Derselbe

Auf dem Waldweg ein Schmetterling, mit zusammengefalteten Flügeln, unscheinbar wie ein welkes Blatt. Zauberhaft schön aber, sobald er die Flügel öffnet. – So sind wohl, denke ich, auch manche Menschen.

Spielart des Narzissmus

Ich kenne ein paar Leute, deren Lebenshaltung man als politische Eitelkeit charakterisieren könnte. Nichts ist ihnen wichtiger als das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, der „progressiven“ Seite. Ihre entsprechende Identität ist gut ausgebaut, ihre Lernfähigkeit dagegen bescheiden. Mag die Welt ins Trudeln kommen, wenn nur ihr Selbstbild intakt bleibt.

Spiegelbild der Diskriminierung

Er ist Ausländer. Er spricht etwas zögerlich Deutsch. Manchmal, etwa bei Behördengängen, wird er herablassend oder gleichgültig behandelt. Dann aber, wenn sie mitbekommen, dass er Franzose ist, hellen sich die Mienen auf. Franzose, oh, mit Frankreich verbinden offenbar alle etwas Schönes, Besonderes, Respektables. Was ja einerseits erfreulich ist. Andererseits entspricht diese Art der Wertschätzung exakt der Abwertung, die andere jeden Tag erfahren.

Wenn Gute böse werden

Im Katalog der Existenzformen gibt es auch diese: eigentlich gute, innerlich arglose Menschen, die dennoch in gewissen Situationen ungerecht und gar gemein sein können. Sie sind es aber nur, wenn sie in die Enge getrieben sind, wenn ihnen ganz schlichte und berechtigte Lebensmöglichkeiten abgeschnitten werden. Es ist eine rein defensive Ungerechtigkeit. – Insofern ist sie auch nicht so schlimm, denn man spürt diesen Hintergrund sofort.
Letztlich ist, denke ich, jeder Mensch nur defensiv böse. Nur ist bei manchen diese Eigenschaft tiefer in ihren Charakter eingedrungen und eingeschrieben – weil sie eben früher und tiefer in Bedrängnis waren.

Twitter

Ich wohne mitten in der Großstadt. Aber die Vogelgespräche frühmorgens in der Dämmerung sind intensiv wie im Urwald.

Mächte der Gegenwart (19): Dunkle Mächte

Im Umgang mit dem Begriff Verschwörungstheorie sollte man vorsichtig sein. Meist wird er benutzt, um bestimmte politische Deutungen oder Erklärungsversuche von vornherein als indiskutabel abzufertigen, als etwas, mit dem man sich gar nicht weiter befassen muss. Und tatsächlich gibt es ja Leute, Verschwörungstheoretiker, die immer sofort und ganz genau wissen, wer wohinter steckt und wo die bösen Mächte sitzen, die mit unsichtbarer Hand das Geschehen lenken.
Aber es gibt eben auch weitreichende, in dunkle Hintergründe reichende Theorien oder Vermutungen, die keineswegs absurd sind, die vielmehr verborgene Wirklichkeiten beschreiben oder immerhin in Umrissen erfassen. Diejenigen, die vor vielen Jahren schon recht deutliche Vorstellungen von dem Überwachungsimperium entwickelten, dessen Ausmaß dann Edward Snowden in vielen Einzelheiten enthüllte, wurden seinerzeit auch als Verschwörungstheoretiker abgekanzelt. Aber sie hatten Recht und hatten den klareren Blick für die Wirklichkeit.
Man sollte sich also durchaus die Mühe machen, sollte zumindest den Versuch unternehmen, auch solch komplexe, weithin im Dunkel liegende Zusammenhänge zu erhellen. Diesen Versuch machen weder diejenigen, die sofort das Wort „Verschwörungstheorie“ zücken, sobald man sich jenseits der offiziellen Versionen bewegt, noch diejenigen, die mit ein paar finsteren Schablonen alles erklären zu können glauben. Dass es schwierig ist, gewisse Wahrheiten ans Licht zu bringen, weiß jeder wache Zeitgenosse. Aber es gibt diese Wahrheiten, und es ist bedeutsam, ihnen kritisch und beharrlich auf die Spur zu kommen. Wenn überhaupt, helfen gegen dunkle Mächte nur helle Gedanken.

Wir Wunschkinder

In den 1960er-Jahren, nach Einführung der „Pille“, ging die jährliche Geburtenzahl in der Bundesrepublik von etwa 1,3 auf 0,8 Millionen Kinder zurück. Diese 800.000 waren dann wohl, denke ich, der Netto-Kinderwunsch. Und schließe zurück: Vorher war etwa jedes dritte Kind nicht vorgesehen. Ziemlich harte Aussage.
Nun ist ja alles immer komplizierter als man denkt und ich lerne gerade, dass diese Entwicklung, diese Abnahme, nur teilweise auf neue Verhütungsmöglichkeiten zurückzuführen war. Neben anderen Faktoren spielte auch der wachsende Wohlstand eine Rolle, der in allen Kulturen zu einem reduzierten Kinderwunsch führt. (In Japan gab es einen entsprechenden „Knick“ praktisch ohne Pille.) Trotzdem darf man wohl festhalten, dass – früher mehr, heute weniger – manches süße Wesen ohne offizielle Erlaubnis auf diesem Planeten erscheint. Die Frage ist, wie sich Eltern und später auch das Kind dazu stellen und stellen können.
Ich habe Freunde, die hatten ihre Familienplanung nach Nummer zwei eigentlich abgeschlossen, sie wähnten sich auch sozusagen biologisch inzwischen auf der sicheren Seite, da kam plötzlich Nummer drei angesegelt. Es hat ihr Leben ordentlich durcheinandergewirbelt, sie wollten aber kein Veto einlegen. Eine Rolle spielte wohl auch das Empfinden, dass der Mensch hier vor Fragen steht, die er nicht rein pragmatisch, mit einem dürren Passt-gerade-nicht, entscheiden sollte. Oder, wie sie es ausdrückte (sie sprechen dort englisch): Maybe there is a greater plan.
Das ist, finde ich (auch wenn ich leider den großen Plan bislang nicht vollständig einsehen kann), eine gute Haltung. Und zwar nicht im Sinne irgendeines Aberglaubens, sondern aus dem schlichten Bewusstsein heraus, dass die Welt weiträumiger ist als die meisten Menschenhirne. Was auch immer Eltern planen oder ihnen nur unterläuft – es steht in größeren Zusammenhängen. Pathetisch gesagt: Sind wir nicht ihre Wunschkinder, so sind wir doch Wunschkinder des Universums. (Manche mögen sagen: Gottes Kinder.)
Fassen wir zusammen. Eltern sind extrem wichtig, aber nicht alles entscheidend. Unter welchen Vorzeichen auch immer ein Wesen in diese Welt gerät: es tut gut daran und hat allen Grund, sich als willkommen, zurechnungsfähig, voll verantwortlich und glücksfähig zu betrachten. Kein Grund, gewisse Ausgangsfaktoren wie ein Urteil oder Schicksal anzusehen.

Spiegelung

Es ist unterhaltsam, Menschen zu beobachten, während sie in ihr Smartphone schauen und wie sie in ihr Smartphone schauen. Es gibt eher sachliche Mienen, sie überfliegen wohl gerade die Nachrichten oder berufliche Mails; es gibt belanglose Mienen, manche machen ja einfach irgendein Spiel, das sie schon hundertmal spielten. Wiederum andere schauen nachdenklich ins Gerät, manche versonnen, lächelnd, amüsiert. Vor allem jüngere Frauen beobachte ich, wie kleine Zauber über ihr Gesicht huschen. Fast kannst du lesen, was sie lesen. Und dann tippen sie rasch etwas ein und der Zauber wird größer.

Selbstvergiftung

Vielleicht könnte man es so zusammenfassen: Sich mit anderen zu vergleichen, ist eine der menschlichsten und zugleich eine der schädlichsten Neigungen.

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.