Thema: „China“

Die Vergänglichkeit ist ihr schon eingeschrieben

Ziehende Wolken, das Licht des Mondes auf der Fußmatte, ein ferner Ruf aus dem Dorf… – vielleicht liegt darin die unscheinbare Größe der alten chinesischen Poesie: dass sie etwas naturgleich Verwehendes hat. Nicht das westliche Meißeln und Festhaltenwollen. Ihre Zeitlosigkeit liegt in ihrer entschiedenen Zeitlichkeit.

Ecce Homo

In einer Ausstellung sehe ich Fotos aus den Zeiten der chinesischen Kulturrevolution. Die Gedemütigten werden öffentlich vorgeführt. Auf ihren Köpfen lange spitze Papierhüte, an ihren Körpern hängen Plakate mit Revolutions-Losungen, auf Stirn und Wangen sind Schriftzeichen geschmiert, die ihre Sünden aufzählen.

Mit ihren Gesichtern, ihrer Haltung, bieten sie ein Bild der Ergebung und der verletzten Würde. Nicht der zusammengebrochenen Würde. Einige wirken auch in dieser aussichtslosen Lage gefasst.

Zugleich ist das Ganze ein Bild des vollendeten Wahns, der siegreichen Dummheit. Deren brachiale Übermacht lässt an Flucht nicht denken. Manche der Gedemütigten haben die Augenlider gesenkt, als könnten sie nicht nur ihre eigene Schmach, sondern auch die der anderen kaum ertragen.

Ich denke an Bilder vom Volksgerichtshof. Oder von jüdischen Deutschen, die festgenommen und abgeführt wurden. Manchmal feine, durchgebildete Gesichter zwischen jungen Kerlen in Uniform, die nicht wussten, was sie taten, wen sie vor sich hatten. Es hat etwas Ewiges, Überzeitliches, als scheine in all den Szenen das Antlitz des Mannes aus Nazareth auf.

Etwas Ewiges zeigt sich aber wohl auch auf der anderen Seite: der freigelassene Neid, das triumphierende Es-hat-euch-alles-nichts-genützt, das auch die Roten Garden auslebten. Manchmal hängten sie den Verfolgten die Insignien ihrer Bildung, etwa Bücher, um den Hals. So wie das unfassbare, überlegene Sein mit einer Dornenkrone verhöhnt wurde.

Gibt es, neben der sich immer erneuernden Güte, auch eine unauslöschliche Schlechtigkeit der Welt? Herzzerreißendes jedenfalls durch alle Zeiten…

Alter Bartputzer

Ein chinesischer Freund, der über Köln zu uns nach Hamburg anreiste, erzählte: auf dem Weg habe er noch einen Halt in einer kleinen Stadt gemacht, Bremen. Nach chinesischen Maßstäben ist wohl alles unter einer Million kaum der Rede wert.

Und warum Bremen? Wegen der Bremer Stadtmusikanten. Berlin kenne in China nicht jeder, aber Bremen. Auch die Brüder Grimm waren ihm – nicht etwa ein Germanist, sondern Computerexperte – wohlbekannt.

Mir war das Märchen leider nicht mehr vollständig präsent. Ich habe es jetzt aber wiedergelesen. Eine großartige Geschichte. Allein wie der alte Esel, den keiner mehr haben will, den leicht verrückten Gedanken fasst, nun in Bremen Stadtmusikant zu werden! Ja, so ist es, man soll sich auch in bedrängter Lage nicht von großen Entschlüssen abhalten lassen. Stark auch, wie er dann mit seinem ruppigen Realismus die drei anderen Tiere überzeugt, zuletzt den Hahn, „etwas Besseres als den Tod findest du überall“.

Im Grunde sehen wir hier vier ältere Individualitäten, die in größter Heiterkeit ihres Weges gehen. Natürlich gelingt ihnen alles. Mit Witz und Glück erledigen sie eine ganze Räuberbande und setzen sich in deren Haus fest.

Übrigens sind die Bremer Stadtmusikanten – das war mir nicht klar und wird vermutlich in Bremen unterschlagen – überhaupt nie bis Bremen gelangt. Sie haben es sich in ihrer Alten-WG gemütlich gemacht.

Die Migrantin in meinem Bett

Wenn ich nicht bei der Arbeit bin, wo es immer allerhand zu besprechen gibt, bin ich recht schweigsam. Morgens ein Satz und abends zwei Sätze, das ist mir im Grunde genug.

Im Hintergrund aber, in der Küche höre ich meine Lebensnachbarin sprechen. Eine Freundin hat angerufen, sie diskutieren eine Erziehungsfrage. Dann bringt die Dame aus dem zweiten Stock einen Teller zurück, für den Kuchen revanchiert sie sich mit einem Glas Marmelade. Sie besprechen noch etwas über den Garten. Später weitere Telefonate, Meinungen werden ausgetauscht, Dinge durchgespielt, alte Kontakte aufgefrischt, Lebensläufe abgeglichen. Und, nun ja, manchmal machen wir einen Spaziergang, gehen alles noch einmal durch und ich spreche ein paar zusätzliche Sätze.

Wenn ich ihre weitgespannten Kommunikationen beobachte, denke ich immer: Das ist Arbeit am sozialen Gewebe. Dahinter steckt eine Haltung, wie sie glaube ich für die alten Chinesen charakteristisch war. Sie lebten in der Vorstellung, dass die irdischen Dinge in einem Gleichgewicht zu halten wären, dass Störungen ausgeräumt und menschliche Beziehungen immer aufs Neue austariert werden sollten. Sie nahmen sogar an, dass all dies eine höhere, kosmische Bedeutung habe. Nur so, das war wohl die Auffassung, könnten Himmel und Erde in Harmonie existieren.

Ich weiß nicht, inwieweit solche Gedanken in China noch lebendig sind, und meine Frau wirkt auf mich eher arabisch als chinesisch. Aber ihre Gespräche, scheint mir, sind Weltaufrechterhaltungsgespräche.

Und sie lachen auch noch dabei!

Selbstverständlich, nur falls die Frage kommen sollte, bin ich ebenfalls sehr für die Weltaufrechterhaltung. Aber jeder arbeitet halt auf seine Weise.

Notizen von einer Chinareise 17: Shanghai

Es gibt ein paar Stellen, an denen man aus den Gassen des alten Shanghai heraus, sozusagen durch die Küchendämpfe, die leuchtende Skyline von Pudong sieht: Es hat etwas Unwirkliches.

In Shanghai gibt es, auf den ersten Blick erstaunlich, ein Museum jüdischer Flüchtlinge. In mehreren Phasen waren Juden hierher gekommen, anfangs vor allem aus Russland, seit Ende der 30er-Jahre dann aus Hitler-Deutschland. Damals kamen über zwanzigtausend Deutsche, z. B. ist auch Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, in Shanghai aufgewachsen. – Ironischerweise geschah die Zuwanderung zu einer Zeit, als die mit den Deutschen verbündeten Japaner die Stadt besetzt hatten. Weil sie kein Einreiserecht erließen, wurde Shanghai zum einzigen Ort der Welt, der ohne Einreisevisum erreichbar war. Die Japaner wiesen den Juden ein Ghetto in einem ärmeren Stadtteil zu, gingen aber nicht auf die deutschen Vernichtungswünsche ein. – Auf alten Bildern sieht man noch deutsche Ladenschilder mitten in Shanghai. Heute aber ist, außer im Museum, nichts mehr von Klein-Wien zu finden.

Üblicherweise ist die Reihenfolge so: Zuerst ist da ein politischer Ansatz, dann wird die entsprechende Partei gegründet, um ihn durchzusetzen. So war das auch bei der Kommunistischen Partei Chinas. Hier aber hat sich die Sache mittlerweile umgekehrt: Es gibt die Partei, die ist quasi politisch gesetzt, und sie sucht sich je nach Lage ein neues Konzept. Mit einigen Verrenkungen wird dann jeweils noch eine Verbindung zum kommunistischen Ursprung hergestellt. In Wirklichkeit aber vertritt die Partei in vieler Hinsicht das Gegenteil dessen, was sie vor fünfzig Jahren vertreten hat.

Eigentlich, das war das bescheidene Ziel der Reise, wollte ich nur ein Empfinden für dieses Land bekommen, für die Muster, in denen es funktioniert. Am Ende denke ich: Es ist, trotz der glänzenden Fassaden an der Küste, ein sehr traditionelles Land, in dem beispielsweise das Essen eine außerordentliche Rolle spielt. Auf mich wirkt es, auch nach dreißig Jahren wirtschaftlicher Öffnung, sehr binnenorientiert, in seinen eigenen Themen und Abläufen zirkulierend, wie viele im Kern konservative Gesellschaften (aber vielleicht gibt es in den westlichen Gesellschaften ähnliche Konstanten, die wir nur, weil zu nah dran, nicht wahrnehmen). Von dem Unheimlichen, das „China“ gelegentlich für den Westen hat, ist in meiner Wahrnehmung wenig geblieben. – Damit sage ich nicht, dass die Dinge hier sozusagen historisch glatt weiterlaufen werden. Ich könnte mir beispielsweise einen massiv auftretenden Nationalismus vorstellen. Aber das wäre nichts spezifisch Chinesisches. Nur hätte eine solche Wendung in der Tat, durch das bloße Gewicht des Landes, etwas Bedrohliches.

Im ruhigeren Teil eines Parks singt ein Mann ganz allein, und recht schön, ins Gebüsch hinein. Ich schaue ihm ein wenig zu. Er schaut freundlich zurück und singt weiter.

Notizen von einer Chinareise 16: Shanghai

In mancher Hinsicht ist glaube ich die Zeit gekommen, dass wir von ihnen lernen. Habe nie ein so gutes U-Bahn-System gesehen wie hier. In Shanghai kaufst du dir, wenn du keine Einzelkarten willst, einfach eine Transportation Card, z. B. für 50 Yuan plus 20 Yuan Pfand. Dann gehst du überall durch die Sperren, es wird jeweils abgebucht und auch an der Sperre angezeigt, was noch drauf ist, so dass man bei Bedarf nachladen kann. Super einfach – und erspart ein Heer von Kontrolleuren. Funktioniert auch in den Bussen, und sogar in den Taxis! Das heißt, mit dieser Plastikkarte kann man ganz geschmeidig durch die Stadt surfen.

Ein etwas subjektiver Rundgang durch das Shanghai-Museum.
Bronze-Galerie: Wirkt sehr bedeutend. Berührt mich aber nicht.
Münz-Galerie: Schön, dass es jemand sammelt.
Möbel-Abteilung: Nicht schlecht, nicht schlecht!
Porzellan: Berührt mich nicht. Obwohl, zwischen den fetten alten Vasen stehen ein paar Sachen, die sind von solcher Eleganz und Modernität…
Bambus-Schnitzereien: Dass man daraus eine eigene Kunstform machen kann!
Jade-Galerie: Würde ich nicht vermissen.
Chinesische Zeichnungen: Hinreißend. Mir kommen die Tränen.

Im Internet stolpere ich über einen Artikel des Spiegel-Reporters Tiziano Terzani von 1982. Er liest sich wie ein Rückblick auf das erste Stadium einer Entwicklung, deren spätere Phase ich heute erlebe. Damals, wenige Jahre nach Maos Tod, wurde innerhalb kurzer Zeit radikal der politische Kurs verändert. Der zeitweise geächtete Deng Xiao Ping versuchte China wirtschaftlich auf die Beine zu bringen. Dabei wurden auch die kulturellen Schätze des Landes, während der Kulturrevolution mit Füßen getreten, in ihrem touristischen Wert erkannt. Ebenso brachial wie zuvor die Vernichtung jetzt der Versuch, die Reste zusammenzuschustern und möglichst schnell etwas Präsentables hinzubekommen. – Noch steht Terzani auf seiner Reise unter ständiger Aufsicht durch Geheimdienstler und kann ihnen nur selten entwischen. In Pingyao, das ich als glatte Touristenmeile erlebte, sind die Straßen ungepflastert und „mit einer Mischung aus Schlamm und Exkrementen bedeckt“. Die Tempel sind in Fabrikhallen umgewandelt, die meisten Leute haben völlig die Verbindung zur Tradition verloren, jahrelang hatte die Propaganda das kulturelle Erbe bekämpft und lächerlich gemacht, hatte in einem Film Kinder als Helden gefeiert, die alte Glocken auftrieben, um sie zum Wohle der Gemeinschaft einzuschmelzen. Jetzt ändert man den Kurs, macht das aber ungefähr so dilettantisch wie Jahre zuvor, beim fatalen „Großen Sprung“, die Steigerung der Stahlproduktion. – Wenn ich auf meiner Reise manches sah, das den ästhetischen Sinn beleidigt, dann ist das wohl auch ein Ergebnis der Zerstörung eben dieses Sinnes in den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts. – Man kann kaum ermessen, welche Geschichten in China noch zu erzählen sein werden, wenn diese Geschichten erzählt werden dürfen.

Die meisten Leute fotografieren das Außergewöhnliche. Noch interessanter aber ist es, das Gewöhnliche zu fotografieren, das Charakteristische.

Notizen von einer Chinareise 15: Historisches

Ein interessantes Kapitel sind die chinesischen Beamtenprüfungen. Sie wurden im Jahr 606 eingeführt und bis 1905 praktiziert, und sie entschieden über den Zugang zu allen höheren Ämtern. Diese Prüfungen waren hammerhart, man hat ein ausgeklügeltes System erfunden, um Schummeln zu verhindern und sogar anonyme Bewertungsverfahren entwickelt. Nur etwa jeder Dreitausendste erreichte in dem mehrstufigen System den höchsten Grad des Jinshi. Im Konfuzius-Tempel in Peking sind bis heute alle gut fünfzigtausend Namen derjenigen in Stelen eingraviert, die im Lauf von dreizehnhundert Jahren diesen Grad erreichten, unter ihnen auch einige Gaststudenten aus Korea und Vietnam. Welch eine Tradition! – Sicherlich war die Chancengleichheit nicht perfekt, weil die Oberschicht ganz andere Möglichkeiten hatte, ihre Sprösslinge auf die Examina vorzubereiten, aber im Kern war es doch eine extrem frühe Durchsetzung von Leistungs- statt Abstammungskriterien – zu einer Zeit, als der Westen noch ganz im Standesdenken befangen war. Es ist eine naheliegende Vermutung, dass die Blüte Chinas in den folgenden Jahrhunderten etwas mit diesem Verfahren zu tun hatte, das die besten Talente im Reich nach oben beförderte. – Das Problem war allerdings, dass man über die Jahrhunderte hinweg nicht die Inhalte der Prüfungen verändert und erneuert hat. Sie umfassten im wesentlichen eine genaue Kenntnis der Klassiker, Konfuzius, Menzius und andere, was zu Anfang gewiss eine Inspiration war, aber tausend Jahre später nicht mehr ganz so überzeugend wirkte. So wurde China, als im Westen längst die Pragmatiker das Ruder übernommen hatten, von einer Gelehrtenkaste geführt. Und das, was am Anfang eine erstaunliche Innovation war, wirkte am Ende retardierend.

Übrigens hat ein Mann namens Hong Xiuquan, der vier Mal durch die Beamtenprüfung gefallen war, zum Christentum konvertierte und sich zu Großem berufen fühlte, im Jahr 1851 den Taiping-Aufstand angezettelt. Dieser gilt, mit vermutlich zwanzig Millionen Toten, als der blutigste Bürgerkrieg der Geschichte.

Eine berühmte Episode aus dem Jahr 1793 illustriert den Realitätsverlust der chinesischen Politik in der Neuzeit. Als die Briten, um endlich wirtschaftlich einen Fuß ins Reich der Mitte zu bekommen, eine riesige Delegation nach Peking schickten, wurde diese als Gesandtschaft eines unterlegenen Volkes empfangen. Die kostbaren Gastgeschenke nahm der Kaiser huldvoll als „Tribut“ entgegen und beschied die Briten, eigentlich habe man kein Interesse an diesen Dingen, China besitze alles. Im übrigen wurden alle Ansinnen des britischen Königs zurückgewiesen. – Ein halbes Jahrhundert später, beginnend mit den Opiumkriegen, hat der Westen dann das Land geknackt. – Das einzige, was ich an den chinesischen Kommunisten bewundere, ist ihr unbedingter Wille zur Autonomie. Unter ihrer Führung ist das Land einen schrecklichen Weg gegangen. Es geriet aber, anders als die meisten Entwicklungsländer, niemals in Abhängigkeit. Und es ist am Ende aus eigener Kraft erstarkt. Das heutige China lässt sich nicht mehr knacken.

Notizen von einer Chinareise 14: Shanghai

Man bleibt doch immer wieder stehen und staunt nach oben. – Und: Nach so vielen verstaubten Tempeln tun ein paar Wolkenkratzer richtig gut.

Ich stelle es mir undankbar vor, in Shanghai Postkarten zu produzieren. Nach kurzer Zeit fehlen jeweils auf den Fotos die neuesten Spitzen in der Skyline.

Ich besuche das hübsche kleine Gebäude, Typus Arbeitersiedlung, in dem 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet wurde. In einem winzigen Raum tagten dreizehn Kommunisten, außerdem ein russischer und ein holländischer Genosse von der Komintern. – An den Wänden Fotos der jungen Männer, die meisten zwischen zwanzig und dreißig, auch Mao war schon dabei. Intelligente Gesichter, angesichts der Lage im Land musste dieses Projekt hoch plausibel erscheinen.

Unmittelbar neben dem heiligen Schrein des Kommunismus sind heute zwei Szene-Viertel, in denen man seinen Latte schlürft. Am Tisch neben mir wird über die neuesten Mode-Linien diskutiert, man zeigt sich die eigenen Kollektionen am Laptop. Wir sind hier in der „Französischen Konzession“, dem feinsten Quartier der Stadt.

Einige Straßen weiter das ehemalige Wohnhaus bzw. die Residenz von Sun Yat Sen, dem ersten Präsidenten Chinas nach dem Ende der Monarchie 1912. Hier stehen die Leute Schlange, bis sie reingelassen werden, auch hier ist alles aufs Feinste präsentiert, und in den Texten wird Sun als ein Politiker gelobt, dem das Land große Inspiration verdanke. So viel Interesse für einen Mann, der ja kein Kommunist war, sondern ein „Bürgerlicher“ – darf man darin ein Zeichen sehen?

Eine positive Seite des geringen ausländischen Tourismus in China ist, dass es noch nicht jene spezielle Sorte Einheimischer gibt, die eine Art Anquatsch-Routine entwickelt haben. Man kann völlig ungestört seiner Wege gehen. Anders habe ich es nur ganz am Anfang rund um den Tien-An-Men-Platz erlebt und jetzt, allerdings extrem, in den Straßen von Shanghai. Selbst abends, wenn ich ins Hotelzimmer komme, finde ich immer unter der Tür durchgeschobene Kärtchen mit jungen Mädels drauf. Keine Ahnung, worum es geht, ich kann ja kein Chinesisch. – Nach drei Tagen habe ich mir gesagt: Man muss auch in diesen Angelegenheiten ökologisch denken und habe die Kärtchen statt sie wegzuwerfen zur weiteren Verwendung wieder vor die Tür gelegt.

In der Zeichensprache gibt es einige hübsche Möglichkeiten für interkulturelle Missverständnisse. Wenn ich zum Beispiel zwei Äpfel kaufen möchte, werde ich als Deutscher die Zwei vielleicht mit Daumen und Zeigefinger andeuten. Dann bekomme ich aber in China acht Äpfel. Möchte man sechs Äpfel, sollte man hier Daumen und kleinen Finger hochstrecken. Der Grund ist, dass die Chinesen nicht Finger zählen, sondern in Bildern denken: Diese Fingerstellungen ähneln den chinesischen Zeichen für acht bzw. sechs.

Notizen von einer Chinareise 13: Suzhou

Ich möchte unbedingt den Großen Kanal sehen, auch Kaiserkanal genannt. 1800 Kilometer lang, verband er einst Peking mit Hangzhou und verband damit zugleich den Huang He, den Gelben Fluss, mit dem Yangtse Kiang. Er ist der längste Kanal der Welt. Manche halten es für bezeichnend, dass die Chinesen, statt einfach die Küste entlangzuschippern, parallel zur Küste im Binnenland diesen Kanal anlegten. Einige Abschnitte sind inzwischen versandet, aber im Prinzip gibt es ihn noch, und er führt auch durch Suzhou, ich weiß nur nicht wo. – Das Mädchen an der Rezeption versteht nicht, wovon ich spreche und empfiehlt mir eine Rundfahrt durch die Kanäle vor der Tür. Irgendwie finde ich dann doch heraus, dass der Große Kanal fünf Kilometer westlich der Altstadt vorbeiführt. – Ich fahre mit dem Bus hinaus, gehe noch ein Stück durch ein Gewerbegebiet, dann sehe ich ihn, stark befahren mit rostig wirkenden Lastschiffen. Er sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Kanal im Außenbezirk einer Stadt – mir aber ist feierlich zumute.  (Es ist ein bisschen wie damals in der Werbung: Eine Frau tragt ein unauffälliges Stück Metall am Hals, dann die Einblendung: Zu wissen, es ist Platin.)

Vier junge Amerikaner, die seit einem Jahr in Nanjing leben, dort Englisch unterrichten, schildern mir ihre Sicht. Die Jugendlichen hier seien „very sheltered“ durch Familie und Staat, dadurch auch relativ unreif, die 19-, 20-jährigen vergleichbar mit 16-, 17-jährigen im Westen. Sie seien eingeschüchtert, es herrsche ein extremer Lerndruck, 80 Prozent seien kurzsichtig. – Sie, die US-Boys, sind hier natürlich große Leute und genießen das. „You feel you are wanted!“, sagt einer ganz begeistert, es klingt wie eine seelische Erlösung. – Sie versuchen, ihre Studenten ein bisschen locker zu machen, mit ihnen über dies und jenes zu diskutieren. Strikt meiden müsse man nur die drei „T“s: Tibet, Tien An Men und Taiwan. Sonst fliegt man sofort raus. – Eine andere Frage wäre, was sie unter Reife verstehen. Es machte einen etwas barbarischen Eindruck, wie sie da auf der Terrasse des Hostels, den Ghettoblaster aufgedreht und leicht bekifft, mit dem Laserpointer die Leute auf der Straße irritierten.

Ist es ein Zufall? Nach fast fünf Wochen in China sehe ich zum ersten Mal Wolken. Schäfchenwolken vor einem milden Blau. War ich nur nicht aufmerksam oder war der Himmel die ganze Zeit mehr oder weniger milchig? – Strahlend blau war er allerdings auf dem Huang Shan.

Die meisten Statuen in chinesischen Tempeln finde ich enttäuschend. Meist schaue ich in fade glatte Gesichter ohne Tiefe und Ausstrahlung. Wurde, nach den Zerstörungen der Kulturrevolution, eilig Neues hingestellt, das nur noch ein Abklatsch der reifen Werke früherer Zeiten ist? Ein chinesischer Bekannter meint, während der Kulturrevolution seien achtzig Prozent der Bildnisse zerstört worden. Aber es weiß wohl niemand genau. – Die Roten Garden, so lese ich, durften damals kostenlos Bahn fahren. Auch das wird die Zerstörung hinaus ins Land getragen haben.

Notizen von einer Chinareise 12: Suzhou

Hey, China kann ja trendy sein. Das kleine Hotel liegt direkt an einem alten Kanal, mit Cafés und Straßenmusik, an jeder zweiten Brücke hüpft ein junger Fotograf herum, der wohl Aufnahmen für irgendein Magazin macht, meist von Pärchen, die vor dem pittoresken Hintergrund posieren. –  Früher war die ganze Stadt von Kanälen durchzogen, es gibt noch kleine alte Brücken, die sind tausend Jahre alt, vielleicht ist schon Marco Polo drüber gegangen. Er, der Venezianer, fand Suzhou und das benachbarte Hangzhou unter allen chinesischen Städten am schönsten. Heute aber sind nur noch einige Kanäle erhalten, viele wurden zugeschüttet.

Suzhou rühmt sich außerdem seiner schönen Gärten. Viele haben phantasievolle Namen. Es gibt den Garten des Verweilens, den Garten des Meisters der Netze und, am bekanntesten, den Garten des bescheidenen Beamten, 1509 angelegt. Man vergisst hier nie den Hinweis auf den Status als UNESCO-Welterbestätte, und dass es im chinesischen System in der höchsten Kategorie, mit einem fünffachen A, gelistet ist. – Selbst an einem Regentag ziehen chinesische Touristengruppen über die Stege und Brücken und durch die zahlreichen Pavillons, häufig angeführt von jungen Guides mit Lautsprechern. Ich wäre lieber in einem halb so schönen Garten allein.

Erst als ich zwei Tage später zufällig in einen anderen, weniger bekannten Garten gerate, erschließt sich mir das Wesen dieser Anlagen. Auf einem kleinen städtischen Raum ist eine ganze Landschaft arrangiert, mit Teichen, Felsen und Bäumen, mit einer intelligenten Regie von Licht und Schatten, Innen und Außen. Hier lässt es sich aushalten.

Sie können sich gar nicht am Bambus sattzeichnen, an den kräftigen Stangen, den wehenden Blättern.

Das besondere an Marco Polo war nicht, dass er nach China gereist ist. Auch sein Vater und sein Onkel, Juwelenhändler aus Venedig, waren schon bis Peking gelangt und erst nach Jahren zurückgekehrt. Bei ihrer zweiten Reise nahmen sie dann den 17-jährigen Marco mit, und das besondere an ihm ist nur, dass er seine Erlebnisse aufgeschrieben oder diktiert hat und dies ein erfolgreiches Buch wurde.

Immer wieder stößt man auf die Dramen der Kulturrevolution, wenngleich selbstverständlich nicht in dem, was hier offiziell präsentiert wird. Ein Sohn von Deng Xiao Ping ist bei einem „Verhör“ aus einem Fenster im dritten Stock gesprungen, seitdem querschnittsgelähmt. – Zu dieser Zeit, so erzählt mir ein Chinese, haben geistesgegenwärtige Menschen alte Schnitzereien mit Lehm überschmiert, um sie zu retten. Manche haben noch rasch einen Gruß an den Vorsitzenden Mao angebracht. – Das Verstörendste an der Kulturrevolution ist nicht die hohe Zahl der Opfer, es ist ihr Wahn und ihre Blindheit, das Aussetzen der einfachsten Regungen an Mitgefühl und Respekt. Nur war es ein nach innen gerichteter Wahn, der – anders als beim Nationalsozialismus – den Rest der Welt weitgehend unberührt ließ.