Vertigo

Starke Schwindelgefühle. Beim HNO-Arzt muss ich bestimmte Tests machen, Gleichgewichtsorgan, Hörvermögen – alles sei ok, sagt er. Dann noch, um andere, bedrohlichere Ursachen auszuschließen, schieben sie mich in die Röhre, „MRT des Schädels“. Aber auch hier keinerlei auffälliger Befund. Was ja an sich erfreulich ist.
Was allerdings in Mediziner-Kategorien nur bedeutet: Es entspricht dem anatomischen Standard. Auf den Schnittbildern, sie liegen vor mir, sieht offenbar alles so aus, wie es bei Menschen eben üblicherweise aussieht. – In meinem Kopf sieht alles aus wie bei den anderen? Ein bisschen beleidigt bin ich schon.

Anthroposophie (8): Wo suchst du?

Die mentale Ausrichtung unserer Epoche zeigt sich sehr schön darin, in welcher Richtung, wenn überhaupt, eine Lösung der großen Welträtsel gesucht wird. Der Physiker Harald Lesch bemerkt einmal, Physiker würden sehr oft nach Gott gefragt, niemand befrage aber seinen Bäcker oder Tankwart danach. Die Erwartung ist offenbar, dass gerade die moderne Physik mit ihren Vorstößen in die Welt des Allergrößten und des Allerkleinsten tiefere Einsichten bringen könne. Die Auflösung der alten Vorstellungen von Raum und Zeit etwa, wie sie durch die Relativitätstheorie geleistet wurde, oder auch, im Mikrokosmos, eigenartige Phänomene der Quantenwelt – all dies wirkt vielversprechend. Es fördert die Vermutung, dass an den Rändern heutiger Erkenntnis, in den Extremen des Materiellen, entscheidende Antworten zu finden seien; dass dort womöglich etwas Anderes beginne, das in jenen sonderbaren Phänomenen schon zart in unser Blickfeld hineinschwappe.
Wie aber, wenn das Andere nicht an den Rändern begänne, in den Tiefen des Universums und der Quantenwelt, sondern in der Mitte, in dem, was wir längst zu kennen glauben und vielleicht doch nicht kennen? Wie, wenn das Andere unentwegt in der Natur und insbesondere im Menschen selbst präsent wäre und somit nicht in der Ferne, sondern hier zu suchen wäre?
Dies wäre eine Arbeitshypothese, die quer zu den mentalen Tendenzen der Epoche stünde. Ihr nachzugehen würde eine diametrale Veränderung der Suchrichtung bedeuten, in letzter Konsequenz eine Verknüpfung von Welterkenntnis und Selbsterkenntnis.
Genau so wird man die Anthroposophie verstehen können. Sie beginnt, wie der Name nahelegt, mit einem tieferen Blick auf den Menschen.

Unabhängig

Alles Bedeutende – in wissenschaftlichen, künstlerischen, sogar menschlichen Fragen – hat seinen Ursprung darin, dass Menschen die Dinge noch einmal ganz neu anschauen. Dass sie sich nicht mit übernommenen Vorstellungen begnügen, nicht aus zweiter Hand leben wollen.
Selbstverständlich muss dieser Neuansatz keineswegs sogleich zu großen Ergebnissen führen, die Dinge sind eben schwierig. Aber umgekehrt gilt: Nichts Bedeutendes, an dessen Anfang nicht ein fragender Blick gestanden hätte, ein Staunen, ein scheinbar naives, vielleicht ungestümes, respektloses Ausscheren aus den üblichen Sichtweisen.

Auf dem Weg ins Leben

Zwischen den Bäumen taucht eine Gruppe Mädchen auf, die offenbar einen Waldlauf machen – federnd, hüpfend, schwebend, plaudernd. Noch ganz ohne die Schwere der Erwachsenen. Als wären sie, körperlich wie seelisch, nur erst lose und versuchsweise mit der Erde verbunden.

Anthroposophie (7): Kontinuum

Vollkommen fremd ist den heute verbreiteten Denkformen allein schon die Selbstverständlichkeit, mit der Steiner nicht nur vom „Leben zwischen Geburt und Tod“, sondern auch vom „Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt“ spricht. Und überhaupt: dass er auch im zweiten Fall von Leben spricht.
Das Leben in einem Körper ist in seiner Weltsicht eben nur eine, nicht die einzige Form des Lebens.

(Aus einem Selbstgespräch)

Du musst nicht nur dorthin sehen. Du musst dorthin gehen.

Generationensprung

Was hat das zu bedeuten: dass junge, eher linksgestrickte Leute seit ein paar Jahren Fahrradhelme tragen, deren Form an die Stahlhelme der Großväter erinnert?

Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster

Einer der ersten Eindrücke, wenn man das anthroposophische Milieu streift, ist der, dass dort ein großes Gewese um bestimmte Begriffe gemacht wird, insbesondere das „Ich“, die „Individualität“ und das „Denken“, vorzugsweise das „reine“ Denken.
Das wirkt nicht einladend, macht nicht neugierig. Was Ich und Individualität betrifft, werden viele Menschen finden, dass es damit heutzutage ohnehin schon übertrieben werde. Und in Bezug aufs Denken empfinden die meisten auch keinen Mangelzustand, sie ersehnen eher Aufschwünge emotionaler Art. Entsprechend kann es scheinen, als brächte Steiner mehr von dem, wovon es jetzt schon zu viel gibt.
All dies geht nun völlig an Steiners Verständnis dieser Begriffe vorbei. Bis dieses indes verdolmetscht ist, sind die Leute schon weitergezogen.

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

September

Der Sonnenaufgangspunkt über dem gegenüberliegenden Haus verschiebt sich mit jedem Tag weiter nach rechts. So ist das eben in dieser Jahreszeit. Selbst wenn man den Herbst eigentlich mag, wenn er einem sozusagen atmosphärisch liegt – er kommt in diesen sonnenarmen Breiten stets zu früh. Fast könnte man sich versucht fühlen, sich gegen ihn anzustemmen, die Sonne ein wenig zurückzuschieben. So fern der Tag, an dem sie wieder auf dem First zurückwandert.