nicht diejenigen, die die neuesten Tools haben, sondern die, die noch klar im Kopf sind.

Ich bin, was die menschlichen Kommunikationsmittel betrifft, nicht für die Rückkehr zu Rauchzeichen und Trommelsignalen. Aber vielleicht könnte man sich irgendwo treffen, wo das Ganze noch einen Sinn ergibt.

Frei im Raum

Irgendwann musst du das Gehäuse deines Lebens verlassen. Irgendwann, ob du willst oder nicht, wird der Kreis deiner Gewohnheiten durchbrochen. Irgendwann geht die Welt mit einem lässigen Schritt über das hinweg, was du dein Leben nanntest. Dann gehst du in den freien Raum, wo du in Wahrheit immer gingst, nur die Gespinste deines Lebens haben das verdeckt – und gehst dort gut! Wo kein Geländer und weit und breit kein Halt mehr ist, dort gehst du sicherer denn je.

An der Fischtheke

Es ist nicht mehr ganz wie auf den südlichen Märkten, wo der Fang der Nacht direkt auf die Tische gewuchtet wird. Aber selbst hier im Supermarkt liegen noch ganze Tiere in ihrer vollen Gestalt, silbern und elegant, manche auch mit schaurigem Tiefseegesicht.

Ich schau sie an und denke: Du warst eben noch unterwegs, man sieht noch, wer du warst, man spürt noch, was du konntest. Auch wenn du geschlagen bist, man sieht dir noch die Freiheit an.

Da liegt also die Kreatur in ihrer Schönheit und ihrem Leid, noch nicht verwurstet und filetiert, noch als die, die sie war, erkennbar. Insofern herrscht an der Fischtheke noch ein Rest Ehrlichkeit, während die Wursttheke immer nur lügt.

Schönheit, wo bist du hin?

Zufällig ist mir eine Frau wieder begegnet, die mir vor einem Vierteljahrhundert schon einmal begegnet war. Damals war sie so verwirrend schön, dass ich in ihrem Beisein immer knapp am Atemstillstand war.

Jetzt habe ich sie zunächst nicht wiedererkannt. Ihr Gesicht ist fahl, sie ist offenbar in der Zwischenzeit durch ein komplettes Familienleben und durch eine schwere Krankheit gegangen. Sie ist jetzt sozial engagiert, wirkt ausgeglichen und warmherzig.

Schönheit, wo bist du hin? Hast du dich verwandelt in Charakter? Oder warst du immer nur die schöne Decke, die über dem Charakter lag?

Mächte der Gegenwart (16): Dunkler Gedanke

Es ist nicht schön, daran zu denken, aber wohl klug damit zu rechnen: dass es bedeutende Kräfte in der Welt gibt, die kein Interesse daran haben, dass sich die Verhältnisse in bestimmten Ländern und Regionen stabilisieren. Denn Stabilisierung birgt immer die Chance auf Entwicklung und Eigenständigkeit – und damit auch eine Chance für politische Gegenmodelle und Gegengewichte.

Die Hoffnung der Welt – für manche zweifellos geschäftsschädigend.

Maß und Mittelmaß

Im Radio höre ich einen Beitrag über Aristoteles. Unter anderem geht es um seine Lehre vom rechten Maß. Dergleichen klingt wohl für die meisten Ohren heute, für meine auch, zunächst etwas altmodisch, klingt nach einer gebremsten Lebenshaltung, während heutzutage doch alle Welt nach Intensität und Leidenschaft lechzt. Das rechte Maß aber, wird in der Sendung deutlich, ist gerade nicht das Mittelmaß, sondern ein Optimum zwischen den Extremen. Zwischen Geiz auf der einen und Verschwendung auf der anderen Seite liegt die Großzügigkeit. Zwischen Feigheit und blindem Aktionismus liegt eine recht verstandene Entschlossenheit.

Eigentlich, denke ich, geht es hier um die Entwicklung von Lebensintelligenz, um eine volle – ja intensive! – Ausbildung dessen, was in uns liegt. Dass unsere Zeit dafür keinen Sinn hat und ihre hektische Glückssuche für ein großartiges Lebensprinzip hält – das ist mittelmäßig.

Es muss

Es schüttet. Unter einem Vordach wechsle ich ein paar Worte mit einem Mann, der wohl vor einigen Jahren nach Deutschland eingewandert ist. Dann gibt er sich einen Ruck und geht raus in den Regen mit den Worten: Es muss!

Der Mann ist integriert!

Seltsamerweise sind wir immer noch nicht perfekt

Ich habe einen Freund, der ist wie ein höchst empfindlicher Detektor menschlicher Schwächen. Wir reden zum Beispiel über einen Bekannten, der sehr achtbar durchs Leben geht, verlässlich, bodenständig, sogar bewundernswert offen, was eigene Ängste und Krisen betrifft. „Er meint allerdings immer, es müsse in jeder Krise eine Lösung geben“, kommentiert mein Freund. „Als könne man immer etwas machen. So ganz will er den Dingen manchmal nicht ins Auge sehen; da ist doch etwas, dem er ausweicht.“

Oder eine junge Frau aus der Nachbarschaft. Sie ist immer nett, umgänglich, es gibt nichts auszusetzen. „Aber ich spüre da doch Lebensangst.“ Freundlichkeit sei oft auch der Versuch, es allen recht zu machen, bloß keinen Konflikt zu riskieren. „Diese Kraft zum Konflikt hat sie wahrscheinlich nicht, ich kann sie verstehen.“

Man kann nicht einmal sagen, dass er mit seinen psychologischen Anmerkungen übertreibt. Er sieht eben genau hin und spürt, wenn die Sensoren anschlagen. Die sind sehr gut entwickelt, er ist selbst einer, der nicht mit dickem Pelz durchs Leben geht. Überhaupt wird man ihm ja seine Messgenauigkeit schwerlich vorwerfen wollen. Und die registriert eben jede Vertuschung, Eitelkeit und Mikro-Lebenslüge.

Hat er vielleicht zu wenig versucht, an seinen eigenen Schwächen zu arbeiten? Vielleicht. Das ist es ja, was auch den Blick auf die anderen verändert. Man möchte seinem Scharfsinn, sozusagen als Schwester, ein wenig Nachsicht wünschen, ja. Und uns auch.