Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende

Ich kenne einen Menschen, der weiß zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Oder vielleicht sollte man sagen: Er weiß zu viele Einzelheiten, zu viel Mittelwichtiges, um an das Wichtige noch ranzukommen. Er durchwühlt alle Zeitungen, kennt alle Meinungen, Standpunkte, Einwände – aber die stehen jetzt überall im Wege, ständig stößt er an, er kann sich gar nicht mehr leicht und frei bewegen. Man muss sich aber frei bewegen können, um die Dinge gründlich zu untersuchen, sich ein eigenes Bild zu machen, vielleicht allmählich Klarheit und Sicherheit zu gewinnen. Bedeutsam ist ja nicht Wissen, sondern verarbeitetes Wissen.

Wie in der Medizin kann eben etwas in einer gewissen Dosierung hilfreich sein, darüber hinaus wirkt es eher nachteilig. Dann ist, wie schon der Prediger Salomo wusste, des „Büchermachens kein Ende“.

12 Kommentare zu „Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende“

  1. Ich kenne einen Menschen, der denkt zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Dabei ist es sein sehnlichster Wunsch vom Denken zum Sein zu gelangen. Er weiß nicht viele Einzelheiten, Mittelwichtiges usw., durchwühlt weder Zeitungen noch andere Medien, kennt wenig Meinungen, Standpunkte etc. Er lebt seit 30 Jahren als Einsiedler in den südfranzösischen Bergen. Aber auch er stößt überall an, kann sich nicht frei bewegen – sein Hindernis (so glaubt er) sind die eigenen Gedanken (oder vielmehr das ständige Geplapper im eigenen Kopf). Bedeutsam ist nicht Wissen, da würde er zustimmen. Bedeutsam, sagt er, ist SEIN. Wir haben uns angefreundet, aber ich kann ihm nicht helfen.

    • Wolfgang Müller sagt:

      Sehr interessant. Weise der Welt – jetzt seid ihr dran! – – Wenn ich eine Idee äußern darf: Vielleicht sollte der Mann mal in die Gegenrichtung gehen, nicht von den Gedanken weg, sondern zu ihnen hin, um sie zu besseren, stärkeren Gedanken zu machen. Mir scheint inzwischen, als hätten wir Heutigen gegenüber der ersten Methode (dem „Leerwerden!“ der älteren Spiritualität) eine gewisse Sperre, weil darin ein Moment der Weltabkehr liegt, das nicht in die Grundtendenz unsrer Epoche passt. Der heutige Mensch muss sozusagen diese Viecher nicht meiden, sondern sie mögen und zureiten, oder besser: Er soll nicht nur Gedanken „haben“, sondern mit seinem vollen Gewicht in sie reingehen, lernen „wirklich aus seinem ganzen Wesen heraus zu denken“, wie ein Autor vor hundert Jahren sagte. Dann nämlich verwandelt sich das Denken, geht ins Schauen über, ins Sein, und der Gegensatz ist weg. So die Auskunft. Muss das aber auch erst testen. Ist wohl ne längere Geschichte. Und zunächst mal, es ist verhext, auch wieder nur ein – Gedanke! : )

      • R. sagt:

        Den Gedanken nutzen als Vehikel, um über ihn hinauszukommen, ihn in etwas Höheres zu überführen. Vielleicht geht es wirklich nur darum, wie du hier schreibst, Wolfgang. Das Sammeln von Einzelheiten, das in ein VERARBEITEN mündet, setzt ja immer sinnvolle KRITERIEN voraus, nach denen man verarbeitet, verwirft, bewertet. Und woher kommen die? Wieder nur aus einzelnen Gedanken, aus persönlicher Geschichte… ?! Wie sichere ich die Tauglichkeit meiner Kriterien, um in der mich umgebenden Realität urteilsfähig zu sein, zu werden?

  2. Andreas Lichte sagt:

    Man kann gar nicht „zu viel wissen“.

    Wenn man nicht versteht, dann deshalb, weil man nicht die richtigen Zusammenhänge herstellt, kein geeignetes Verfahren zur „Erkenntnisgewinnung“ hat …:

    „Der Mann, der das Huhn tagtäglich gefüttert hat, dreht ihm zu guter Letzt das Genick um und beweist damit, daß es für das Huhn nützlicher gewesen wäre, wenn es sich etwas subtilere Meinungen über die Gleichförmigkeit der Natur gebildet hätte.“

    Bertrand Russell, „Probleme der Philosophie“

    • Andreas Lichte sagt:

      … einen Anhänger von Rudolf Steiner interessiert die „Gleichförmigkeit der Natur“ ebenso wenig wie „das Huhn“, er hat ja eine ganz andere Quelle der Erkenntnis:

      Steiner behauptete, Einblick in die „Akasha-Chronik“, ein geistiges Weltengedächtnis in der „Ätherwelt“ („akasha“, Sanskrit: Äther), zu haben. In dieser „Chronik“ seien alle Ereignisse der Geschichte, alle Taten, Worte und Gedanken der Menschheit enthalten, die dem „Geistesforscher“ – also ihm selber – zur Verfügung stünden. Steiner sagt über seine Rolle als „Seher“: „Meinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer wieder entgegengehalten, sie seien veränderte Wiedergaben dessen, was im Laufe älterer Zeit an Vorstellungen der Menschen über die Geist-Welt hervorgetreten ist (…) Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll bewusst, sind Ergebnisse eigenen Schauens“(2). Und: „Das müssen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, dass wir nicht aus Urkunden schöpfen, sondern dass wir schöpfen aus der geistigen Forschung selbst und dass wir dasjenige, was aus der Geistesforschung geschöpft wird, in den Urkunden wieder aufsuchen (…) Was heute erforscht werden kann ohne eine historische Urkunde, das ist die Quelle für das anthroposophische Erkennen“(3).

      Quelle: https://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/12/01/rudolf-steiner-philosoph/

      • Wolfgang Müller sagt:

        Ist das eine Obsession? Sogar bei einem Text, der rein gar nichts mit Steiner zu tun hat, gleich wieder Steiner zu bekämpfen? Und immer irgendwelche Sachen reinzukopieren, ständig auch Links, mit denen man das eigene Zeug vermarkten will, das wohl freiwillig niemand lesen will. – Also gerne klare textbezogene Kommentare. Aber bitte nicht der Missbrauch dieser Seite für andere Dinge.

        • Andreas Lichte sagt:

          @ Wolfgang Müller

          „Sogar bei einem Text, der rein gar nichts mit Steiner zu tun hat …“

          womit hat Ihr „Text“ denn zu tun? Erklären Sie es mir.

          Sonst sage ich einfach mal: „Sie hatten keine Zeit, sich kürzer zu fassen“, einfach kurz zu sagen:

          „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

          tun Sie nicht, auch hier nicht: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/perspektiven-linker-politik-das-preisschild-fehlt-15116486.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

          • Wolfgang Müller sagt:

            Tut mir leid, sehr geehrter Herr Lichte, aber ich mag jetzt nicht mehr. Genau auf Ihr ständiges „Erklären Sie doch mal…“ bin ich schon mehrfach eingegangen, zuletzt auch, als wir im Hintergrund mailten. Als ich Ihnen die erbetene Erläuterung schickte, haben Sie nicht mal geantwortet – Sie brauchen offenbar die Öffentlichkeit.

          • Andreas Lichte sagt:

            @ Wolfgang Müller

            „Als ich Ihnen die erbetene Erläuterung schickte, haben Sie nicht mal geantwortet – Sie brauchen offenbar die Öffentlichkeit.“

            Sind Sie beleidigt? Weil ich Ihnen nicht auf Ihre mail geantwortet habe?

            „Sie brauchen offenbar die Öffentlichkeit.“ Aua! Das tut weh. Kann Ihnen jemand helfen? (ich wohl nicht … vielleicht Herr Herzog?)

          • Wolfgang Müller sagt:

            Mein Vorschlag wäre: Lassen wir die Dinge jetzt so stehen und auf sich beruhen. Und für die Zukunft: Ich betreibe weiter friedlich diesen Blog, und Sie werden dort ein gern gesehener Kritiker sein, wenn die Kommentare möglichst kurz und klar, also auf das jeweilige Thema bezogen sind. Ginge das??

        • Andreas Lichte sagt:

          @ Wolfgang Müller

          „… wenn die Kommentare möglichst kurz und klar, also auf das jeweilige Thema bezogen sind“

          ich finde ja, auch hier habe ich auf Ihren Beitrag geantwortet:

          haben Sie schon mal die „Induktion“ so unterhaltsam erklärt bekommen, wie von Bertrand Russell? Ich nicht …

          und Rudolf Steiner habe ich gebracht, weil er gewissermassen der „Gegenpol“ zu Russell ist: die reale Welt mit ihren Phänomenen interessiert Steiner nicht. Er imaginiert sich seine eigene.

          Wenn das unerwünscht ist, weiß ich nicht so recht, was ich noch sagen soll (oder „darf“)? Aber ich kann auch schweigen, kein Problem.

          • Wolfgang Müller sagt:

            Ok, versuchen wir es einfach noch mal. (Und wenn Sie am Ende ALLES auf diesem Blog unsinnig finden sollten oder Ihnen schlicht grotesk erscheint, dass derselbe Mensch beherzte Kritik an Steiner äußern und ihn zugleich für hoch bedeutend halten kann – dann würde ich zu Abstand raten.)

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