Thema: „Ehrgeiz“

Momentaufnahme

Alles so still hier. Ist der Kampf vorbei? Auch nichts im Briefkasten. Bin ich noch da? Mir fällt Friedrich Rückert ein: „Ich bin der Welt abhanden gekommen…“ Fühlt sich aber nicht schlecht an.

Man könnte größenwahnsinnig werden: so wenig wird man anerkannt.
Karl Kraus

Nicht eure Sünde – eure Genügsamkeit schreit gen Himmel.

Friedrich Nietzsche

Porträt eines Gekränkten

Tief im Innern fühlt er sich vom Leben benachteiligt. Wie oft hat er darüber nachgedacht, inwiefern er von Beginn an schlechter als andere ausgestattet, von Kind an zurückgesetzt war. Zu dieser Empfindung haben viele Anlass. Die meisten aber finden sich damit im Lauf der Zeit ab und ordnen sich irgendwo ein. Soweit sie weiterhin vergleichen, beschränken sie sich auf benachbarte Fälle, begrenzen also den Raum der Vergleiche und begrenzen das Leiden.

Er aber gibt nicht nach. Er sieht nur die Gipfel und sich selbst tief darunter. So hält er stets die Wunde offen. Er sieht nur die vermeintlich Glücklichen, Begünstigten, Schönen, Leistungsfähigen. In manchen Momenten legt er sich zurecht, inwiefern seine Lage doch auch Vorteile bietet, einen anderen Blick, andere Qualitäten ermöglicht. Aber die inneren Konstrukte halten nicht stand gegen die Gewalt des Offensichtlichen.

Er ist wie ein Schwacher, der dennoch stets den Wettkampf sucht. Wie könnte sein Leben anderes sein als eine Reihe von Niederlagen, eine Geschichte von Verletzungen?

Bedeutsamkeit ist nicht ansteckend

Es gibt wohl in fast allen Berufen typische Einseitigkeiten und Irrtümer. Viele Journalisten beispielsweise neigen zu der unbewussten Annahme, dass man durch die Begegnung mit wichtigen Personen selbst wichtig werde. Dem ist nicht so.

Dreh dich um

Erwarten wir zu viel? Verlangen wir zu viel vom Leben?

Ist es nicht ganz natürlich, dass wir alles verlangen?

Die Tragödie ist, dass wir es an der falschen Stelle verlangen. Dort, wo wir es erwarten, ist es nicht zu bekommen. Dort, wo wir kaum hinsehen, liegt es vor uns ausgebreitet.

Auch der Ehrgeiz ist ein Weg zur Demut     

Den eigenen inneren Bemühungen eine gewisse Regelmäßigkeit zu verleihen, etwa täglich bestimmte Übungen zu machen, vielleicht zu „meditieren“ – eine solche Lebenspraxis kann ein Zeichen von persönlicher Ambition sein: Man möchte weiterkommen, größere Kräfte erlangen, größere Erkenntnis, die Erleuchtung. Dann ist es eine Art Trainingsprogramm, das die eigene Selbstbezogenheit steigert.

Zugleich aber kann sich darin, untergründig und fast unbemerkt, etwas anderes anbahnen: eine Milderung der Selbstbezogenheit. Denn mit einer solchen Praxis stellt man sich in eine lange Reihe, man tut etwas, das nachdenkliche oder fromme Menschen zu allen Zeiten getan haben, man ist, ob man sich als religiös versteht oder nicht, zu einem unter vielen geworden. Im ganzen Vollzug, im körperlichen Ausdruck, der inneren Geste, ist man ein Bruder in der Bemühung. Ein Mensch, ein Sucher der Wahrheit.

Es gibt Wege, die haben ihre eigene justierende Kraft. Was aus Ehrgeiz entspringt, kann in Demut münden.

Überbrücken können

Angesichts der Größe der Aufgabe und der Unvollkommenheit der eigenen Bemühungen gewinnen gewisse alltägliche Talente eine geradezu spirituelle Bedeutung. Zum Beispiel Humor, zum Beispiel Nachsicht.

Nachfolge

Ihr Geheimnis ist Anschluss an Größe ohne Beanspruchung von Größe.

Männer und ihre Missionen

Nicht selten kann man Frauen beobachten, die sehr intelligent sind, ihre Umgebung gut beobachten und einschätzen können, und die dennoch in einem gewissen äußeren Sinn wenig daraus machen. Jedenfalls nichts Besonderes, Auffälliges. Keine steile Karriere, keine spektakuläre Aktion, kein großer Roman. Selbst dann nicht, wenn besondere Hindernisse, etwa durch Phasen der Kindererziehung, fehlen.

Männer sind da, im Durchschnitt, anders. Unter ihnen fühlen sich selbst die mäßig Begabten zu Großem berufen. Eigentlich hat jeder Mann eine Mission. Tief im Innern ist er überzeugt, dass sich an ihm die Menschheitsgeschichte entscheidet. Hier und da gibt es auch Männer, die, jenen Frauen gleich, intelligent-unmissionarisch sind, aber selten.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass die meisten Männer tatsächlich den großen Durchbruch schafften. Die meisten schaffen ihn nicht. Wahrscheinlich ist in der Welt einfach nicht genügend Platz für so viele Feldherren, Erlöser und Stars. Unter alten Männern kann man förmlich sehen, wie ihre Lebensphantasien zerbröckeln, wie die einen noch die Sache zu halten und zu stützen versuchen, während die anderen allmählich Abschied nehmen. Männer müssen ja von einigem Abschied nehmen. Großer Ehrgeiz, langer Abschied.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Frage beleuchten, wie diese Männermentalitäten auf ihre Leistungen abfärben. Leistungen, die es ja gibt und die manchmal sogar einige Größe und Berechtigung haben, die aber zugleich häufig ins Kleinliche getaucht, von lindem Größenwahn infiziert sind. Männer haben einfach nicht die psychische Disposition, um rein sachlich an einem Thema zu arbeiten. Was ja auch rührend ist. Wahrscheinlich sind auch Männer Menschen, wenngleich manche unter ihnen das schwer akzeptieren können.

Über die spezifischen Limitiertheiten von Frauen mögen andere schreiben. Mir scheint, ihr Beitrag zur menschlichen Komödie ist nicht ganz so offenkundig.