I n e i g e n e r S a c h e

Ihr Lieben, es gibt eine Veränderung bei „Rätsels Bewohner“. Die ganzen Jahre über – es sind schon neun! – hatte das Projekt ja immer zwei Seiten. Sozusagen ein Standbein im öffentlichen Raum: eine plakatgroße Vitrine in der S-Bahn-Station Jungfernstieg, in die ich jeweils die jüngsten Texte hängte (die Hamburger wissen das). Und ein Spielbein im Netz – eben diese Seite hier. In der letzten Zeit hat jetzt aber eine glorreiche „Modernisierung“ der S-Bahn-Station stattgefunden. Dabei wurden – ohne Vorwarnung – auch alle Plakat-Kästen entfernt und entsorgt. Es soll, so die Auskunft, auch keine neuen dieser Art geben (schätze mal, man wird auch dort den üblichen Flimmerkram installieren).

Das ist alles traurig. Irgendwie fand ich es immer schön, das wartende Volk dort ein wenig mit Gedanken und Notizen zu belästigen.

Wie es jetzt weitergeht, weiß ich nicht recht. Ich muss gestehen, dass ich auch die Anwandlung hatte: Ok, auch gut, jetzt musst du nicht mehr jede Woche zum Jungfernstieg rennen und Zettel wechseln. Dann kannst Du auch gleich die Website aufgeben – schulfrei! Werde ich wohl nicht machen – aber wundert Euch nicht, wenn es hier vielleicht nicht mehr so regelmäßig Bewegung gibt. Mir fehlt doch irgendwie der Zusatzimpuls vom schnöden Bahnsteig.

Auf Leben und Tod

Vor einigen Tagen habe ich auf einer Wiese eine Amsel beobachtet, die offenbar das Ende eines Wurmes mit dem Schnabel zu fassen bekam und ihn dann langsam in voller Länge aus dem Boden zog. Ein Elementarereignis.

Momentaufnahme

Alles so still hier. Ist der Kampf vorbei? Auch nichts im Briefkasten. Bin ich noch da? Mir fällt Friedrich Rückert ein: „Ich bin der Welt abhanden gekommen…“ Fühlt sich aber nicht schlecht an.

Was heute paradox klingt

Ein aus einer tieferen Welterkenntnis hervorgehendes Selbstverständnis könnte sich in dem Satz aussprechen: Ich bin Realist, ich rechne mit unsichtbaren Wirklichkeiten.

Anthroposophie (15): Falsche Freunde

Wenn den Besucher eines Museums der Hinweis auf die Sponsoren begrüßt, die eine bestimmte Ausstellung „ermöglicht“ haben, oder wenn Wissenschaftler sogenannte Drittmittel einwerben, um ihre Forschungen mit besserer Ausstattung vorantreiben zu können, dann wird jeder den vordergründigen Nutzen begreifen; und doch werden viele zugleich ein Unbehagen empfinden. Noch viel größer wird das Unbehagen bei der massiven Einwirkung wirtschaftlicher Interessen im politischen Raum.

Was aber ist daran eigentlich falsch? Ist es nicht wünschenswert, dass die Sphären kommunizieren? Dass Ökonomie und Kunst in Verbindung kommen? Und, ja, dass Politik sich auch als Sachwalterin wirtschaftlicher Projekte versteht, von denen häufig viele Arbeitsplätze abhängen?

Dennoch ist der Argwohn gegenüber einem solchen Übergreifen aus einer Sphäre in eine andere berechtigt. Er erfasst spontan, welche Verschiebungen und Verzerrungen in einem solchen Übergreifen angelegt sind, wie hier untergründige Abhängigkeiten entstehen und sachfremde Gesichtspunkte einsickern. Nur gilt es das diffuse Unbehagen zu klären, gilt es begrifflich herauszuarbeiten, warum kommunizierende Sphären dennoch nach ihren eigenen Gesetzen funktionieren sollten.

Genau dies versucht Steiners Konzept der sozialen Dreigliederung zu leisten. Es kann ein erhellendes Licht auf Fehlentwicklungen werfen, die von vielen gespürt, aber von wenigen verstanden werden. Was Steiner als Leitbild formuliert – eine relative Autonomie von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben – kann auf den ersten Blick als ein steifes und künstliches Modell erscheinen. Und kann doch nach und nach in seinem inneren Sinn und seiner praktischen Bedeutung sichtbar werden.

Guter Stoff

Außenstehende könnten es etwas beunruhigend finden, wenn ein Mann am Telefon zu seinem Enkel sagt: „Wann kommst du? Ich habe neue Ware.“ Der Großvater ist Film-Liebhaber und pflegt eine Art Privatsprache mit dem Sechsjährigen, auf den die Film-Leidenschaft schon übergesprungen ist. Der Junge nimmt auch schon Einfluss auf die Auswahl: „Aber keinen Babykram!“ Sie arbeiten sich jetzt allmählich von Kinderfilmen zu denen für Jugendliche voran.

Passt alles nicht recht

Solange die Menschen jung und strahlend schön sind, sind sie in der Regel noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihre sinnliche Existenz, ihr Liebesleben tief und reich genießen zu können.

Wenn sie schließlich dazu in der Lage sind, ist ihre Schönheit dahin.

Anthroposophie (14): Nicht frei Haus

Anthroposophie hat zwei recht unterschiedliche Seiten. Zum einen spricht sie von einer Erkenntnismethode, zum anderen breitet sie Ergebnisse aus. Der Unterschied ist so groß wie der zwischen dem Bau eines Fernrohres und der Beschreibung dessen, was man damit sehen kann.

Das erste, die Methode, der Weg, ist zugleich ein Weg zur Selbstveränderung des Menschen. Denn – das ist zentral in Steiners Lehre – mit seinen bisherigen Mitteln, Sinneserkenntnis und kombinierendem Verstand, kann der Mensch nicht in die Tiefen der Wirklichkeit vordringen. Er braucht neue Organe der Erkenntnis. Diese aber können allein aus einer inneren Entwicklung des Menschen hervorgehen, die dessen ganzes Dasein transformiert. Steiner ist in diesem Punkt so radikal wie es je ein spiritueller Lehrer war: Erst wenn der Mensch sich selbst in einer durchgreifenden Weise umformt und läutert, wird er reif für eine andere Art von Erkenntnis. Erst dadurch „kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen für die Erforschung der übersinnlichen Welt“. Streng genommen öffnet sich erst dann der Zugang zum Zweiten, zu dem, was mit diesem Instrument erkennbar wird.

In der Praxis erscheinen die Dinge natürlich weniger getrennt und begegnet dem Steiner-Leser beides zugleich: Steiners Aussagen über die notwendigen inneren Prozesse und seine „Mitteilungen“ über das, was als Ergebnis dieser Prozesse sichtbar wird – sozusagen Bau des Fernrohres und Blick ins Universum.

Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin.

Leinwand-Lügen

Die erste und vielleicht schon größte Unwahrheit einer gewissen glatten hollywood-förmigen Filmwelt ist die: dass das Böse und Negative sofort als solches erkennbar wäre. In einem der jüngsten Streifen zum Beispiel, in Shape of Water, tritt recht bald und mit einigem Effekt ein Typ ins Bild, mit Quadratschädel und ziemlich schlechten Manieren, und du weißt sofort: Der ist es. Er hat dann noch einen Ober-Bösen über sich, der weniger poltert, aber auch nicht interessanter ist. An denen arbeiten sich dann die Guten ab, die genauso eindimensional angelegt sind, als Hülsen für billige Identifikation, ohne jede Tiefe und innere Spannung.

Und so etwas bekommt den Goldenen Löwen in Venedig, zwei Golden Globes und vier Oscars. Das ist die Fortsetzung der Lüge mit anderen Mitteln. Man könnte auch sagen: Die Produktion solcher Filme, die die Wirklichkeit vernebeln, unseren Orientierungssinn lähmen und uns in einfach zu bedienende Kitschmenschen verwandeln wollen – das ist das weniger leicht erkennbare Böse.

Ende des Winters

11. März, 12. März: Vor meinem Fenster fliegen Vögel vorbei, die kleine Zweige im Schnabel tragen. Einer hat geradezu Schwierigkeiten mit dem Fliegen. Man grüßt sich.