Gedanken

Vor einem alten Bild

Ein Wunder bleibt es allemal: dass da ein Stück Holz ist, ein einfaches Brett, und darauf verschiedene Pigmente verteilt – aber es öffnet eine ganze Welt.

Selbstverständlich kann man auch ganz anders damit umgehen. Es gibt Altarbilder, die wurden in späterer Zeit zerrissen und zersägt und in Einzelstücken zu Geld gemacht. Aber selbst als Fragment, wurmstichig und mit ausgerissenen Scharnieren, leuchten sie weiter.

Da wächst was nach

Manchmal streifen ein paar dieser jungen
Leute mein Leben, die alles falsch
finden von A bis Z, während ich nur noch
auf dem R und U herumdenke

die verteidigen eisern Afrika gegen Europa
und sogar den Neandertaler gegen den
Homo sapiens, die wollen einem
noch die kleinste Wertung
aus der Hand schlagen

wahrscheinlich bin ich doch
konservativ und durch das Leben gebrochen,
ich finde Afrika kann sich
auch mal anstrengen, und ob der
Neandertaler so nett war, müsste man
erst noch erforschen,
auch esse ich noch gelegentlich
Fleisch, die sind so
herrlich links.

Das zieht mich gar nicht runter

Das Konzert eines kleinen russischen Ensembles in einem deutschen Urlaubsort. Zunächst nur eine Frauenstimme, alter orthodoxer Kirchengesang. Dann, teils mit Klavier und Violine, einige geistliche Lieder. „Abendgebet“, heißt eines, „Ach du, meine schuldige Seele“ ein anderes. Ziemlich mutig, denke ich, darauf haben die Leute hier womöglich nicht gewartet. Schließlich wird es heiterer, einige Romanzen, charmant und witzig – und doch auch sie noch voller Wehmut. Es geht um zerbrochene Lieben, um das ferne Glück, „die guten Tage, sie kommen nicht wieder“.

Hat man in Russland, frage ich mich, noch gar nicht mitbekommen, dass man das Publikum heutzutage nicht niederdrücken, sondern unterhalten soll? Ist man dort noch gar nicht vom positiven Denken angesteckt? – Wir gehen berührt und erhoben.

Im Internet kommentiert jemand in ähnlichem Zusammenhang, „Now you know that two-thirds of the human soul lives in Russia“.

Ein Klassiker

Trifft man sich, längst erwachsen, wieder in der Familie, mit den Eltern und den Geschwistern, dann gibt es, als hätte es die Jahrzehnte dazwischen nicht gegeben, eine Gravitation in die alten Rollen und Regelkreise. Die Kommunikationswege sind so tief eingegraben, die familiären Muster so stabil, die Geplänkel so eingespielt, dass es auf einmal scheint, als gäbe es keine Wege mehr außer den alten Wegen. Quasi mit dem Öffnen der Tür ist die eigene Unbefangenheit verdampft, ist der Stolz vieler Entwicklungsjahre dahin, man spielt die alten Spiele.

Oder spielt man mit den alten Spielen? Gibt es doch Zeichen der Reife? Jedenfalls ist es nirgendwo schwieriger, eine kontemplative Haltung einzunehmen als im vertrauten Gelände. Zuhause frei zu sein, auch von sich selbst, ist eine Leistung.

Eine Frage der Loyalität

Unter denen, die mal links waren, kenne ich drei Typen.

Jene, die ihr altes Weltbild bedenkenlos weiterpflegen, obwohl ihr heutiges Leben ungefähr so aussieht wie das derjenigen, die sie einst verachteten.

Jene, die ihre alten Ideale verleugnen oder im Nachhinein lächerlich machen.

Schließlich jene, die mit den linken Selbstgewissheiten ins Gericht gehen, gerade weil sie Teil ihrer Geschichte sind; die also ihre früheren Ideale ebenso ernst nehmen wie ihre neuen Einsichten.

Die mag ich.

Nachfolge

Ihr Geheimnis ist Anschluss an Größe ohne Beanspruchung von Größe.

Reich wie die Welt

Bei Goethe findet man ja alles, und von allem auch das Gegenteil. Und man weiß nie genau, ist es Weisheit, ist es Geschwätzigkeit? ist es Wandlungsfähigkeit, ist es ein Mangel an Rückgrat?

Draußen

Mir ist danach, aus dem Haus zu gehen, obwohl Wind und Regen gegen die Fenster schlagen, sogar schon erste Schneeflocken, die am Boden sofort zerfließen – das scheußlichste Wetter, das man sich vorstellen kann.

Wenn aber, denke ich dann unterwegs, das Scheußlichste immer noch so schön ist, ist das doch kein übler Planet.

Aus der Seilbahn

Ist es denkbar, dass man fünfzig, sechzig, siebzig Jahre auf der Erde ist und diese Erde gleichsam gar nicht erreicht? – Jedenfalls kann es durchaus passieren, dass man sich ein Leben lang in Hülsen bewegt, in entlehnten Gedanken und übernommenen Erwartungen, dass man das hergebrachte Zeug nie ganz zurücklässt und niemals jenen Ort erreicht, an dem die Dinge selber sprechen, an dem sie sich in kleinen namenlosen Quanten mitteilen, so klar und frisch wie Wasser, das aus dem Gebirge springt. Man muss persönlich dorthin steigen.

Männer und ihre Missionen

Nicht selten kann man Frauen beobachten, die sehr intelligent sind, ihre Umgebung gut beobachten und einschätzen können, und die dennoch in einem gewissen äußeren Sinn wenig daraus machen. Jedenfalls nichts Besonderes, Auffälliges. Keine steile Karriere, keine spektakuläre Aktion, kein großer Roman. Selbst dann nicht, wenn besondere Hindernisse, etwa durch Phasen der Kindererziehung, fehlen.

Männer sind da, im Durchschnitt, anders. Unter ihnen fühlen sich selbst die mäßig Begabten zu Großem berufen. Eigentlich hat jeder Mann eine Mission. Tief im Innern ist er überzeugt, dass sich an ihm die Menschheitsgeschichte entscheidet. Hier und da gibt es auch Männer, die, jenen Frauen gleich, intelligent-unmissionarisch sind, aber selten.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass die meisten Männer tatsächlich den großen Durchbruch schafften. Die meisten schaffen ihn nicht. Wahrscheinlich ist in der Welt einfach nicht genügend Platz für so viele Feldherren, Erlöser und Stars. Unter alten Männern kann man förmlich sehen, wie ihre Lebensphantasien zerbröckeln, wie die einen noch die Sache zu halten und zu stützen versuchen, während die anderen allmählich Abschied nehmen. Männer müssen ja von einigem Abschied nehmen. Großer Ehrgeiz, langer Abschied.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Frage beleuchten, wie diese Männermentalitäten auf ihre Leistungen abfärben. Leistungen, die es ja gibt und die manchmal sogar einige Größe und Berechtigung haben, die aber zugleich häufig ins Kleinliche getaucht, von lindem Größenwahn infiziert sind. Männer haben einfach nicht die psychische Disposition, um rein sachlich an einem Thema zu arbeiten. Was ja auch rührend ist. Wahrscheinlich sind auch Männer Menschen, wenngleich manche unter ihnen das schwer akzeptieren können.

Über die spezifischen Limitiertheiten von Frauen mögen andere schreiben. Mir scheint, ihr Beitrag zur menschlichen Komödie ist nicht ganz so offenkundig.