Wirklichkeiten

Man kann den verbreiteten Materialismus beklagen, das tun viele. Aber überwinden ließe er sich nur, wenn seine Voraussetzungen gesehen werden, wenn an der Wurzel angesetzt wird. Diese Wurzel ist ein Weltverständnis, das im Grunde nur die materielle Welt als wirklich ansehen kann und glaubt, dass alles auf dieser Ebene entschieden wird: im Handfesten, Sichtbaren, Greifbaren. Ein solches Weltverständnis mündet fast automatisch in materialistische Mentalitäten und Fixierungen, weil es eben gar keinen Zugang zu anderen Dimensionen der Wirklichkeit findet. Wenn überhaupt müsste man also mit der Frage beginnen, ob der heute üblichen Optik Entscheidendes entgeht, man müsste am Weltverständnis ansetzen. Das tun wenige.

Mächte der Gegenwart (18): Ginge es wenigstens etwas ehrlicher?

Sie sagen: Wir müssen den Schleppern das Handwerk legen. Und denken: Wir müssen die letzten Lücken stopfen, durch die noch Menschen den Weg nach Europa schaffen.

Man ist nicht so plump wie Trump mit seinen Mauerbau-Fantasien. Praktischerweise hat man ja vor der Tür ein tiefes Meer.

Das Sonntagabendhaus

In allen Wohnungen ist Licht. Alle sind zu Hause. Noch ist Wochenende, aber der Montag weht schon in die Gedanken hinein. Vielleicht ein „Tatort“. Und die Kleider für morgen rauslegen. Arbeitnehmermelancholie.

Dichtung und Wahrheit

Neuerdings denke ich gelegentlich an Karlsson vom Dach; als die Kinder klein waren, haben wir ein oder zwei von Astrid Lindgrens Karlsson-Romanen gelesen und viel gelacht. Karlsson ist ein zunächst nicht für jeden sichtbarer, kleiner, gemeiner, verfressener, intelligenter, sich selbst stets überschätzender und doch irgendwie faszinierender Zeitgenosse. Beachtlich auch seine Devise, insbesondere wenn er den schüchternen Jungen der Familie mal wieder in einen großen Schlamassel hineingezogen hat: „Das stört keinen großen Geist!“

Was mir nicht klar war: Solche Menschen gibt es wirklich! Ich kenne seit einiger Zeit einen und beobachte ihn scharf.

Rückert   (150 Jahre nach seinem Tod)

Wie es heutzutage um ein Bewusstsein der Herkunft und der Leistungen der Vorfahren bestellt ist, zeigt allein schon, dass ein Mann wie Friedrich Rückert fast vergessen ist. Dabei war der Mann ein Weltwunder. Nicht nur, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, weil er ein Genie der Sprachen und Kulturen war. Von Hebräisch über Arabisch, Koptisch und Persisch bis Sanskrit – er konnte das alles lesen und hat mit seinen Übersetzungen ein halbes Morgenland dem Abendland bekannt gemacht. Mindestens so erstaunlich ist seine eigene Dichtung. Nun gut, er war ein Vielschreiber. Das Reimen war seine Existenzform, er hat gedichtet wie geatmet, und manches schnauft so vor sich hin. Dazwischen aber einiges, das tiefer trifft als andre jemals trafen. Rückerts Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen… nach dem Tod von zweien seiner (zehn) Kinder ist so ergreifend, es versteigt sich in ein so herzzerreißendes Nichtwahrhabenkönnen, dass man gar nicht weiß, ob die Germanisten dafür Begriffe haben. Ist das frühexpressionistisch? vorexistentialistisch? Jedenfalls fällt es weit aus den Formen der Zeit heraus. (Wenigstens haben einige seiner Kindertodtenlieder in Gustav Mahlers Vertonungen ein zweites Leben erlangt.)
Nebenbei war der hochdekorierte Gelehrte von einer herrlichen Wurstigkeit und wohnte in dem langhaarigen Zwei-Meter-Mann eine unstillbare Melancholie:
Amara, bittre…
O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Mit dir um Kap Hoorn

Im Radio eine Sendung über die erste Umsegelung von Kap Hoorn im Jahr 1616. Achtzehn Tage gegen den starken Westwind, mit hohen Wellen, Salzwasser bis in die Kojen, aufgerissenen Händen, frierenden Seeleuten, singender Takelage. Und ich denke unentwegt an dich, den Segler, dem diese Sendung sehr gefallen hätte…

Sonderbarer Besuch

Morgens, beim Blick durch die Balkontür, entdecke ich plötzlich einen kleinen Vogel. Er sitzt ganz still auf den Holzdielen. Auch als ich unmittelbar an die Scheibe trete, fliegt er nicht weg. Ungewöhnlich. – Ich öffne die Tür, er bleibt sitzen. Wir sehen einander an. Über seinen Kopf zieht sich, ganz auffällig, von vorn nach hinten ein gelbes Band. Ich frage ihn, was möglicherweise sein Problem ist. Er bleibt einfach sitzen und schaut mich an. Von vorn, mit seinen dunklen treuen Augen, wirkt er fast wie eine Maus. – Ich schließe wieder die Tür und gehe über zum wissenschaftlichen Teil, blättere in meinem Tier- und Pflanzenführer. Es ist ein Wintergoldhähnchen. „Kleinster heimischer Vogel“ mit einem gelben oder orangegelben, schwarz gesäumten „Scheitelstreif“. – Immer noch sitzt er reglos auf dem Balkon. So kann es nicht weitergehen, denke ich, er muss wieder raus ins Grüne. Dort wird eben die Natur ihren Lauf nehmen, und sei es unter Beteiligung einer Katze. Aus der Küche hole ich eine dieser durchsichtigen Plastikschalen, in denen manchmal Karotten verkauft werden. Ich stülpe sie langsam über ihn, schiebe eine Pappe darunter, trage ihn durchs Treppenhaus vor die Haustür, setze ihn auf einer Hecke ab. Sofort fliegt er in der schönsten quirligsten Weise hoch in die Bäume. – Warum also das alles?, denke ich ihm hinterher. Wolltest du mal mit jemandem reden? Hattest du keine Lust auf deine nächste Reise? Das Buch sagt, ihr seid „Teilzieher“. Und im Internet lese ich, dass ihr als „Zugopportunisten“ geltet. Ich wusste nicht, dass Biologen so gemein sein können. Es ist doch absolut in Ordnung, die eigenen Entscheidungen im Kontext der jeweiligen Umstände zu reflektieren. – Vielleicht warst du einfach nur vorübergehend erschöpft.

Auch das bist du

Wohl in jedem Leben gibt es diese beiläufigen, unbeobachteten Momente, in denen man nur ein bisschen aufräumt und umräumt, von hierhin dorthin geht, ein wenig kruschtelt, um es schwäbisch zu sagen, eine Fluse vom Teppich aufhebt. Man ist dann nicht mit den Hauptsachen des eigenen Lebens befasst, oder dem was man dafür hält, sondern mit sekundären und tertiären Dingen. Man lässt sich sozusagen zwischendurch unbeaufsichtigt, gleitet hinüber in eine halboffizielle Existenz, ein wenig verträumt und versonnen, vielleicht auch etwas kleinlich und obsessiv.

In diesen Momenten zeigt sich ein Mensch in besonderer Weise. Und sei es nur für sich selbst.

Warum ich so alte Pullover trage

Bei anderen Leuten ist es wahrscheinlich so: Die bisherige Kleidung ist schon etwas aufgetragen, außerdem möchte man hin und wieder etwas Neues, dann gehen sie Einkaufen.

Bei mir ist die Lage anders. Bevor ich Einkaufen gehen könnte, müsste ich, finde ich, sehr viele andere wichtigere Dinge tun, das Einkaufen käme sozusagen erst auf Platz neun oder elf der Liste. Weil ich aber in der Praxis nie weiter als zu Punkt vier oder fünf vordringe – es sind eben schwierige Dinge –, kommt das Einkaufen leider nie in Reichweite.

Ich wüsste nicht, wie sich das ändern ließe. Meine Prioritäten möchte ich nicht ändern. Ein Riesenproblem ist es andererseits auch nicht, ich sehe nur entsetzlich langweilig aus.

Bei Bremen fließt die Weser durchs 18. Jahrhundert

Fährt man bei Bremen über die Weser, im Zug oder auf der Autobahn, dann bietet sich ein seltener Anblick: ein Fluss, der noch ziemlich frei in der Landschaft liegt, mit weichen Ufern, mit unscharfen Übergängen in Wiesen und Weiden, manchmal sind größere Bereiche überschwemmt. Ein mildes, wohltuendes Panorama, ungewöhnlich in Zeiten, in denen Flüsse meist Kanälen gleichen.

– – Okay, bevor Ihr jetzt alle hinfahrt: Ich hab die Sache ein bisschen romantisiert, genau genommen sind dort die Deiche nur ein Stück zurückgesetzt, so dass der Fluss mehr Raum hat. Aber schon das verändert in bemerkenswerter Weise das Landschaftsbild.