Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?

Auch wenn es allem widerspricht, was Steiner dazu sagte: Angesichts der Dimension des Neuen, das er vorlegt, angesichts der für das heutige Bewusstsein völlig fremden Räume, ja Welten, die er öffnet, haben seine Aussagen doch den Charakter einer Offenbarung; nicht in ihrem Anspruch, aber in ihrer faktischen Erscheinungsform.
Gewiss soll alles, wie Steiner sagt, für jeden nachvollziehbar und zugänglich sein. Aber zunächst einmal steht es bis heute für die Mehrzahl der Menschen wie eine fremde, überdimensionale Mitteilung im Raum, die erst nach und nach verständlich werden könnte. Der Vorgang gleicht dem, den Lessing visionär für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Christentum ins Auge fasste: „die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. (Selbstverständlich nicht zu verstehen als Einpassung der größeren Wirklichkeiten ins Menschenformat, sondern umgekehrt als dessen durchgreifende Öffnung zu jenen Wirklichkeiten, statt sie nur entwicklungsfaul aus der Ferne anzustaunen.)
Ob etwas Erklärung oder Offenbarung ist, ist gewissermaßen immer eine Frage der Entfernung, des mentalen Abstands zwischen Sender und Empfänger. Und es ist, in einem Entwicklungsmodell verstanden, eine Frage des Zeitpunktes. Den Satz des Pythagoras kann ein jüngeres Kind nur wie eine fremde Mitteilung, eine „Offenbarung“, hinnehmen, einem 15-Jährigen kann er allmählich durchsichtig und verständlich werden.

4 Kommentare zu „Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?“

  1. R. sagt:

    Und: Vielleicht wären die „Offenbarungen“ Steiners ohne die denkenden Verständnisbemühungen, die ihnen entgegenkommen, gar nichts?!

    • Rainer Herzog sagt:

      „Und: Vielleicht wären die „Offenbarungen“ Steiners ohne die denkenden Verständnisbemühungen, die ihnen entgegenkommen, gar nichts?!“

      Sehe ich auch so. Wie exakt die „denkende Verständnisbemühung“ auszusehen hat, ob es mir gelingt, eine Brücke bis in mein Erleben, meinen Alltag herzustellen – da muss man eventuell eine gewisse Zeit „herumprobieren“

  2. R. sagt:

    Sicher sind zahlreiche Aussagen zunächst Offenbarungen. Erstaunlich finde ich aber immer wieder die Aufforderung Steiners diese Inhalte einfach nur zu denken, in sich zu bewegen – im Versuch sie zu verstehen. Allein dies würde in der Welt bereits etwas bewegen, verändern. Die Dinge zu denken, wird so zur Tat. Das ist ein anderer Umgang als der, den der Kirchenglauben nahelegt, oder?

  3. Rainer Herzog sagt:

    Da ist etwas dran, Steiners zahllose Aussagen über geistige Welten und Wesen haben in gewisser Weise den Charakter einer Offenbarung. Das kann einen irritieren oder erschlagen. Um den entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, sich einen überschaubaren Bereich der Anthroposophie herauszupicken, an dem man sein Denken und Empfinden schulen kann. Anders gesagt, einen Bereich zu entdecken, wo das Gelesene, die mich beeindruckende Offenbarung in meinem Inneren anstößt, etwas zum klingen, bewegen bringt.

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