De l’Allemagne

Wenn man, wie ich, damit aufgewachsen ist, die Deutschen schwerfällig und schwermütig zu finden und mit Bewunderung nach Frankreich zu blicken, wo scheinbar alles leichter, freier, eleganter zugeht, und wenn man sich mit dieser Neurose sozusagen einige Jahre lang reisend durch Europa geschämt hat, dann ist es eine merkwürdige Erfahrung, eines Tages Madame de Staels „Über Deutschland“ zu lesen.

Sie bestätigt im Grunde dieses Bild (und hat es teilweise mit geschaffen), sie versieht es aber mit ganz anderen Wertungen. Tatsächlich fand sie, als sie zwischen 1803 und 1808 durch die deutschen Lande reiste, deren Bewohner wenig weltläufig und konstatierte, die Freiheitsliebe sei bei ihnen „nicht entwickelt“. Zugleich aber spricht sie geradezu liebevoll von der geistigen Atmosphäre auf dieser Seite des Rheins, von der Musikalität und „Seelenpoesie“ der einfachen Leute, vom verschrobenen Ernst der literarischen und philosophischen Diskussionen. „Sachsen lag in tiefer Ruhe; bisweilen machte man Lärm mit einigen Ideen, ohne an ihre Anwendung zu denken… Bei dem allen ist nichts so achtungswert als diese friedlichen Eroberungen der Betrachtung und des Nachdenkens.“ Mit ihrer intellektuellen Neugierde, ihren „Reisen in das Unendliche“ bildeten die Deutschen gleichsam die éclaireurs, „den Vortrab der Armee des menschlichen Geistes“.

Zweihundert Jahre später, nachdem die Deutschen ganz anderen Armeen gedient und ganz andere Eroberungen versucht haben, möchte man über diesen Fortgang der Dinge weinen. Es ist, als hätten die Deutschen ihre Talente in furchtbarer Weise verdreht. Mag sein, dass die Französin ein idealisiertes Deutschlandbild hatte. Aber hatte nicht auch Hölderlin, schon kurz vor ihr, dem Vaterland vorgehalten, „daß du immer / Blöde die eigene Seele läugnest“? – Am Ende hat wohl dieses Volk bei seinem Höllenritt durch die weitere Geschichte nicht nur manch anderes, sondern vor allem sich selbst planiert.

2 Kommentare zu „De l’Allemagne“

  1. jens dücker sagt:

    der Hinweis auf de Stael kommt im Zeitalter Sarrazins und seiner Claqueure genau zur rechten Zeit. da kann ich mir einen Teil der Tränen wieder abwischen. Danke!

    • Wolfgang Müller sagt:

      Hm, die Verbindung zur Sarrazin-Debatte seh ich eigentlich gar nicht. Aber manchmal verstehen ja andere einen Text besser als der Autor…
      Ne gewisse Beziehung zu den Abwehrreflexen à la Sarrazin hätte ich eher bei dem vorletzten Text gesehen, „Zwischenstatus Schwarz-Rot-Gold“.

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