Thema: „Erkenntnis“

Was heute paradox klingt

Ein aus einer tieferen Welterkenntnis hervorgehendes Selbstverständnis könnte sich in dem Satz aussprechen: Ich bin Realist, ich rechne mit unsichtbaren Wirklichkeiten.

Anthroposophie (14): Nicht frei Haus

Anthroposophie hat zwei recht unterschiedliche Seiten. Zum einen spricht sie von einer Erkenntnismethode, zum anderen breitet sie Ergebnisse aus. Der Unterschied ist so groß wie der zwischen dem Bau eines Fernrohres und der Beschreibung dessen, was man damit sehen kann.

Das erste, die Methode, der Weg, ist zugleich ein Weg zur Selbstveränderung des Menschen. Denn – das ist zentral in Steiners Lehre – mit seinen bisherigen Mitteln, Sinneserkenntnis und kombinierendem Verstand, kann der Mensch nicht in die Tiefen der Wirklichkeit vordringen. Er braucht neue Organe der Erkenntnis. Diese aber können allein aus einer inneren Entwicklung des Menschen hervorgehen, die dessen ganzes Dasein transformiert. Steiner ist in diesem Punkt so radikal wie es je ein spiritueller Lehrer war: Erst wenn der Mensch sich selbst in einer durchgreifenden Weise umformt und läutert, wird er reif für eine andere Art von Erkenntnis. Erst dadurch „kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen für die Erforschung der übersinnlichen Welt“. Streng genommen öffnet sich erst dann der Zugang zum Zweiten, zu dem, was mit diesem Instrument erkennbar wird.

In der Praxis erscheinen die Dinge natürlich weniger getrennt und begegnet dem Steiner-Leser beides zugleich: Steiners Aussagen über die notwendigen inneren Prozesse und seine „Mitteilungen“ über das, was als Ergebnis dieser Prozesse sichtbar wird – sozusagen Bau des Fernrohres und Blick ins Universum.

Gewiss kann man auch versucht sein, das Zweite zu genießen, ohne sich mit dem Ersten abzuplagen. Damit aber würde das Entscheidende übergangen, das Moment der Entwicklung. Das Zweite bliebe eine Art Konsum, führte es nicht zum Ersten hin.

Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende

Ich kenne einen Menschen, der weiß zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Oder vielleicht sollte man sagen: Er weiß zu viele Einzelheiten, zu viel Mittelwichtiges, um an das Wichtige noch ranzukommen. Er durchwühlt alle Zeitungen, kennt alle Meinungen, Standpunkte, Einwände – aber die stehen jetzt überall im Wege, ständig stößt er an, er kann sich gar nicht mehr leicht und frei bewegen. Man muss sich aber frei bewegen können, um die Dinge gründlich zu untersuchen, sich ein eigenes Bild zu machen, vielleicht allmählich Klarheit und Sicherheit zu gewinnen. Bedeutsam ist ja nicht Wissen, sondern verarbeitetes Wissen.

Wie in der Medizin kann eben etwas in einer gewissen Dosierung hilfreich sein, darüber hinaus wirkt es eher nachteilig. Dann ist, wie schon der Prediger Salomo wusste, des „Büchermachens kein Ende“.

Unabhängig

Alles Bedeutende – in wissenschaftlichen, künstlerischen, sogar menschlichen Fragen – hat seinen Ursprung darin, dass Menschen die Dinge noch einmal ganz neu anschauen. Dass sie sich nicht mit übernommenen Vorstellungen begnügen, nicht aus zweiter Hand leben wollen.
Selbstverständlich muss dieser Neuansatz keineswegs sogleich zu großen Ergebnissen führen, die Dinge sind eben schwierig. Aber umgekehrt gilt: Nichts Bedeutendes, an dessen Anfang nicht ein fragender Blick gestanden hätte, ein Staunen, ein scheinbar naives, vielleicht ungestümes, respektloses Ausscheren aus den üblichen Sichtweisen.

Anthroposophie (5): Was will Steiner?

Ein Ansatz wie der Steiners steht leicht im Verdacht, der von der neuzeitlichen Forschung angestrebten Strenge und Objektivität entkommen zu wollen und in unsichere Gelände, ins Spekulative auszuweichen. Was er fordert und leisten möchte, ist aber genau das Gegenteil: eine weiter gehende Objektivierung, ja eine Expansion der neuzeitlichen Geisteshaltung auf bedeutsame, ihr bisher verschlossene Gebiete.
Der neuzeitliche Zug zu Nüchternheit und Objektivität, der sich an der Erkenntnis der äußeren Welt gebildet hat und der sich seit seinen Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert, als er noch manch fragwürdige alchemistische und astrologische Blüte trieb, immer weiter zu Empirie und Genauigkeit erzog – dieser nüchterne Zug soll sich auch jenseits seines naturwissenschaftlichen Mutterbodens bewähren. Bezeichnend ist der Untertitel schon von Steiners Frühwerk, der Philosophie der Freiheit: „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“. Neben die Naturwissenschaft soll eine Geisteswissenschaft treten.
Zweifellos bringt dieser Anspruch ein ganzes Bündel schwierigster Fragen mit sich. Unter anderem muss Steiner zeigen, wie ein verlässlicher Erkenntnisprozess funktionieren soll, wenn gleichsam die Geländer der äußeren Wirklichkeiten fehlen und wenn das entfällt, was die Naturwissenschaften in manchen Bereichen so bestechend bieten können: eine handfeste Überprüfung bestimmter Aussagen, also deren Bestätigung oder Widerlegung durch Daten und Experimente. Entsprechend nimmt die Frage, wie ein nüchternes, von ungeklärten Komponenten gereinigtes geistiges Forschen aussehen könnte, praktisch gesagt: welcher Schulung ein solches Forschen bedarf, einen zentralen Platz in Steiners Lehre ein.
Soll man sich scheuen, die Konsequenz anzudeuten? Angenommen, Steiner hätte diese Brücke, diesen Zugang zu bislang selten betretenen und jedenfalls kaum belichteten Territorien der Erkenntnis gefunden, dann wäre sein Werk nicht eine weitere Blüte in der herrlichen Wiese menschlicher Erkenntnisbemühungen, es wäre ein Weltereignis.

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.
Paul Klee

Anthroposophie (3): Skizze

Will man einige anthroposophische Kernaussagen etwas frontaler als üblich aussprechen, könnte dies etwa so lauten:
1. Es gibt eine ausgedehnte, vielfältig gegliederte, sich durch die Zeiten entwickelnde unsichtbare Wirklichkeit, von der die sichtbare nur eine Art Ausläufer und Ausdrucksform ist.
2. Weil der Mensch immer, ob er es weiß oder nicht, in allen Dimensionen der Wirklichkeit lebt, kann auch das ihm Unbewusste, und sei es nur in einem schwachen Schimmer, gelegentlich sein Bewusstsein streifen. Wir nehmen sozusagen mehr wahr als wir wahrnehmen. Wir nehmen es aber in der Regel nicht ernst, weil es so gar nicht in unsere Begriffswelt passt.
3. Es gibt einen regulären Weg, um zu einer Erkenntnis tieferer Weltschichten zu gelangen. Leicht ist er nicht.
4. Ein Leben ohne Zugang zu tieferen Weltschichten ist, wie man täglich sieht, möglich. Es bedeutet aber eine beträchtliche Verkürzung des Weltseins.
5. Auf dieser unzulänglichen Grundlage lassen sich die schweren kulturellen und sozialen Verwerfungen unserer Zeit nicht bewältigen. Notwendig wäre dafür ein volles, realistisches Verständnis der Wirklichkeit. Zur Wirklichkeit aber gehört das Unsichtbare.

Anthroposophie (2): Im Vergleich zur Religion

Der Unterschied zwischen dem heutigen kirchlichen Sprechen über tiefere Fragen und dem Steiners könnte in der Tat nicht größer sein. Wo auf der einen Seite alles um wenige große Chiffren kreist – Seele, Glaube, Gott, Erlösung –, wird auf der anderen Seite ein bis in die Einzelheiten gehendes, bis ins Letzte differenziertes Tableau höherer Erkenntnisse ausgebreitet. Es ist wie der Unterschied zwischen einem, der sagt: ich glaube, es gibt einen Seeweg nach Indien, und einem anderen, der auf einen Schlag die komplette Route einschließlich der Gestalt des zu umfahrenden Kontinents liefert, von Neufundland über die karibischen Inseln bis zur Magellanstraße.
Selbstverständlich ist das höchst erklärungsbedürftig.

Mächte der Gegenwart (19): Dunkle Mächte

Im Umgang mit dem Begriff Verschwörungstheorie sollte man vorsichtig sein. Meist wird er benutzt, um bestimmte politische Deutungen oder Erklärungsversuche von vornherein als indiskutabel abzufertigen, als etwas, mit dem man sich gar nicht weiter befassen muss. Und tatsächlich gibt es ja Leute, Verschwörungstheoretiker, die immer sofort und ganz genau wissen, wer wohinter steckt und wo die bösen Mächte sitzen, die mit unsichtbarer Hand das Geschehen lenken.
Aber es gibt eben auch weitreichende, in dunkle Hintergründe reichende Theorien oder Vermutungen, die keineswegs absurd sind, die vielmehr verborgene Wirklichkeiten beschreiben oder immerhin in Umrissen erfassen. Diejenigen, die vor vielen Jahren schon recht deutliche Vorstellungen von dem Überwachungsimperium entwickelten, dessen Ausmaß dann Edward Snowden in vielen Einzelheiten enthüllte, wurden seinerzeit auch als Verschwörungstheoretiker abgekanzelt. Aber sie hatten Recht und hatten den klareren Blick für die Wirklichkeit.
Man sollte sich also durchaus die Mühe machen, sollte zumindest den Versuch unternehmen, auch solch komplexe, weithin im Dunkel liegende Zusammenhänge zu erhellen. Diesen Versuch machen weder diejenigen, die sofort das Wort „Verschwörungstheorie“ zücken, sobald man sich jenseits der offiziellen Versionen bewegt, noch diejenigen, die mit ein paar finsteren Schablonen alles erklären zu können glauben. Dass es schwierig ist, gewisse Wahrheiten ans Licht zu bringen, weiß jeder wache Zeitgenosse. Aber es gibt diese Wahrheiten, und es ist bedeutsam, ihnen kritisch und beharrlich auf die Spur zu kommen. Wenn überhaupt, helfen gegen dunkle Mächte nur helle Gedanken.

Die Schwäche der Eltern

Es ist wohl ein kindliches Urbedürfnis und ja anfangs auch eine Überlebensnotwendigkeit, starke Eltern zu haben. Die Mutter eine Löwin, in deren Schutz man gut spielen und schlafen kann. Der Vater ein Löwe, vor dem die ganze Savanne Respekt hat.
Aber die Savanne ist groß, und nicht alle Kinder sind Löwenkinder, und nicht alle Menschenkinder sind Kinder von Helden, und selbst die Helden werden eines Tages matt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht immer Helden waren. Kurz, irgendwann erlebt jedes lebende Wesen die Schwäche der Eltern.
Das ist keine einfache Erfahrung. Im besten Fall ist es eine Schule des Realismus, eine Sehschule. Man lernt erkennen, wo und wie Menschen in der Welt stehen, auf so unterschiedliche, besondere, einzigartige Weise, dass die Worte stark und schwach nur einen schmalen Ausschnitt davon erfassen. – Diese Erkenntnis ist dann doch eine ziemlich starke Sache.