Erinnerung

Du magst ihn nicht? Nur um es ins Gedächtnis zu rufen: Ihr teilt 99,5 Prozent eures Erbmaterials. Da sollte es doch eine Basis der Verständigung geben.

Der Kellner

Mit jeder Geste, mit jeder Faser seines Wesens strahlt er die Zufriedenheit aus, hier zu arbeiten. Alle, scheint mir, sind gern in seiner Gegenwart, so ein Mensch kann einen ganzen Raum prägen. Ich gehe eigentlich nur noch essen, um ihn weiter zu beobachten.

Alte Frau

Die vom Leben Überforderte,
die vom Leben Überfahrene
– sie hat ja alle Kraft zusammengenommen,
um die Kinder ins Leben zu leiten.
Jetzt aber ist alle Kraft dahin.

Ihre Tochter duscht sie und
reibt sie ein – es sind Gesten wie
aus einer anderen Welt.

Morgens, man kennt sie nicht anders,
in aller Herrgottsfrühe
liest sie im Koran,
denkt dann, dass sie hier auf Erden
eigentlich nichts mehr verloren habe.
Gott habe sie wohl vergessen, sagt sie manchmal
und schaut in den Raum.

Im Übrigen ist sie die einzige
Person, die ich kenne, die durch
geschlossene Türen gehen kann.

Nutzerfreundlich

Dass man ohne tiefere Kenntnisse, allein mit ein paar Tasten oder Aktionen, erstaunliche Prozesse in Gang setzen kann, gilt nicht erst für das Zeitalter der Hochtechnologie. Schon immer haben beispielsweise Menschen – ohne jede Kenntnis der Genetik – durch einige einfache Praktiken die Entstehung neuen Lebens ausgelöst.

Wunder in Arbeit

Wie weit, wie schwierig sind diese Wege – die inneren Wege, die Entwicklungswege. Alle, die anderes behaupten und die versprechen, dass man mit ein paar Mantras oder Übungen die Sache schon hinbekomme, verbreiten spirituellen Kitsch. Oder sie schwindeln oder sind ahnungslos. So viel ist da aufzuarbeiten und auszubilden! Und so eisern gilt das Gesetz: In der mentalen Evolution gibt es ein Überspringen so wenig wie in der biologischen Evolution.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie innere Wunder? Schon die Religion spricht doch vom Glauben, der Berge versetzen könne. Gibt es nicht also doch eine Kraft und Intensität, die fast unmittelbar in die Mitte durchschlagen kann?

Mag sein. Aber auch zu dieser Intensität ist es – ein weiter Weg.

Standortfragen

Pflanzen streben zum Licht. Menschen streben zum Licht. Manche erreichen es mit Mühe. Manche kümmern vor sich hin. Wahrscheinlich bewerten wir zu viel.

Stadtei

So weit ist es schon gekommen: Als ich an einem Hühnerei im Kühlschrank eine kleine Feder hängen sehe, streift mich der Gedanke: Heißt das, das Ei ist wirklich von einem echten Huhn?

Kulinarische Regression

Die Kantine, in der ich manchmal esse, bietet in einem überschaubaren Wechsel dies und jenes an, von Gefüllten Paprika bis Nasi Goreng, stets ist auch irgendwie farblich gekennzeichnet, was als gesund und weniger gesund gilt. Hin und wieder gibt es auch „den Klassiker“, natürlich ungesund: Currywurst mit Pommes. Dann kommt im Publikum eine Art naive Freude auf, als ob die Kinderschar jubele, dass Mama mal wieder das Lieblingsessen auf den Tisch stellt.

Wirklichkeiten

Man kann den verbreiteten Materialismus beklagen, das tun viele. Aber überwinden ließe er sich nur, wenn seine Voraussetzungen gesehen werden, wenn an der Wurzel angesetzt wird. Diese Wurzel ist ein Weltverständnis, das im Grunde nur die materielle Welt als wirklich ansehen kann und glaubt, dass alles auf dieser Ebene entschieden wird: im Handfesten, Sichtbaren, Greifbaren. Ein solches Weltverständnis mündet fast automatisch in materialistische Mentalitäten und Fixierungen, weil es eben gar keinen Zugang zu anderen Dimensionen der Wirklichkeit findet. Wenn überhaupt müsste man also mit der Frage beginnen, ob der heute üblichen Optik Entscheidendes entgeht, man müsste am Weltverständnis ansetzen. Das tun wenige.

Mächte der Gegenwart (18): Ginge es wenigstens etwas ehrlicher?

Sie sagen: Wir müssen den Schleppern das Handwerk legen. Und denken: Wir müssen die letzten Lücken stopfen, durch die noch Menschen den Weg nach Europa schaffen.

Man ist nicht so plump wie Trump mit seinen Mauerbau-Fantasien. Praktischerweise hat man ja vor der Tür ein tiefes Meer.