Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster

Einer der ersten Eindrücke, wenn man das anthroposophische Milieu streift, ist der, dass dort ein großes Gewese um bestimmte Begriffe gemacht wird, insbesondere das „Ich“, die „Individualität“ und das „Denken“, vorzugsweise das „reine“ Denken.
Das wirkt nicht einladend, macht nicht neugierig. Was Ich und Individualität betrifft, werden viele Menschen finden, dass es damit heutzutage ohnehin schon übertrieben werde. Und in Bezug aufs Denken empfinden die meisten auch keinen Mangelzustand, sie ersehnen eher Aufschwünge emotionaler Art. Entsprechend kann es scheinen, als brächte Steiner mehr von dem, wovon es jetzt schon zu viel gibt.
All dies geht nun völlig an Steiners Verständnis dieser Begriffe vorbei. Bis dieses indes verdolmetscht ist, sind die Leute schon weitergezogen.

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

September

Der Sonnenaufgangspunkt über dem gegenüberliegenden Haus verschiebt sich mit jedem Tag weiter nach rechts. So ist das eben in dieser Jahreszeit. Selbst wenn man den Herbst eigentlich mag, wenn er einem sozusagen atmosphärisch liegt – er kommt in diesen sonnenarmen Breiten stets zu früh. Fast könnte man sich versucht fühlen, sich gegen ihn anzustemmen, die Sonne ein wenig zurückzuschieben. So fern der Tag, an dem sie wieder auf dem First zurückwandert.

Anthroposophie (5): Was will Steiner?

Ein Ansatz wie der Steiners steht leicht im Verdacht, der von der neuzeitlichen Forschung angestrebten Strenge und Objektivität entkommen zu wollen und in unsichere Gelände, ins Spekulative auszuweichen. Was er fordert und leisten möchte, ist aber genau das Gegenteil: eine weiter gehende Objektivierung, ja eine Expansion der neuzeitlichen Geisteshaltung auf bedeutsame, ihr bisher verschlossene Gebiete.
Der neuzeitliche Zug zu Nüchternheit und Objektivität, der sich an der Erkenntnis der äußeren Welt gebildet hat und der sich seit seinen Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert, als er noch manch fragwürdige alchemistische und astrologische Blüte trieb, immer weiter zu Empirie und Genauigkeit erzog – dieser nüchterne Zug soll sich auch jenseits seines naturwissenschaftlichen Mutterbodens bewähren. Bezeichnend ist der Untertitel schon von Steiners Frühwerk, der Philosophie der Freiheit: „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“. Neben die Naturwissenschaft soll eine Geisteswissenschaft treten.
Zweifellos bringt dieser Anspruch ein ganzes Bündel schwierigster Fragen mit sich. Unter anderem muss Steiner zeigen, wie ein verlässlicher Erkenntnisprozess funktionieren soll, wenn gleichsam die Geländer der äußeren Wirklichkeiten fehlen und wenn das entfällt, was die Naturwissenschaften in manchen Bereichen so bestechend bieten können: eine handfeste Überprüfung bestimmter Aussagen, also deren Bestätigung oder Widerlegung durch Daten und Experimente. Entsprechend nimmt die Frage, wie ein nüchternes, von ungeklärten Komponenten gereinigtes geistiges Forschen aussehen könnte, praktisch gesagt: welcher Schulung ein solches Forschen bedarf, einen zentralen Platz in Steiners Lehre ein.
Soll man sich scheuen, die Konsequenz anzudeuten? Angenommen, Steiner hätte diese Brücke, diesen Zugang zu bislang selten betretenen und jedenfalls kaum belichteten Territorien der Erkenntnis gefunden, dann wäre sein Werk nicht eine weitere Blüte in der herrlichen Wiese menschlicher Erkenntnisbemühungen, es wäre ein Weltereignis.

Wenn schon

Beim Selbstlob gibt es eine Art Umschlagpunkt. Bis zu einer gewissen Höhe ist es unangenehm, danach – es muss nur dreist genug sein – wird es wieder genießbar.
Ein Beispiel? Hören wir doch einen Meister wie Arno Schmidt: „Ich finde wenige, die häufiger recht hätten als ich.“

It’s magic

Man erzählt mir von einem Mann, der aus einem fernen Land nach Deutschland kam. Als er zum ersten Mal an einem Zebrastreifen die Straße überqueren wollte, stellte er fest, dass sofort alle Autos hielten. Er fand das bemerkenswert. In seinem Land sind Zebrastreifen, sofern vorhanden, nur eine Art Deko, die niemand beachtet. Seine Begeisterung war so groß, dass er gleich mehrere Male hin und zurück über die Straße ging. Es funktionierte immer.

Anthroposophie (4): Warnung

Eigentlich müsste man einem, der sich der Anthroposophie nähert, sagen: Stelle dich auf die maximale Verstörung ein! Auf die Umstülpung aller Anschauungen. Was du bisher missachtet oder gemieden hast, wird eine neue, andere Bedeutung gewinnen. Denn die Wahrheit ist, dass die Anthroposophie (mit Steiners Worten) „das Denken, das ganze Sinnen des Menschen, die ganze Seelenverfassung eben in eine andere Richtung bringt, als diejenige ist, die nun eben gang und gäbe ist“.

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Geheimtipp

Wenn du nicht mehr weiter gehen kannst, versuche es mit fliegen.

Anthroposophie (3): Skizze

Will man einige anthroposophische Kernaussagen etwas frontaler als üblich aussprechen, könnte dies etwa so lauten:
1. Es gibt eine ausgedehnte, vielfältig gegliederte, sich durch die Zeiten entwickelnde unsichtbare Wirklichkeit, von der die sichtbare nur eine Art Ausläufer und Ausdrucksform ist.
2. Weil der Mensch immer, ob er es weiß oder nicht, in allen Dimensionen der Wirklichkeit lebt, kann auch das ihm Unbewusste, und sei es nur in einem schwachen Schimmer, gelegentlich sein Bewusstsein streifen. Wir nehmen sozusagen mehr wahr als wir wahrnehmen. Wir nehmen es aber in der Regel nicht ernst, weil es so gar nicht in unsere Begriffswelt passt.
3. Es gibt einen regulären Weg, um zu einer Erkenntnis tieferer Weltschichten zu gelangen. Leicht ist er nicht.
4. Ein Leben ohne Zugang zu tieferen Weltschichten ist, wie man täglich sieht, möglich. Es bedeutet aber eine beträchtliche Verkürzung des Weltseins.
5. Auf dieser unzulänglichen Grundlage lassen sich die schweren kulturellen und sozialen Verwerfungen unserer Zeit nicht bewältigen. Notwendig wäre dafür ein volles, realistisches Verständnis der Wirklichkeit. Zur Wirklichkeit aber gehört das Unsichtbare.