Anthroposophie (14): Nicht frei Haus

Anthroposophie hat zwei recht unterschiedliche Seiten. Zum einen spricht sie von einer Erkenntnismethode, zum anderen breitet sie Ergebnisse aus. Der Unterschied ist so groß wie der zwischen dem Bau eines Fernrohres und der Beschreibung dessen, was man damit sehen kann.

Das erste, die Methode, der Weg, ist zugleich ein Weg zur Selbstveränderung des Menschen. Denn – das ist zentral in Steiners Lehre – mit seinen bisherigen Mitteln, Sinneserkenntnis und kombinierendem Verstand, kann der Mensch nicht in die Tiefen der Wirklichkeit vordringen. Er braucht neue Organe der Erkenntnis. Diese aber können allein aus einer inneren Entwicklung des Menschen hervorgehen, die dessen ganzes Dasein transformiert. Steiner ist in diesem Punkt so radikal wie es je ein spiritueller Lehrer war: Erst wenn der Mensch sich selbst in einer durchgreifenden Weise umformt und läutert, wird er reif für eine andere Art von Erkenntnis. Erst dadurch „kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen für die Erforschung der übersinnlichen Welt“. Streng genommen öffnet sich erst dann der Zugang zum Zweiten, zu dem, was mit diesem Instrument erkennbar wird.

In der Praxis erscheinen die Dinge natürlich weniger getrennt und begegnet dem Steiner-Leser beides zugleich: Steiners Aussagen über die notwendigen inneren Prozesse und seine „Mitteilungen“ über das, was als Ergebnis dieser Prozesse sichtbar wird – sozusagen Bau des Fernrohres und Blick ins Universum.

Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin.

3 Kommentare zu „Anthroposophie (14): Nicht frei Haus“

  1. Andreas Lichte sagt:

    In welche „Tiefen“ ist denn Rudolf Steiner selber „vorgedrungen“?

    Was könnte Steiner überhaupt für „Die Große Sinnsuche“ Wolfgang Müllers attraktiv machen?

    „Tiefe“ sehe ich bei Steiner nicht – mit „Untiefen“ Rudolf Steiners könnte ich dieses Blog zum Schiffbruch bringen,

    aber dann regt sich wieder jemand auf …

    • Rainer Herzog sagt:

      „Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin“

      Seit den letzten 15-20 Jahren gibt es innerhalb der anthrop. Bewegung zunehmend mehr Menschen, die den bloßen „Konsum“ von Steiners „okkulten“ Aussagen äußerst kritisch sehen (z.B. G.Kühlewind „Vom Umgang mit der Anthroposophie“) – parallel dazu gibt es erfreulicherweise immer mehr Autoren, die Steiners zahlreiche Anregungen zum Schulungsweg und zur Meditation aufgreifen, individualisieren, z.T. auch leicht verändern und selbst teilweise sehr ausführlich von „höheren“ Erfahrungen berichten (Thomas Mayer, Karsten Massei, Heide Oehms, Dorian Schmidt, uva).

      Manche Autoren weisen auch auf die vielen positiven Aspekte von anderen gegenwärtigen spirituellen Richtungen (MBSR, u.a.) hin. Für mich ist das die Zukunft der Anthroposophie.

Kommentar verfassen

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.