Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster

Einer der ersten Eindrücke, wenn man das anthroposophische Milieu streift, ist der, dass dort ein großes Gewese um bestimmte Begriffe gemacht wird, insbesondere das „Ich“, die „Individualität“ und das „Denken“, vorzugsweise das „reine“ Denken.
Das wirkt nicht einladend, macht nicht neugierig. Was Ich und Individualität betrifft, werden viele Menschen finden, dass es damit heutzutage ohnehin schon übertrieben werde. Und in Bezug aufs Denken empfinden die meisten auch keinen Mangelzustand, sie ersehnen eher Aufschwünge emotionaler Art. Entsprechend kann es scheinen, als brächte Steiner mehr von dem, wovon es jetzt schon zu viel gibt.
All dies geht nun völlig an Steiners Verständnis dieser Begriffe vorbei. Bis dieses indes verdolmetscht ist, sind die Leute schon weitergezogen.

7 Kommentare zu „Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster“

  1. Rainer Herzog sagt:

    Da ist schon etwas dran. Hat aber auch mit der Oberflächlichkeit des digitalisierten Zeitalters zu tun – die Menschen haben häufig keine Geduld mehr, sich bestimmte Begrifflichkeiten, gedankliche Inhalte und Ideen neu anzueignen. Anthroposophie eignet sich nicht besonders gut, um mal kurz bei Wikipedia nachzugucken oder um in einer entsprechenden Facebookgruppe nachzufragen (Auch wenn beide ihre positiven Seiten haben).
    Ich habe auch einige Zeit gebraucht um einigermaßen zu verstehen, was Steiner mit „Geist, Wesen, Seele, reines Denken“, usw. meint.

    • Wolfgang Müller sagt:

      Bin ganz einverstanden. Aber diese Oberflächlichkeit ist durch die Digitalisierung allenfalls verstärkt worden. Jedenfalls fehlte es auch vorher schon, sozusagen gesamtkulturell, an der Bereitschaft, scheinbar Fremdes unbefangen anzuschauen und allmählich tiefer zu durchdringen. Schon Steiner bemerkte vielfach, wie flott und abweisend Menschen an dem vorbeigehen, was nicht in ihre gewohnten Denkmuster passt. „Sie werden leicht mit dem fertig, was anders gedacht ist als das ihrige.“

      • R. sagt:

        Ja, so gesehen muss man sich doch fragen, wie das zusammenpasst: Die Anthroposophie wird/kann kein Massenphänomen werden, das von Vielen leicht geschluckt „umgesetzt“ oder auch nur verstanden wird. Andererseits enthält sie aber den Anspruch, kulturell breit wirksam werden zu sollen/zu müssen, um heilsam und aufbauend wirken zu können – individuell wie global. Die Quadratur des Kreises?

        • Wolfgang Müller sagt:

          Nachtrag zu Rainers letztem Satz: Wenn Du magst, gib uns bei Gelegenheit eine kleine Andeutung, wie sich Dein Verständnis entwickelt hat, etwa Dein Verständnis von „Geist“.

          • Rainer Herzog sagt:

            Eine Möglichkeit sich dem Begriff „Geist“ zu nähern, ist die Einbettung dieses Begriffes in das Menschenbild der Anthroposophie: „Geist“ hier als ewiger Wesenskern des Menschen in Abgrenzung zu den veränderlichen seelisch-körperlichen Gegebenheiten. Das dynamische Zusammenwirken von „ewigem Geist“ und Körper/Seele/Lebensprozeßen macht die Besonderheit der menschlichen Biographie aus.

            Eine weitere anthrop. Denkmöglichkeit ist der Verweis auf mathematische Wahrheiten, die im Ideenbereich am ehesten den „Geist“ treffen: Der Begriff des Kreises oder des Dreiecks ist für alle Menschen gleich existierend – unabhängig von seelisch-körperlichen oder kulturellen Gestimmtheiten und Bedingungen.

            (Beide Bereiche sind in Steiners Hauptwerk „Theosophie“ ausführlicher dargestellt).

            Eine einfache Möglichkeit, so etwas wie „Geist“ im Alltag zu erfahren, sehe ich darin, innerhalb der manchmal chaotischen seelischen Impulse, die einen täglich durchfluten, eine „geistige“ Nüchternheit, bzw. einen entsprechenden Willensentschluß zu entfalten. Ob man so etwas „Geist“ nennen mag, sei dahingestellt, man kann aber damit etwas experimentieren, die „höheren Ideen“ sozusagen in den Alltag holen.

        • Wolfgang Müller sagt:

          Versuchsweise Antwort auf R.s „Quadratur“-Frage: Wenn eine gewisse Anzahl Menschen auf diesem schwierigen Weg vorangekommen ist, wird das sozusagen atmosphärisch spürbar werden. Vieles, was heute fern, theoretisch, konstruiert erscheint, wird dann als lebendige Wirklichkeit im Raum sein. Das nimmt den anderen die Entwicklung nicht ab, aber es macht sie etwas leichter. Irgendwann wird ein gewisses Maß an Liebe und Erleuchtung einfach selbstverständlich sein; man wird da gleichsam schon als Kind reingeboren. – Nur werden diese Entwicklungen sehr, sehr lange Zeiträume erfordern.

          • R. sagt:

            Ja, da hast du die Hoffnung sehr sehr schön beschrieben.
            Ich kenne so eine fast saugende Atmosphäre, die von anthroposophischen Kreisen ausgehen kann aus meiner Vor-Anthroposophie-Zeit. Es gibt sie also jetzt schon. Da war tatsächlich etwas im Raum, das eine übermächtige Sehnsucht an die Oberfläche getrieben hat. Es hat dann aber noch Jahre gedauert, bis ich dem aktiv nachgehen konnte.
            Liebe Grüße

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