Enttarnt

Man könnte ihn für einen Graureiher halten, wie er da, regungslos, mitten im Teich auf einem abgestorbenen Ast steht. Ich habe aber den Verdacht, dass es sich in Wahrheit um einen Privatdetektiv handelt. Den Blick streng in eine Richtung gerichtet, ohne die geringste Bewegung, halslos in sich geduckt, steht er in der Kälte, als habe er den Hut ins Gesicht gedrückt. Auch gleicht das Gefieder einem Trenchcoat.

Anthroposophie (11): Wahrhaft

Man ist in unserer Epoche gewohnt, dass Autoren in einem gewissen Maß „auf Effekt“ schreiben, möglichst geschliffen und pointiert formulieren. – Nun gibt es durchaus eine Pointiertheit, die im Dienste des Inhalts steht. Sie bringt, einer physikalischen Formel vergleichbar, einen sachlichen Zusammenhang in letzter Kürze und Eleganz auf den Begriff. Meist aber hat die heutige Pointiertheit noch eine andere Komponente: dass der Autor mit ihr brilliert, sich darstellt, manchmal in einer Virtuosität, die sich verselbstständigt und vor den Inhalt schiebt. Selbst gute Autoren stehen in dieser Versuchung.
Es kann eine Weile dauern, bis man begreift, dass dies alles bei Steiner bedeutungslos ist. Er schreibt gewissermaßen rein entlang der Sache. Er bezwingt rein durch die Wahrheit.

Manches ist eben schwieriger als Radfahren

Es gibt Dinge, die hat man oft versucht und in so vielen Anläufen nicht geschafft, dass man kaum noch Hoffnung hat – und eines Tages klappen sie doch!

Wenige

Es gibt Tage, da erscheint mir die Welt wie eine Versammlung von Autisten. Jeder steckt in seinem eigenen Kosmos, zirkuliert in seinen eigenen inneren Abläufen, einen wirklichen Austausch gibt es nicht, man ist zusammen, ohne in Verbindung zu treten.
Dann fällt mir ein: Doch, ich kenne auch Menschen, die andere wahrnehmen, die ihre Umgebung zu lesen versuchen, die zum Beispiel auch ein Bild oder einen Text zu verstehen versuchen, ohne sogleich ihre drei, vier gedanklichen Raster drüberzustülpen.
Es sind wenige, sehr wenige. In ihrer Gegenwart atmet sich leichter. Sie tun etwas Ungewöhnliches: die Dinge erst mal anschauen, nicht immer gleich urteilen, nicht immer gleich alles zu wissen glauben. Aber das Einfache ist ebenso schwierig wie selten.

Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?

Auch wenn es allem widerspricht, was Steiner dazu sagte: Angesichts der Dimension des Neuen, das er vorlegt, angesichts der für das heutige Bewusstsein völlig fremden Räume, ja Welten, die er öffnet, haben seine Aussagen doch den Charakter einer Offenbarung; nicht in ihrem Anspruch, aber in ihrer faktischen Erscheinungsform.
Gewiss soll alles, wie Steiner sagt, für jeden nachvollziehbar und zugänglich sein. Aber zunächst einmal steht es bis heute für die Mehrzahl der Menschen wie eine fremde, überdimensionale Mitteilung im Raum, die erst nach und nach verständlich werden könnte. Der Vorgang gleicht dem, den Lessing visionär für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Christentum ins Auge fasste: „die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. (Selbstverständlich nicht zu verstehen als Einpassung der größeren Wirklichkeiten ins Menschenformat, sondern umgekehrt als dessen durchgreifende Öffnung zu jenen Wirklichkeiten, statt sie nur entwicklungsfaul aus der Ferne anzustaunen.)
Ob etwas Erklärung oder Offenbarung ist, ist gewissermaßen immer eine Frage der Entfernung, des mentalen Abstands zwischen Sender und Empfänger. Und es ist, in einem Entwicklungsmodell verstanden, eine Frage des Zeitpunktes. Den Satz des Pythagoras kann ein jüngeres Kind nur wie eine fremde Mitteilung, eine „Offenbarung“, hinnehmen, einem 15-Jährigen kann er allmählich durchsichtig und verständlich werden.

Es lohnt sich nicht!

In der spirituellen Entwicklung versteckt sich eine kleine Gemeinheit. Am Anfang, wenn ein Mensch sich auf diesen Weg begibt, erhofft er in der Regel große Fortschritte, mentale Höhenflüge und stellt sich vor, wie ihn die anderen einst bewundern werden. Am Ende aber, falls er tatsächlich den schwierigen Weg zurückgelegt und ein tieferes Sein erreicht hat, hat er nichts mehr davon. Die Eitelkeit, die all dies genießen könnte, hat sich unterwegs in Wohlgefallen aufgelöst.

Feudalismus global

Selbstverständlich, wir leben nicht mehr im Zeitalter des Feudalismus, in dem zum Beispiel ein Mensch in einen höheren Stand hineingeboren wurde und von Geburt an privilegiert war. Bedenkenswert ist aber, was der Politikwissenschaftler Joseph H. Carens über die Vorzüge sagt, die einem heute allein durch den Ort der Geburt und die entsprechende Staatsbürgerschaft zufallen können: „Als Bürger eines reichen Staates in Europa oder Nordamerika geboren zu werden ist, als wäre man in den Adelsstand hineingeboren worden.“

In Gesellschaft

Alle wollen reden – und kaum einer zuhören.

Anthroposophie (9): Keime

Ein Satz mit großer Tragweite: „Wie der Pflanzenkeim in der gegenwärtigen Pflanze die künftige vorbildet, so entwickelt sich, verborgen im menschlichen Innern, ein geistig-seelischer Keim, der sich durch seine eigene Wesenheit für die geistige Wahrnehmung als die Anlage des künftigen Erdenlebens erweist.“
Sollte die Analogie, von der Steiner hier spricht, zutreffen, würde sich (im Vergleich zu den üblichen Sichtweisen) das ganze Menschenleben in einem anderen Licht darstellen. Unter anderem hieße es: Der Mensch hat im Alter nicht das Wesentliche hinter sich, sondern sein Leben ist bis zur letzten Stunde bedeutsam und zukunftsträchtig. Eigentlich bekäme auch das Wort „letzte Stunde“ eine andere, begrenztere Bedeutung.

Volle Härte, voller Trost

Dieser Tage bin ich wieder mal in einen Psalm geraten, Psalm 91. Zeitweise, es ist schon eine Weile her, habe ich regelmäßig in den Psalmen gelesen, habe mich mit ihrer Hilfe innerlich über Wasser gehalten. Manche können wohl mit diesen alten Gebeten und Gesängen nichts anfangen, ich finde sie brandaktuell. Es gibt ja auch eine Aktualität des Herzens. Hier spricht der Mensch in seiner Not, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Besonders gut finde ich, dass hier die Wucht des Daseins nicht vertuscht wird, dass nichts süßgeredet wird, sondern der Mensch sein Ausgeliefertsein in starken Worten ausspricht. – Selbstverständlich, wenn man mit dem „Zorn Gottes“ ein Problem hat, hat man auch ein Problem mit den Psalmen. Es gibt auch aggressive Passagen darin, an denen religiöse Fanatiker ihre Freude haben können. Man muss eben versuchen, diese Bilder und Gefühlswelten richtig zu verstehen. Und welch poetische Bilder! Mir sagen sie mehr als die braven psychologischen Begriffe, die heute in Umlauf sind.
In Psalm 91 wird dem Menschen versprochen, er werde unter Gottes Flügeln Schutz finden – „… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ An diesen Worten bleibe ich hängen. Das Grauen der Nacht kenne ich eigentlich nicht; dafür sollte ich wohl etwas dankbarer sein als ich es bin. Aber die Pfeile am Tag, die kenne ich. O wie gut kenne ich diese Pfeile! Ich sehe sie fliegen, wenn Leute in scheinbar harmlosem Gespräch zusammenstehen, ich sehe sie durch den Konferenzraum fliegen, sogar durch die Flure, vielleicht bin ich etwas überspannt – überall Pfeile! – Die heutigen Pfeile sind natürlich schön unsichtbar. Aber ich sehe, wie sie treffen, andere und mich selbst. Als Mensch wird man ja, so empfinde ich es, ständig getroffen und gekränkt und geht am Ende mit allerhand Narben durchs Leben. Und doch, mit etwas Glück und Vertrauen, immer noch aufrecht. Die Pfeile fliegen und können einem doch nichts anhaben. Man kann es als Wunder empfinden. Davon sprechen die Psalmen.