Gedanken

Offene Grenzen

Was ist, neben vielem anderen, das Schöne an Kindern? Dass man sie noch in der Mitte ihrer Existenz erreichen kann; dass ihnen Geschichten, Spiele, Glück und Unglück bis ins Mark gehen. Bei Erwachsenen ist das häufig nicht mehr der Fall. Sie regulieren, meist recht routiniert, ihren Austausch mit der Welt. Oft kann nicht mehr viel das Mauerwerk ihres Lebens durchdringen.

Das hat gewiss seine Gründe. Die Mauern bieten Schutz. Wahrscheinlich ist ihre Höhe ganz einfach proportional zum Grad der Übergriffe, die erlebt wurden.

Dennoch: Ein trübes Dasein, das sich damit abfindet; das nicht zumindest die Option im Blick hat, wieder durchlässiger zu werden, die Zollkontrollen abzubauen, und sei es auf ganz eigene Weise, vielleicht höchst vorsichtig, in ganz persönlicher Dosierung. Erwachsen sein heißt doch auch: die Gesetze der eigenen Weltkommunikation frei bestimmen.

Wenn die Plagen der Kindheit und die Abwehrschlachten der jungen Jahre vorbei sind, kann gerade dies ein Entwicklungsziel sein: sich wieder voll verfügbar zu machen, wieder erreichbar zu sein wie ein Kind, sich zu erinnern: Es steht, auch jetzt noch, immer alles zur Disposition. – Am Ende gilt ohnehin: Es gibt Mauern, aber es gibt keinen Schutz.

Traum der Steine

Es gibt ein seltsames Gesetz in der Welt: Je komplexer etwas ist, desto instabiler ist es. Ein Stein ist wunderbar stabil, kann jedenfalls Jahrhunderte und Jahrtausende mit ein paar Kratzern überstehen. Alles Leben dagegen, in seiner herrlichen Differenziertheit, ist höchst gefährdet. Es kann sich nur unter definierten Bedingungen halten, und auch dann nur auf Zeit, und es gravitiert am Ende ins Anorganische zurück. Es ist nur Übergang und Episode, als ob die Steine es nur träumten.

Und doch

Die kraftvollste Forschung mündet am Ende in süßeste Resignation, in süßeste Hinnahme unserer schwachen Möglichkeiten.

Mir scheint jedenfalls, dass diejenigen, die mehr erwarten, nicht die Größe der Fragen begriffen haben. Die Welt ist so tief, so unerforschlich, so verstandesübersteigend, dass menschliche Erkenntnis gewiss in vielen Bereichen ein Stück vorrücken kann und schon bedeutende Stücke vorgerückt ist – und doch dabei, so fürchte ich, nur an den Schalen der Geheimnisse kratzt.

Die Resignation aber gewinnt ihre Süße gerade aus der Kraft, die gegen sie anging. Erst aus der Unbescheidenheit wächst die Bescheidung.

Mentale Meteorologie

Wer verhindert hier eigentlich ständig, dass die Dinge sich ganz frei entfalten, dass die Gedanken sich in klarer Luft bewegen, dass der Wind weht, wo er will? Und an wem liegt es, dass die ganze Atmosphäre ein wenig steif und befangen ist?

Hmm, ich glaube das bin ich.

Bedrohung und Bedrängnis

Ein Gefühl der Bedrohung habe ich eigentlich nie kennen gelernt. Ich war nie – wie frühere Generationen, wie noch die vorige Generation – in Situationen, in denen Leib und Leben auf dem Spiel stehen. Ein Gefühl der Bedrängnis kenne ich aber sehr wohl: die Empfindung, dass sich die Dinge um mich zusammenziehen, dass mein Raum enger wird, dass meine Gedanken wie in Gittern festhängen, dass mein Schlaf nicht leichthin in die Tiefen geht. Manchmal schäme ich mich fast der dürftigen Anlässe, ein Problem mit einem Nachbarn, ein Problem bei der Arbeit, weil ich ja weiß: Es gibt, auch heute, schwere Nöte. Und tiefe Ängste. Die sind ja bei der Abschwächung der Bedrohungen zu Bedrängnissen nicht geringer geworden. Nur sind sie in ihren Gründen und Wirkungen häufig schwerer zu verorten.

Die unübertreffliche Lektüre – in Bedrohung und Bedrängnis – bleiben die Psalmen. Allein das Elend kraftvoll auszusprechen, ist eine Stärkung: „Mein Herz ist zerschlagen in mir. Ich fahre dahin wie ein Schatten… Und ich muss ihr Spott sein; wenn sie mich sehen, schütteln sie ihren Kopf.“ Selbst kleine Provokationen tun gut: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“

Hier ist wohl sein

Im Kosmos – wie auch in manchen irdischen Verhältnissen – ist die Halbdistanz eine angenehme Position. Wenn Astrophysiker in den Weiten des Alls nach möglichen Orten des Lebens suchen, dann richten sie ihren Blick nicht auf andere Sterne, also Sonnen, sondern auf deren Nachbarschaft, auf die sie umkreisenden Planeten oder deren Monde. Auf den Sternen selbst müsste alles verbrennen. Aber in der Deckung einiger Millionen Kilometer – da wird es milder, da könnte es die eine oder andere Bakterienkultur oder Strohhütte oder Kneipe geben. Zwar hat nur etwa jeder zehnte Stern den Luxus von Planeten. Weil aber mindestens hundert Milliarden Galaxien eine unfassbare Zahl an Sternen enthalten, gibt es vermutlich mehrere Milliarden mögliche Labore des Lebens. Durchaus anzunehmen, dass sich hier und da etwas regt. Zum Beispiel hier.

Ein Seelendrama

Ich habe die Iphigenie gelesen. Hatte mich in Weimar für den jungen Goethe begeistert. Der hatte dort, soeben angekommen, vom Herzog ein charmantes Haus außerhalb der Stadt bekommen, das so genannte Gartenhaus. Dort schlief er gern nachts auf dem Altan, sprang im Mondschein in die Ilm, schickte ständig „Zetelgen“ an Frau von Stein, im Garten stellte er eine erstaunliche abstrakte Plastik auf. Er ist der wunderbare Kerl, von dem einer sagte, er verbinde „mit dem Grimm des Tigers die Gutherzigkeit eines Lämmleins“.

Im Gartenhaus, erklärt der Audio-Guide, habe sich Goethes Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik vollzogen. Das interessierte mich. Klar ist ja, er konnte nicht ewig im Werther-Sound weitermachen. Eine Erweiterung der Horizonte, die Entwicklung bis dahin ungenutzter Fähigkeiten, die Dinge in eine sinnvolle Balance bringen – so stelle ich mir die Klassik vor. Man mag so etwas fade finden, ich aber bin in einer Lebensphase, in der ich über solche Dinge nachdenke. Den Übergang zur Klassik markiere die Iphigenie, sagt der Guide. Die musst du dir mal anschauen, dachte ich.

Eine große Enttäuschung. Zwar manche sprachliche Schönheit im Einzelnen, im Ganzen aber ein kraftloses Gebilde. Ein moralisches Schattenboxen in konstruierter griechischer Kulisse. Es gibt kaum eine Handlung, das ist kein Problem, aber auch die inneren Konflikte wirken steif und absehbar. Die Germanisten nennen es vorsichtshalber ein Seelendrama.

Vielleicht ist es die Nähe der Mächtigen, denke ich, die dem Dichter nicht gut bekommt. Der junge Herzog wird huldvoll gelächelt haben, aber schon manche Zeitgenossen waren entgeistert: „Weit unter Goethes früheren Arbeiten“, notierte Jacobi. Und Bodmer: „ Die Personen reden in Sentenzen zur Zeit und zur Unzeit, und sie kleiden die geläufigsten Lebensregeln in Sprüche.“ Der Übergang zur Klassik ist, man hatte es immer geahnt, in Teilen auch der Übergang zur Langeweile. Goethe hat denn auch zur Strafe noch jahrelang an dem Stück herumgedoktert, hat die erste Prosafassung in Verse gesetzt, was die Sache noch schwächer machte. Noch 1802 quält sich Schiller damit ab, das Werk auf die Bühne zu bringen, und rät dem Freund höflich, „die sittlichen Sprüche selbst und dergleichen Wechselreden etwas einzuschränken“.

Keine Frage des Absenders

Ich lese ein ziemlich gutes Buch, das ich – eher zufällig – aus einem fremden Bücherschrank gegriffen habe. Beim Lesen frage ich mich hin und wieder, wie wohl die Besitzerin des Buches, die ich gut kenne, auf dessen Inhalt reagiert haben mag. Eine Begegnung zwischen einem Buch und einem Menschen kann ja ein aufschlussreiches, manchmal überraschendes Ereignis sein.

Als ich sie frage, muss sie zunächst überlegen, um welches Buch es sich handelt. Dann, eher achtlos: Das hat mir Frau P. geschenkt. Als ob es damit erledigt wäre.

Später fällt mir ein: Der klassische Ort, an dem serienweise gute Bücher unter verdächtigem Absender verteilt werden, ist die Schule.

Innere Halbwertszeiten

Wie stark dich etwas getroffen hat, kannst du einfach daran ablesen, wie lange es anschließend noch in dir nachgesprochen und nachbesprochen wird. Manche Szenen tauchen selbst nach Wochen oder Jahren wieder auf. Das waren Treffer.

Ist es wert

Das fühlt wohl nicht jeder
vielleicht nur die, die irgendwie
aus dem Leben herausgefallen sind

aber ach, eine einzige Sache, vollendet
vollendet, soweit man das
von Menschendingen sagen kann

ach, so eine Sache ist ein Trost wie kein anderer
allein sie zu sehen
wiegt alles andere auf.