Einer der ekelhaftesten Züge der modernen Kultur ist der permanente Druck, glücklich sein zu sollen. Wer es nicht ist, versteckt sich oder versucht zumindest einen guten Grund vorzubringen.
Dahinter steckt auch eine große Lüge oder jedenfalls Illusion: Als ob das Leben leicht wäre! Als ob diejenigen, die es nicht hinbekommen, irgendetwas nicht verstanden hätten. Und, nun gut, es gibt Naturtalente, die bekommen es auch hin. Aber das ist ein Terrormaßstab. Ich würde eine andere Bemessungsgrundlage vorschlagen: Das Leben ist verdammt schwierig, und wer sich einigermaßen achtbar schlägt, ist schon ein Held. Es ist nämlich keine Kleinigkeit, dass man ohne Vorwarnung in diese sonderbare Welt gerät, eine Zeitlang noch schreien darf, dann plötzlich ein Referat halten soll, nach einer beruflichen Entscheidung gefragt wird, vielleicht eines Morgens selbst einen kleinen Schreihals auf dem Arm trägt, und außerdem muss die Wäsche gewaschen werden. Wer das im großen und ganzen unfallfrei bewältigt, ist eigentlich schon ein staunenswertes Wesen.
So ungefähr sollten wir an die Sache rangehen. Dann wären auch nicht so viele Leute depressiv. Man kann das nämlich nicht ertragen, dass einem ständig etwas Leichtes vorgelogen wird und dann ist alles doch so schwierig. Dann denkt man natürlich, mit einem selbst sei etwas falsch. Dann hat man scheinbar nur noch die Wahl, entweder man macht den Schwindel mit oder man verkriecht sich.
Das alles – jetzt kommt der kulturhistorische Teil – hat mit einer Verschiebung im Status des Menschseins zu tun. In früheren Zeiten fühlte sich der Einzelne als Teil eines übergreifenden Zusammenhangs, des Schicksals, der göttlichen Vorsehung. War man unglücklich, konnte man dort nach Gründen suchen. Hiob zum Beispiel hat, als es ihm schlecht erging, lange Diskussionen mit Gott angefangen. Heute – wie schön, wie schrecklich – liegt scheinbar alles in unserer Hand. Wer nicht glücklich ist, ist ein Versager. Oder muss ein Attest vorlegen, das einen anerkannten Glückshinderungsgrund, am besten eine Krankheit nachweist.
Diesem Fanatismus – jetzt der politische Teil – ist Widerstand zu leisten. Hiermit erkläre ich: Ich möchte von dieser Glücksideologie nicht weiter belästigt werden. Ich möchte in aller Ruhe unglücklich sein. Ich möchte mein Unglück ganz entspannt genießen. Nein, ich will nicht in die alten Zeiten zurück. Noch unerträglicher aber ist die heutige Manie, das Glück einfangen zu wollen, es bis in die letzten Winkel zu verfolgen, ihm mit Scheinwerfern bis in die Wälder nachzustellen. Aber das Glück ist ein scheues Wesen. Es hockt wahrscheinlich längst auf einem dunklen Ast und wundert sich. Gleich neben uns, es leistet uns in unserem Unglück Gesellschaft.