Thema: „Entscheidung“

Mächte der Gegenwart (20): Der Preis der Veränderungen

Einmal mehr zeigen die Wahlsiege von Emmanuel Macron, welche Umwälzungen eigentlich in unserem politischen System möglich wären. Innerhalb eines Jahres rutschten alte Parteien in die dritte Reihe, und eine neugebildete politische Kraft beherrscht die Szene. Ob Macron diese Macht in einer zukunftsträchtigen Weise nutzt oder letztlich doch nur einige Anpassungen an die herrschende Wirtschaftsform durchsetzt (vergleichbar den deutschen Hartz-4-Gesetzen), wird sich in den nächsten Jahren zeigen.
Politisch möglich wäre jedenfalls viel mehr. Vielleicht müsste es gar nicht gleich der ganz große Wurf sein, für den es, soweit ich sehe, bislang kein stringentes Konzept gibt (die Ladenhüter, die einige Pseudo-Linke ständig vorzeigen, sind es jedenfalls nicht). Aber auch ohne den kompletten Weg zu kennen, wären schon bedeutende Schritte möglich. Klare Regeln für die Finanzmärkte etwa, die deren Macht begrenzen und deren Gefahrenpotential minimieren; Öko-Gesetze, die den Verbrennungsmotor so besteuern, dass im Gegenzug der öffentliche Nahverkehr konsequent entwickelt werden könnte; eine Außenpolitik, die sich nicht als verlängerter Arm von Wirtschaftsinteressen versteht, sondern eine glaubwürdige Friedenspolitik betreibt.
Nur: Das alles hätte unter den gegebenen Rahmenbedingungen seinen Preis. Die Finanzmärkte beispielsweise würden scharf reagieren, das Kapital ist ja flexibel. Das würde ein Land wie Deutschland nicht in Armut stürzen, aber ein bisschen wehtun würde es schon. Und wäre es dennoch wert.
Wo ist der Macron, der mit einem solchen Konzept antritt? Und würde auch ein solcher Macron eine Mehrheit bekommen? Die Leute schwätzen viel von notwendigen Veränderungen. Aber es soll nichts kosten.

Warum ich so alte Pullover trage

Bei anderen Leuten ist es wahrscheinlich so: Die bisherige Kleidung ist schon etwas aufgetragen, außerdem möchte man hin und wieder etwas Neues, dann gehen sie Einkaufen.

Bei mir ist die Lage anders. Bevor ich Einkaufen gehen könnte, müsste ich, finde ich, sehr viele andere wichtigere Dinge tun, das Einkaufen käme sozusagen erst auf Platz neun oder elf der Liste. Weil ich aber in der Praxis nie weiter als zu Punkt vier oder fünf vordringe – es sind eben schwierige Dinge –, kommt das Einkaufen leider nie in Reichweite.

Ich wüsste nicht, wie sich das ändern ließe. Meine Prioritäten möchte ich nicht ändern. Ein Riesenproblem ist es andererseits auch nicht, ich sehe nur entsetzlich langweilig aus.

Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse; wir aber denken an den Namen des Herrn.

Psalm 20

Vollgas ins Altenheim

Wie schön, wenn Menschen einen Sinn für Rhythmen und Lebensphasen haben. „Das Auto behalte ich noch, bis ich ins Altenheim gehe“, sagte die alte Dame, „dann kann ich noch ein paar Sachen selbst transportieren.“ Genau so hat sie es dann auch gemacht und für den Wagen auch gleich einen Käufer gefunden.

An ihrem letzten Wochenende mit Auto machte sie noch mal eine Fahrt – ein schöner Morgen, die Straßen waren leer, Vollgas durch die norddeutsche Tiefebene. Dann lieferte sie den Schlüssel ab.

Nein

Kindheit ist überhaupt nicht schön. Denn typischerweise werden Kinder von klein auf belastet, sind einem unsichtbaren Netz an Erwartungen ausgesetzt, wird ihnen all das Unerfüllte der vorherigen Generationen aufgebürdet. Und es ist immer vieles unerfüllt.

Dass Kinder sich instinktiv gegen dieses Aufladen sperren – das erklärt wohl einen Großteil der kindlichen Unruhe und Bockigkeit. Denn sie ahnen ihr Unglück, spüren dunkel, dass sie das alles nicht erfüllen können, oder nur unter Opferung ihrer selbst.

Aber Kinder sind schwach und der Generationenmechanismus ist mächtig. Meist wird die Last am Ende doch übernommen und dreißig Jahre später an die nächsten weitergegeben.

Nur wenige, die die unheilvolle Kette unterbrechen. Und manche brauchen Jahrzehnte, bis sie innerlich sagen: Herzlichen Dank, ich lehne den Auftrag ab!

Vermutungen über die amerikanische Mentalität (3): „Alles bestens“

Einwanderungsgesellschaften sind, wahrscheinlich mehr als andere, am sichtbaren Erfolg orientiert. Denn Einwanderer stehen unter Druck: Sie haben den sehr menschlichen Wunsch, dass die von ihnen getroffene Entscheidung, die gewiss von manchen in der Heimat argwöhnisch verfolgt und spitz kommentiert wurde, sich als richtig erweisen möge. Jedenfalls werden sie ungern zurückmelden, dass das Ganze ein schwerer Fehler war.

Tendenziell bedeutet dies: unbedingter Wille zum Erfolg, unbedingter Pragmatismus, Desinteresse an Ausreden, Desinteresse an schwächeren, weniger glorreichen Seiten des eigenen Lebensweges. In der Summe also eine sehr bodenständige Energie und ein „positives Denken“ in allen, auch fragwürdigen Facetten.

Man könnte in der Betrachtung der Dinge sogar noch einen Schritt weiter zurückgehen: Diejenigen, die auswandern, sind möglicherweise von vornherein schon eher diejenigen, für die äußere Lebensumstände eine besondere Bedeutung haben. Während manche Menschen materielle Not als schicksalhaft hinnehmen oder andere Werte höher stellen als das irdische Wohlergehen, wollen andere definitiv hier auf Erden gut leben und sind bereit, die Dinge entsprechend in die Hand nehmen. Das sind die potentiellen Auswanderer.

Das hieße: Schon in der Heimat entschließt sich nicht ein zufälliger Querschnitt zur Auswanderung, sondern eine Auswahl mit eher irdischen Affinitäten. Was dann im zweiten Schritt, nach der Auswanderung, durch den Wunsch nach Bestätigung und messbarem Erfolg noch verstärkt wird.

Vermutungen über die amerikanische Mentalität (2): Die Kraft zur Entscheidung

Dass in den USA die Mehrheitsgesellschaft, das „weiße Amerika“, von Einwanderern abstammt, ist eine Tatsache, die nicht nur geographische Aspekte hat, so dass man aufschlüsseln kann, wessen Vorfahren beispielsweise aus England, Irland, Deutschland oder Italien stammen. Noch wichtiger könnte ein mentaler Aspekt sein: All diese Amerikaner stammen von Menschen ab, die – zumindest ein Mal in ihrem Leben – eine große Entscheidung getroffen haben. Es war die Entscheidung, ihr gesamtes bisheriges Leben aufzugeben und den Weg in eine völlig unsichere Zukunft zu wagen.

Man kann sagen: Meist wurde diese Entscheidung aus purer Not geboren. Wohl wahr, aber in Not lebten in Europa und anderswo immer wieder viele, nur wenige aber machten den Versuch, ihr durch einen großen Schritt zu entkommen und, trotz der Not, ihre Überfahrt zu organisieren.

Die Kraft zur Entscheidung, zur Initiative, die häufig als amerikanischer Wesenszug gilt, hat also einen durchaus konkreten Hintergrund, der, über die Generationen hinweg, bis heute nachwirken dürfte. Selbst wenn er dessen Namen nicht mehr kennt, weiß jeder Amerikaner: Einer meiner Vorfahren war ein Entscheider.

Sich zeigen

Im Rückblick auf das eigene Leben kann man sich eine einfache Frage vorlegen: Wie viel in meinem Leben hat sich ergeben, ist mir gleichsam widerfahren, und wie viel habe ich selbst gewählt?

Letztlich ist wohl jedes Leben eine Mischung aus beidem, ein fortwährendes Aushandeln zwischen äußeren Faktoren und inneren Impulsen, ein Produkt aus Fügung und Freiheit. Aber je länger ich überlege, desto mehr denke ich: Ich habe mich doch zu viel gefügt. Ich habe immer nur versucht, die Dinge ein bisschen zu korrigieren, habe immer nur an den Umständen herumgezupft, ohne irgendwelche Risse zu riskieren. Ich habe wohl nichts Entscheidendes unterdrückt, aber doch vieles undeutlich gelassen. Ich bin kein Held, sondern der Anders-wäre-es-mir-etwas-lieber-Typ.

Dass jemand seine eigenen Lebenswünsche klar zur Geltung bringt, hat gar nichts mit Egoismus oder einem Sich-wichtig-Nehmen zu tun. Es heißt zunächst mal nur, dass dieser Mensch sich zeigt. Das ist ein faires Angebot an die Umgebung, jedenfalls fairer als das verdruckste Herumtragen von tausend ungelüfteten Phantasien und Ambitionen. Die Offenheit ist erfrischend, gerade weil sie sich exponiert, weil sie ein Bekenntnis und ein Wagnis enthält. Wer zeigt, was er will, zeigt auch, was er nicht bekommen hat und vielleicht niemals bekommen wird. Manches lässt sich ja nicht erzwingen oder braucht viel Zeit, und eh man sich umdreht, ist man sechzig und hat Arzttermine.

Dabei ist gar nicht allein entscheidend, ob die Träume oder Ambitionen tatsächlich realisierbar sind. Selbst wenn sie sich nur in Ansätzen, vielleicht unbeholfen und fragmentarisch verwirklichen lassen, hat ihre Sichtbarkeit schon einen tieferen Effekt: Sie bringt Klarheit. Man arbeitet sich in seiner eigenen Gestalt heraus. Es gibt ein Coming Out auf vielen Gebieten. Man wird ein Besonderer – und das ist das Gegenteil von Sich-wichtig-Nehmen. Nur die Wichtigtuer glauben insgeheim und unentwegt, das Allgemeine zu verkörpern, während sie in Wahrheit nur ihre spezielle Neurose spazieren führen. Mir scheint sogar, je klarer einer seinen eigenen Weg geht, desto mehr kann er auch andere Wege sehen und schätzen. Wie von allein ergibt sich daraus – welch schöne Dialektik – ein höherer Grad an Allgemeinheit als bei denen, die am liebsten den Vorsitz der Menschheit für sich reklamieren würden.

Auch jetzt

Kraft kommt aus Entschiedenheit. Aber woher kommt sie in einer Zeit, die – scheinbar – kaum Entscheidungen verlangt?

Nicht so schwierig wie man denkt

Frieden findet der Mensch nur im Tun des Richtigen. Ich weiß nicht, wo ich diesen Satz einmal gehört habe. Jedenfalls erscheint er mir tief wahr. Alles Blendwerk birgt den Keim der Unruhe.

Ach ja, man sage nicht, das Richtige sei schwer erkennbar. Fast immer lässt es sich, wenn man nur will, klar erfassen. In den übrigen Fällen liegt das Richtige darin, nach bestem Wissen und Gewissen ein Risiko einzugehen.