Thema: „Erziehung“

Die Unaushaltbarkeit der Welt

Wenn Kinder in diese Welt geboren werden, dann ist wohl häufig ihre erste tiefe, große, wenngleich noch unbewusste Empfindung: Das ist hier nicht auszuhalten! Sicherlich gibt es auch manche, die in ein liebendes, ausgeruhtes Umfeld geboren werden, das die kleinen Neulinge gut empfängt. Häufig aber geraten sie vom ersten Tag an in ein überfordertes, spannungsreiches Milieu, das mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit für die Kinder ist dann sehr begrenzt. Sie werden sozusagen nur mitgeschleift, müssen jede Bewegung des elterlichen Lebens mitmachen, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Oft sind sie, selbst mit der Mutter im selben Zimmer, mutterseelenallein.

Genau genommen sind sie noch nicht einmal in der Lage, ihre Einsamkeit klar zu empfinden. Anfangs ist ja das Kind noch mit Haut und Haaren Teil seiner Umgebung, ihm fehlt jede Möglichkeit der Distanzierung, es wird jeden Weltzustand als selbstverständlich hinnehmen, so selbstverständlich wie die Atemluft. Selbst im tiefsten Unglück hat es noch kaum die Mittel, sein Unglück wahrzunehmen.

Und dann, wie geht es weiter? Es geht weiter mit dem instinktiven Versuch, das Unglück zu begrenzen. Vielleicht sogar indem es ganz geleugnet und schöngeredet wird (von manchen ein Leben lang). Und natürlich indem das Kind versucht, ein rettendes Ufer zu erreichen. Wenn etwa ein bestimmtes Verhalten mit Zuwendung belohnt wird, wird es dieses Verhalten lernen. Wenn überhaupt keine Zuwendung in Sicht ist, wird es einen neutralen Modus suchen, das Leben stillstellen vor Bildschirmen oder in anderen Dämmerzuständen, nicht glücklich, aber wenigstens nicht brennend unglücklich. Und wenn es irgendwann einen Ausweg jenseits seiner Herkunftswelt entdeckt, das kleinste Versprechen von Anerkennung und Schutz, dann wird es darauf eingehen. Sei dies nun der Schutz einer Clique oder die Zuflucht einer eigenen einsamen Nebenwelt. Ich kenne eine Frau, die hat sich aus ihrem desolaten Elternhaus gleichsam ins Reich der Bücher verstiegen, sie ist nun hochgebildet und recht wunderlich.

Die Unaushaltbarkeit der Welt und der Versuch, sie doch irgendwie aushalten zu lernen! Die Ausweichbewegungen, mit denen wir zu überleben versuchen, die schmerzbegrenzenden, manchmal lebensrettenden Seitenwege, Abwege und Höhenwege – ganze Lebensgeschichten sind von dort her erklärbar!

Mächte der Gegenwart (13): Das Private ist, immer noch, politisch

Was ganz allgemein in der heutigen Nutzen-Mentalität einen schweren Stand hat: ein argloses, freies Menschsein ohne jedes Kalkül – das gibt es immerhin noch im Verhältnis zu Kindern. Da gibt es in vielen Fällen noch ein zauberhaftes Weltvergessen, ein Stillstehen der Zeit im Spiel, in der vertrauten Plauderei. Aber auch dort ist diese Atmosphäre immer schon gefährdet. Nicht nur durch die elterlichen Neurosen, die schon früh auf die Kinder übergreifen und sie in bestimmte Erwartungen hineinziehen, sondern auch durch die Rückwirkungen und Fernwirkungen jener Nutzen-Kultur. Wenn schon bei kleinen Kindern die Dinge in bestimmte Gleise gelenkt werden, wenn möglichst früh bestimmte „Kompetenzen“ vermittelt werden sollen und die sogenannte Frühförderung auf die Kleinen zugreift, kurz wenn es keinen Sinn mehr für Spiel und gemächliche Entfaltung gibt, dann bedeutet das – bei allen berechtigten Anteilen – doch schon eine Abrichtung der Kinder auf die Welt, in der sie später funktionieren sollen. Mit der Kindheit wird einer der letzten Räume der Nicht-Funktionalität ausgeräumt, eines der letzten Milieus vernichtet, das noch andere Arten von Erfahrungen erlaubt.

Notwendig wäre aber das Gegenteil: die Räume der Nicht-Funktionalität zu schützen, ja diese Räume zu stärken und zu erweitern. Aus welchen Reservoirs sollten sonst Kräfte der Humanisierung kommen?

Natürlich hat das Fehlverhalten der Eltern seine Gründe. Sie, die bekanntlich immer nur „das Beste“ wollen, möchten ihre Kinder optimal aufs Leben vorbereiten. Diese zu lange in ihrer eigenen Welt, auf ihren unregulierten Wegen zu lassen, könnte, das ist die Angst, nette, aber lebensuntüchtige Träumer hervorbringen. Im Grunde leiten also die Eltern nur den gesellschaftlichen Druck, den sie selbst empfinden, zum Nachwuchs weiter.

Diese große systemische Fehlentwicklung wird sich nur in einem langen Prozess korrigieren lassen. Wenn man indes schon heute ein sinnvolles Verhalten finden muss – gibt es dann ein anderes Mittel als Vertrauen? Das Vertrauen, dass aus einer freien, erfüllten Kindheit Menschen hervorgehen werden, die stark genug für beides sind: in der heutigen Welt zurechtzukommen und an einer besseren mitzuwirken.

Nein

Kindheit ist überhaupt nicht schön. Denn typischerweise werden Kinder von klein auf belastet, sind einem unsichtbaren Netz an Erwartungen ausgesetzt, wird ihnen all das Unerfüllte der vorherigen Generationen aufgebürdet. Und es ist immer vieles unerfüllt.

Dass Kinder sich instinktiv gegen dieses Aufladen sperren – das erklärt wohl einen Großteil der kindlichen Unruhe und Bockigkeit. Denn sie ahnen ihr Unglück, spüren dunkel, dass sie das alles nicht erfüllen können, oder nur unter Opferung ihrer selbst.

Aber Kinder sind schwach und der Generationenmechanismus ist mächtig. Meist wird die Last am Ende doch übernommen und dreißig Jahre später an die nächsten weitergegeben.

Nur wenige, die die unheilvolle Kette unterbrechen. Und manche brauchen Jahrzehnte, bis sie innerlich sagen: Herzlichen Dank, ich lehne den Auftrag ab!

Ampelpädagogik

Ich gehe manchmal bei Rot über die Straße, sogar wenn Kinder in der Nähe sind. Zumindest wenn sie in Begleitung Erwachsener sind. Meiner Ansicht nach sollten Kinder auch sehen, dass es Leute gibt, die Regeln übertreten. Kinder sind ohnehin in einem bestimmten Alter schrecklich regelbewusst. Und wenn sich die Erwachsenen dann aufspielen: „Guck mal, dieser Mann macht das aber gar nicht richtig!“, dann wird ohnehin die Weltordnung wieder schön gefestigt.

Die Kinder werden das verstehen

Auf Eltern lastet ein großer Druck, die Dinge richtig zu machen. Man könnte daran verzweifeln, und man kann, im Rückblick, betroffen sein über das, was man versäumt und nicht gesehen hat.

Aber wir können und müssen nicht vollkommen sein. Wenn Eltern um das Richtige ringen und wenn sie dabei in ihrer Fehlbarkeit erkennbar bleiben, dann ist das schon viel. In gewisser Weise ist es bereits das Richtige, jedenfalls scheint darin das Richtige auf, als etwas, das sie wollten, das sie meinten.

Kinderdrama

Das Kind möchte die Zuwendung des Mannes gewinnen. Der hat aber eher Augen für die anderen Kinder.

Das Kind tut allerhand, um ihm dennoch zu gefallen und zu imponieren. Es tut auch manches, das fragwürdig und erkennbar auf ihn bezogen ist.

Der Mann bemerkt das natürlich.

Der Mann sagt, das Kind sei opportunistisch, es passe sich an.

Der Mann bemerkt nicht, wie ein Herz zerreißt.

Pädagogische Essenz

Die alte Dame, die anfangs als „Jugendleiterin“ in Heimen arbeitete und später selbst Erzieherinnen ausbildete, erzählt: Das Wichtigste sei ihr immer die Beobachtung gewesen. Zunächst einmal komme es darauf an, das Geschehen in der Gruppe aufmerksam zu verfolgen. Häufig werde viel zu schnell geurteilt und eingegriffen.

Eine ihrer Anregungen an die Erzieherinnen war, ein Kind, das sie als störend oder unangenehm empfanden, eine Zeitlang genauer zu beobachten. Das Ergebnis sei praktisch immer gewesen, das sie zu diesem Kind nach einiger Zeit eine besonders intensive und gute Beziehung hatten.

Vom Nutzen des Erwachsenwerdens

Von jeher kursieren allerhand kitschige Vorstellungen von der Kindheit, von angeblich unbeschwerten Jahren, von einem Blumenwiesenglück, in dem der so genannte Ernst des Lebens noch fern war.

Ich will gar nicht behaupten, dass es sich dabei immer um rückblickende Verklärung handeln muss. Es gibt tatsächlich Kinder, die unter glücklichen Umständen aufwachsen, im Schutz starker Menschen, die zugleich ein Gespür für die kleinen Wesen haben, die neben ihnen heranwachsen.

Meist aber ist es anders. Ich verbinde Kindsein vor allem mit einer Empfindung der Wehrlosigkeit. Ich spreche gar nicht von der Erfahrung roher Gewalt oder sexuellen Missbrauchs; das sind eigene Kapitel. Ich spreche ganz einfach vom naturgegebenen Kräfteverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, sprich von der Unterlegenheit der Kinder. Kein Kind kann es in einer Auseinandersetzung mit einem Erwachsenen aufnehmen. Jedes Kind kann man an die Wand diskutieren. Ein Kind ist eben noch neu in der Welt und weiß nicht wirklich, wie es hier zugeht. Und selbst wenn es in Wahrheit die besseren Gründe auf seiner Seite hat, können die Erwachsenen das mit ihren starken Worten überdecken und im Zweifelsfall einfach entscheiden, was Sache ist. Kinder werden, fast schon routinemäßig, überwältigt. Das setzt sich bis in die Schulen fort, wo manche Lehrer Meister der Demütigung sind. Und manche Mitschüler auch.

In meinem Fall würde ich das Erwachsenwerden in weiten Teilen als einen Prozess der Aufrüstung beschreiben. Es ging, bewusst oder unbewusst, um die Fähigkeit, dergleichen Übergriffe abwehren zu können. Das psychologische Ziel lässt sich ganz einfach beschreiben: dass sie dich nicht mehr kleinmachen können; dass du die grobe Richtung selbst bestimmen kannst; gegebenenfalls auch, dass du für dein Elend wenigstens selbst verantwortlich bist.

Ich habe überhaupt keine Sehnsucht nach der Kindheit. Ich finde es sehr angenehm, allerhand Worte und Pfeile im Köcher zu haben. Ich finde es sehr angenehm, bewaffnet zu sein. Warum eigentlich greift keiner mehr an? Ich finde es sehr angenehm, bewaffnet zu sein, ohne die Waffen zu gebrauchen zu müssen. Ich finde es sehr angenehm, als Erwachsener Kind zu sein.

Gartenkunst

Ihr Geheimnis liegt in einer Balance von Gestalten und Gewährenlassen. Sie beruht auf einem Dialog zwischen Mensch und Natur, nicht auf deren Unterwerfung. Man pflanzt etwas – und lässt ihm seine eigenen Wege. Es rankt sich in einer Schönheit jenseits der Berechnung. Manche Parallele zur Erziehung.

Ich brauche nur in unserm lieben Weimar zum Fenster hinauszusehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns steht. Als neulich der Schnee lag, und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen so schnell sie konnten.

Johann Wolfgang Goethe