Gedanken

Bettruhe für Salamander

Jugendliche fühlen sich in gewissem Sinn unverwundbar. Unbewusst fühlen sie sich wie jene Tiere, denen eine verlorene Gliedmaße schon irgendwie nachwächst und die, wenn sie ein bisschen aufpassen, überhaupt keine Gliedmaßen verlieren, sie sind ja sehr flink.

Wenn dieses Lebensgefühl dann doch einmal erschüttert wird, wenn sie zum Beispiel einmal ernsthaft erkranken, dann kann man eine Art Verblüffung bei ihnen spüren: Dass ihnen so etwas passiert! Dass einer, der gestern stark war, heute schwach ist. Dass einer, der gestern noch dreitausend Meter lief, heute kaum den Weg ins Bad schafft. Vielleicht haben sie sogar Schmerzen, aber fast größer als die Schmerzen wirkt ihre Ratlosigkeit.

Als Erwachsener kennt man das alles schon. Da hat man sozusagen schon eine Geschichte der Schwäche und hat gelernt, mit dem Auf und Ab umzugehen. Manche haben sich sogar in der Schwäche eingerichtet.

Von alldem sind die Jugendlichen weit entfernt. Ihnen ist, als lebten sie in einem anderen Universum als die Älteren, die mit ihren Kräften haushalten, Mittagsschlaf machen und sich ständig irgendwelche Sorgen machen. Sie schauen auf uns herunter. Ist es nicht ein entzückendes Spiel, das wir in wechselnden Rollen seit Urzeiten aufführen?

Mangelverwaltung

Die Menge dessen, was man wissen sollte, und die Vielfalt dessen, was zu erforschen und zu durchdenken wäre, ist so bestürzend, erschütternd und erschlagend, dass der bloße Gedanke daran Schwindel erregt.

In dieser Lage bleibt wohl nicht mehr als: auf kluge Weise im Defizit leben, die intelligentestmögliche Form der Unvollständigkeit anstreben.

Vor einem alten Bild

Ein Wunder bleibt es allemal: dass da ein Stück Holz ist, ein einfaches Brett, und darauf verschiedene Pigmente verteilt – aber es öffnet eine ganze Welt.

Selbstverständlich kann man auch ganz anders damit umgehen. Es gibt Altarbilder, die wurden in späterer Zeit zerrissen und zersägt und in Einzelstücken zu Geld gemacht. Aber selbst als Fragment, wurmstichig und mit ausgerissenen Scharnieren, leuchten sie weiter.

Da wächst was nach

Manchmal streifen ein paar dieser jungen
Leute mein Leben, die alles falsch
finden von A bis Z, während ich nur noch
auf dem R und U herumdenke

die verteidigen eisern Afrika gegen Europa
und sogar den Neandertaler gegen den
Homo sapiens, die wollen einem
noch die kleinste Wertung
aus der Hand schlagen

wahrscheinlich bin ich doch
konservativ und durch das Leben gebrochen,
ich finde Afrika kann sich
auch mal anstrengen, und ob der
Neandertaler so nett war, müsste man
erst noch erforschen,
auch esse ich noch gelegentlich
Fleisch, die sind so
herrlich links.

Das zieht mich gar nicht runter

Das Konzert eines kleinen russischen Ensembles in einem deutschen Urlaubsort. Zunächst nur eine Frauenstimme, alter orthodoxer Kirchengesang. Dann, teils mit Klavier und Violine, einige geistliche Lieder. „Abendgebet“, heißt eines, „Ach du, meine schuldige Seele“ ein anderes. Ziemlich mutig, denke ich, darauf haben die Leute hier womöglich nicht gewartet. Schließlich wird es heiterer, einige Romanzen, charmant und witzig – und doch auch sie noch voller Wehmut. Es geht um zerbrochene Lieben, um das ferne Glück, „die guten Tage, sie kommen nicht wieder“.

Hat man in Russland, frage ich mich, noch gar nicht mitbekommen, dass man das Publikum heutzutage nicht niederdrücken, sondern unterhalten soll? Ist man dort noch gar nicht vom positiven Denken angesteckt? – Wir gehen berührt und erhoben.

Im Internet kommentiert jemand in ähnlichem Zusammenhang, „Now you know that two-thirds of the human soul lives in Russia“.

Ein Klassiker

Trifft man sich, längst erwachsen, wieder in der Familie, mit den Eltern und den Geschwistern, dann gibt es, als hätte es die Jahrzehnte dazwischen nicht gegeben, eine Gravitation in die alten Rollen und Regelkreise. Die Kommunikationswege sind so tief eingegraben, die familiären Muster so stabil, die Geplänkel so eingespielt, dass es auf einmal scheint, als gäbe es keine Wege mehr außer den alten Wegen. Quasi mit dem Öffnen der Tür ist die eigene Unbefangenheit verdampft, ist der Stolz vieler Entwicklungsjahre dahin, man spielt die alten Spiele.

Oder spielt man mit den alten Spielen? Gibt es doch Zeichen der Reife? Jedenfalls ist es nirgendwo schwieriger, eine kontemplative Haltung einzunehmen als im vertrauten Gelände. Zuhause frei zu sein, auch von sich selbst, ist eine Leistung.

Eine Frage der Loyalität

Unter denen, die mal links waren, kenne ich drei Typen.

Jene, die ihr altes Weltbild bedenkenlos weiterpflegen, obwohl ihr heutiges Leben ungefähr so aussieht wie das derjenigen, die sie einst verachteten.

Jene, die ihre alten Ideale verleugnen oder im Nachhinein lächerlich machen.

Schließlich jene, die mit den linken Selbstgewissheiten ins Gericht gehen, gerade weil sie Teil ihrer Geschichte sind; die also ihre früheren Ideale ebenso ernst nehmen wie ihre neuen Einsichten.

Die mag ich.

Nachfolge

Ihr Geheimnis ist Anschluss an Größe ohne Beanspruchung von Größe.

Reich wie die Welt

Bei Goethe findet man ja alles, und von allem auch das Gegenteil. Und man weiß nie genau, ist es Weisheit, ist es Geschwätzigkeit? ist es Wandlungsfähigkeit, ist es ein Mangel an Rückgrat?

Draußen

Mir ist danach, aus dem Haus zu gehen, obwohl Wind und Regen gegen die Fenster schlagen, sogar schon erste Schneeflocken, die am Boden sofort zerfließen – das scheußlichste Wetter, das man sich vorstellen kann.

Wenn aber, denke ich dann unterwegs, das Scheußlichste immer noch so schön ist, ist das doch kein übler Planet.