Thema: „Anthroposophie“

Anthroposophie (15): Falsche Freunde

Wenn den Besucher eines Museums der Hinweis auf die Sponsoren begrüßt, die eine bestimmte Ausstellung „ermöglicht“ haben, oder wenn Wissenschaftler sogenannte Drittmittel einwerben, um ihre Forschungen mit besserer Ausstattung vorantreiben zu können, dann wird jeder den vordergründigen Nutzen begreifen; und doch werden viele zugleich ein Unbehagen empfinden. Noch viel größer wird das Unbehagen bei der massiven Einwirkung wirtschaftlicher Interessen im politischen Raum.

Was aber ist daran eigentlich falsch? Ist es nicht wünschenswert, dass die Sphären kommunizieren? Dass Ökonomie und Kunst in Verbindung kommen? Und, ja, dass Politik sich auch als Sachwalterin wirtschaftlicher Projekte versteht, von denen häufig viele Arbeitsplätze abhängen?

Dennoch ist der Argwohn gegenüber einem solchen Übergreifen aus einer Sphäre in eine andere berechtigt. Er erfasst spontan, welche Verschiebungen und Verzerrungen in einem solchen Übergreifen angelegt sind, wie hier untergründige Abhängigkeiten entstehen und sachfremde Gesichtspunkte einsickern. Nur gilt es das diffuse Unbehagen zu klären, gilt es begrifflich herauszuarbeiten, warum kommunizierende Sphären dennoch nach ihren eigenen Gesetzen funktionieren sollten.

Genau dies versucht Steiners Konzept der sozialen Dreigliederung zu leisten. Es kann ein erhellendes Licht auf Fehlentwicklungen werfen, die von vielen gespürt, aber von wenigen verstanden werden. Was Steiner als Leitbild formuliert – eine relative Autonomie von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben – kann auf den ersten Blick als ein steifes und künstliches Modell erscheinen. Und kann doch nach und nach in seinem inneren Sinn und seiner praktischen Bedeutung sichtbar werden.

Anthroposophie (14): Nicht frei Haus

Anthroposophie hat zwei recht unterschiedliche Seiten. Zum einen spricht sie von einer Erkenntnismethode, zum anderen breitet sie Ergebnisse aus. Der Unterschied ist so groß wie der zwischen dem Bau eines Fernrohres und der Beschreibung dessen, was man damit sehen kann.

Das erste, die Methode, der Weg, ist zugleich ein Weg zur Selbstveränderung des Menschen. Denn – das ist zentral in Steiners Lehre – mit seinen bisherigen Mitteln, Sinneserkenntnis und kombinierendem Verstand, kann der Mensch nicht in die Tiefen der Wirklichkeit vordringen. Er braucht neue Organe der Erkenntnis. Diese aber können allein aus einer inneren Entwicklung des Menschen hervorgehen, die dessen ganzes Dasein transformiert. Steiner ist in diesem Punkt so radikal wie es je ein spiritueller Lehrer war: Erst wenn der Mensch sich selbst in einer durchgreifenden Weise umformt und läutert, wird er reif für eine andere Art von Erkenntnis. Erst dadurch „kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen für die Erforschung der übersinnlichen Welt“. Streng genommen öffnet sich erst dann der Zugang zum Zweiten, zu dem, was mit diesem Instrument erkennbar wird.

In der Praxis erscheinen die Dinge natürlich weniger getrennt und begegnet dem Steiner-Leser beides zugleich: Steiners Aussagen über die notwendigen inneren Prozesse und seine „Mitteilungen“ über das, was als Ergebnis dieser Prozesse sichtbar wird – sozusagen Bau des Fernrohres und Blick ins Universum.

Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin.

Anthroposophie (13): Geruhsame Nacht, Herr Höcke!

Ich muss gestehen, dass mir sofort einleuchtete, was ich unlängst bei Steiner las: dass der Mensch „eigentlich nur zur Hälfte ein soziales Wesen ist, dass er zur anderen Hälfte ein antisoziales Wesen ist“.

Leider kommt es noch schlimmer. Unglückseligerweise, so Steiner, dominierten gerade im Tagesbewusstsein die antisozialen Impulse – „Nur wenn wir schlafen, stellen wir ein ungeschminktes, richtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch her“.

Versöhnlich fand ich aber die Fortsetzung: „dass man gut chauvinistisch national sein kann im Wachen – wenn man in Schlafe ist, wird man gerade unter diejenigen Menschen versetzt, ist man mit denen zusammen, namentlich mit ihrem Volksgeist, die man im Wachen am allermeisten hasst. Dagegen lässt sich schon nichts machen“.

Anthroposophie (12): Stoßlüftung

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man, wenn man über längere Zeit hauptsächlich Steiner gelesen hat und dann plötzlich vom Regal herab ein Nietzsche-Band aufgeschlagen vor Augen fällt – dass man dann aufatmen, ja auflachen kann! Denn diesen Übermut und diese Eleganz, die hatte man vermisst, und selbst die Bosheiten, die doch die schönsten Wahrheiten transportieren. Wer außer Nietzsche hätte diese Witterung, die selbst noch Moleküle falscher Ambition anzeigt, wer wäre ein größerer Experte für die Tücken der Moralität, die Sumpfgebiete der Bigotterie? Kein anderer hat ein solches Auge für den psychologisch nicht gedeckten, unredlichen Aufstieg. – Wer in religiösen oder spirituellen Räumen herumsteigt, sollte sich, finde ich, unterwegs immer mal mit Nietzsche austauschen.

Anthroposophie (11): Wahrhaft

Man ist in unserer Epoche gewohnt, dass Autoren in einem gewissen Maß „auf Effekt“ schreiben, möglichst geschliffen und pointiert formulieren. – Nun gibt es durchaus eine Pointiertheit, die im Dienste des Inhalts steht. Sie bringt, einer physikalischen Formel vergleichbar, einen sachlichen Zusammenhang in letzter Kürze und Eleganz auf den Begriff. Meist aber hat die heutige Pointiertheit noch eine andere Komponente: dass der Autor mit ihr brilliert, sich darstellt, manchmal in einer Virtuosität, die sich verselbstständigt und vor den Inhalt schiebt. Selbst gute Autoren stehen in dieser Versuchung.
Es kann eine Weile dauern, bis man begreift, dass dies alles bei Steiner bedeutungslos ist. Er schreibt gewissermaßen rein entlang der Sache. Er bezwingt rein durch die Wahrheit.

Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?

Auch wenn es allem widerspricht, was Steiner dazu sagte: Angesichts der Dimension des Neuen, das er vorlegt, angesichts der für das heutige Bewusstsein völlig fremden Räume, ja Welten, die er öffnet, haben seine Aussagen doch den Charakter einer Offenbarung; nicht in ihrem Anspruch, aber in ihrer faktischen Erscheinungsform.
Gewiss soll alles, wie Steiner sagt, für jeden nachvollziehbar und zugänglich sein. Aber zunächst einmal steht es bis heute für die Mehrzahl der Menschen wie eine fremde, überdimensionale Mitteilung im Raum, die erst nach und nach verständlich werden könnte. Der Vorgang gleicht dem, den Lessing visionär für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Christentum ins Auge fasste: „die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. (Selbstverständlich nicht zu verstehen als Einpassung der größeren Wirklichkeiten ins Menschenformat, sondern umgekehrt als dessen durchgreifende Öffnung zu jenen Wirklichkeiten, statt sie nur entwicklungsfaul aus der Ferne anzustaunen.)
Ob etwas Erklärung oder Offenbarung ist, ist gewissermaßen immer eine Frage der Entfernung, des mentalen Abstands zwischen Sender und Empfänger. Und es ist, in einem Entwicklungsmodell verstanden, eine Frage des Zeitpunktes. Den Satz des Pythagoras kann ein jüngeres Kind nur wie eine fremde Mitteilung, eine „Offenbarung“, hinnehmen, einem 15-Jährigen kann er allmählich durchsichtig und verständlich werden.

Anthroposophie (9): Keime

Ein Satz mit großer Tragweite: „Wie der Pflanzenkeim in der gegenwärtigen Pflanze die künftige vorbildet, so entwickelt sich, verborgen im menschlichen Innern, ein geistig-seelischer Keim, der sich durch seine eigene Wesenheit für die geistige Wahrnehmung als die Anlage des künftigen Erdenlebens erweist.“
Sollte die Analogie, von der Steiner hier spricht, zutreffen, würde sich (im Vergleich zu den üblichen Sichtweisen) das ganze Menschenleben in einem anderen Licht darstellen. Unter anderem hieße es: Der Mensch hat im Alter nicht das Wesentliche hinter sich, sondern sein Leben ist bis zur letzten Stunde bedeutsam und zukunftsträchtig. Eigentlich bekäme auch das Wort „letzte Stunde“ eine andere, begrenztere Bedeutung.

Anthroposophie (8): Wo suchst du?

Die mentale Ausrichtung unserer Epoche zeigt sich sehr schön darin, in welcher Richtung, wenn überhaupt, eine Lösung der großen Welträtsel gesucht wird. Der Physiker Harald Lesch bemerkt einmal, Physiker würden sehr oft nach Gott gefragt, niemand befrage aber seinen Bäcker oder Tankwart danach. Die Erwartung ist offenbar, dass gerade die moderne Physik mit ihren Vorstößen in die Welt des Allergrößten und des Allerkleinsten tiefere Einsichten bringen könne. Die Auflösung der alten Vorstellungen von Raum und Zeit etwa, wie sie durch die Relativitätstheorie geleistet wurde, oder auch, im Mikrokosmos, eigenartige Phänomene der Quantenwelt – all dies wirkt vielversprechend. Es fördert die Vermutung, dass an den Rändern heutiger Erkenntnis, in den Extremen des Materiellen, entscheidende Antworten zu finden seien; dass dort womöglich etwas Anderes beginne, das in jenen sonderbaren Phänomenen schon zart in unser Blickfeld hineinschwappe.
Wie aber, wenn das Andere nicht an den Rändern begänne, in den Tiefen des Universums und der Quantenwelt, sondern in der Mitte, in dem, was wir längst zu kennen glauben und vielleicht doch nicht kennen? Wie, wenn das Andere unentwegt in der Natur und insbesondere im Menschen selbst präsent wäre und somit nicht in der Ferne, sondern hier zu suchen wäre?
Dies wäre eine Arbeitshypothese, die quer zu den mentalen Tendenzen der Epoche stünde. Ihr nachzugehen würde eine diametrale Veränderung der Suchrichtung bedeuten, in letzter Konsequenz eine Verknüpfung von Welterkenntnis und Selbsterkenntnis.
Genau so wird man die Anthroposophie verstehen können. Sie beginnt, wie der Name nahelegt, mit einem tieferen Blick auf den Menschen.

Anthroposophie (7): Kontinuum

Vollkommen fremd ist den heute verbreiteten Denkformen allein schon die Selbstverständlichkeit, mit der Steiner nicht nur vom „Leben zwischen Geburt und Tod“, sondern auch vom „Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt“ spricht. Und überhaupt: dass er auch im zweiten Fall von Leben spricht.
Das Leben in einem Körper ist in seiner Weltsicht eben nur eine, nicht die einzige Form des Lebens.

Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster

Einer der ersten Eindrücke, wenn man das anthroposophische Milieu streift, ist der, dass dort ein großes Gewese um bestimmte Begriffe gemacht wird, insbesondere das „Ich“, die „Individualität“ und das „Denken“, vorzugsweise das „reine“ Denken.
Das wirkt nicht einladend, macht nicht neugierig. Was Ich und Individualität betrifft, werden viele Menschen finden, dass es damit heutzutage ohnehin schon übertrieben werde. Und in Bezug aufs Denken empfinden die meisten auch keinen Mangelzustand, sie ersehnen eher Aufschwünge emotionaler Art. Entsprechend kann es scheinen, als brächte Steiner mehr von dem, wovon es jetzt schon zu viel gibt.
All dies geht nun völlig an Steiners Verständnis dieser Begriffe vorbei. Bis dieses indes verdolmetscht ist, sind die Leute schon weitergezogen.