Anthroposophie (14): Nicht frei Haus

Anthroposophie hat zwei recht unterschiedliche Seiten. Zum einen spricht sie von einer Erkenntnismethode, zum anderen breitet sie Ergebnisse aus. Der Unterschied ist so groß wie der zwischen dem Bau eines Fernrohres und der Beschreibung dessen, was man damit sehen kann.

Das erste, die Methode, der Weg, ist zugleich ein Weg zur Selbstveränderung des Menschen. Denn – das ist zentral in Steiners Lehre – mit seinen bisherigen Mitteln, Sinneserkenntnis und kombinierendem Verstand, kann der Mensch nicht in die Tiefen der Wirklichkeit vordringen. Er braucht neue Organe der Erkenntnis. Diese aber können allein aus einer inneren Entwicklung des Menschen hervorgehen, die dessen ganzes Dasein transformiert. Steiner ist in diesem Punkt so radikal wie es je ein spiritueller Lehrer war: Erst wenn der Mensch sich selbst in einer durchgreifenden Weise umformt und läutert, wird er reif für eine andere Art von Erkenntnis. Erst dadurch „kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen für die Erforschung der übersinnlichen Welt“. Streng genommen öffnet sich erst dann der Zugang zum Zweiten, zu dem, was mit diesem Instrument erkennbar wird.

In der Praxis erscheinen die Dinge natürlich weniger getrennt und begegnet dem Steiner-Leser beides zugleich: Steiners Aussagen über die notwendigen inneren Prozesse und seine „Mitteilungen“ über das, was als Ergebnis dieser Prozesse sichtbar wird – sozusagen Bau des Fernrohres und Blick ins Universum.

Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin.

Leinwand-Lügen

Die erste und vielleicht schon größte Unwahrheit einer gewissen glatten hollywood-förmigen Filmwelt ist die: dass das Böse und Negative sofort als solches erkennbar wäre. In einem der jüngsten Streifen zum Beispiel, in Shape of Water, tritt recht bald und mit einigem Effekt ein Typ ins Bild, mit Quadratschädel und ziemlich schlechten Manieren, und du weißt sofort: Der ist es. Er hat dann noch einen Ober-Bösen über sich, der weniger poltert, aber auch nicht interessanter ist. An denen arbeiten sich dann die Guten ab, die genauso eindimensional angelegt sind, als Hülsen für billige Identifikation, ohne jede Tiefe und innere Spannung.

Und so etwas bekommt den Goldenen Löwen in Venedig, zwei Golden Globes und vier Oscars. Das ist die Fortsetzung der Lüge mit anderen Mitteln. Man könnte auch sagen: Die Produktion solcher Filme, die die Wirklichkeit vernebeln, unseren Orientierungssinn lähmen und uns in einfach zu bedienende Kitschmenschen verwandeln wollen – das ist das weniger leicht erkennbare Böse.

Ende des Winters

11. März, 12. März: Vor meinem Fenster fliegen Vögel vorbei, die kleine Zweige im Schnabel tragen. Einer hat geradezu Schwierigkeiten mit dem Fliegen. Man grüßt sich.

Anfänge politischer Bildung

Es muss 1967 gewesen sein. Auf einmal große Schlagzeilen: ein Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn! Ich war damals wohl in der vierten Klasse, vorwiegend am Fußballspielen interessiert, und erinnere mich, dass ich in der allgemeinen Aufregung die Kinderfrage stellte: Zu wem halten wir eigentlich? Zu Ägypten? – Das erschien mir wohl naheliegend, weil wir im Religionsunterricht gerade etwas über Joseph in Ägypten gehört hatten.

Nein, zu Israel, korrigierten mich die Eltern. Papa brach noch in den Ruf aus: Nasser, der Knallkopf! und hatte dabei mit seiner hochroten Glatze selbst einen schönen Knallkopf. Sie hatten wohl Angst vor einem großen Krieg. Im Rückblick wirken die Dinge ja immer handlicher, heute heißt es einfach Sechs-Tage-Krieg.

Anthroposophie (13): Geruhsame Nacht, Herr Höcke!

Ich muss gestehen, dass mir sofort einleuchtete, was ich unlängst bei Steiner las: dass der Mensch „eigentlich nur zur Hälfte ein soziales Wesen ist, dass er zur anderen Hälfte ein antisoziales Wesen ist“.

Leider kommt es noch schlimmer. Unglückseligerweise, so Steiner, dominierten gerade im Tagesbewusstsein die antisozialen Impulse – „Nur wenn wir schlafen, stellen wir ein ungeschminktes, richtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch her“.

Versöhnlich fand ich aber die Fortsetzung: „dass man gut chauvinistisch national sein kann im Wachen – wenn man in Schlafe ist, wird man gerade unter diejenigen Menschen versetzt, ist man mit denen zusammen, namentlich mit ihrem Volksgeist, die man im Wachen am allermeisten hasst. Dagegen lässt sich schon nichts machen“.

Im toten Winkel der Integration

Ach, wie zauberhaft klingt das deutsche Wort „Schulterblick“ aus dem Munde eines syrischen Flüchtlings. Manche machen zurzeit ihren Führerschein. Einige sind in der Heimat schon jahrelang Auto gefahren, aber – nützt ja nichts – vor ihnen liegt jetzt die ganze deutsche „Theorie“ mit ihren Millionen Regeln und Schildern. Und dann die Fahrstunden. Und eben der Schulterblick. Der ist ja ein Heiligtum des hiesigen Fahrlehrergewerbes, ohne Schulterblick beim Abbiegen und Rückwärtsfahren kannst du sofort wieder aussteigen. Also praktizieren die Migranten jetzt den Schulterblick. Und nicht ohne Überzeugung, sie sind doch schon etwas deutsch. Auch wenn die Erinnerungen an die Heimat so schön dazwischenfunken. „Bei uns“, erzählt einer, „würden die Leute denken: Warum wendet er sich um?, er hat doch drei Spiegel. Offenbar ein Anfänger.“ – Kulturelle Differenzen, wohin man sieht.

An der Bahnsteigkante

Der Zug läuft langsam in den Bahnhof ein. Diese Kraft und Ruhe der Bewegung! Ganz anders als die Leichtgewichte U-Bahn oder Straßenbahn. Gemächlich schiebt er sich an der Bahnsteigkante entlang, in einer Art schmutzigen Majestät. Aber die wenigsten sehen das. Die meisten schauen nur zur Uhr, ob er zu spät ist.

Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende

Ich kenne einen Menschen, der weiß zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Oder vielleicht sollte man sagen: Er weiß zu viele Einzelheiten, zu viel Mittelwichtiges, um an das Wichtige noch ranzukommen. Er durchwühlt alle Zeitungen, kennt alle Meinungen, Standpunkte, Einwände – aber die stehen jetzt überall im Wege, ständig stößt er an, er kann sich gar nicht mehr leicht und frei bewegen. Man muss sich aber frei bewegen können, um die Dinge gründlich zu untersuchen, sich ein eigenes Bild zu machen, vielleicht allmählich Klarheit und Sicherheit zu gewinnen. Bedeutsam ist ja nicht Wissen, sondern verarbeitetes Wissen.

Wie in der Medizin kann eben etwas in einer gewissen Dosierung hilfreich sein, darüber hinaus wirkt es eher nachteilig. Dann ist, wie schon der Prediger Salomo wusste, des „Büchermachens kein Ende“.

Anthroposophie (12): Stoßlüftung

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man, wenn man über längere Zeit hauptsächlich Steiner gelesen hat und dann plötzlich vom Regal herab ein Nietzsche-Band aufgeschlagen vor Augen fällt – dass man dann aufatmen, ja auflachen kann! Denn diesen Übermut und diese Eleganz, die hatte man vermisst, und selbst die Bosheiten, die doch die schönsten Wahrheiten transportieren. Wer außer Nietzsche hätte diese Witterung, die selbst noch Moleküle falscher Ambition anzeigt, wer wäre ein größerer Experte für die Tücken der Moralität, die Sumpfgebiete der Bigotterie? Kein anderer hat ein solches Auge für den psychologisch nicht gedeckten, unredlichen Aufstieg. – Wer in religiösen oder spirituellen Räumen herumsteigt, sollte sich, finde ich, unterwegs immer mal mit Nietzsche austauschen.

Lob des Leerzeichens

Zurberuhigungjetztmaletwastotallangweiligesandem
manaberablesenkannwieanstrengenddielektüreistwe
nnallesatzzeichenundleerzeichenfehlenwiewichtigals
odergleichengliederungssignalesind. Punkt!