Verlassenes Bahngelände

Früher waren wohl auch diese Schienen einmal blankgefahren, jetzt wachsen von rechts und links gemächlich die Pflanzen hinein. Rampen, Weichen, Nebengleise. Bei all diesen Strukturen hat sich mal jemand etwas gedacht! Heute fahren die Züge achtlos vorbei.

Sonst wird doch in diesem Land immer gleich alles weggeräumt. Aber die Bahn ist wohl so philosophisch entschleunigt, dass sie uns allenthalben kleine Zeichen der Vergänglichkeit hinterlässt. Wie schön sind doch diese Gärten der versunkenen Intentionen.

Mächte der Gegenwart (14): Auch das Böse ist nicht perfekt

Ein bemerkenswertes Phänomen ist, dass Zynismus und Menschenverachtung, die sich in der modernen krawattentragenden politischen Welt in geradezu genialer Weise verbergen, dann doch plötzlich an irgendeinem unkontrollierbaren Ende ihre wahre Fratze herausstrecken. Ein solcher Ort war Abu Ghraib.

Traurige Symmetrie

Unterdrücker sind immer auch Selbstunterdrücker. Was auch umgekehrt gilt: Selbstunterdrücker sind immer auch Unterdrücker.

Man will, was man selbst nicht zulässt, auch nicht bei anderen zulassen.

Der eigentliche Abgrund

Es gibt eine gewisse Art Denker, die richtige, notwendige Fragen stellen, aber unbefriedigende, teilweise fragwürdige oder abgründige Antworten geben. Friedrich Nietzsche oder Martin Heidegger könnte man hier nennen.

So unzulänglich dies sein mag – es ist immer noch mehr als das heute Übliche: die Fragen gar nicht mehr zu stellen. Die heute verbreitete Resignation, das Versunkensein ins Alltägliche, der klägliche Hedonismus, der die Wucht der Wirklichkeit gar nicht mehr spürt, der nur noch die Achseln zuckt und sich allen Ernstes jenseits des Ernstes wähnt – das ist der eigentliche Abgrund.

Vollgas ins Altenheim

Wie schön, wenn Menschen einen Sinn für Rhythmen und Lebensphasen haben. „Das Auto behalte ich noch, bis ich ins Altenheim gehe“, sagte die alte Dame, „dann kann ich noch ein paar Sachen selbst transportieren.“ Genau so hat sie es dann auch gemacht und für den Wagen auch gleich einen Käufer gefunden.

An ihrem letzten Wochenende mit Auto machte sie noch mal eine Fahrt – ein schöner Morgen, die Straßen waren leer, Vollgas durch die norddeutsche Tiefebene. Dann lieferte sie den Schlüssel ab.

Mächte der Gegenwart (13): Das Private ist, immer noch, politisch

Was ganz allgemein in der heutigen Nutzen-Mentalität einen schweren Stand hat: ein argloses, freies Menschsein ohne jedes Kalkül – das gibt es immerhin noch im Verhältnis zu Kindern. Da gibt es in vielen Fällen noch ein zauberhaftes Weltvergessen, ein Stillstehen der Zeit im Spiel, in der vertrauten Plauderei. Aber auch dort ist diese Atmosphäre immer schon gefährdet. Nicht nur durch die elterlichen Neurosen, die schon früh auf die Kinder übergreifen und sie in bestimmte Erwartungen hineinziehen, sondern auch durch die Rückwirkungen und Fernwirkungen jener Nutzen-Kultur. Wenn schon bei kleinen Kindern die Dinge in bestimmte Gleise gelenkt werden, wenn möglichst früh bestimmte „Kompetenzen“ vermittelt werden sollen und die sogenannte Frühförderung auf die Kleinen zugreift, kurz wenn es keinen Sinn mehr für Spiel und gemächliche Entfaltung gibt, dann bedeutet das – bei allen berechtigten Anteilen – doch schon eine Abrichtung der Kinder auf die Welt, in der sie später funktionieren sollen. Mit der Kindheit wird einer der letzten Räume der Nicht-Funktionalität ausgeräumt, eines der letzten Milieus vernichtet, das noch andere Arten von Erfahrungen erlaubt.

Notwendig wäre aber das Gegenteil: die Räume der Nicht-Funktionalität zu schützen, ja diese Räume zu stärken und zu erweitern. Aus welchen Reservoirs sollten sonst Kräfte der Humanisierung kommen?

Natürlich hat das Fehlverhalten der Eltern seine Gründe. Sie, die bekanntlich immer nur „das Beste“ wollen, möchten ihre Kinder optimal aufs Leben vorbereiten. Diese zu lange in ihrer eigenen Welt, auf ihren unregulierten Wegen zu lassen, könnte, das ist die Angst, nette, aber lebensuntüchtige Träumer hervorbringen. Im Grunde leiten also die Eltern nur den gesellschaftlichen Druck, den sie selbst empfinden, zum Nachwuchs weiter.

Diese große systemische Fehlentwicklung wird sich nur in einem langen Prozess korrigieren lassen. Wenn man indes schon heute ein sinnvolles Verhalten finden muss – gibt es dann ein anderes Mittel als Vertrauen? Das Vertrauen, dass aus einer freien, erfüllten Kindheit Menschen hervorgehen werden, die stark genug für beides sind: in der heutigen Welt zurechtzukommen und an einer besseren mitzuwirken.

Rätsels Bewohner über Frühlings Erwachen  

Das Frühjahr ist, unter anderem, auch eine Zeit erhöhten Verkehrsaufkommens. Kröten wandern, Hummeln patrouillieren dicht über den Waldboden, Schmetterlinge werfen sich scheinbar wirr und haltlos durch die Lüfte (obwohl es für ihre Bewegungsmuster gewiss Erklärungen gibt, die nicht schlechter sind als die für mein Weltherumlaufen).

Denkwürdig aber doch, wie tief – wie viel tiefer als beim Menschen – ein Teil des Naturlebens in jahreszeitliche Abläufe eingesenkt ist.

Graffiti

Bei der Einfahrt in den Düsseldorfer Hauptbahnhof lese ich auf einer alten Wand: „Geld macht dumm.“ Einen Meter darunter dann der Kommentar: „Armut auch.“ – Eine vielbändige Debatte, in zwei Bemerkungen zusammengefasst.

Herrscherin in einem seltsamen Reich

Auf den ersten Blick könnte man sie für eine bedauernswerte Person halten. Sie klagt, es geht ihr schlecht, sie ist der einsamste Mensch der Welt. Aber sie übt eine eigene Art Herrschaft aus. Sie führt Menschen gleichsam an der Leine. Einige mit Geld, andere auf andere Weise. Irgendwie bringt sie einen dazu, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man sich nicht nach ihren Regeln richtet.

Im Lauf der Jahrzehnte, scheint mir, hat sie auch gute Herrschaftsinstinkte ausgebildet. Zum Beispiel ein untrügliches Gespür dafür, ob sich andere eingliedern, sprich in ihr System integrieren lassen. Entsprechend ist sie, wie alle Machthaber, ganz kaltblütig im Abstoßen derer, die sie nicht brauchen kann. Entweder du bist in ihrem Planetensystem oder du kannst ins All verschwinden. Im Übrigen kann sie überaus charmant sein, sie hat Witz und Stil, es ist nicht leicht, die Dinge zu durchschauen. – Man könnte es auch einfach einen gut organisierten Egoismus nennen.

Ja, sie ist eine bedauernswerte Person, nur auf andere Weise als man anfangs meint.

Mächte der Gegenwart (12): Andere Lesart

Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch, bei dem das Ausmaß geheimdienstlicher Aktivitäten der USA, das in immer neuen Enthüllungen deutlich wird, nicht nur Empörung auslöst, sondern auch ein Element der Beruhigung vermittelt. Zeigt die Überwachung doch, dass die westliche Vormacht sich ihrer Kontrolle eben nicht so sicher ist; dass die Möglichkeit eigenständiger Entwicklungen und neuer politischer Akzente wohl doch ernst genommen wird. Mithin: dass solche Entwicklungen von kompetenter Seite als nicht gänzlich unrealistisch angesehen werden. Wo alles unter Kontrolle ist, muss man nicht so viel kontrollieren.