Thema: „Entwicklung“

Anthroposophie (9): Keime

Ein Satz mit großer Tragweite: „Wie der Pflanzenkeim in der gegenwärtigen Pflanze die künftige vorbildet, so entwickelt sich, verborgen im menschlichen Innern, ein geistig-seelischer Keim, der sich durch seine eigene Wesenheit für die geistige Wahrnehmung als die Anlage des künftigen Erdenlebens erweist.“
Sollte die Analogie, von der Steiner hier spricht, zutreffen, würde sich (im Vergleich zu den üblichen Sichtweisen) das ganze Menschenleben in einem anderen Licht darstellen. Unter anderem hieße es: Der Mensch hat im Alter nicht das Wesentliche hinter sich, sondern sein Leben ist bis zur letzten Stunde bedeutsam und zukunftsträchtig. Eigentlich bekäme auch das Wort „letzte Stunde“ eine andere, begrenztere Bedeutung.

Auf dem Weg ins Leben

Zwischen den Bäumen taucht eine Gruppe Mädchen auf, die offenbar einen Waldlauf machen – federnd, hüpfend, schwebend, plaudernd. Noch ganz ohne die Schwere der Erwachsenen. Als wären sie, körperlich wie seelisch, nur erst lose und versuchsweise mit der Erde verbunden.

(Aus einem Selbstgespräch)

Du musst nicht nur dorthin sehen. Du musst dorthin gehen.

Anthroposophie (4): Warnung

Eigentlich müsste man einem, der sich der Anthroposophie nähert, sagen: Stelle dich auf die maximale Verstörung ein! Auf die Umstülpung aller Anschauungen. Was du bisher missachtet oder gemieden hast, wird eine neue, andere Bedeutung gewinnen. Denn die Wahrheit ist, dass die Anthroposophie (mit Steiners Worten) „das Denken, das ganze Sinnen des Menschen, die ganze Seelenverfassung eben in eine andere Richtung bringt, als diejenige ist, die nun eben gang und gäbe ist“.

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Geheimtipp

Wenn du nicht mehr weiter gehen kannst, versuche es mit fliegen.

Fotomanie

Wirklich nichts gegen ein paar schöne Fotos! Aber die heutige Mode, fast wahllos zu fotografieren, alles festhalten zu wollen, muss andere Hintergründe haben. Ob vielleicht die Menschen in unserer Epoche die Dinge nicht mehr recht in ihre Seele aufnehmen können? Oder dieser Art Aufnahme (im doppelten Sinn) nicht mehr voll trauen? So dass sie das Erlebte auf andere Weise fixieren wollen? Man trägt es dann nicht in sich, sondern hat es irgendwo abgelegt. Das fing schon mit den Dia-Kästen an, heute setzt es sich in der Cloud fort. Statt interner eine externe Speicherung. Ein Veräußerlichungsprozess.

Es gibt Deutungen der Menschheitsentwicklung, die davon ausgehen, dass in unserer Epoche etwas ansteht und notwendig wäre, das man als innere Kräftigung des Individuums bezeichnen könnte: dass der Mensch nicht nur irgendwie durch die Welt rutscht, sondern sein Leben und Erleben immer voller mit Bewusstsein durchdringt. Die heutige Fotomanie aber deutet darauf hin, dass die Dinge im Moment eher noch in die Gegenrichtung laufen. Sie offenbart eine Erlebnisschwäche, ein Verarbeitungsproblem, eine Art Innenschwäche. Und die Bilderflut ist nur ein hilfloser Ausgleichsversuch. Je weniger innen ankommt, desto hektischer wird nachgelegt. Falscher Ansatz.

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.

Wunder in Arbeit

Wie weit, wie schwierig sind diese Wege – die inneren Wege, die Entwicklungswege. Alle, die anderes behaupten und die versprechen, dass man mit ein paar Mantras oder Übungen die Sache schon hinbekomme, verbreiten spirituellen Kitsch. Oder sie schwindeln oder sind ahnungslos. So viel ist da aufzuarbeiten und auszubilden! Und so eisern gilt das Gesetz: In der mentalen Evolution gibt es ein Überspringen so wenig wie in der biologischen Evolution.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie innere Wunder? Schon die Religion spricht doch vom Glauben, der Berge versetzen könne. Gibt es nicht also doch eine Kraft und Intensität, die fast unmittelbar in die Mitte durchschlagen kann?

Mag sein. Aber auch zu dieser Intensität ist es – ein weiter Weg.

Standortfragen

Pflanzen streben zum Licht. Menschen streben zum Licht. Manche erreichen es mit Mühe. Manche kümmern vor sich hin. Wahrscheinlich bewerten wir zu viel.