Thema: „Deutschland“

It’s magic

Man erzählt mir von einem Mann, der aus einem fernen Land nach Deutschland kam. Als er zum ersten Mal an einem Zebrastreifen die Straße überqueren wollte, stellte er fest, dass sofort alle Autos hielten. Er fand das bemerkenswert. In seinem Land sind Zebrastreifen, sofern vorhanden, nur eine Art Deko, die niemand beachtet. Seine Begeisterung war so groß, dass er gleich mehrere Male hin und zurück über die Straße ging. Es funktionierte immer.

Spiegelbild der Diskriminierung

Er ist Ausländer. Er spricht etwas zögerlich Deutsch. Manchmal, etwa bei Behördengängen, wird er herablassend oder gleichgültig behandelt. Dann aber, wenn sie mitbekommen, dass er Franzose ist, hellen sich die Mienen auf. Franzose, oh, mit Frankreich verbinden offenbar alle etwas Schönes, Besonderes, Respektables. Was ja einerseits erfreulich ist. Andererseits entspricht diese Art der Wertschätzung exakt der Abwertung, die andere jeden Tag erfahren.

Das Sonntagabendhaus

In allen Wohnungen ist Licht. Alle sind zu Hause. Noch ist Wochenende, aber der Montag weht schon in die Gedanken hinein. Vielleicht ein „Tatort“. Und die Kleider für morgen rauslegen. Arbeitnehmermelancholie.

Mächte der Gegenwart (17): Westbindung

Man spricht nicht viel über Selbstverständlichkeiten, und eine Selbstverständlichkeit war es seit dem Zweiten Weltkrieg, dass Deutschland sich politisch im Kielwasser der USA bewegt (genau genommen zunächst nur Westdeutschland, seit 1990 dann das vereinigte Land). Diese klare Westbindung wird, wenn man die Dinge einmal aus einem gewissen Abstand betrachtet, von einer eigenartigen Mischung an Argumenten, Empfindungen und Ängsten begleitet.

Zunächst einmal ist da die Einsicht: Wir können gar nicht anders. Deutschland ist sozusagen von Kopf bis Fuß, politisch, wirtschaftlich und militärisch, von der dominierenden Macht des Westens abhängig. Mehr als ein begrenztes Ausscheren (wie bei Schröders Nein zu einem Irak-Einsatz) ist da nicht drin.

Unter diesem ersten liegt ein zweiter Gedanke: Wir wollen auch nicht anders, wir haben mit einem eigenen politischen Weg zu schreckliche Erfahrungen gemacht. Diese zweite gedankliche Figur wird auch sofort aktiviert, sobald nur im Geringsten Überlegungen zu einer eigenständigeren Rolle Deutschlands in der öffentlichen Debatte auftauchen. Augenblicklich schießen überall Warnschilder vor einem deutschen „Sonderweg“ hoch, vor neuen Irrläufen wie in der Hitlerzeit. Oder es wird, wie von Joschka Fischer, Hohn und Häme ausgeschüttet: „Fangen wir jetzt wieder an, das Weltkind in der Mitte zu sein? Schwankend zwischen West und Ost? Eine eigenständige Rolle suchend?“ Mit anderen Worten, es herrscht ein tiefes Selbstmisstrauen, das von seinem Ursprung her verständlich ist, in dieser Form aber auf einen fatalen Masochismus hinausläuft: Legt uns an die Kette, wir sind unberechenbar!

Alles in allem ist es eine neurotische politische Kultur. Sie spürt dunkel ihre Unfreiheit und wagt zugleich keinen freien Schritt, sie wagt es nicht einmal, ihre politischen Ziele und Schwerpunkte gelassen zu klären.

Dass eine solche Form der Westbindung gewisse Gegenimpulse und Ost-Phantasien erzeugt, ja sogar einer Gestalt wie Putin Sympathien zutreibt, ist nur ein weiteres Symptom der Neurose. Wo eine freie politische Atmosphäre außer Sichtweite ist, erscheint manchen eine alternative Form der Unfreiheit attraktiv. Denn das eigentlich Selbstverständliche ist dann kaum mehr denkbar: dass eine Gesellschaft human und eigenständig ihren politischen Weg bestimmen könnte, nicht in blinden Allianzen, aber in verlässlichen Kooperationen.

Es muss

Es schüttet. Unter einem Vordach wechsle ich ein paar Worte mit einem Mann, der wohl vor einigen Jahren nach Deutschland eingewandert ist. Dann gibt er sich einen Ruck und geht raus in den Regen mit den Worten: Es muss!

Der Mann ist integriert!

Mächte der Gegenwart (9): „Unter Freunden“

Wenn moderne Macht die Tendenz hat, sich zu verbergen, dann in durchaus unterschiedlichen Formen. Sehr schön lässt sich das am Beispiel der noch immer dominierenden Weltmacht, der USA, studieren.

Fast ins Unsichtbare verlagert ist ihre Machtausübung gegenüber den politischen Alliierten, etwa den Staaten West- und Mitteleuropas. Man redet immer nur gut übereinander. Nur selten werden doch einmal Risse sichtbar, wie etwa im Zuge der Snowden-Enthüllungen über das Ausspähen der Verbündeten. Offenbar aber genügt dann ein Wink hinter den Kulissen, um den Regierungen der betroffenen Länder zu bedeuten, dass es nicht ratsam wäre, daraus eine große öffentliche oder gar juristische Affäre zu machen. Selten nur wird man deutlicher, und nur in Ausnahmefällen zeigt man kurz die Werkzeuge. Ein Beispiel dafür gab US-Geheimdienstchef Clapper, als er auf die immer lauteren Forderungen in Deutschland nach Veröffentlichung der NSA-Suchbegriffe mit dem Hinweis antwortete, man denke darüber nach, die Kooperation mit den deutschen Nachrichtendiensten einzuschränken oder gar zu beenden – wohl wissend, dass allein diese Vorstellung bei den ängstlichen Deutschen ein flaues Gefühl auslösen würde; haben sie sich doch, trotz manchen Unmuts, recht gut unter den Flügeln der amerikanischen Vormacht eingerichtet und kein Vertrauen mehr, auch einmal stärkeren politischen Wettern standhalten zu können. Entsprechend prompt die deutschen Beteuerungen, es könne immer nur „gemeinsame Sicherheit“ geben, gerade im Kampf gegen den Terror sei man auf die Informationen der amerikanischen Dienste angewiesen.

Im Ergebnis funktionieren diese Verfahren recht zuverlässig. Die öffentliche Empörung versandet in Untersuchungsausschüssen, die Regierung übt sich in professionellem Schweigen, selbst einen so gewaltigen Übergriff auf die Rechte der eigenen Bürger lässt sie am Ende auf sich beruhen.

Adolf

Bei Leuten, die von Hitler als dem „Adolf“ sprechen – man trifft sie ja immer wieder –, bei diesen Leuten ist, selbst wenn sie dann etwas Kritisches und Distanziertes über ihn sagen, Misstrauen angebracht. Ein so leutseliger Ton ist bei einem solchen Thema mindestens geschmacklos. Meist ist es ohnehin, wie bei vielen schon gleich nach dem Krieg, nur eine pragmatische Distanz: Man setzt sich innerlich ab, nicht weil die Sache unmenschlich war, sondern weil sie unterlag. Und man vorher wie nachher auf der stärkeren Seite sein will. Aus dem „Adolf“ spricht der Opportunist.

Flüchtlinge

Die Kellnerin in dem Gasthof am Alpenrand fragt abends immer noch mal in die Runde – manchmal möchte noch einer ein Bier oder einen Enzian. Auch diesmal: Haben Sie noch einen Wunsch? – Ja, sagt ein älterer Gast: Dass weniger Flüchtlinge kommen. – Sie, ganz freundlich: I find, des sind arme Mensche, oft habe die alles verlorn. Mir sollte dene scho helfe. Des is meine Meinung. – Er akzeptiert das, zumindest legt er nicht nach.

Anderen Tags fahre ich mit der Regionalbahn. Die bajuwarische Schaffnerin hat am Revers irgendeinen Sticker. Aus der Ferne versuche ich zu entziffern: R-e-f-u-g-e-e-s W-e-l-c-o-m-e.

Der Zug, in den ich in Freilassing umsteigen will, hat Verspätung. Vielleicht wegen der Flüchtlinge, denke ich. Tatsächlich hat er, sagt der Schaffner, in Salzburg auf den „Flüchtlingszug“ aus Wien gewartet. In meinem Wagon hauptsächlich junge Männer, die sich offenkundig seit Tagen nicht rasieren konnten, in Jeans und Turnschuhen, trotz ihrer Übermüdung wirken sie wach und lebenshungrig. Dazwischen einige junge Familien, die Frauen mit Kopftuch. Ich höre Arabisch, die drei Männer gegenüber sind allerdings aus dem Iran. „Prien am Chiemsee“: Nach der Durchsage übt der Mann hinter mir eine Weile das Wort Chiemsee. Draußen eine Bilderbuch-Landschaft mit Kühen vor Alpenpanorama. Die Schaffner fragen von vornherein nur die deutsch Aussehenden nach der Fahrkarte. Vollends bizarr dann in dieser Szenerie die brav beibehaltene Durchsage: Thank you for choosing Deutsche Bahn today.

Immerhin

Das hatte ich lange nicht mehr erlebt – dass nichts zu hören war als allein die Geräusche der Natur, der Wind, die Vögel. Ich war in der Heide.

Sonst, wenn du in der deutschen Landschaft bist, hörst du zumindest einen Traktor, oder in der Ferne eine Straße, und irgendwo ist immer ein Vorgarten, wo einer meint, mit der elektrischen Heckenschere gegen ein paar zarte Triebe vorgehen zu müssen.

Hier aber, im Naturschutzgebiet, nichts dergleichen.

Kleiner Dank an Pastor Bode, der vor gut hundert Jahren den Ankauf des ersten Stückes Heide organisierte, des Totengrundes, um die Landschaft vor der hyperaktiven Menschheit zu schützen.

Das alte Schild

Ich wohne jetzt in einem Haus, in dessen Treppenaufgang zu lesen ist: „Vorsicht! Gebohnert“. Dieses Detail genügt eigentlich, um sich ein ungefähres Bild von dem Haus zu machen.