Thema: „Evolution“

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Erinnerung

Du magst ihn nicht? Nur um es ins Gedächtnis zu rufen: Ihr teilt 99,5 Prozent eures Erbmaterials. Da sollte es doch eine Basis der Verständigung geben.

Wunder in Arbeit

Wie weit, wie schwierig sind diese Wege – die inneren Wege, die Entwicklungswege. Alle, die anderes behaupten und die versprechen, dass man mit ein paar Mantras oder Übungen die Sache schon hinbekomme, verbreiten spirituellen Kitsch. Oder sie schwindeln oder sind ahnungslos. So viel ist da aufzuarbeiten und auszubilden! Und so eisern gilt das Gesetz: In der mentalen Evolution gibt es ein Überspringen so wenig wie in der biologischen Evolution.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie innere Wunder? Schon die Religion spricht doch vom Glauben, der Berge versetzen könne. Gibt es nicht also doch eine Kraft und Intensität, die fast unmittelbar in die Mitte durchschlagen kann?

Mag sein. Aber auch zu dieser Intensität ist es – ein weiter Weg.

Robust

Wenn ich die zahlreichen Gefährdungen des Daseins sehe, durch Unfälle oder Krankheiten, selbst eine Grippe kann uns schon an unsere Grenzen bringen – dann wundere ich mich manchmal, dass überhaupt so viele Menschen ein höheres Alter erreichen.

Vermutlich sehe ich zu wenig, dass der Mensch auch ein äußerst starkes Gewächs ist. Die langen Wege der Evolution haben ihn offenbar mit beachtlichen Kräften oder Gegenkräften ausgerüstet, zur Not greift die moderne Medizin noch stützend ein. Zwar können wir dennoch durch bestimmte Krankheiten innerhalb von Monaten zugrundegehen. Daneben aber bleibt ein weites Spektrum an Bedrohungen, mit denen wir noch fertig werden, so dass tatsächlich viele, gewiss gezeichnet und vernarbt, ihr Haar ergrauen sehen.

Vorwärtsdrängen     

Fast jeder kennt diese Ungeduld: die subtile Nervosität, wenn scheinbar nichts vorangeht, dieses tiefsitzende Sich-steigern-Wollen, Die-Zeit-Ausnutzen und Etwas-erarbeiten-Wollen. All dies gehört wohl zum Wesen des Menschseins. Und es wird auch kaum dadurch gebremst, dass das Ziel dieser Steigerungen oft fragwürdig ist und von den Trägern dieser Energien am Ende nur eine Handvoll Staub und Knochen bleibt.

Schwer zu sagen, woher dieses immerwährende Streben und Drängen kommt, das über die äußeren Notwendigkeiten des Lebens weit hinausgeht. Sicherlich sind evolutionäre Prägungen im Spiel; über lange Zeiten war wohl die Not so groß, dass der Mensch gleichsam auf Aktivität gepolt ist und es auch bleibt, wenn sich die Lage längst beruhigt hat. Darüber hinaus könnte das jüdisch-christliche Erbe eine Rolle spielen, das in Europa noch protestantisch verstärkt wurde: dass der Mensch seine Zeit nicht vertändeln, sondern zum Heil der Welt und seiner Seele nutzen solle. Der moderne Kapitalismus mit seiner Rationalisierungsideologie hat dann zweifellos noch einiges draufgesetzt.

Ich sitze am Rand des Geschehens und staune – voller Ungeduld, weil da so viel zu steigern und zu ändern wäre! Auch wenn die heutigen Steigerungen aus meiner Sicht einen anderen Charakter haben müssten, eher als Klärung und intelligente Beruhigung zu verstehen wären…

Wenn es sonst nichts ist

Wir sind, als körperliche Wesen, tief in den Zeiten verankert und eng mit allem Lebendigen verwandt. Jeder steht in einer langen Generationenfolge, alle Menschen teilen denselben Bauplan, jedes Atom unseres Körpers hat eine ferne Herkunft. Physisch gesehen sind wir stets in weitaus Größeres eingebettet.

Die kleine Aufgabe ist nun, auch in unserem Bewusstsein eine vergleichbare Tiefe und Weite zu erreichen. Also die Selbsttäuschungen zu überwinden, die mit der Fixierung auf das einzelne Sein verbunden sind.

Eines Stammes Triebe

Dass alle Menschen miteinander verwandt sind, jedenfalls weitläufig verwandt, könnte man für eine allzu harmoniebetonte, romantische Vorstellung halten. Aber es ist eine Tatsache.

Reife Leistung

Als ich mich unlängst ein wenig in naturwissenschaftliche Dinge vertieft hatte, die mutmaßlichen Zustände auf der frühen Erde, die Entstehung komplexer Moleküle, die Herausbildung einfacher Lebensformen und die langwierigen Karrieren des Lebens bis zu all den Pflanzen und Insekten, Fischen und Säugetieren, die wir heute kennen, und als ich dann leicht erschöpft auf die Straße trat und unversehens in das zarte Gesicht einer jungen Frau sah, flog mir durch den Kopf: Die Evolution hat wirklich gute Arbeit geleistet.

Auf dieser Erde gibt es keinen auch noch so einfachen und rudimentären Organismus, der nicht Endpunkt einer Reihe von Wesen ist, die im Verlaufe der letzten zwei Milliarden Jahre oder vor noch längerer Zeit gelebt haben.

Francois Jacob

Traum der Steine

Es gibt ein seltsames Gesetz in der Welt: Je komplexer etwas ist, desto instabiler ist es. Ein Stein ist wunderbar stabil, kann jedenfalls Jahrhunderte und Jahrtausende mit ein paar Kratzern überstehen. Alles Leben dagegen, in seiner herrlichen Differenziertheit, ist höchst gefährdet. Es kann sich nur unter definierten Bedingungen halten, und auch dann nur auf Zeit, und es gravitiert am Ende ins Anorganische zurück. Es ist nur Übergang und Episode, als ob die Steine es nur träumten.