Lehren des Waldes

Auch das siehst du ja kaum in der Stadt: Dinge, die sich selbst überlassen werden, Holz in allen Stadien des Verfalls und der Zersetzung, von Insekten bewohnt, von Moos überzogen, mit Pilzen besetzt. Und dieser ungeheure Baum – jetzt liegt er da. Du siehst, vom Blühen bis zum Vergehen, das ganze Bild. Nicht nur, wie in den Parks, das vermeintlich Schöne, das, für sich genommen, doch nur die halbe Wahrheit ist. Und dieses Moos und dieser Schimmer – wer sagt, wo hier die größre Schönheit ist?

Rätsels Bewohner – Was machst du falsch?

Von Hegel gibt es eine ungeheuerliche, fast verrückt erscheinende Äußerung. Der Mensch, so sagt er in seiner Berliner Antrittsvorlesung 1818, solle sich des Höchsten würdig achten, er könne von der Größe und Macht des Geistes nicht groß genug denken: „Das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es muss sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.“

Wirklich?, möchte man antworten. Versuchen nicht Legionen von Physikern und Philosophen nichts anderes als das verschlossene Wesen des Universums zu öffnen – und stehen doch nur mit Splittern von Erkenntnis da, weit davon entfernt, dass jene Tiefen „vor Augen“ lägen? Bleiben wir nicht, trotz aller Anstrengungen, Bewohner eines Rätsels?

Denkbar wäre allerdings, dass wir auf falsche Weise, auf falschen Wegen suchen.

Seelenruhig

Bedingungslos auf das setzen, was man für richtig hält, nicht ständig schielen, sich von außen nicht terrorisieren lassen, wohl zuhören, aber dann gemächlich durch den Wald der Meinungen hindurchgehen – – – süßer Friede.

Indikator

Sich den Mund über andere zerreißen: das sicherste Kennzeichen der Kleinbürger.

Zwei Fragen, eine Antwort

Ein Freund liegt – wieder einmal – nach einer schweren Operation im Krankenhaus, in der Todesabwehrfabrik, wie er es nennt. Aufs Bett gestreckt, sozusagen zwischen den Schläuchen hindurch, schaut er mich an. Etwas später: Er hätte zwei Fragen an mich, die er tags zuvor auch seinem Freund T. gestellt habe. Erstens, warum es kein Leben ohne Leiden gebe. Und zweitens, was ich antworten würde, wenn man mich vor dem Betreten der Welt fragte, ob ich reinwill. Und, um die Sache ein wenig zu verschärfen: falls Nein, ob ich dabei auch bliebe, wenn ich dann die Welt nicht einmal sehen dürfe. Er hat auch in solchen Lebenslagen noch Humor.

Ich hole tief Luft und gebe mein Bestes – aber natürlich gleiche ich dem kleinen Jungen, den Augustinus am Strand beobachtete, wie er mit einer Muschel das Meer ausschöpfen wollte. Und was hat T. geantwortet?, erkundige ich mich schließlich. – Er habe seine Hand genommen.

Da habe ich mich geschämt.

Philosophie der Markise

Eine der erstaunlichen Fähigkeiten lebender Wesen liegt darin, unabhängig von den Verhältnissen der Umgebung ein weitgehend gleichbleibendes inneres Milieu aufrechtzuerhalten. Homöostase nennen es die Biologen. Bei manchen Lebewesen bezieht sich dies auch auf die Körpertemperatur. Gleichwarme Arten wie der Mensch sind, anders als etwa die wechselwarmen Schlangen oder Eidechsen, auf eine stabile Innentemperatur angewiesen. Nur zwei Grad Abweichung, und es geht uns ziemlich schlecht.

Nun könnten wir die Regulation dadurch erleichtern, dass wir uns ein Leben lang in perfekt temperierte Räume verkriechen. Aus sachfremden Gründen aber möchte der Mensch manchmal „raus“. Sogar dann, wenn es sehr heiß ist und eine gewisse Hitze-Dämpfung erforderlich ist, um die Regulation noch zu schaffen. Das ist die Stunde der Markise. Ihr Sinn erfüllt sich darin, von einem erwünschten Mehr stufenlos etwas zurücknehmen zu können.

Und die Welt steht still

Ich stolpere in eine Klassik-Sendung. Es singt Maria Callas. Wie gebannt höre ich zu, ich lasse alles liegen, es ist, als hielte die Welt ihren Lauf an. Diese warme, leuchtende Stimme, die Sicherheit, mit der sie ihre Wege geht. Man spürt: Kunst hat in ihrem Wesen gerade nichts Künstliches, sondern äußert sich vollkommen natürlich. Dass es so etwas gegeben hat! Es ist, als zeige die Welt eine ihrer tiefsten Möglichkeiten.

Mächte der Gegenwart (17): Westbindung

Man spricht nicht viel über Selbstverständlichkeiten, und eine Selbstverständlichkeit war es seit dem Zweiten Weltkrieg, dass Deutschland sich politisch im Kielwasser der USA bewegt (genau genommen zunächst nur Westdeutschland, seit 1990 dann das vereinigte Land). Diese klare Westbindung wird, wenn man die Dinge einmal aus einem gewissen Abstand betrachtet, von einer eigenartigen Mischung an Argumenten, Empfindungen und Ängsten begleitet.

Zunächst einmal ist da die Einsicht: Wir können gar nicht anders. Deutschland ist sozusagen von Kopf bis Fuß, politisch, wirtschaftlich und militärisch, von der dominierenden Macht des Westens abhängig. Mehr als ein begrenztes Ausscheren (wie bei Schröders Nein zu einem Irak-Einsatz) ist da nicht drin.

Unter diesem ersten liegt ein zweiter Gedanke: Wir wollen auch nicht anders, wir haben mit einem eigenen politischen Weg zu schreckliche Erfahrungen gemacht. Diese zweite gedankliche Figur wird auch sofort aktiviert, sobald nur im Geringsten Überlegungen zu einer eigenständigeren Rolle Deutschlands in der öffentlichen Debatte auftauchen. Augenblicklich schießen überall Warnschilder vor einem deutschen „Sonderweg“ hoch, vor neuen Irrläufen wie in der Hitlerzeit. Oder es wird, wie von Joschka Fischer, Hohn und Häme ausgeschüttet: „Fangen wir jetzt wieder an, das Weltkind in der Mitte zu sein? Schwankend zwischen West und Ost? Eine eigenständige Rolle suchend?“ Mit anderen Worten, es herrscht ein tiefes Selbstmisstrauen, das von seinem Ursprung her verständlich ist, in dieser Form aber auf einen fatalen Masochismus hinausläuft: Legt uns an die Kette, wir sind unberechenbar!

Alles in allem ist es eine neurotische politische Kultur. Sie spürt dunkel ihre Unfreiheit und wagt zugleich keinen freien Schritt, sie wagt es nicht einmal, ihre politischen Ziele und Schwerpunkte gelassen zu klären.

Dass eine solche Form der Westbindung gewisse Gegenimpulse und Ost-Phantasien erzeugt, ja sogar einer Gestalt wie Putin Sympathien zutreibt, ist nur ein weiteres Symptom der Neurose. Wo eine freie politische Atmosphäre außer Sichtweite ist, erscheint manchen eine alternative Form der Unfreiheit attraktiv. Denn das eigentlich Selbstverständliche ist dann kaum mehr denkbar: dass eine Gesellschaft human und eigenständig ihren politischen Weg bestimmen könnte, nicht in blinden Allianzen, aber in verlässlichen Kooperationen.

Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren

Aus verschiedenen Gründen habe ich in letzter Zeit ein bisschen häufiger mit der kommunizierenden Generation zu tun. Also mit denen, die immer ein Gerät in der Hand haben und ständig online sind. Meine Erfahrung ist aber: Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren. Sie bringen alles durcheinander. Wahrscheinlich sind es einfach zu viele Mails und Messages. Verabredungen werden vergessen, Fragen nicht beantwortet, man redet aneinander vorbei, Termine werden verwechselt. Halbwegs kommunikationsfähig sind nach meinem Eindruck nicht diejenigen, die die neuesten Tools haben, sondern die, die noch klar im Kopf sind.

Ich bin, was die menschlichen Kommunikationsmittel betrifft, nicht für die Rückkehr zu Rauchzeichen und Trommelsignalen. Aber vielleicht könnte man sich irgendwo treffen, wo das Ganze noch einen Sinn ergibt.

Frei im Raum

Irgendwann musst du das Gehäuse deines Lebens verlassen. Irgendwann, ob du willst oder nicht, wird der Kreis deiner Gewohnheiten durchbrochen. Irgendwann geht die Welt mit einem lässigen Schritt über das hinweg, was du dein Leben nanntest. Dann gehst du in den freien Raum, wo du in Wahrheit immer gingst, nur die Gespinste deines Lebens haben das verdeckt – und gehst dort gut! Wo kein Geländer und weit und breit kein Halt mehr ist, dort gehst du sicherer denn je.