An der Fischtheke

Es ist nicht mehr ganz wie auf den südlichen Märkten, wo der Fang der Nacht direkt auf die Tische gewuchtet wird. Aber selbst hier im Supermarkt liegen noch ganze Tiere in ihrer vollen Gestalt, silbern und elegant, manche auch mit schaurigem Tiefseegesicht.

Ich schau sie an und denke: Du warst eben noch unterwegs, man sieht noch, wer du warst, man spürt noch, was du konntest. Auch wenn du geschlagen bist, man sieht dir noch die Freiheit an.

Da liegt also die Kreatur in ihrer Schönheit und ihrem Leid, noch nicht verwurstet und filetiert, noch als die, die sie war, erkennbar. Insofern herrscht an der Fischtheke noch ein Rest Ehrlichkeit, während die Wursttheke immer nur lügt.

Schönheit, wo bist du hin?

Zufällig ist mir eine Frau wieder begegnet, die mir vor einem Vierteljahrhundert schon einmal begegnet war. Damals war sie so verwirrend schön, dass ich in ihrem Beisein immer knapp am Atemstillstand war.

Jetzt habe ich sie zunächst nicht wiedererkannt. Ihr Gesicht ist fahl, sie ist offenbar in der Zwischenzeit durch ein komplettes Familienleben und durch eine schwere Krankheit gegangen. Sie ist jetzt sozial engagiert, wirkt ausgeglichen und warmherzig.

Schönheit, wo bist du hin? Hast du dich verwandelt in Charakter? Oder warst du immer nur die schöne Decke, die über dem Charakter lag?

Mächte der Gegenwart (16): Dunkler Gedanke

Es ist nicht schön, daran zu denken, aber wohl klug damit zu rechnen: dass es bedeutende Kräfte in der Welt gibt, die kein Interesse daran haben, dass sich die Verhältnisse in bestimmten Ländern und Regionen stabilisieren. Denn Stabilisierung birgt immer die Chance auf Entwicklung und Eigenständigkeit – und damit auch eine Chance für politische Gegenmodelle und Gegengewichte.

Die Hoffnung der Welt – für manche zweifellos geschäftsschädigend.

Maß und Mittelmaß

Im Radio höre ich einen Beitrag über Aristoteles. Unter anderem geht es um seine Lehre vom rechten Maß. Dergleichen klingt wohl für die meisten Ohren heute, für meine auch, zunächst etwas altmodisch, klingt nach einer gebremsten Lebenshaltung, während heutzutage doch alle Welt nach Intensität und Leidenschaft lechzt. Das rechte Maß aber, wird in der Sendung deutlich, ist gerade nicht das Mittelmaß, sondern ein Optimum zwischen den Extremen. Zwischen Geiz auf der einen und Verschwendung auf der anderen Seite liegt die Großzügigkeit. Zwischen Feigheit und blindem Aktionismus liegt eine recht verstandene Entschlossenheit.

Eigentlich, denke ich, geht es hier um die Entwicklung von Lebensintelligenz, um eine volle – ja intensive! – Ausbildung dessen, was in uns liegt. Dass unsere Zeit dafür keinen Sinn hat und ihre hektische Glückssuche für ein großartiges Lebensprinzip hält – das ist mittelmäßig.

Es muss

Es schüttet. Unter einem Vordach wechsle ich ein paar Worte mit einem Mann, der wohl vor einigen Jahren nach Deutschland eingewandert ist. Dann gibt er sich einen Ruck und geht raus in den Regen mit den Worten: Es muss!

Der Mann ist integriert!

Seltsamerweise sind wir immer noch nicht perfekt

Ich habe einen Freund, der ist wie ein höchst empfindlicher Detektor menschlicher Schwächen. Wir reden zum Beispiel über einen Bekannten, der sehr achtbar durchs Leben geht, verlässlich, bodenständig, sogar bewundernswert offen, was eigene Ängste und Krisen betrifft. „Er meint allerdings immer, es müsse in jeder Krise eine Lösung geben“, kommentiert mein Freund. „Als könne man immer etwas machen. So ganz will er den Dingen manchmal nicht ins Auge sehen; da ist doch etwas, dem er ausweicht.“

Oder eine junge Frau aus der Nachbarschaft. Sie ist immer nett, umgänglich, es gibt nichts auszusetzen. „Aber ich spüre da doch Lebensangst.“ Freundlichkeit sei oft auch der Versuch, es allen recht zu machen, bloß keinen Konflikt zu riskieren. „Diese Kraft zum Konflikt hat sie wahrscheinlich nicht, ich kann sie verstehen.“

Man kann nicht einmal sagen, dass er mit seinen psychologischen Anmerkungen übertreibt. Er sieht eben genau hin und spürt, wenn die Sensoren anschlagen. Die sind sehr gut entwickelt, er ist selbst einer, der nicht mit dickem Pelz durchs Leben geht. Überhaupt wird man ihm ja seine Messgenauigkeit schwerlich vorwerfen wollen. Und die registriert eben jede Vertuschung, Eitelkeit und Mikro-Lebenslüge.

Hat er vielleicht zu wenig versucht, an seinen eigenen Schwächen zu arbeiten? Vielleicht. Das ist es ja, was auch den Blick auf die anderen verändert. Man möchte seinem Scharfsinn, sozusagen als Schwester, ein wenig Nachsicht wünschen, ja. Und uns auch.

Das Ferne nah

Am meisten fasziniert hat die ersten Astronauten, die zum Mond flogen, nicht die Wüste dort, die sprichwörtliche Mondlandschaft, sondern der Blick zurück – zur zarten blauen Erde, die wie entrückt am Horizont stand. Ergreifend war – das eigentlich Vertraute.

Liegt darin nicht ein Gleichnis? Das Bekannte anders sehen, distanzierter und liebender zugleich – ist das nicht aller Lebensreisen Sinn?

Mächte der Gegenwart (15): Paralyse

Ist nicht im Grunde die ganze heutige Kultur so gebannt, gelähmt und ruhiggestellt wie 13-Jährige vor einem Bildschirm?

In höheren Lagen

Richtig, das gibt es, ich hatte es vergessen: dass man auf gleicher Höhe mit den Wolken ist, manchmal auch darüber. Gemächlich und düster ziehen sie vor dem gegenüberliegenden Hang vorbei. In meinem Kopf schweben die Worte: die befreundeten Wolken…

Die Schönheit aber hindert einen nicht am Schwitzen. Weitere Worte und Sätze. Du hast den Berg vor dir wie einen Bruder oder Gegner. Oder wie einen Gegner, der dir zum Bruder wird.

Beim Abstieg dann wird es wieder milder. Eine Alm. Es gibt kaum etwas Dekorativeres als einige auf einer Alm verteilte Felsblöcke. Als hätten hier Riesen gespielt. Wenn, haben sie ihr Spiel in einem sehr guten Moment abgebrochen. Vielleicht mit dem Satz: Jetzt liegen sie richtig.

Die Unaushaltbarkeit der Welt

Wenn Kinder in diese Welt geboren werden, dann ist wohl häufig ihre erste tiefe, große, wenngleich noch unbewusste Empfindung: Das ist hier nicht auszuhalten! Sicherlich gibt es auch manche, die in ein liebendes, ausgeruhtes Umfeld geboren werden, das die kleinen Neulinge gut empfängt. Häufig aber geraten sie vom ersten Tag an in ein überfordertes, spannungsreiches Milieu, das mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit für die Kinder ist dann sehr begrenzt. Sie werden sozusagen nur mitgeschleift, müssen jede Bewegung des elterlichen Lebens mitmachen, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Oft sind sie, selbst mit der Mutter im selben Zimmer, mutterseelenallein.

Genau genommen sind sie noch nicht einmal in der Lage, ihre Einsamkeit klar zu empfinden. Anfangs ist ja das Kind noch mit Haut und Haaren Teil seiner Umgebung, ihm fehlt jede Möglichkeit der Distanzierung, es wird jeden Weltzustand als selbstverständlich hinnehmen, so selbstverständlich wie die Atemluft. Selbst im tiefsten Unglück hat es noch kaum die Mittel, sein Unglück wahrzunehmen.

Und dann, wie geht es weiter? Es geht weiter mit dem instinktiven Versuch, das Unglück zu begrenzen. Vielleicht sogar indem es ganz geleugnet und schöngeredet wird (von manchen ein Leben lang). Und natürlich indem das Kind versucht, ein rettendes Ufer zu erreichen. Wenn etwa ein bestimmtes Verhalten mit Zuwendung belohnt wird, wird es dieses Verhalten lernen. Wenn überhaupt keine Zuwendung in Sicht ist, wird es einen neutralen Modus suchen, das Leben stillstellen vor Bildschirmen oder in anderen Dämmerzuständen, nicht glücklich, aber wenigstens nicht brennend unglücklich. Und wenn es irgendwann einen Ausweg jenseits seiner Herkunftswelt entdeckt, das kleinste Versprechen von Anerkennung und Schutz, dann wird es darauf eingehen. Sei dies nun der Schutz einer Clique oder die Zuflucht einer eigenen einsamen Nebenwelt. Ich kenne eine Frau, die hat sich aus ihrem desolaten Elternhaus gleichsam ins Reich der Bücher verstiegen, sie ist nun hochgebildet und recht wunderlich.

Die Unaushaltbarkeit der Welt und der Versuch, sie doch irgendwie aushalten zu lernen! Die Ausweichbewegungen, mit denen wir zu überleben versuchen, die schmerzbegrenzenden, manchmal lebensrettenden Seitenwege, Abwege und Höhenwege – ganze Lebensgeschichten sind von dort her erklärbar!