Leben, handgemacht

Das junge Mädchen hat ein Jahr in Australien verbracht. Sie landete dort in einer charmanten Patchwork-Familie, in der so manches drunter und drüber ging. Besonders Mutter M., Vegetarierin, Feministin und Weltretterin, versprühte beste Laune und hatte immer große Pläne, von denen einzelne auch realisiert wurden, nicht aber zum Beispiel die Erneuerung des Haustürschlosses. Bevor sie wegging, schob sie immer einen Sessel von innen gegen die Tür, „my security system“, und entwich durch den Kellerausgang. Jedenfalls war in diesem Haushalt selten klar, was der Tag bringen würde.

Seit längerem ist das Mädchen, oder inzwischen eher: die junge Frau, wieder in Deutschland. Der Kontakt ist sporadisch, gelegentlich geht ein Telefonat oder ein Päckchen nach Australien. Auch M. hat einmal ein Weihnachtspaket angekündigt, hat offenbar schon kleine Geschenke, aber es kam immer etwas dazwischen. Für Weihnachten im darauf folgenden Jahr hat es leider auch nicht gereicht. Die junge Deutsche allerdings reagiert erstaunlich. „Ich liebe es, wie verplant die sind!“

Plötzlich wird mir klar: Gerade das hat sie dort genossen – dass nicht alles so organisiert und das Leben nicht immer schon festgezurrt war. Wahrscheinlich hat es für Jugendliche auch etwas Entlastendes, wenn die Erwachsenenwelt selbst leicht erziehungsbedürftig wirkt. Dass alles funktioniert, ist ja tatsächlich unmenschlich.

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