Anthroposophie (12): Stoßlüftung

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man, wenn man über längere Zeit hauptsächlich Steiner gelesen hat und dann plötzlich vom Regal herab ein Nietzsche-Band aufgeschlagen vor Augen fällt – dass man dann aufatmen, ja auflachen kann! Denn diesen Übermut und diese Eleganz, die hatte man vermisst, und selbst die Bosheiten, die doch die schönsten Wahrheiten transportieren. Wer außer Nietzsche hätte diese Witterung, die selbst noch Moleküle falscher Ambition anzeigt, wer wäre ein größerer Experte für die Tücken der Moralität, die Sumpfgebiete der Bigotterie? Kein anderer hat ein solches Auge für den psychologisch nicht gedeckten, unredlichen Aufstieg. – Wer in religiösen oder spirituellen Räumen herumsteigt, sollte sich, finde ich, unterwegs immer mal mit Nietzsche austauschen.

3 Kommentare zu „Anthroposophie (12): Stoßlüftung“

  1. Rainer Herzog sagt:

    Finde ich auch. Nietzsche ist äußerst lesenswert, es ist eine Freude, sich mit seinen aphoristisch-brilliant formulierten Gedanken und Büchern zu beschäftigen. Bedenklich ist m.E. dass er eben nicht nur „die Tücken der Moralität…anzeigt“ sondern Moralität und auch so etwas wie Mitgefühl mit „den Schwachen“ manchmal vollständig entsorgt.

    • Wolfgang Müller sagt:

      Müsst Ihr immer sofort alle kritischen Punkte rausfischen? 🙂 Natürlich hast Du mit Deinem letzten Punkt Recht. Der Furor des Pfarrersohnes ging eben etwas weit. Aber wir sind doch erwachsene Leser, die mit so was umgehen können, oder?

      • Rainer Herzog sagt:

        Da hast Du recht, Wolfgang, man kann auch einmal die positiven Aspekte bei Nietzsche hervorheben und würdigen. Ich kenne nur einige hyperintellektuelle Nietzsche-„Fans“, deren Nihilismus mich manchmal etwas gruseln lässt.

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