Thema: „Auto“

Im toten Winkel der Integration

Ach, wie zauberhaft klingt das deutsche Wort „Schulterblick“ aus dem Munde eines syrischen Flüchtlings. Manche machen zurzeit ihren Führerschein. Einige sind in der Heimat schon jahrelang Auto gefahren, aber – nützt ja nichts – vor ihnen liegt jetzt die ganze deutsche „Theorie“ mit ihren Millionen Regeln und Schildern. Und dann die Fahrstunden. Und eben der Schulterblick. Der ist ja ein Heiligtum des hiesigen Fahrlehrergewerbes, ohne Schulterblick beim Abbiegen und Rückwärtsfahren kannst du sofort wieder aussteigen. Also praktizieren die Migranten jetzt den Schulterblick. Und nicht ohne Überzeugung, sie sind doch schon etwas deutsch. Auch wenn die Erinnerungen an die Heimat so schön dazwischenfunken. „Bei uns“, erzählt einer, „würden die Leute denken: Warum wendet er sich um?, er hat doch drei Spiegel. Offenbar ein Anfänger.“ – Kulturelle Differenzen, wohin man sieht.

It’s magic

Man erzählt mir von einem Mann, der aus einem fernen Land nach Deutschland kam. Als er zum ersten Mal an einem Zebrastreifen die Straße überqueren wollte, stellte er fest, dass sofort alle Autos hielten. Er fand das bemerkenswert. In seinem Land sind Zebrastreifen, sofern vorhanden, nur eine Art Deko, die niemand beachtet. Seine Begeisterung war so groß, dass er gleich mehrere Male hin und zurück über die Straße ging. Es funktionierte immer.

Kurze Fahrt zur langen Weile

Es gibt Leute, die langweilen sich an Ort A und langweilen sich an Ort B. Aber sie fahren 180, um möglichst schnell von A nach B zu kommen. – Im Grunde gilt doch die Faustregel: Dort, wo sich innerlich wenig bewegt, sucht man die äußere Bewegung.

Vollgas ins Altenheim

Wie schön, wenn Menschen einen Sinn für Rhythmen und Lebensphasen haben. „Das Auto behalte ich noch, bis ich ins Altenheim gehe“, sagte die alte Dame, „dann kann ich noch ein paar Sachen selbst transportieren.“ Genau so hat sie es dann auch gemacht und für den Wagen auch gleich einen Käufer gefunden.

An ihrem letzten Wochenende mit Auto machte sie noch mal eine Fahrt – ein schöner Morgen, die Straßen waren leer, Vollgas durch die norddeutsche Tiefebene. Dann lieferte sie den Schlüssel ab.

Zur Ästhetik der Dörfer

Ein Unheil kommt selten allein. Die Einführung von Autos wäre vielleicht noch zu verkraften gewesen, aber dann kam noch der Carport.

Auf dem Rücksitz

Eltern sind die, die keine Fehler machen. Eltern sind die, bei denen man ruhig hinten im Auto schlafen kann. Eltern sind die, die auf jede Frage eine Antwort wissen.

Solches Urvertrauen erscheint mir als etwas Schönes, auch wenn klar ist, dass es irgendwann Risse bekommen wird. Es hat seine Zeit, dann kommt eine andere.

Plötzlich so leer

Ich frage mich manchmal, wie es auf den Straßen aussähe, wenn diejenigen mal ihr Auto stehen ließen, die nur sinnlos oder aus nichtigen Anlässen durch die Gegend fahren.

Wenn Müllers rasteten

Wenn damals in den Siebzigern der Vater auf den Rastplatz bog und alle ausstiegen und die belegten Brote aus den Tüten zogen, und wenn dann auf dem Parkplatz gegenüber eine muntere Truppe hielt, mit langhaarigen Studenten, die redend und rauchend um ihren Wagen lungerten, dann hielt sich die eine Schwester ganz bei der Familie, froh an ihrer heilen Welt, während die andere ein Stück abseits trat, um zu zeigen: Ich gehöre nicht dazu. Sie wäre lieber bei den anderen gewesen.
Das stellten die beiden Jahre später fest.

Notizen von einer Chinareise 10: Provinz Anhui

Ich erwähne die beachtlichen ökonomischen Fortschritte im Land. Ja schon, sagt der junge Chinese, Student der Finanzen, aber wir liegen immer noch weit hinter Taiwan und Japan zurück. – Stimmt, denke ich, ich hätte selbst draufkommen können: Das ist der Maßstab, nicht so sehr Europa oder Amerika. Noch nicht.

Ich glaube gar nicht, dass die Chinesen so viel fleißiger sind als andere Völker. Aber es ist die schiere Zahl, die diesen Anstrengungen solches Gewicht verleiht. 1,3 Milliarden: Wenn da Struktur und Richtung reinkommt…

Bei vielem, was ich hier sehe, denke ich: Es wirkt noch unbeholfen und unvollkommen. Und denke sofort danach: Aber die kriegen das hin.

Unter den ausländischen Touristen hört man auffallend viel Französisch. Nicht selten auch Italienisch.

Zwischendurch in diesem Städtchen eigentlich schöne Plätze. Man möchte sich hinsetzen, einen Kaffee trinken und das Leben beobachten. Aber das gehört hier nicht zur Kultur. Wenn überhaupt gibt es Restaurants, und wenn du außerhalb der Essenszeiten nach einem Kaffee fragst, reagieren sie verschreckt. Nur in den Hostels hat sich schon rumgesprochen, was die Ausländer wollen.

Wir sind hier auf der Höhe von Ägypten. Aber, aus welchen klimatischen Gründen auch immer, gibt es hier reichlich Regen und alles ist grün.

Manche sind wie Kinder. Sie können einfach nicht begreifen, dass man sie nicht versteht, obwohl sie wirklich deutlich gesprochen und es mehrfach wiederholt haben.

In Ländern einer bestimmten ökonomischen Stufe entwickeln sich offenbar mit einer inneren Notwendigkeit bestimmte Infrastrukturen, etwa im Transportsektor. Neben den offiziellen Linien gibt es Unmengen privater Kleinbusse und Sammeltaxis, die jede Nische füllen und jede erdenkliche Strecke bedienen. Sie halten auf Zuruf und nehmen jederzeit noch einen Ballen von Was-auch-immer mit. Im Prinzip das gleiche System habe ich in Mexiko oder der Türkei gesehen, es scheint sich quasi von allein zu entwickeln, völlig unabhängig von kulturellen und politischen Hintergründen.

Ein Rätsel ist mir nach wie vor das offenbar ganz anders gelagerte Risikoempfinden in diesen Breiten. Viele gondeln auf ihren Mopeds, meist ohne Helm und manchmal noch mit einem Kind hinten drauf, mitten auf der Straße und bleiben völlig ungerührt, wenn hinter ihnen ein dicker Laster hupt und links und rechts die Autos vorbeiziehen. Sicherlich müssen sie keine deutsche Rechthaberei fürchten, aber mir scheint doch klar zu sein, dass da vieles schiefgehen kann. – Ich vermute, dass es mit einem anderen Kausalitätsempfinden zu tun hat, so dass sie nach einem Unfall nicht sagen würden: Da hat der Helm gefehlt, sondern: Da waren höhere Mächte im Spiel,  Schicksal, es fehlte der Beistand von oben. Demgegenüber empfindet der säkularisierte westliche Mensch Unglück eher als selbstverschuldet. “Wie konntest du nur…?!” Davon leben ganze Industrien bis hin zur Versicherungsindustrie.

Ist das etwa nicht Diskriminierung?

Es gibt große, neue Gebäude mit riesigen Tiefgaragen, offenbar auf einen noch weiter wachsenden Bedarf ausgelegt, aber die Fahrradstellplätze davor sind vom ersten Tag an zu knapp. – Vielleicht ist es auch nur die Dummheit der Architekten,  die vor ihrem formidablen Werk keinen Stall für Drahtesel sehen wollen und denen die ästhetische Kraft fehlt, das Notwendige intelligent zu integrieren.