Sicher, der Mensch muss arbeiten. Seit Urzeiten hätte er nicht überleben können, hätte er nicht Nahrung gesucht, Tiere gejagt, später auch Tiere gehalten und Felder bestellt. Das ist im Kern so geblieben, auch wenn viele heutige Tätigkeiten weniger elementar sind: Man schneidet anderen die Haare, man schreibt Zeitungen voll, man verkauft Möbel. Außerdem muss der moderne Mensch im Durchschnitt weniger arbeiten als seine Vorfahren. Einem mittleren Angestellten würde im Grunde eine Zwei-Drittel-Stelle genügen, um einen Komfort wie Ludwig XIV. zu haben: stabil beheizbare Räume, abwechslungsreiches Essen, sogar – das kannte der Sonnenkönig noch nicht – fließend warmes Wasser und bequeme Reisemöglichkeiten. Nur gab es in Versailles etwas mehr Platz.
In der Summe jedenfalls hat sich einiges getan. Das Seltsame ist, dass die Leute trotzdem wie verrückt arbeiten oder zumindest irgendwie beschäftigt sind. Auch wenn längst alles getan ist, läuft die Mechanik weiter. Dann wird die so genannte Freizeit kolonisiert. Wobei jede neue Aktivität ein ganzes Rudel an Folge-Aktivitäten nach sich zieht; mir scheint, dass die ständig Beschäftigten mindestens die Hälfte der Probleme, die sie umtreiben, vorher selbst erzeugt haben. Einmal konditioniert, bleibt die Menschheit dauer-aktiv und will gar nicht wissen, dass die wichtigsten Lebensfragen heutzutage vergleichsweise schlank zu regeln wären.
Natürlich erhebt sich, wenn man den trostlosen Zirkus verlässt, die verzweifelte Frage: Was soll man eigentlich mit der ganzen Zeit tun? Das wäre nun mal ein schöner Stoff für eine andere Art von Aktivität. Zumindest wenn man nicht nur beim Nachbarn abgucken will.
Um meine persönlichen Favoriten zu nennen: beten, sich auf den Tod vorbereiten, am Flussufer sitzen, Himbeeren essen, kurz: sich knallhart auf das Wesentliche konzentrieren.
Oder, um nicht zu sehr zu provozieren: Ersatzweise geht natürlich statt Beten auch Sex.