Thema: „Arbeit“

Der Kellner

Mit jeder Geste, mit jeder Faser seines Wesens strahlt er die Zufriedenheit aus, hier zu arbeiten. Alle, scheint mir, sind gern in seiner Gegenwart, so ein Mensch kann einen ganzen Raum prägen. Ich gehe eigentlich nur noch essen, um ihn weiter zu beobachten.

Als ik kan

Jan van Eyck    („So gut ich es vermag“: Leitsatz des flämischen Malers, den er auf manchen seiner Werke notierte)

Das Sonntagabendhaus

In allen Wohnungen ist Licht. Alle sind zu Hause. Noch ist Wochenende, aber der Montag weht schon in die Gedanken hinein. Vielleicht ein „Tatort“. Und die Kleider für morgen rauslegen. Arbeitnehmermelancholie.

Trachte danach, die Aufgabe, die gerade vor dir liegt, mit gesammelter Kraft und in ernster, aber unverkrampfter Würde, in Liebe zu deinem Nächsten, in innerer Freiheit und Gerechtigkeit als Römer und als Mann zu erfüllen, und verschaff dir Ruhe vor allen anderen Gedanken!

Marc Aurel

Übertragung

Ich habe eine Kollegin, die ist so anstrengend, so empfindlich, auch irgendwie so auf Status und gewisse Konventionen fixiert, dass wir fast immer in kleinliche Diskussionen geraten. Manchmal, wenn wir zusammen in die Kantine gehen, erwähnt sie, dass sie mal wieder Kopfweh hat.

Auf dem Rückweg ist das Kopfweh dann bei mir.

Sich stimmen

Joseph Haydn, von einem Kollegen einmal befragt, woher denn seine erstaunliche Produktivität komme, soll gesagt haben: „Ja sehen Sie, ich stehe früh auf, und sobald ich mich angekleidet habe, fall ich auf die Knie und bete zu Gott und zur heiligen Jungfrau, dass es mir heute wieder gelingen möchte. Hab ich dann gefrühstückt, so setze ich mich ans Klavier und fange an zu suchen.“

Ich finde, das ist, im Großen und Ganzen, die richtige Einstellung zur Arbeit. Sicherlich kann man die Dinge in etwas andere Begriffe übersetzen. In diesem Geist aber, mit oder ohne Jungfrau, kann Bedeutendes gelingen.

Wie einem Kind

Wenn man mit einem kleinen Kind beschäftigt ist, sollte man alles andere vorübergehend ausblenden, sich von den vermeintlichen Wichtigkeiten der Welt nicht beirren lassen und sich allein diesem Wesen zuwenden. Dann zählt nur Hingabe, unabgelenkt.

Genau diese Haltung aber, scheint mir, sollten wir auch sonst einnehmen lernen – ohne Kind. Dem, was wir tun, was es auch sei, unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken: das ist vielleicht das Größte, das wir vermögen.

Aufgescheucht und aufgewirbelt

Alles in leicht hektischer und angestrengter Weise zu tun, so wie es der Stil unserer Zeit ist und wie es unterschwellig sogar als Beleg von Wichtigkeit und Bedeutung gilt – darauf sollte man nicht stolz sein. Dieser unruhige Hintergrund wird sich in der einen oder anderen Form immer auch im Ergebnis niederschlagen. Den Werken wird die letzte Klarheit und Reife fehlen.

Es wäre allerdings auch denkbar, dass der tiefere Grund der Geschäftigkeit darin liegt, dass man Klarheit und Reife gar nicht anstrebt oder sogar subtile Angst vor ihnen hat. Die Klarheit könnte ja, zum Beispiel, auch eine Klarheit über die Hinfälligkeit und Belanglosigkeit vieler Aktivitäten sein. Vermutlich will die moderne, aktivitätsstolze Mentalität manches gar nicht wirklich sehen. Jedenfalls scheint es häufig, als wäre sie mindestens so sehr mit dem Zudecken wie mit dem Aufdecken beschäftigt. Oder – ihre Spezialität – sie deckt eine Sache mit solchem Wirbel auf, dass zwanzig andere in der Staubwolke verschwinden.

Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? als Automat der „Pflicht“?

Friedrich Nietzsche

Bei Betrachten einiger Bilder von Neo Rauch

Menschen, die wie weggetreten wirken, abwesend, in Unergründliches versunken, beschäftigt mit unbekannten Aufgaben. Gerade dadurch sind sie gut getroffen. Die Abwesenheit ist, über weite Strecken, die Art unserer Präsenz.