Neulich bin ich mit dem Zug nach Weimar gefahren. Gleich morgens im Hamburger Hauptbahnhof verschob sich die Abfahrt um eine halbe Stunde, „wegen verspäteter Bereitstellung des Zuges“, so die Durchsage. Keine Ahnung, was sich hinter dieser Formel verbirgt. Vielleicht gibt es in Altona irgendwelche Riesen, die morgens die Wagen auf die Gleise stellen, und wenn die keine Lust haben, kann man natürlich nichts machen. Außerdem waren die Riesen unkonzentriert, jedenfalls verkehrte der Zug „in geänderter Wagenreihenfolge“, so dass sich erst mal zwei gegenläufige Karawanen über den Bahnsteig schoben.
Immerhin, bis Hannover hatte der Zug zehn Minuten aufgeholt – blieb dort allerdings überraschend lange im Bahnhof stehen. Man warte auf „verspätet ankommende Anschlussreisende“, sagte eine Stimme. Man kann es mit der Rücksichtnahme auch übertreiben. Es war also, was wir glücklich gewonnen hatten, mit vollen Händen wieder verschenkt und ging hurtig Richtung Göttingen weiter. Mein eigener Anschlusszug dort war nicht mehr zu erreichen, so dass mir die Schaffnerin empfahl, einfach sitzen zu bleiben und einen Zacken nach Süden zu fahren, über Fulda. Von dort, so ihre Auskunft, gingen stündlich Züge nach Weimar, mit Glück werde ich den nächsten noch knapp erreichen.
Der indes war, vermutlich als einziger in der gesamten Republik, an diesem Tag pünktlich gewesen, so dass mir 57 Minuten in Fulda blieben, einer Stadt, von deren Existenz man eigentlich nur in Zusammenhang mit Bischofskonferenzen hört, die aber, wie ich jetzt feststellte, das ganze Jahr über existiert.
Als es dann weiter ging, sprach die Stimme thüringisch, als wolle sie einstimmen auf das ehrwürdige Stück Deutschland, das alsbald an mir vorbeizog: Eisenach, Gotha, Erfurt – man bekommt hier viel Fahrt für sein Geld, dachte ich mir gerade, als der Zug unversehens in Weimar einfuhr. Statt vier Stunden war ich sechs Stunden unterwegs gewesen. Ich denke, das ist noch in Ordnung. Goethe hätte Tage gebraucht.