Anthroposophie (11): Wahrhaft

Man ist in unserer Epoche gewohnt, dass Autoren in einem gewissen Maß „auf Effekt“ schreiben, möglichst geschliffen und pointiert formulieren. – Nun gibt es durchaus eine Pointiertheit, die im Dienste des Inhalts steht. Sie bringt, einer physikalischen Formel vergleichbar, einen sachlichen Zusammenhang in letzter Kürze und Eleganz auf den Begriff. Meist aber hat die heutige Pointiertheit noch eine andere Komponente: dass der Autor mit ihr brilliert, sich darstellt, manchmal in einer Virtuosität, die sich verselbstständigt und vor den Inhalt schiebt. Selbst gute Autoren stehen in dieser Versuchung.
Es kann eine Weile dauern, bis man begreift, dass dies alles bei Steiner bedeutungslos ist. Er schreibt gewissermaßen rein entlang der Sache. Er bezwingt rein durch die Wahrheit.

10 Kommentare zu „Anthroposophie (11): Wahrhaft“

  1. Andreas Lichte sagt:

    „Steiner bezwingt rein durch die Wahrheit“ – welche „Wahrheit“ findet der Autor denn bei Rudolf Steiner? Wenn es keine gibt …:

    „Rudolf Steiner, ‘Philosoph’?
    (…)
    Selbst in seinem 1904 erschienenen Buch „Theosophie“ (sic!) erweckt Steiner den Eindruck, alleiniger Entdecker seiner „geistigen Welt“ zu sein, und berichtet uns über das „Geisterland“, Zitat Steiner:
    „Wie der Schatten eines Gegenstandes an einer Wand sich zum wirklichen Gegenstand verhält, der diesen Schatten wirft, so verhält sich der Gedanke, der durch den menschlichen Kopf erscheint, zu der Wesenheit im «Geisterland», die diesem Gedanken entspricht. Wenn nun der geistige Sinn des Menschen erweckt ist, dann nimmt er diese Gedankenwesenheit wirklich wahr, wie das sinnliche Auge einen Tisch oder einen Stuhl wahrnimmt. Er wandelt in einer Umgebung von Gedankenwesen (…)“(8)

    Diese esoterische Abwandlung des „Höhlengleichnisses“ zeigt, dass Steiner die „Ideenlehre“ Platons nicht verstanden hat. Der Fehler Steiners ist so „nahe liegend“, dass der Philosoph Bertrand Russell ihn erklären kann, ohne Steiner überhaupt zu kennen, Russell über die „Ideenlehre“:
    „(…) So kommt Platon zu einer übersinnlichen Welt, die wirklicher ist als die gemeine Welt der Sinne, und die allein der Welt der Sinne jenen schwachen Abglanz von Realität verleiht, den man in ihr finden mag. Die wahrhaft wirkliche Welt ist für Platon die Welt der Ideen; denn was auch immer wir auch über die Dinge der Sinnenwelt zu sagen versuchen, es gelingen uns immer nur Aussagen darüber, an welchen Ideen sie teilhaben; und diese Ideen machen ihr Wesen aus. [es folgt die für Steiner gültige Kritik:] Von hier aus noch ein Schritt und wir sind im Mystizismus: dann hoffen wir vielleicht, daß wir die Ideen in mystischer Erleuchtung SEHEN können, so wie wir jetzt die Sinnendinge sehen; und vielleicht bilden wir uns auch ein, dass die Ideen im Himmel existieren. Eine solche mystische Ausartung dieses Gedankens liegt sehr nahe; doch sein Fundament bildet die Logik, und von diesem Fundament aus wollen wir ihn betrachten. (…)“(9)

    Steiner SIEHT nicht nur die Ideen, sondern „er WANDELT in einer Umgebung von Gedankenwesen“. Mit Philosophie hat das offensichtlich nichts mehr zu tun.
    Seine Beschreibung des „Geisterlandes“ offenbart weitere, für Steiner charakteristische Probleme:
    – indem er aus „Geist“ „Materie“ macht, schafft Steiner den „Geist“ aus der Welt, und macht damit seine „Geisteswissenschaft“ überflüssig(10)
    – Steiner macht sich selber zum – alleinigen – Beobachtungsinstrument:

    Diese Beschäftigung Steiners mit sich selbst findet sich bereits in seinem vor-theosophischem Frühwerk: Steiner stellt sein „Denken über das Denken“(11) ins Zentrum der Welt und seiner Doktorarbeit von 1892, die die Universität Rostock mit „rite“ beurteilte, der Note, mit der man gerade noch besteht. Man wollte Steiner wohl nicht bei einer akademischen Karriere im Wege stehen, die dann aber trotzdem scheiterte: Die seine Doktorarbeit fortsetzende „Philosophie der Freiheit“ (1894) wurde in Jena als Habilitation abgelehnt.

    Wer hier eine „Erkenntnis“ findet, muss eine Reinkarnation Steiners sein. Oder Hochstapler. Anthroposoph.
    (…)“
    zum vollständigen Artikel: https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/12/01/rudolf-steiner-philosoph/

    • Wolfgang Müller sagt:

      Mit der Wahrheit ist es leider nicht so einfach wie mit Lego-Steinen, dass man drauf zeigen kann und sagen: Da! Es gibt auch Wahrheiten, die sich einem, wie Räume, erst nach und nach erschließen.
      Was Steiners „Geisterland“ betrifft, fielen mir auch einige schöne Ansatzpunkte zur Satire ein. Und auch sonst ist mir bewusst, was man an Steiner aussetzen und unverständlich finden kann. Hab darüber selbst mal geschrieben und möcht mich nicht dafür schämen (hier noch nachzulesen: http://www.steinerforschungstage.net/wp-content/uploads/2012/05/M%C3%BCller-El-Abd-Wolfgang-Warum-die-Anthroposophie-nicht-durchdringt.pdf )
      Trotzdem hat sich – wie Du merkst – mein Bild verändert…
      Ich denke im Übrigen auch nicht, dass man Steiner (oder Dir oder mir) gerecht wird, wenn man im heutigen Stil ein paar fragwürdige „Stellen“ rauspickt. Die gibt es in diesem ungeheuren Werk. Steiner sagt selbst mal: „Da werden gewiss mancherlei Irrtümer drinnen sein, selbstverständlich, aber das ist genauso wie bei anderen Forschungen. Es handelt sich nicht um diese Irrtümer im einzelnen, sondern es handelt sich um den Grundcharakter des Ganzen.“
      By the way: Steiners in der Tat magere akademische Erfolge als Qualitätsurteil zu nehmen, ist arg wissenschafts- und obrigkeitsgläubig. Da fielen mir noch ein paar andre große Köpfe ein, die in unsrer Schul- und Hochschulwelt nicht erkannt und anerkannt wurden…

      • Andreas Lichte sagt:

        @ Wolfgang Müller

        Sie schreiben: „Mit der Wahrheit ist es leider nicht so einfach wie mit Lego-Steinen, dass man drauf zeigen kann und sagen: Da! Es gibt auch Wahrheiten, die sich einem, wie Räume, erst nach und nach erschließen.“

        Das kommt mir sehr bekannt vor. Ich fragte Christian Clement, Herausgeber der „Rudolf Steiner kritische Ausgabe“, Kommentare bei folgendem Artikel von Ansgar Martins:

        https://waldorfblog.wordpress.com/2014/11/21/ideologische-vs-ideogenetische-steiner-deutung/

        „4. Andreas Lichte | 28. November 2014 um 9:24 am

        (…)

        @ Christian Clement
        mit Ihren eigenen Worten:
        was “erblicken Sie Positives” an Steiner ?
        fangen wir mit Steiners Philosophie an:
        welche bedeutende, philosophische Erkenntnis hat Steiner der Welt geschenkt ?“

        Christian Clement antwortet:

        „5. Christian Clement | 28. November 2014 um 8:34 pm

        Zu Herrn Lichtes Frage:
        Meine Allgemeine Antwort: Philosophen schenken der Welt keine Erkenntnisse; sie geben neue und spannende Beispiele dafür, wie man sich im Denken bewegen und orientieren kann. Diese Denkwege kann man dann selbst begehen, ihnen mitgehen, sie nachgehen, in ihnen aufgehen oder auch vergehen, sie anders gehen, aber auch sie übergehen oder umgehen – dann aber entgeht einem, was sie uns zu bieten haben – nämlich Gegegenheiten, im Selbergehen auch selber Erkenntnisse zu machen. Wer Erkenntnisse fertig verpackt geliefert haben will, sollte es bei amazon versuchen, aber nicht bei den Philosophen.
        Meine spezielle Anwort: was ich Positives an Steiner sehe, kann man den Einleitungen der beiden Bände von Steiners Werkausgabe entnehmen, die bisher herausgekommen sind – sowie den 6 noch folgenden.“

        meine Replik:

        „6. Andreas Lichte | 28. November 2014 um 9:30 pm

        Herr Clement,
        natürlich haben Philosophen „Erkenntnisse“, die sie der Welt mitteilen, oder auch „schenken“.
        Wenn ich beispielsweise „Die Philosophie des Abendlandes“ von Bertrand Russell lese, dann geht es um nichts anderes.
        Wenn ich bei Bertrand Russell den „ontologischer Gottesbeweis“ des „Heiligen Anselm“ lese, dann gibt mir das zu denken. Für dieses „Geschenk“ bin ich Anselm und Russell dankbar.
        Was gibt Rudolf Steiner zu denken? Welche philosophischen Erkenntnisse schenkt uns Rudolf Steiner?
        Versuchen Sie noch einmal, meine Frage zu BEANTWORTEN, und nicht, ihr mit vielen leeren Worten auszuweichen.“

        Geben Sie doch einmal eine – konkrete – Antwort: Welche philosophische Erkenntnis finden Sie in Steiners Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft“? In Rudolf Steiners „philosophischem“ Gesamtwerk?

        • Andreas Lichte sagt:

          P.S.: falls Sie – wider Erwarten – Christian Clement nicht kennen sollten, hier ein Artikel über ihn, den er auch selber kommentiert hat:

          https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2015/04/14/christian-clements-kritische-ausgabe-der-schriften-rudolf-steiners-ska-des-steiners-neue-kleider/

          „Christian Clements ‘kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners (SKA)’: ‘Des Steiners neue Kleider’“

          • Andreas Lichte sagt:

            @ Wolfgang Müller

            ich habe einen Ihrer Artikel gelesen, diesen:

            „Warum die Anthroposophie nicht durchdringt – Vorläufige Gedanken eines Außenstehenden“

            einige Anmerkungen:

            Wolfgang Müller, Zitat:

            „Entweder handelt es sich [bei Steiner] um einen Fall bewusster oder unbewusster Scharlatanerie oder um ein geistiges Ereignis der höchsten Kategorie.“

            steht bei Ihnen weit vorn im Text, zu Recht: für eine Antwort wäre es nötig zu klären, welche konkreten, nachvollziehbaren – „intersubjektiven“ – Erkenntnisse Rudolf Steiner hatte …

            eine allgemein gehaltene Antwort geben Sie dann selber, Zitat Wolfgang Müller:

            „Lernen wir hier Steiners Welt kennen oder die Welt? – Letzteres wäre nur dadurch glaubhaft zu machen, dass dieser Gang mit empirischer Strenge oder, wo es um Geistiges geht, mit logischer Folgerichtigkeit vom einen zum Nächsten führt. Das aber lässt sich schwerlich behaupten. Wie Steiner das Wesen des Menschen in seinen verschiedenen Schichten oder »Leibern« expliziert, wie er deren Herkunft aus den Tiefen der Weltentwicklung erklärt, ihr Schicksal im »Geisterland« beschreibt und ihre zukünftige Entwicklung skizziert – das genügt kaum den einfachsten Anforderungen wissenschaftlicher Begründungspraxis.“

            … um schließlich das vernichtende Fazit zu ziehen, Zitat Wolfgang Müller:

            „Wollte man die beiden wichtigsten Komponenten nennen, die einer breiteren Ausstrahlung der Anthroposophie im Wege stehen, so wären dies: Erstens der missglückte Wissenschaftlichkeitsanspruch, der – weil nicht einzulösen – das ganze Unternehmen diskreditiert“

        • Wolfgang Müller sagt:

          Auf welchem positivistischen Planeten leben Sie? Wo wäre die eine, unbestreitbare „Wahrheit“, die wir bei Aristoteles, bei Spinoza oder Hegel abgreifen könnten? Wollen Sie die gleich mitentsorgen?
          So kommen wir nicht weiter. So einfach ist die Welt leider nicht gebaut – meint „Rätsels Bewohner“…

          • Andreas Lichte sagt:

            … das ist „mein Planet“: https://www.schiebener.net/wordpress/2018-ist-da-und-vielleicht-wird-es-ein-gutes-jahr/

            wenn Sie Hegels Erkenntnistheorie nicht zusammenfassen können, ist das Ihr Problem. Bertrand Russell macht das ganz locker in „Philosophie des Abendlandes“ …

            Was ich äußerst merkwürdig finde: Sie verreißen Steiner, so wie man jemanden nur verreißen kann … und dann kommt von Ihnen nichts mehr, als die abgeschmacktesten Beleidigungen: „Auf welchem positivistischen Planeten leben Sie?“

            Ich habe Meister Eckhart gelesen, im Original, nicht beim freudlosen Steiner, Zitat Wolfgang Müller: „In Steiners spiritueller Welt ist alles Arbeit und Leistung. Wo bleibt die Gnade? möchte man fragen.“

            Empfehlen kann ich Ihnen: „Philosophie und Religion Indiens“, Heinrich Zimmer, suhrkamp taschenbuch wissenschaft

            da finden Sie auch sehr originelle, „spirituelle“ Originaltexte, nicht den Steiner-Welten-Eintopf …

  2. Der Hinweis auf die Bedeutungslosigkeit des Stils bei Steiner ist wichtig. Ihm ging es überhaupt nicht um Stil, um „Effekt“ schon gar nicht (was auch etwas völlig anderes ist). Ich empfinde seinen Stil grundsätzlich als schwierig, oder wie Rainer Herzog schreibt als umständlich (nicht nur die Vorträge, diese sind ein nicht immer gelungener Versuch, gesprochene Sprache schriftlich wiederzugeben).
    Im Verhältnis von Form zu Inhalt liegt generell eine Spannung. Es hat im Lauf der Zeit deutliche Wandlungen durchlaufen. Zum Beispiel gibt es von Schiller folgende reizvolle Aussage (in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung): „Darin also besteht das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters, daß er den Stoff durch die Form vertilgt.“ Ein hoher Anspruch! Gustave Flaubert, ein halbes Jahrhundert später, geht radikal weiter: „Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne äußere Bindung, das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast kein Sujet hätte, oder bei dem das Sujet zumindest fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist.“ Diesem Anspruch genügen nur sehr wenige Werke in der Literatur.
    Ich behaupte (auch wenn mich manche Anthroposophen gerne dafür lynchen würden), dass Steiner kein wirkliches Sprachgenie war. Musste er vielleicht auch nicht sein, denn gerade im umgekehrten Sinn wie Flaubert lag ihm alles am Inhalt, nichts an der Form.

  3. Rainer Herzog sagt:

    Schön, dass Du das so sehen kannst, stimme ich auch wieder zu. Man muss allerdings bei Steiner anmerken, dass etwa 9/10 seiner Bücher gesprochene Vorträge gewesen sind. Manchmal erlebe ich seinen Stil durchaus als etwas umständlich, oder auch als sich wiederholend, man muss sich einfach auf seinen Stil einlassen. Der ein und andere „moderne Autor“ hingegen ist häufig verliebt in die eigene Sprache, Sloterdijk etwa, das kann den dahinterliegenden Gedanken etwas vernebeln.

    • Rainer Herzog sagt:

      Hallo Wolfgang
      habe eben entdeckt, dass Du es bereits in die Info3 „geschafft“ hast – gratuliere. Ich persönlich bin bei dem Blatt allerdings sehr gespalten, ein größerer Teil von Steiners Werk wird bei dem Blatt entsorgt, bzw. relativiert

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