Bemerkungen

Gartenkunst

Ihr Geheimnis liegt in einer Balance von Gestalten und Gewährenlassen. Sie beruht auf einem Dialog zwischen Mensch und Natur, nicht auf deren Unterwerfung. Man pflanzt etwas – und lässt ihm seine eigenen Wege. Es rankt sich in einer Schönheit jenseits der Berechnung. Manche Parallele zur Erziehung.

Sehnsucht

Ich muss unbedingt mal wieder auf einen Berg steigen. Ich muss unbedingt mal wieder über 2000 Meter sein. Ich muss dieses kurze Gras sehen und die Felsen, um die sich keiner kümmert. Ich muss, als Freund der Bäume, unbedingt mal wieder dorthin, wo sich Bäume nicht mehr halten können.

Das hessische Bergland aus dem Zugfenster

Wie schön sie das alles machen, die Deutschen! Wie Straße und Schiene geschwisterlich durch die Landschaft laufen. Wie makellos die Felder, wie häkeldeckenschön sich die Furchen über die Hügel ziehen. Ja, der Deutsche kann Traktor fahren! – Wie sich ein Bach dort unten durchs Tal schlängelt! Welch ordentliche Form des Schlängelns. So lasse ich mir das Schlängeln gefallen. Der Vorteil an Bächen ist auch, dass sie sogar Weltkriege überstehen.

Bei Betrachten einiger Bilder von Neo Rauch

Menschen, die wie weggetreten wirken, abwesend, in Unergründliches versunken, beschäftigt mit unbekannten Aufgaben. Gerade dadurch sind sie gut getroffen. Die Abwesenheit ist, über weite Strecken, die Art unserer Präsenz.

Malen heißt ernst nehmen

Man kann natürlich eine Kunstrichtung wie den Sozialistischen Realismus lächerlich finden, diesen pathetischen, manchmal auch propagandistischen Versuch, die arbeitende Klasse ins Bild zu setzen, dieses Brückenbauen, Flüssestauen und Elektrifizieren, diese Werkshallenseligkeit und dieses muskulöse Glück.

Andererseits: Dass dergleichen Wirklichkeiten, dass die arbeitenden Menschen in den heute dominierenden Kunstströmungen praktisch gar nicht auftauchen, ist auch ein schwerer Mangel. Wer malt denn, wenn schon nicht die ausgestorbenen Kolchosbäuerinnen, so doch die Telefonisten im Call-Center? Wer interessiert sich für die Atmosphäre beim Putzen morgens um vier? Wer für die drögen Phantasien Stunden später im Büro? Wer für die Augen des Friseurs, für die Körperhaltung des Lehrers, für die Ärztin, den Pfleger, den milden Wahnsinn des Finanzsachbearbeiters? Wer malt, statt der Brigade-Besprechung, die 12-Uhr-Konferenz?

Gewiss nehmen Künstler selten an Konferenzen teil. Wahrscheinlich ist es so einfach. Aber ein Mangel bleibt es.

Mal was anderes

Die Restaurant-Kultur in unserer Straße wird immer exotischer. Man kann hier indisch und indonesisch essen, thailändisch, türkisch und persisch, italienisch und portugiesisch sowieso. Neuerdings bietet sogar einer deutsches Essen an.

Beim Betreten einer Turnhalle

Diese einzigartige Geruchsmischung, ein Bouquet aus Gummimatte und Kinderschweiß: Innerhalb von Sekunden ruft es ganze Bilderfolgen aus den Tiefen der Zeiten hervor.

Von der Verschiedenheit der Menschen

Mein Nachbar geht aus dem Haus, er will etwas erleben. Ich bleibe zu Hause. Ich erlebe schon zu viel.

Mobilität

Wenn ich’s recht überblicke, kenne ich in unserem gesamten Bekanntenkreis nur eine einzige Person, eine Frau, die ein Leben lang im Haus ihrer Kindheit lebte und noch lebt. Alle anderen sind mindestens ein Mal umgezogen, die meisten viele Male, ich zum Beispiel neun Mal.

Vor hundert Jahren hätte das Bild noch deutlich anders ausgesehen. Erst recht vor fünfhundert Jahren.

Reisende soll man aufhalten

Neulich bin ich mit dem Zug nach Weimar gefahren. Gleich morgens im Hamburger Hauptbahnhof verschob sich die Abfahrt um eine halbe Stunde, „wegen verspäteter Bereitstellung des Zuges“, so die Durchsage. Keine Ahnung, was sich hinter dieser Formel verbirgt. Vielleicht gibt es in Altona irgendwelche Riesen, die morgens die Wagen auf die Gleise stellen, und wenn die keine Lust haben, kann man natürlich nichts machen. Außerdem waren die Riesen unkonzentriert, jedenfalls verkehrte der Zug „in geänderter Wagenreihenfolge“, so dass sich erst mal zwei gegenläufige Karawanen über den Bahnsteig schoben.

Immerhin, bis Hannover hatte der Zug zehn Minuten aufgeholt – blieb dort allerdings überraschend lange im Bahnhof stehen. Man warte auf „verspätet ankommende Anschlussreisende“, sagte eine Stimme. Man kann es mit der Rücksichtnahme auch übertreiben. Es war also, was wir glücklich gewonnen hatten, mit vollen Händen wieder verschenkt und ging hurtig Richtung Göttingen weiter. Mein eigener Anschlusszug dort war nicht mehr zu erreichen, so dass mir die Schaffnerin empfahl, einfach sitzen zu bleiben und einen Zacken nach Süden zu fahren, über Fulda. Von dort, so ihre Auskunft, gingen stündlich Züge nach Weimar, mit Glück werde ich den nächsten noch knapp erreichen.

Der indes war, vermutlich als einziger in der gesamten Republik, an diesem Tag pünktlich gewesen, so dass mir 57 Minuten in Fulda blieben, einer Stadt, von deren Existenz man eigentlich nur in Zusammenhang mit Bischofskonferenzen hört, die aber, wie ich jetzt feststellte, das ganze Jahr über existiert.

Als es dann weiter ging, sprach die Stimme thüringisch, als wolle sie einstimmen auf das ehrwürdige Stück Deutschland, das alsbald an mir vorbeizog: Eisenach, Gotha, Erfurt – man bekommt hier viel Fahrt für sein Geld, dachte ich mir gerade, als der Zug unversehens in Weimar einfuhr. Statt vier Stunden war ich sechs Stunden unterwegs gewesen. Ich denke, das ist noch in Ordnung. Goethe hätte Tage gebraucht.