Thema: „Ägypten“

Der Alltag ist der Brennpunkt des Erkennens.
Ägyptische Weise

Alte Frau

Die vom Leben Überforderte,
die vom Leben Überfahrene
– sie hat ja alle Kraft zusammengenommen,
um die Kinder ins Leben zu leiten.
Jetzt aber ist alle Kraft dahin.

Ihre Tochter duscht sie und
reibt sie ein – es sind Gesten wie
aus einer anderen Welt.

Morgens, man kennt sie nicht anders,
in aller Herrgottsfrühe
liest sie im Koran,
denkt dann, dass sie hier auf Erden
eigentlich nichts mehr verloren habe.
Gott habe sie wohl vergessen, sagt sie manchmal
und schaut in den Raum.

Im Übrigen ist sie die einzige
Person, die ich kenne, die durch
geschlossene Türen gehen kann.

Unterdrückung bitte

Wenn ein Regime abweichende Meinungen und kritische Fragen unterdrückt, ist das schon deprimierend genug. Wenn sich aber das Regime dabei auch noch der Zustimmung der Mehrheit sicher sein kann – woher soll dann noch Hoffnung kommen? So etwa ist zurzeit die Lage in Ägypten.

Die Migrantin in meinem Bett

Wenn ich nicht bei der Arbeit bin, wo es immer allerhand zu besprechen gibt, bin ich recht schweigsam. Morgens ein Satz und abends zwei Sätze, das ist mir im Grunde genug.

Im Hintergrund aber, in der Küche höre ich meine Lebensnachbarin sprechen. Eine Freundin hat angerufen, sie diskutieren eine Erziehungsfrage. Dann bringt die Dame aus dem zweiten Stock einen Teller zurück, für den Kuchen revanchiert sie sich mit einem Glas Marmelade. Sie besprechen noch etwas über den Garten. Später weitere Telefonate, Meinungen werden ausgetauscht, Dinge durchgespielt, alte Kontakte aufgefrischt, Lebensläufe abgeglichen. Und, nun ja, manchmal machen wir einen Spaziergang, gehen alles noch einmal durch und ich spreche ein paar zusätzliche Sätze.

Wenn ich ihre weitgespannten Kommunikationen beobachte, denke ich immer: Das ist Arbeit am sozialen Gewebe. Dahinter steckt eine Haltung, wie sie glaube ich für die alten Chinesen charakteristisch war. Sie lebten in der Vorstellung, dass die irdischen Dinge in einem Gleichgewicht zu halten wären, dass Störungen ausgeräumt und menschliche Beziehungen immer aufs Neue austariert werden sollten. Sie nahmen sogar an, dass all dies eine höhere, kosmische Bedeutung habe. Nur so, das war wohl die Auffassung, könnten Himmel und Erde in Harmonie existieren.

Ich weiß nicht, inwieweit solche Gedanken in China noch lebendig sind, und meine Frau wirkt auf mich eher arabisch als chinesisch. Aber ihre Gespräche, scheint mir, sind Weltaufrechterhaltungsgespräche.

Und sie lachen auch noch dabei!

Selbstverständlich, nur falls die Frage kommen sollte, bin ich ebenfalls sehr für die Weltaufrechterhaltung. Aber jeder arbeitet halt auf seine Weise.

Notizen von einer Chinareise 10: Provinz Anhui

Ich erwähne die beachtlichen ökonomischen Fortschritte im Land. Ja schon, sagt der junge Chinese, Student der Finanzen, aber wir liegen immer noch weit hinter Taiwan und Japan zurück. – Stimmt, denke ich, ich hätte selbst draufkommen können: Das ist der Maßstab, nicht so sehr Europa oder Amerika. Noch nicht.

Ich glaube gar nicht, dass die Chinesen so viel fleißiger sind als andere Völker. Aber es ist die schiere Zahl, die diesen Anstrengungen solches Gewicht verleiht. 1,3 Milliarden: Wenn da Struktur und Richtung reinkommt…

Bei vielem, was ich hier sehe, denke ich: Es wirkt noch unbeholfen und unvollkommen. Und denke sofort danach: Aber die kriegen das hin.

Unter den ausländischen Touristen hört man auffallend viel Französisch. Nicht selten auch Italienisch.

Zwischendurch in diesem Städtchen eigentlich schöne Plätze. Man möchte sich hinsetzen, einen Kaffee trinken und das Leben beobachten. Aber das gehört hier nicht zur Kultur. Wenn überhaupt gibt es Restaurants, und wenn du außerhalb der Essenszeiten nach einem Kaffee fragst, reagieren sie verschreckt. Nur in den Hostels hat sich schon rumgesprochen, was die Ausländer wollen.

Wir sind hier auf der Höhe von Ägypten. Aber, aus welchen klimatischen Gründen auch immer, gibt es hier reichlich Regen und alles ist grün.

Manche sind wie Kinder. Sie können einfach nicht begreifen, dass man sie nicht versteht, obwohl sie wirklich deutlich gesprochen und es mehrfach wiederholt haben.

In Ländern einer bestimmten ökonomischen Stufe entwickeln sich offenbar mit einer inneren Notwendigkeit bestimmte Infrastrukturen, etwa im Transportsektor. Neben den offiziellen Linien gibt es Unmengen privater Kleinbusse und Sammeltaxis, die jede Nische füllen und jede erdenkliche Strecke bedienen. Sie halten auf Zuruf und nehmen jederzeit noch einen Ballen von Was-auch-immer mit. Im Prinzip das gleiche System habe ich in Mexiko oder der Türkei gesehen, es scheint sich quasi von allein zu entwickeln, völlig unabhängig von kulturellen und politischen Hintergründen.

Ein Rätsel ist mir nach wie vor das offenbar ganz anders gelagerte Risikoempfinden in diesen Breiten. Viele gondeln auf ihren Mopeds, meist ohne Helm und manchmal noch mit einem Kind hinten drauf, mitten auf der Straße und bleiben völlig ungerührt, wenn hinter ihnen ein dicker Laster hupt und links und rechts die Autos vorbeiziehen. Sicherlich müssen sie keine deutsche Rechthaberei fürchten, aber mir scheint doch klar zu sein, dass da vieles schiefgehen kann. – Ich vermute, dass es mit einem anderen Kausalitätsempfinden zu tun hat, so dass sie nach einem Unfall nicht sagen würden: Da hat der Helm gefehlt, sondern: Da waren höhere Mächte im Spiel,  Schicksal, es fehlte der Beistand von oben. Demgegenüber empfindet der säkularisierte westliche Mensch Unglück eher als selbstverschuldet. “Wie konntest du nur…?!” Davon leben ganze Industrien bis hin zur Versicherungsindustrie.

Ägyptische Splitter (6): Wir sind ein Volk

Vom Tahrir-Platz wird diese Szene berichtet: Unter den Demonstranten steht ein Mann mittleren Alters, wohl aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung, neben ihm eine junge Frau, Typus Studentin. Als es dann ernst wird, ruft er ihr zu: Hau ab, Mädchen, du kannst Lesen und Schreiben, dich brauchen wir nach der Revolution.

Ägyptische Splitter (5): Wer macht den Anfang?

Wie die Mentalität bei uns zu Hause ist, erkenne ich, wenn meine Mutter auf Reisen ist, erzählt die im Ausland lebende Ägypterin. Dann lasse ich die alte Frau auf den Flughäfen mit einem Rollstuhl zum jeweiligen Gate bringen. Im Ausland funktioniert das auch reibungslos. In Ägypten in der Regel auch, aber dort wird sie auf dem kurzen Transfer mehrmals von einem Angestellten an einen anderen übergeben. Jeder erwartet natürlich Trinkgeld, auf diese Weise haben gleich mehrere etwas von der kleinen Aktion.

Auf Schritt und Tritt begegnet man in dem Land einer Mentalität, die Geld ohne Leistung möchte, oder nur für eine quasi symbolische Leistung. Der Hauptgrund ist sicherlich, dass die Gehälter so niedrig sind, dass jeder auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen ist. Außerdem fühlt man sich seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich so betrogen und ausgenutzt, dass man sich gewissermaßen dumm vorkäme, wenn man selbst korrekt und fleißig wäre. Es ist ein Teufelskreis. Dabei ist klar, dass es keine unproduktivere Weise gibt, eine Ökonomie zu organisieren als das Prinzip der Rollstuhl-Stafette. Für ein geringes Ergebnis werden hier viele Kräfte, zudem mit einigem Koordinationsaufwand, gebunden.

Wer aber macht den Anfang? Wo, oben und unten in der Gesellschaft, beginnt die Veränderung? Noch ist sie, trotz des politischen Umbruchs, kaum zu spüren.

Ägyptische Splitter (4): Halbe Revolutionen

In jeder Revolution gibt es einen Moment der Schwäche und der Auflösung des alten Regimes, einen Moment, in dem die bisherigen Strukturen scheinbar ins Nichts sinken und alles möglich erscheint. Wenn die Kräfte der Veränderung diesen Moment erfassen und politisch nutzen, können sie fast alles durchsetzen und die strategisch entscheidenden Positionen neu besetzen. Meist allerdings sind die Revolutionäre selbst so verblüfft, das Tor zur Macht urplötzlich offen zu sehen, dass sie das neue Glück bestaunen und zunächst mal höflich debattieren, wann und in welcher Formation man einziehen könnte.

Aber die Dinge drehen sich schnell. Innerhalb von Tagen spüren die alten Kräfte: Da geht noch etwas, die anderen sind nicht so stark wie es schien, oder jedenfalls nicht hinreichend organisiert. Man sammelt sich neu. Und wird auf einmal äußerst findig, um die bisherigen Verhältnisse zu sichern und die Gegenseite zu diskreditieren und zu diffamieren.

So war das in Deutschland 1848 und 1918, und so ist das heute in Ägypten. Wenn der rechte Augenblick verpasst ist, wird es quälend, wird es blutig.

Ägyptische Splitter (3)

Die junge Frau aus Australien fragt, was es mit dem Pilgern auf sich hat. In ihrem Kopf sind einige Jakobsweg-Bilder, die auf den Islam nicht passen.

Um ihr den Ursprung der verschiedenen Rituale in Mekka zu erklären, erzählt der ältere Herr die Geschichte von Ibrahim (Abraham), seinen Frauen Sarah und Hagar und deren Söhnen. Nach islamischer Lesart spielt Mekka eine zentrale Rolle in dieser Geschichte, Ibrahim soll Hagar und ihren Sohn dorthin gebracht haben.

Als der Erzähler an die Stelle kommt, an der Gott Ibrahim befiehlt, seinen Sohn zu opfern und dieser tatsächlich gehorcht und zur Tat schreiten will und Gott ihn erst im letzten Moment zurückhält und statt des Kindes einen Widder opfern lässt, kann der Mann nicht weitersprechen. Ihm sind Tränen in die Augen gestiegen, er bittet seine Tochter fortzufahren. – Die lächelt nur: Wein’ ein bisschen, Papa, dann erzähl weiter.

Dass ein Mensch durch eine religiöse Geschichte zu Tränen gerührt ist, habe ich in Europa in fünf Jahrzehnten nie erlebt.

Ägyptische Splitter (2)

In Ägypten habe ich angefangen über das Prinzip der Ampel nachzudenken. Es ist ein Land, in dem es praktisch keine Ampeln gibt, und wenn, haben sie nur dekorative Bedeutung. (Fast wie die Polizisten, deren Autorität, zumal seit der Revolution, arg gelitten hat. Manchmal bekommen sie aus dem Autofenster zu hören: Du hast uns gar nichts mehr zu sagen!) Tatsächlich reguliert sich der Verkehr praktisch von allein. Wenn sich zum Beispiel zwei Straßen kreuzen, dann schieben und drängeln und fädeln sich die Fahrzeuge mit größter Geschicklichkeit aneinander vorbei.

Allerdings ist das ganze, trotz allseitiger Flexibilität, zwangsläufig eine langsame, fast stehende Angelegenheit. Vermutlich wäre ein klarer Rhythmus von völligem Stehen und wirklichem Fahren besser als das konstante kollektive Ruckeln. Das ist die Idee der Ampel. Wahrscheinlich gibt es längst irgendwo Vergleichsstudien darüber, wie viele Autos pro Zeiteinheit im Ampel- und wie viele im Drängel-Modus eine Kreuzung queren können. Selbst unter Berücksichtigung der ägyptischen Fahrkünste dürfte der Durchsatz im Ampel-Modus höher sein. Denkt der Deutsche.