Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende

Ich kenne einen Menschen, der weiß zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Oder vielleicht sollte man sagen: Er weiß zu viele Einzelheiten, zu viel Mittelwichtiges, um an das Wichtige noch ranzukommen. Er durchwühlt alle Zeitungen, kennt alle Meinungen, Standpunkte, Einwände – aber die stehen jetzt überall im Wege, ständig stößt er an, er kann sich gar nicht mehr leicht und frei bewegen. Man muss sich aber frei bewegen können, um die Dinge gründlich zu untersuchen, sich ein eigenes Bild zu machen, vielleicht allmählich Klarheit und Sicherheit zu gewinnen. Bedeutsam ist ja nicht Wissen, sondern verarbeitetes Wissen.

Wie in der Medizin kann eben etwas in einer gewissen Dosierung hilfreich sein, darüber hinaus wirkt es eher nachteilig. Dann ist, wie schon der Prediger Salomo wusste, des „Büchermachens kein Ende“.

Anthroposophie (12): Stoßlüftung

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man, wenn man über längere Zeit hauptsächlich Steiner gelesen hat und dann plötzlich vom Regal herab ein Nietzsche-Band aufgeschlagen vor Augen fällt – dass man dann aufatmen, ja auflachen kann! Denn diesen Übermut und diese Eleganz, die hatte man vermisst, und selbst die Bosheiten, die doch die schönsten Wahrheiten transportieren. Wer außer Nietzsche hätte diese Witterung, die selbst noch Moleküle falscher Ambition anzeigt, wer wäre ein größerer Experte für die Tücken der Moralität, die Sumpfgebiete der Bigotterie? Kein anderer hat ein solches Auge für den psychologisch nicht gedeckten, unredlichen Aufstieg. – Wer in religiösen oder spirituellen Räumen herumsteigt, sollte sich, finde ich, unterwegs immer mal mit Nietzsche austauschen.

Lob des Leerzeichens

Zurberuhigungjetztmaletwastotallangweiligesandem
manaberablesenkannwieanstrengenddielektüreistwe
nnallesatzzeichenundleerzeichenfehlenwiewichtigals
odergleichengliederungssignalesind. Punkt!

Entwicklungswesen

In einem Wesen, das sich entwickeln kann, somit auch im Menschen, gibt es zwei Grundmöglichkeiten. Die eine ist, dass ein bestimmter Entwicklungsstand, eine bestimmte innere Disposition, ausgelebt wird und Ausdruck findet. Die andere ist, dass die Disposition selbst sich ändert.
Im Grunde geschieht immer beides zugleich. In der Regel aber hat das Erste ein deutliches Übergewicht. Es ist das Leichtere und ist in seinen Wirkungen deutlicher sichtbar. Das Zweite ist ein stiller, unscheinbarer Prozess, letztlich aber von der größeren Tragweite. Hier wird manches angelegt, das erst viel später Früchte tragen wird.

Enttarnt

Man könnte ihn für einen Graureiher halten, wie er da, regungslos, mitten im Teich auf einem abgestorbenen Ast steht. Ich habe aber den Verdacht, dass es sich in Wahrheit um einen Privatdetektiv handelt. Den Blick streng in eine Richtung gerichtet, ohne die geringste Bewegung, halslos in sich geduckt, steht er in der Kälte, als habe er den Hut ins Gesicht gedrückt. Auch gleicht das Gefieder einem Trenchcoat.

Anthroposophie (11): Wahrhaft

Man ist in unserer Epoche gewohnt, dass Autoren in einem gewissen Maß „auf Effekt“ schreiben, möglichst geschliffen und pointiert formulieren. – Nun gibt es durchaus eine Pointiertheit, die im Dienste des Inhalts steht. Sie bringt, einer physikalischen Formel vergleichbar, einen sachlichen Zusammenhang in letzter Kürze und Eleganz auf den Begriff. Meist aber hat die heutige Pointiertheit noch eine andere Komponente: dass der Autor mit ihr brilliert, sich darstellt, manchmal in einer Virtuosität, die sich verselbstständigt und vor den Inhalt schiebt. Selbst gute Autoren stehen in dieser Versuchung.
Es kann eine Weile dauern, bis man begreift, dass dies alles bei Steiner bedeutungslos ist. Er schreibt gewissermaßen rein entlang der Sache. Er bezwingt rein durch die Wahrheit.

Manches ist eben schwieriger als Radfahren

Es gibt Dinge, die hat man oft versucht und in so vielen Anläufen nicht geschafft, dass man kaum noch Hoffnung hat – und eines Tages klappen sie doch!

Wenige

Es gibt Tage, da erscheint mir die Welt wie eine Versammlung von Autisten. Jeder steckt in seinem eigenen Kosmos, zirkuliert in seinen eigenen inneren Abläufen, einen wirklichen Austausch gibt es nicht, man ist zusammen, ohne in Verbindung zu treten.
Dann fällt mir ein: Doch, ich kenne auch Menschen, die andere wahrnehmen, die ihre Umgebung zu lesen versuchen, die zum Beispiel auch ein Bild oder einen Text zu verstehen versuchen, ohne sogleich ihre drei, vier gedanklichen Raster drüberzustülpen.
Es sind wenige, sehr wenige. In ihrer Gegenwart atmet sich leichter. Sie tun etwas Ungewöhnliches: die Dinge erst mal anschauen, nicht immer gleich urteilen, nicht immer gleich alles zu wissen glauben. Aber das Einfache ist ebenso schwierig wie selten.

Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?

Auch wenn es allem widerspricht, was Steiner dazu sagte: Angesichts der Dimension des Neuen, das er vorlegt, angesichts der für das heutige Bewusstsein völlig fremden Räume, ja Welten, die er öffnet, haben seine Aussagen doch den Charakter einer Offenbarung; nicht in ihrem Anspruch, aber in ihrer faktischen Erscheinungsform.
Gewiss soll alles, wie Steiner sagt, für jeden nachvollziehbar und zugänglich sein. Aber zunächst einmal steht es bis heute für die Mehrzahl der Menschen wie eine fremde, überdimensionale Mitteilung im Raum, die erst nach und nach verständlich werden könnte. Der Vorgang gleicht dem, den Lessing visionär für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Christentum ins Auge fasste: „die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. (Selbstverständlich nicht zu verstehen als Einpassung der größeren Wirklichkeiten ins Menschenformat, sondern umgekehrt als dessen durchgreifende Öffnung zu jenen Wirklichkeiten, statt sie nur entwicklungsfaul aus der Ferne anzustaunen.)
Ob etwas Erklärung oder Offenbarung ist, ist gewissermaßen immer eine Frage der Entfernung, des mentalen Abstands zwischen Sender und Empfänger. Und es ist, in einem Entwicklungsmodell verstanden, eine Frage des Zeitpunktes. Den Satz des Pythagoras kann ein jüngeres Kind nur wie eine fremde Mitteilung, eine „Offenbarung“, hinnehmen, einem 15-Jährigen kann er allmählich durchsichtig und verständlich werden.

Es lohnt sich nicht!

In der spirituellen Entwicklung versteckt sich eine kleine Gemeinheit. Am Anfang, wenn ein Mensch sich auf diesen Weg begibt, erhofft er in der Regel große Fortschritte, mentale Höhenflüge und stellt sich vor, wie ihn die anderen einst bewundern werden. Am Ende aber, falls er tatsächlich den schwierigen Weg zurückgelegt und ein tieferes Sein erreicht hat, hat er nichts mehr davon. Die Eitelkeit, die all dies genießen könnte, hat sich unterwegs in Wohlgefallen aufgelöst.