Anthroposophie (8): Wo suchst du?

Die mentale Ausrichtung unserer Epoche zeigt sich sehr schön darin, in welcher Richtung, wenn überhaupt, eine Lösung der großen Welträtsel gesucht wird. Der Physiker Harald Lesch bemerkt einmal, Physiker würden sehr oft nach Gott gefragt, niemand befrage aber seinen Bäcker oder Tankwart danach. Die Erwartung ist offenbar, dass gerade die moderne Physik mit ihren Vorstößen in die Welt des Allergrößten und des Allerkleinsten tiefere Einsichten bringen könne. Die Auflösung der alten Vorstellungen von Raum und Zeit etwa, wie sie durch die Relativitätstheorie geleistet wurde, oder auch, im Mikrokosmos, eigenartige Phänomene der Quantenwelt – all dies wirkt vielversprechend. Es fördert die Vermutung, dass an den Rändern heutiger Erkenntnis, in den Extremen des Materiellen, entscheidende Antworten zu finden seien; dass dort womöglich etwas Anderes beginne, das in jenen sonderbaren Phänomenen schon zart in unser Blickfeld hineinschwappe.
Wie aber, wenn das Andere nicht an den Rändern begänne, in den Tiefen des Universums und der Quantenwelt, sondern in der Mitte, in dem, was wir längst zu kennen glauben und vielleicht doch nicht kennen? Wie, wenn das Andere unentwegt in der Natur und insbesondere im Menschen selbst präsent wäre und somit nicht in der Ferne, sondern hier zu suchen wäre?
Dies wäre eine Arbeitshypothese, die quer zu den mentalen Tendenzen der Epoche stünde. Ihr nachzugehen würde eine diametrale Veränderung der Suchrichtung bedeuten, in letzter Konsequenz eine Verknüpfung von Welterkenntnis und Selbsterkenntnis.
Genau so wird man die Anthroposophie verstehen können. Sie beginnt, wie der Name nahelegt, mit einem tieferen Blick auf den Menschen.

4 Kommentare zu „Anthroposophie (8): Wo suchst du?“

  1. Rainer Herzog sagt:

    Dem kann ich voll zustimmen. Es ist doch eigentlich auch naheliegend, dass die „großen Welträtsel“, die Frage nach Gott und der Seele, usw. implizit von jedem Menschen gesucht und beantwortet werden können, nicht nur von einigen wenigen Astrophysikern.

    Das, was ich unmittelbar an mir und in mir erleben kann, ist ein möglicher und sehr verläßlicher Ausgangspunkt für eine ernstzunehmende geistige Forschung, Subjektivismus hin oder her. Wenn man z.B. beobachtet, wie ein Gedanke entsteht, sich entwickelt, verbindet mit einem Gefühl, zu einem Willensentschluß wird; oder wenn man einen Sonnenuntergang beobachtet und wahrnimmt, was in einem selbst dadurch ausgelöst wird – diese einfachen und naheliegenden Dinge sagen m.E. mehr über mich und die Welt als Theorien, Gedankengebäude über nichtwahrnehmbare physikalische Phänomene.

    • R. sagt:

      Ja, die Mysterien finden heute im Hauptbahnhof statt.
      Trotzdem meint man vielleicht, dass durch Aussagen akademisch Vorgebildeter eher so etwas wie Wahrheit verbürgt sei oder eine größere Breitenwirkung erzielt werden könne.
      Mein Bäcker hat mir allerdings auch noch nie erzählt, dass sich die Parallelen im Unendlichen schneiden. 😉

      • Rainer Herzog sagt:

        Du hast ihn aber wahrscheinlich auch noch nie danach gefragt! Das wäre doch mal eine sehr flotte anthroposophische Willensübung: Wenn Du gerade „dran bist“ beim Bäcker und hinter Dir warten 5 ungeduldige Kunden und der Bäcker fragt Dich „ob es sonst noch was sein kann“ – fixierst Du ihn 10 Sekunden lang schweigend und fragst dann, ob er auch den Eindruck hätte, dass sich die Parallelen im Universum schneiden.

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