Die menschlichen Weltbilder, all das Glauben, Denken, Dichten: Vollmalen der Zellenwände.
Gedanken
Synchron
Kleine Kinder haben noch ein natürliches Schwarmverhalten. Wenn sie sich etwa in einem Park verstreut haben und die Aufsichtsperson ruft „Alle zurück zum großen Stein!“, dann geht augenblicklich eine Bewegung durch die ganze Gruppe und sie laufen und hüpfen von allen Seiten zusammen. Vielleicht gibt es auch einen kleinen Eigenbrötler, der weiter durchs Gebüsch trottet, aber das ist selten.
Selbst etwas später, in den ersten Schuljahren, leben sie noch als kommunizierende Wesen. Wenn eines der Kinder erzählt: „Wir haben zum Lehrer gesagt, wir finden das so und so…“, dann ist das keine falsche Verallgemeinerung, sondern drückt ein echtes Gruppenempfinden aus. Wie ein Vogelschwarm sind sie zugleich viele und eines.
Das ändert sich alsbald und muss sich gewiss ändern. Es folgen Abgrenzung und die mehr oder weniger gelingende Ausbildung der jeweiligen Individualität. Kommunikation muss auf völlig neue Weise hergestellt werden.
Gegenwart
Das unfassbare Nichtsehen dessen, was vor Augen ist. Das Nichtwahrnehmen unendlichen Reichtums.
Kaum hast du es ausgesprochen, kommen die Nervensägen und meinen, du wollest die kümmerliche Wirklichkeit verteidigen, wollest die Leute beschwichtigen.
Ich sage trotzdem: So wie es jetzt ist, könnte es ewig bleiben.
Und dann möchte ich dies und jenes ändern, wie nebenbei, mit aller Kraft.
Im Äquilibrium
Ein Tag
gleich einem klaren See
sehr selten dies, ganz störungsfrei
selbst du ganz still
und siehst die Dinge bis zum Grund
was nicht bedeutet
dass du sie verstündest.
Mut zum Unglück
Einer der ekelhaftesten Züge der modernen Kultur ist der permanente Druck, glücklich sein zu sollen. Wer es nicht ist, versteckt sich oder versucht zumindest einen guten Grund vorzubringen.
Dahinter steckt auch eine große Lüge oder jedenfalls Illusion: Als ob das Leben leicht wäre! Als ob diejenigen, die es nicht hinbekommen, irgendetwas nicht verstanden hätten. Und, nun gut, es gibt Naturtalente, die bekommen es auch hin. Aber das ist ein Terrormaßstab. Ich würde eine andere Bemessungsgrundlage vorschlagen: Das Leben ist verdammt schwierig, und wer sich einigermaßen achtbar schlägt, ist schon ein Held. Es ist nämlich keine Kleinigkeit, dass man ohne Vorwarnung in diese sonderbare Welt gerät, eine Zeitlang noch schreien darf, dann plötzlich ein Referat halten soll, nach einer beruflichen Entscheidung gefragt wird, vielleicht eines Morgens selbst einen kleinen Schreihals auf dem Arm trägt, und außerdem muss die Wäsche gewaschen werden. Wer das im großen und ganzen unfallfrei bewältigt, ist eigentlich schon ein staunenswertes Wesen.
So ungefähr sollten wir an die Sache rangehen. Dann wären auch nicht so viele Leute depressiv. Man kann das nämlich nicht ertragen, dass einem ständig etwas Leichtes vorgelogen wird und dann ist alles doch so schwierig. Dann denkt man natürlich, mit einem selbst sei etwas falsch. Dann hat man scheinbar nur noch die Wahl, entweder man macht den Schwindel mit oder man verkriecht sich.
Das alles – jetzt kommt der kulturhistorische Teil – hat mit einer Verschiebung im Status des Menschseins zu tun. In früheren Zeiten fühlte sich der Einzelne als Teil eines übergreifenden Zusammenhangs, des Schicksals, der göttlichen Vorsehung. War man unglücklich, konnte man dort nach Gründen suchen. Hiob zum Beispiel hat, als es ihm schlecht erging, lange Diskussionen mit Gott angefangen. Heute – wie schön, wie schrecklich – liegt scheinbar alles in unserer Hand. Wer nicht glücklich ist, ist ein Versager. Oder muss ein Attest vorlegen, das einen anerkannten Glückshinderungsgrund, am besten eine Krankheit nachweist.
Diesem Fanatismus – jetzt der politische Teil – ist Widerstand zu leisten. Hiermit erkläre ich: Ich möchte von dieser Glücksideologie nicht weiter belästigt werden. Ich möchte in aller Ruhe unglücklich sein. Ich möchte mein Unglück ganz entspannt genießen. Nein, ich will nicht in die alten Zeiten zurück. Noch unerträglicher aber ist die heutige Manie, das Glück einfangen zu wollen, es bis in die letzten Winkel zu verfolgen, ihm mit Scheinwerfern bis in die Wälder nachzustellen. Aber das Glück ist ein scheues Wesen. Es hockt wahrscheinlich längst auf einem dunklen Ast und wundert sich. Gleich neben uns, es leistet uns in unserem Unglück Gesellschaft.
Gibt es
Ich weiß nicht, ob es das Böse gibt, ich habe damit keine Erfahrung gemacht, vorläufig ist mir das Wort auch zu groß, aber Bosheit gibt es mit Sicherheit. Woher sie auch kommen mag, mir scheint, sie ist auch nur eine verwandelte Form der Abwehr, aber jedenfalls gibt es sie, als eine bestimmte Kraft, die bestimmte Strategien sucht. – Warum sollten nicht auch Menschen giftig sein?
Aber man darf sich verteidigen.
Es wäre Zeit
Es kann eine gewisse Ratlosigkeit am Lebensende geben: Wann, wenn nicht jetzt, sollte man die Welt verstehen? Aber sie nimmt darauf keine Rücksicht.
Deine Stimme
Irgendwo in Mecklenburg, in einer alten Feldsteinkirche, in der gerade ein Knabenchor singt, nicht schlecht, aber doch in den Höhen gelegentlich verrutscht, in der Führung der einzelnen Stimmen immer wieder unsicher… – Vielleicht ist es im Leben wie in der Musik. Das Beste entsteht, wenn jeder seine Linie möglichst klar durchhält und zum Strahlen bringt, wenn nichts verwischt wird und es keine falschen Annäherungen gibt. Erst aus dem Getrennten entsteht das Ganze.
Im Nebel
Logisch wäre, dass wir das Ganze übersehen und daraus ableiten, welchen Weg wir wählen. Aber so ist die Welt nicht. Unser Wissen verschwimmt im mittleren Raum. Wir kommen zurecht.
Nachtlied
Ich bin des Steuerns müde
der ständigen Manöver
es ist mir gleich, ob dieser oder jener
als Erster in den Hafen fährt
wo ein paar Männer, seit ich
denken kann, dieselben Fragen
diskutieren. Das ist vorbei.
Ich treibe friedlich wie auf einem Floß
und sehe mehr als ich je sah
und nachts die Sterne
steigen nieder, ich bin nicht
klüger als der Fluss.