Thema: „Alter“

Anthroposophie (9): Keime

Ein Satz mit großer Tragweite: „Wie der Pflanzenkeim in der gegenwärtigen Pflanze die künftige vorbildet, so entwickelt sich, verborgen im menschlichen Innern, ein geistig-seelischer Keim, der sich durch seine eigene Wesenheit für die geistige Wahrnehmung als die Anlage des künftigen Erdenlebens erweist.“
Sollte die Analogie, von der Steiner hier spricht, zutreffen, würde sich (im Vergleich zu den üblichen Sichtweisen) das ganze Menschenleben in einem anderen Licht darstellen. Unter anderem hieße es: Der Mensch hat im Alter nicht das Wesentliche hinter sich, sondern sein Leben ist bis zur letzten Stunde bedeutsam und zukunftsträchtig. Eigentlich bekäme auch das Wort „letzte Stunde“ eine andere, begrenztere Bedeutung.

Kreislauf

Der Ausgang ist wie der Eingang. Gegen Ende gleicht das Menschenleben häufig seinem Anfang: in seiner Schwäche, in seiner Hilflosigkeit, im Angewiesensein auf andere. Vielleicht nässen wir sogar wieder ein.
Nur selten aber erfahren Menschen auf dieser letzten Strecke ähnliche Aufmerksamkeit und Fürsorge wie in ihren ersten Jahren.
Liegt es daran, dass sie sowieso bald gehen werden? So dass, in einer unbewussten Rechnung, der Einsatz nicht recht lohnt? Könnte es sein, dass eine solche Sichtweise die Dinge des Lebens gründlich missversteht?

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.

Alte Frau

Die vom Leben Überforderte,
die vom Leben Überfahrene
– sie hat ja alle Kraft zusammengenommen,
um die Kinder ins Leben zu leiten.
Jetzt aber ist alle Kraft dahin.

Ihre Tochter duscht sie und
reibt sie ein – es sind Gesten wie
aus einer anderen Welt.

Morgens, man kennt sie nicht anders,
in aller Herrgottsfrühe
liest sie im Koran,
denkt dann, dass sie hier auf Erden
eigentlich nichts mehr verloren habe.
Gott habe sie wohl vergessen, sagt sie manchmal
und schaut in den Raum.

Im Übrigen ist sie die einzige
Person, die ich kenne, die durch
geschlossene Türen gehen kann.

Vollgas ins Altenheim

Wie schön, wenn Menschen einen Sinn für Rhythmen und Lebensphasen haben. „Das Auto behalte ich noch, bis ich ins Altenheim gehe“, sagte die alte Dame, „dann kann ich noch ein paar Sachen selbst transportieren.“ Genau so hat sie es dann auch gemacht und für den Wagen auch gleich einen Käufer gefunden.

An ihrem letzten Wochenende mit Auto machte sie noch mal eine Fahrt – ein schöner Morgen, die Straßen waren leer, Vollgas durch die norddeutsche Tiefebene. Dann lieferte sie den Schlüssel ab.

„Väter und Söhne“

Ich staune, dass jemand einen solchen Roman schreiben konnte. Oberflächlich gesehen lässt Iwan Turgenjew nur eine Reihe von Gesprächen dahinplätschern, es ist die Welt der kleinen Gutsbesitzer, auch sie haben ihre Sorgen, es gibt Ärger mit den Bauern, man ist aufgeschreckt angesichts der jungen „Nihilisten“ mit ihren radikalen Ansichten.

Auf einer tieferen Ebene aber geht es um ein menschliches Grundverhältnis: um die Alten, die die Jungen nicht erreichen können. Die Alten zerfließen geradezu vor Liebe, sie versuchen sich ihren erwachsenen Kindern möglichst unauffällig zu nähern, schwankend zwischen Hilflosigkeit und Haltung, in verstohlener Frömmigkeit. Demgegenüber die Kraft und das Überlegenheitsgefühl der Jungen, in Wahrheit aber ohne Fundament. Ihre großen Impulse sind nicht nachhaltig, ein paar schöne Augen reichen, um sie aus der Bahn zu werfen, ihre Lebensgeschichten werden durch banale Zufälle gelenkt und gar beendet. Jugend erscheint wie eine Art Verpuffung.

Am Ende zwei untröstliche Alte am Grab ihres Sohnes. Der war ein arroganter Dummkopf, aber sie haben ihn geliebt. Es ist, als hätte Turgenjew das Ewige ins Zeitliche gewoben.

So vielversprechend

Es ist immer eine Freude, Kinder im Alter von etwa fünf bis zehn Jahren zu beobachten: ihre offenen Augen, ihre tastende Intelligenz, ihre Fähigkeit zum Guten.

Wie viele von ihnen aber werden siebzig Jahre später enttäuscht und gebrochen aus dem Leben gehen! Noch ist die Welt keine erfreuliche Veranstaltung.

Robust

Wenn ich die zahlreichen Gefährdungen des Daseins sehe, durch Unfälle oder Krankheiten, selbst eine Grippe kann uns schon an unsere Grenzen bringen – dann wundere ich mich manchmal, dass überhaupt so viele Menschen ein höheres Alter erreichen.

Vermutlich sehe ich zu wenig, dass der Mensch auch ein äußerst starkes Gewächs ist. Die langen Wege der Evolution haben ihn offenbar mit beachtlichen Kräften oder Gegenkräften ausgerüstet, zur Not greift die moderne Medizin noch stützend ein. Zwar können wir dennoch durch bestimmte Krankheiten innerhalb von Monaten zugrundegehen. Daneben aber bleibt ein weites Spektrum an Bedrohungen, mit denen wir noch fertig werden, so dass tatsächlich viele, gewiss gezeichnet und vernarbt, ihr Haar ergrauen sehen.

Wie soll man sonst abheben?

Älter werden, meine ich, sollte auch bedeuten: leichter werden. Sich bereit machen, dies und jenes abwerfen, sich trennen, bevor man sich trennt…

Auf der Pflegestation

Er war ein bedeutender Kopf, jetzt kann er kaum mehr seine Hose hochziehen. Jetzt übernehmen fremde Menschen die Herrschaft über seinen Körper. Von all dem Früheren wissen sie nichts, das alles zählt nicht mehr, sie wissen nur: Zimmer 14 kann die Hose nicht hochziehen.

Das Höchste wäre schon, wenn sie, ohne ihn zu kennen, den Geist respektierten, der dieses Leben trug, auch dann noch, wenn er zu verblassen beginnt, auch dann noch, wenn er entweicht.