Vom Leben in Festungen

Ich neige zu der Auffassung, dass jede Erkenntnis über einen selbst, so schmerzlich sie sein mag, letztlich doch befreiend wirkt. Meine Lebenserfahrung indes – sie ist nicht groß, aber ein paar Leute habe ich im Lauf der Jahre kennengelernt –, meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass es auch Menschen gibt, die bestimmte Dinge über sich selbst definitiv nicht wissen wollen.

Sicherlich jubelt niemand, wenn, die eigene Person betreffend, unangenehme oder auch nur ungewohnte Fragen in den Raum kommen. Jene Menschen aber gehen weiter: Sie versuchen entsprechende Hinweise oder auch nur Fragen nach Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Ich habe sogar erlebt, dass sie das lästige Thema mit allen Mitteln eliminieren wollen, ja sogar denjenigen, der es aufbrachte, mit einer gewissen Planmäßigkeit und bösen Systematik auszuschalten versuchen. Es ist verblüffend, aber das gibt es.

Ich erkläre es mir so, dass es Grade an Verletzung und Schmerzerfahrung gibt, in der Regel schon in der Kindheit, bei denen ein Mensch ganz außerordentliche Verteidigungsanlagen aufbauen musste, um sich zu behaupten; dass selbst Täuschungen und Selbsttäuschungen notwendig waren, um zu überleben; und dass dieser Mensch sich womöglich über Jahre und Jahrzehnte in diesen Systemen einleben musste, gleichsam in ein Leben in Tunneln und Wehrgängen, die am Ende scheinbar seine ganze Existenz ausmachten.

Eines Tages gibt es dann kaum ein Zurück mehr. Dann wird, selbst wenn die Gegner längst abgezogen oder tot sind, die Verteidigungsanlage selbst verteidigt, als gäbe es, jenseits von ihr, kein Leben.

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