Leinwand-Lügen

Die erste und vielleicht schon größte Unwahrheit einer gewissen glatten hollywood-förmigen Filmwelt ist die: dass das Böse und Negative sofort als solches erkennbar wäre. In einem der jüngsten Streifen zum Beispiel, in Shape of Water, tritt recht bald und mit einigem Effekt ein Typ ins Bild, mit Quadratschädel und ziemlich schlechten Manieren, und du weißt sofort: Der ist es. Er hat dann noch einen Ober-Bösen über sich, der weniger poltert, aber auch nicht interessanter ist. An denen arbeiten sich dann die Guten ab, die genauso eindimensional angelegt sind, als Hülsen für billige Identifikation, ohne jede Tiefe und innere Spannung.

Und so etwas bekommt den Goldenen Löwen in Venedig, zwei Golden Globes und vier Oscars. Das ist die Fortsetzung der Lüge mit anderen Mitteln. Man könnte auch sagen: Die Produktion solcher Filme, die die Wirklichkeit vernebeln, unseren Orientierungssinn lähmen und uns in einfach zu bedienende Kitschmenschen verwandeln wollen – das ist das weniger leicht erkennbare Böse.

6 Kommentare zu „Leinwand-Lügen“

  1. Rainer Herzog sagt:

    Da stimme ich Dir ganz und gar nicht zu: Auch wenn ich der Ansicht bin, dass „Shape of water“ reichlich überbewertet wurde – Michael Shannon ist ein, wie ich finde, beeindruckender Schauspieler (klar, etwas allzu prädestiniert für „böse“ Rollen aufgrund seiner düsteren Gesichtszüge), großartig seine Rolle als FBI Agent in der Serie „Boardwalk Empire“.

    Für die Ausbildung von „Wirklichkeit“ und „Orientierungssinn“ gibt es zahllose Inspirationen in Büchern, Kunst usw.

    Filme dienen primär zur Unterhaltung, Ablenkung. Das muss es auch geben, es hat auch eine Sinnhaftigkeit und Berechtigung, genauso wie Pop/Rockmusik oder Fußball. Das sind m.E. einfach nur Geschmacksfragen, „böse“ ist das nicht.

    • Wolfgang Müller sagt:

      Was Du schreibst, klingt mir arg nach der alten Trennung von E und U: Hier das ernste, anspruchsvolle Buch, dort die nette, seichte Unterhaltung. Nein! Auch Unterhaltung kann dumm oder intelligent sein. Selbst Spielzüge im Fußball können stumpfsinnig und durchschaubar oder elegant und faszinierend sein. Ich bin nicht gegen Unterhaltung, aber gegen schlechte Unterhaltung.

      • Rainer Herzog sagt:

        Ich auch. „Shape of water“ ist aber m.E. nicht das beste Beispiel für „das weniger leicht erkennbare Böse“ oder für schlechte Unterhaltung. Und dass gerade aus den USA in den letzten 10-15 Jahren durch Serien wie „Breaking Bad“ „Sopranos“ „Homeland“ „True Detective“ usw. äußerst anspruchsvolles, wie ich finde, z.T. geniales TV Programm zu uns herübergeschwappt ist, kann man öfter lesen in Feuilletons von Spiegel, Zeit, usw.

        Eine gute Serie, ein guter Film ist häufig intelligente Unterhaltung, da gibt es zum Glück reichlich viel von.

        • Wolfgang Müller sagt:

          Dass mein Beispiel nicht das beste ist (oder jedenfalls nicht aus reicher Kino-Kenntnis gewonnen) – da hast Du wohl recht. Ich geh nur alle Jubeljahre ins Kino, bin dann immer schwer beeindruckt und zieh vielleicht aus dem Einzelfall arg große Schlüsse 🙂 Aber vielleicht fallen dem Außenseiter manchmal auch Dinge auf, die der Cineast nicht mehr bemerkt.

          • Rainer Herzog sagt:

            So „tendenziell“ stimme ich Dir zu: Vieles ist natürlich weiterhin sehr flach und billig, was aus Hollywood kommt, vor allem die zahllosen Marvel-Superhelden-Filme, die anfangs noch einen gewissen Charme hatten, am meisten für diejenigen, die, wie ich, früher die Comics gerne gelesen haben. Heute ist so etwas nur noch dümmlich-niveauloser Radau. Ein wirkliches Kino-Highlight vom letzten Jahr war allerdings die Fortsetzung von „Blade Runner“, ein philosophisch-ästhetischer Geniestreich über die Frage, was an uns echt ist.

          • Andreas Lichte sagt:

            @ Wolfgang Müller

            schauen Sie sich besser das „Original“ von 1982 an: „Blade Runner“

            Hab’ ich nach „Blade Runner 2049“ – noch einmal – gemacht, um sicher zu gehen, dass mich meine Erinnerung – „schon so lang her!“ – nicht trügt …

            „Blade Runner“ (1982) erschafft eine zukünftige Welt, die in absoluten Maßstäben überzeugt – aber wenn man „Film von 1982“ weiß, kennt das Staunen keine Grenzen mehr: wie haben die das gemacht?

            „Zentrales Thema des Films ist die Frage, was den Menschen zum Menschen macht“, Zitat wikipedia, und „Das Lexikon der Kultfilme“:

            „Das Thema von ‚Blade Runner‘ ist die Auseinandersetzung mit der Frage: Wann ist der Punkt erreicht, wo man eine Existenz achten muß?“

            Die großen Fragen werden behandelt – eine ganz große – vervollständige den letzten Satz «…» – Monolog aus dem Film, Replicant (Android) Roy Batty:

            „I’ve seen things you people wouldn’t believe.

            Attack ships on fire off the shoulder of Orion.

            I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser-Gate.

            All those – moments – will be lost, like – tears – in rain.

            Time to «…»“

            Auflösung: https://en.wikipedia.org/wiki/Tears_in_rain_monologue

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