Volle Härte, voller Trost

Dieser Tage bin ich wieder mal in einen Psalm geraten, Psalm 91. Zeitweise, es ist schon eine Weile her, habe ich regelmäßig in den Psalmen gelesen, habe mich mit ihrer Hilfe innerlich über Wasser gehalten. Manche können wohl mit diesen alten Gebeten und Gesängen nichts anfangen, ich finde sie brandaktuell. Es gibt ja auch eine Aktualität des Herzens. Hier spricht der Mensch in seiner Not, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Besonders gut finde ich, dass hier die Wucht des Daseins nicht vertuscht wird, dass nichts süßgeredet wird, sondern der Mensch sein Ausgeliefertsein in starken Worten ausspricht. – Selbstverständlich, wenn man mit dem „Zorn Gottes“ ein Problem hat, hat man auch ein Problem mit den Psalmen. Es gibt auch aggressive Passagen darin, an denen religiöse Fanatiker ihre Freude haben können. Man muss eben versuchen, diese Bilder und Gefühlswelten richtig zu verstehen. Und welch poetische Bilder! Mir sagen sie mehr als die braven psychologischen Begriffe, die heute in Umlauf sind.
In Psalm 91 wird dem Menschen versprochen, er werde unter Gottes Flügeln Schutz finden – „… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ An diesen Worten bleibe ich hängen. Das Grauen der Nacht kenne ich eigentlich nicht; dafür sollte ich wohl etwas dankbarer sein als ich es bin. Aber die Pfeile am Tag, die kenne ich. O wie gut kenne ich diese Pfeile! Ich sehe sie fliegen, wenn Leute in scheinbar harmlosem Gespräch zusammenstehen, ich sehe sie durch den Konferenzraum fliegen, sogar durch die Flure, vielleicht bin ich etwas überspannt – überall Pfeile! – Die heutigen Pfeile sind natürlich schön unsichtbar. Aber ich sehe, wie sie treffen, andere und mich selbst. Als Mensch wird man ja, so empfinde ich es, ständig getroffen und gekränkt und geht am Ende mit allerhand Narben durchs Leben. Und doch, mit etwas Glück und Vertrauen, immer noch aufrecht. Die Pfeile fliegen und können einem doch nichts anhaben. Man kann es als Wunder empfinden. Davon sprechen die Psalmen.

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