Es muss

Es schüttet. Unter einem Vordach wechsle ich ein paar Worte mit einem Mann, der wohl vor einigen Jahren nach Deutschland eingewandert ist. Dann gibt er sich einen Ruck und geht raus in den Regen mit den Worten: Es muss!

Der Mann ist integriert!

Seltsamerweise sind wir immer noch nicht perfekt

Ich habe einen Freund, der ist wie ein höchst empfindlicher Detektor menschlicher Schwächen. Wir reden zum Beispiel über einen Bekannten, der sehr achtbar durchs Leben geht, verlässlich, bodenständig, sogar bewundernswert offen, was eigene Ängste und Krisen betrifft. „Er meint allerdings immer, es müsse in jeder Krise eine Lösung geben“, kommentiert mein Freund. „Als könne man immer etwas machen. So ganz will er den Dingen manchmal nicht ins Auge sehen; da ist doch etwas, dem er ausweicht.“

Oder eine junge Frau aus der Nachbarschaft. Sie ist immer nett, umgänglich, es gibt nichts auszusetzen. „Aber ich spüre da doch Lebensangst.“ Freundlichkeit sei oft auch der Versuch, es allen recht zu machen, bloß keinen Konflikt zu riskieren. „Diese Kraft zum Konflikt hat sie wahrscheinlich nicht, ich kann sie verstehen.“

Man kann nicht einmal sagen, dass er mit seinen psychologischen Anmerkungen übertreibt. Er sieht eben genau hin und spürt, wenn die Sensoren anschlagen. Die sind sehr gut entwickelt, er ist selbst einer, der nicht mit dickem Pelz durchs Leben geht. Überhaupt wird man ihm ja seine Messgenauigkeit schwerlich vorwerfen wollen. Und die registriert eben jede Vertuschung, Eitelkeit und Mikro-Lebenslüge.

Hat er vielleicht zu wenig versucht, an seinen eigenen Schwächen zu arbeiten? Vielleicht. Das ist es ja, was auch den Blick auf die anderen verändert. Man möchte seinem Scharfsinn, sozusagen als Schwester, ein wenig Nachsicht wünschen, ja. Und uns auch.

Das Ferne nah

Am meisten fasziniert hat die ersten Astronauten, die zum Mond flogen, nicht die Wüste dort, die sprichwörtliche Mondlandschaft, sondern der Blick zurück – zur zarten blauen Erde, die wie entrückt am Horizont stand. Ergreifend war – das eigentlich Vertraute.

Liegt darin nicht ein Gleichnis? Das Bekannte anders sehen, distanzierter und liebender zugleich – ist das nicht aller Lebensreisen Sinn?

Mächte der Gegenwart (15): Paralyse

Ist nicht im Grunde die ganze heutige Kultur so gebannt, gelähmt und ruhiggestellt wie 13-Jährige vor einem Bildschirm?

In höheren Lagen

Richtig, das gibt es, ich hatte es vergessen: dass man auf gleicher Höhe mit den Wolken ist, manchmal auch darüber. Gemächlich und düster ziehen sie vor dem gegenüberliegenden Hang vorbei. In meinem Kopf schweben die Worte: die befreundeten Wolken…

Die Schönheit aber hindert einen nicht am Schwitzen. Weitere Worte und Sätze. Du hast den Berg vor dir wie einen Bruder oder Gegner. Oder wie einen Gegner, der dir zum Bruder wird.

Beim Abstieg dann wird es wieder milder. Eine Alm. Es gibt kaum etwas Dekorativeres als einige auf einer Alm verteilte Felsblöcke. Als hätten hier Riesen gespielt. Wenn, haben sie ihr Spiel in einem sehr guten Moment abgebrochen. Vielleicht mit dem Satz: Jetzt liegen sie richtig.

Die Unaushaltbarkeit der Welt

Wenn Kinder in diese Welt geboren werden, dann ist wohl häufig ihre erste tiefe, große, wenngleich noch unbewusste Empfindung: Das ist hier nicht auszuhalten! Sicherlich gibt es auch manche, die in ein liebendes, ausgeruhtes Umfeld geboren werden, das die kleinen Neulinge gut empfängt. Häufig aber geraten sie vom ersten Tag an in ein überfordertes, spannungsreiches Milieu, das mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit für die Kinder ist dann sehr begrenzt. Sie werden sozusagen nur mitgeschleift, müssen jede Bewegung des elterlichen Lebens mitmachen, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Oft sind sie, selbst mit der Mutter im selben Zimmer, mutterseelenallein.

Genau genommen sind sie noch nicht einmal in der Lage, ihre Einsamkeit klar zu empfinden. Anfangs ist ja das Kind noch mit Haut und Haaren Teil seiner Umgebung, ihm fehlt jede Möglichkeit der Distanzierung, es wird jeden Weltzustand als selbstverständlich hinnehmen, so selbstverständlich wie die Atemluft. Selbst im tiefsten Unglück hat es noch kaum die Mittel, sein Unglück wahrzunehmen.

Und dann, wie geht es weiter? Es geht weiter mit dem instinktiven Versuch, das Unglück zu begrenzen. Vielleicht sogar indem es ganz geleugnet und schöngeredet wird (von manchen ein Leben lang). Und natürlich indem das Kind versucht, ein rettendes Ufer zu erreichen. Wenn etwa ein bestimmtes Verhalten mit Zuwendung belohnt wird, wird es dieses Verhalten lernen. Wenn überhaupt keine Zuwendung in Sicht ist, wird es einen neutralen Modus suchen, das Leben stillstellen vor Bildschirmen oder in anderen Dämmerzuständen, nicht glücklich, aber wenigstens nicht brennend unglücklich. Und wenn es irgendwann einen Ausweg jenseits seiner Herkunftswelt entdeckt, das kleinste Versprechen von Anerkennung und Schutz, dann wird es darauf eingehen. Sei dies nun der Schutz einer Clique oder die Zuflucht einer eigenen einsamen Nebenwelt. Ich kenne eine Frau, die hat sich aus ihrem desolaten Elternhaus gleichsam ins Reich der Bücher verstiegen, sie ist nun hochgebildet und recht wunderlich.

Die Unaushaltbarkeit der Welt und der Versuch, sie doch irgendwie aushalten zu lernen! Die Ausweichbewegungen, mit denen wir zu überleben versuchen, die schmerzbegrenzenden, manchmal lebensrettenden Seitenwege, Abwege und Höhenwege – ganze Lebensgeschichten sind von dort her erklärbar!

Verlassenes Bahngelände

Früher waren wohl auch diese Schienen einmal blankgefahren, jetzt wachsen von rechts und links gemächlich die Pflanzen hinein. Rampen, Weichen, Nebengleise. Bei all diesen Strukturen hat sich mal jemand etwas gedacht! Heute fahren die Züge achtlos vorbei.

Sonst wird doch in diesem Land immer gleich alles weggeräumt. Aber die Bahn ist wohl so philosophisch entschleunigt, dass sie uns allenthalben kleine Zeichen der Vergänglichkeit hinterlässt. Wie schön sind doch diese Gärten der versunkenen Intentionen.

Mächte der Gegenwart (14): Auch das Böse ist nicht perfekt

Ein bemerkenswertes Phänomen ist, dass Zynismus und Menschenverachtung, die sich in der modernen krawattentragenden politischen Welt in geradezu genialer Weise verbergen, dann doch plötzlich an irgendeinem unkontrollierbaren Ende ihre wahre Fratze herausstrecken. Ein solcher Ort war Abu Ghraib.

Traurige Symmetrie

Unterdrücker sind immer auch Selbstunterdrücker. Was auch umgekehrt gilt: Selbstunterdrücker sind immer auch Unterdrücker.

Man will, was man selbst nicht zulässt, auch nicht bei anderen zulassen.

Der eigentliche Abgrund

Es gibt eine gewisse Art Denker, die richtige, notwendige Fragen stellen, aber unbefriedigende, teilweise fragwürdige oder abgründige Antworten geben. Friedrich Nietzsche oder Martin Heidegger könnte man hier nennen.

So unzulänglich dies sein mag – es ist immer noch mehr als das heute Übliche: die Fragen gar nicht mehr zu stellen. Die heute verbreitete Resignation, das Versunkensein ins Alltägliche, der klägliche Hedonismus, der die Wucht der Wirklichkeit gar nicht mehr spürt, der nur noch die Achseln zuckt und sich allen Ernstes jenseits des Ernstes wähnt – das ist der eigentliche Abgrund.