Es gibt familiäre oder soziale Konstellationen, in denen ein Mensch aus reiner Selbstverteidigung abweisend oder gar böse wird. Oder in denen es jedenfalls eine mentale Leistung ist, es nicht zu werden.
Gedanken
Der Meditierende
Allmählich schwieg fast alles – außer seinem Ehrgeiz.
Auskunft
Man hat mir gesagt, dass alle Menschen sterben müssen.
Das ist richtig.
Lässt sich da keine Ausnahme machen?
Warum?
Ist nur eine Frage.
Ist dein Leben so schön?
Ich bin zufrieden. Mal abgesehen davon, dass ich grundsätzlich unzufrieden bin, oder jedenfalls ungeduldig.
Warum hängst du also daran?
Ich habe nicht gesagt, dass ich daran hänge. Ich kenne nichts anderes. Was kommt eigentlich danach?
Sag ich nicht.
Das heißt, wir sollen die ganze Zeit mit dieser Unklarheit leben. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?
Wie man’s nimmt.
Und fest steht nur, dass wir eines Tages nicht mehr atmen?
So sind die Regeln.
Wer hat sie erfunden?
Ich.
Dann könntest Du sie auch ändern.
Vielleicht. Manche halten mich für allmächtig.
Andere sagen, dass es Dich gar nicht gibt.
Dann führtest du ein Selbstgespräch.
Aus Deinem Mund ein deutscher Konjunktiv!
Ich spreche viele Sprachen.
Ist mir klar. Man könnte auch sagen: Du schweigst in vielen Sprachen.
Könnte man sagen.
Gibt es andere, an die ich mich in dieser Angelegenheit wenden könnte?
Ich habe viele Zweigstellen, auch in deiner Nähe.
Aber dort werde ich auch nicht mehr erfahren…
Ich fürchte nein.
Wir sollen also, obwohl wir im Großen und Ganzen praktisch ahnungslos sind, fröhlich und friedlich durch unsere Tage gehen.
Ich rate dazu.
Es ist ein Skandal.
Es ist eine Frage der Sichtweise.
Eine Frage der Sichtweise ist allenfalls, wie wir mit diesem Skandal umgehen.
Auch das ist eine mögliche Sichtweise.
Ich danke trotzdem für das Gespräch.
Wandlungen
Ein Hauptfehler ist das Festhaltenwollen unter Bedingungen, die ein Festhalten ausschließen.
Alle Schönheit, alles Glück, selbst manche Formen tieferer Erkenntnis: es sind nur zarte Fügungen, wie Wolkenbilder, die entstehen und vergehen. Der Mensch mag gewisse Aspekte beeinflussen, dennoch ereignet sich das Beste in einem kaum kalkulierbaren Zusammentreffen verschiedener Faktoren, so selten und vergänglich wie ein Regenbogen. Und das Klügste ist, es genau so, als vergängliche Erscheinung, hinzunehmen.
Manche leben geradezu verzweifelt gegen die Organisationsform der Welt an, sie klammern sich bis in ihre letzten Tage an Dinge, die sich gnadenlos entziehen. Das ist nicht verboten. Aber es ist ein Programm zum Unglücklichwerden.
Gehen oder Gucken
Es gibt einige – sehr wenige – Menschen, die völlig autonom, aus den Tiefen einer Entscheidung heraus, einen bestimmten Weg gehen und den vollen Preis dafür zahlen. Die anderen schauen zu oder zerreißen sich den Mund darüber, insgeheim überzeugt, sie kämen billiger davon.
Kleine Umstellung
Wenn sich allmählich herumsprechen könnte, dass es nicht so sehr darauf ankommt, mehr zu erleben, sondern tiefer zu erleben, wäre schon viel gewonnen.
Sprachlos im Anfang
Über die ersten und letzten Dinge, über Ursprung und Ziel der Welt, spricht die Menschheit in zwei ganz unterschiedlichen Sprachen, in der Sprache der Religion und in der Sprache der Physik.
Möglicherweise sind beide Sprachen unzulänglich. Nicht nur die bildhaften religiösen Deutungen sind offenkundig angreifbar, auch die modernen physikalischen Kosmologien sind in entscheidenden Punkten lückenhaft und umstritten. Womöglich sind beide Ansätze weit davon entfernt, der Größe des Gegenstandes angemessen zu sein, so dass sie gleichsam immer nur an dessen Rändern kratzen. Außerdem sind beide Sprachen vorläufig nicht ineinander übersetzbar.
Diese Übersetzbarkeit, also die Möglichkeit dieselbe Sache von zwei Seiten zu beschreiben, wäre übrigens ein starkes Zeichen dafür, dass die Sache verstanden ist. Voraussetzung wäre natürlich, dass beide Sprachen tatsächlich etwas zur Klärung beizutragen haben. Manche Naturwissenschaftler werden das bezweifeln und fragen: Wie sollen wir Physik in Unfug übersetzen? Und vielleicht werden sie die Gegenfrage hören: Wie soll das mathematisch-physikalische Gestocher jemals die Dinge in ihrem Wesen erfassen? Vielleicht könnte die Philosophie, die in beide Richtungen leidlich kommunikationsfähig ist, eine Art Dolmetscherrolle spielen. Aber bislang kann sie diese Leistung nicht erbringen.
Zweifellos verfügen wir nach einigen Jahrtausenden Glauben, Denken und Satellitenschießen über eine kaum überschaubare Fülle an Daten und Deutungen. Im Kern aber, scheint mir, stehen wir mit ziemlich leeren Händen da.
Hyperaktivität
Sicher, der Mensch muss arbeiten. Seit Urzeiten hätte er nicht überleben können, hätte er nicht Nahrung gesucht, Tiere gejagt, später auch Tiere gehalten und Felder bestellt. Das ist im Kern so geblieben, auch wenn viele heutige Tätigkeiten weniger elementar sind: Man schneidet anderen die Haare, man schreibt Zeitungen voll, man verkauft Möbel. Außerdem muss der moderne Mensch im Durchschnitt weniger arbeiten als seine Vorfahren. Einem mittleren Angestellten würde im Grunde eine Zwei-Drittel-Stelle genügen, um einen Komfort wie Ludwig XIV. zu haben: stabil beheizbare Räume, abwechslungsreiches Essen, sogar – das kannte der Sonnenkönig noch nicht – fließend warmes Wasser und bequeme Reisemöglichkeiten. Nur gab es in Versailles etwas mehr Platz.
In der Summe jedenfalls hat sich einiges getan. Das Seltsame ist, dass die Leute trotzdem wie verrückt arbeiten oder zumindest irgendwie beschäftigt sind. Auch wenn längst alles getan ist, läuft die Mechanik weiter. Dann wird die so genannte Freizeit kolonisiert. Wobei jede neue Aktivität ein ganzes Rudel an Folge-Aktivitäten nach sich zieht; mir scheint, dass die ständig Beschäftigten mindestens die Hälfte der Probleme, die sie umtreiben, vorher selbst erzeugt haben. Einmal konditioniert, bleibt die Menschheit dauer-aktiv und will gar nicht wissen, dass die wichtigsten Lebensfragen heutzutage vergleichsweise schlank zu regeln wären.
Natürlich erhebt sich, wenn man den trostlosen Zirkus verlässt, die verzweifelte Frage: Was soll man eigentlich mit der ganzen Zeit tun? Das wäre nun mal ein schöner Stoff für eine andere Art von Aktivität. Zumindest wenn man nicht nur beim Nachbarn abgucken will.
Um meine persönlichen Favoriten zu nennen: beten, sich auf den Tod vorbereiten, am Flussufer sitzen, Himbeeren essen, kurz: sich knallhart auf das Wesentliche konzentrieren.
Oder, um nicht zu sehr zu provozieren: Ersatzweise geht natürlich statt Beten auch Sex.
Allhier
Dass es nicht besser
vorangeht,
damit kann ich
leben, solange Du
bei mir bist.
Denn was wäre
der Weg anderes
als ein Weg
zu Dir?
Über die Ungerechtigkeit der Welt
Neben dem Müll-Container eine Ratte. Mit hastigen Bewegungen zupft sie an einer Tüte. Treten Menschen auf, huscht sie ins Gebüsch.
So ist die Welt: Der Mensch macht sich breit, wie es ihm gefällt, niemand hat Verständnis für die Ratte. Nicht einmal die Reste soll sie bekommen. Man kann sagen: Die muss sich eben in der Evolution noch hocharbeiten, dann kann sie auch eines Tages stolz mit dem Müllbeutel in der Hand zum Container gehen. Aber sollten nicht alle Wesen, gleich wo sie stehen, gewisse Rechte haben?
In Indien gibt es einen Tempel, in dem man Ratten als heilige Tiere betrachtet und ihnen die herrlichsten Speisen hinstellt. Entsprechend gut vermehren sie sich und sind ohne alle Scheu. Dort müssen die Menschen zurückstecken und mit größter Vorsicht zwischen ihnen hindurchgehen. Ich will das nicht als Weltmodell empfehlen, aber vielleicht werden wir es, wenn wir selbst noch ein Stück in der Evolution vorankommen, nicht mehr ganz so grotesk finden.