KLEINE PAUSE (S-Bahn-Station mit Lesekasten ist für zwei Wochen gesperrt)

Selbstvergiftung

Vielleicht könnte man es so zusammenfassen: Sich mit anderen zu vergleichen, ist eine der menschlichsten und zugleich eine der schädlichsten Neigungen.

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Kurze Fahrt zur langen Weile

Es gibt Leute, die langweilen sich an Ort A und langweilen sich an Ort B. Aber sie fahren 180, um möglichst schnell von A nach B zu kommen. – Im Grunde gilt doch die Faustregel: Dort, wo sich innerlich wenig bewegt, sucht man die äußere Bewegung.

Die Schwäche der Eltern

Es ist wohl ein kindliches Urbedürfnis und ja anfangs auch eine Überlebensnotwendigkeit, starke Eltern zu haben. Die Mutter eine Löwin, in deren Schutz man gut spielen und schlafen kann. Der Vater ein Löwe, vor dem die ganze Savanne Respekt hat.
Aber die Savanne ist groß, und nicht alle Kinder sind Löwenkinder, und nicht alle Menschenkinder sind Kinder von Helden, und selbst die Helden werden eines Tages matt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht immer Helden waren. Kurz, irgendwann erlebt jedes lebende Wesen die Schwäche der Eltern.
Das ist keine einfache Erfahrung. Im besten Fall ist es eine Schule des Realismus, eine Sehschule. Man lernt erkennen, wo und wie Menschen in der Welt stehen, auf so unterschiedliche, besondere, einzigartige Weise, dass die Worte stark und schwach nur einen schmalen Ausschnitt davon erfassen. – Diese Erkenntnis ist dann doch eine ziemlich starke Sache.

Traumwandler

Es hat etwas Eigentümliches, wenn man einem Menschen, der in einem Traum eine Rolle spielte, am Tag wieder begegnet. Man mag ihn anschauen, als gäbe es da ein Geheimnis, von dem er, obwohl daran beteiligt, nichts weiß. Oder mag sich einen Augenblick lang fragen, ob er sich an die Traumereignisse erinnert.

Optik

Du bist ein Glas, durch das die Welt sich sieht.
Wenn du zerbrichst, sieht sie durch andre Gläser.

Und dann und wann ein Treffer

Ich glaube überhaupt nicht an Horoskope und solches Zeug. Aber wenn ich auf dem Zuckerpäckchen im Café die typischen Eigenschaften einer „Jungfrau“ lese, positive und negative, denke ich: Warum schreiben sie hier Sachen über dich?

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.

Erinnerung

Du magst ihn nicht? Nur um es ins Gedächtnis zu rufen: Ihr teilt 99,5 Prozent eures Erbmaterials. Da sollte es doch eine Basis der Verständigung geben.