Thema: „Freiheit“

Unabhängig

Alles Bedeutende – in wissenschaftlichen, künstlerischen, sogar menschlichen Fragen – hat seinen Ursprung darin, dass Menschen die Dinge noch einmal ganz neu anschauen. Dass sie sich nicht mit übernommenen Vorstellungen begnügen, nicht aus zweiter Hand leben wollen.
Selbstverständlich muss dieser Neuansatz keineswegs sogleich zu großen Ergebnissen führen, die Dinge sind eben schwierig. Aber umgekehrt gilt: Nichts Bedeutendes, an dessen Anfang nicht ein fragender Blick gestanden hätte, ein Staunen, ein scheinbar naives, vielleicht ungestümes, respektloses Ausscheren aus den üblichen Sichtweisen.

Frei im Raum

Irgendwann musst du das Gehäuse deines Lebens verlassen. Irgendwann, ob du willst oder nicht, wird der Kreis deiner Gewohnheiten durchbrochen. Irgendwann geht die Welt mit einem lässigen Schritt über das hinweg, was du dein Leben nanntest. Dann gehst du in den freien Raum, wo du in Wahrheit immer gingst, nur die Gespinste deines Lebens haben das verdeckt – und gehst dort gut! Wo kein Geländer und weit und breit kein Halt mehr ist, dort gehst du sicherer denn je.

Traurige Symmetrie

Unterdrücker sind immer auch Selbstunterdrücker. Was auch umgekehrt gilt: Selbstunterdrücker sind immer auch Unterdrücker.

Man will, was man selbst nicht zulässt, auch nicht bei anderen zulassen.

Voltaire, hilf! Sie sind so verlogen

Es ist schon auffällig, wie Leute, die einem vorher nie durch ihren Freiheitssinn aufgefallen sind und die es mit der Emanzipation und Liberalität eigentlich immer ein bisschen übertrieben fanden – wie dieselben Leute auf einmal, sobald es um unsere muslimischen Freunde geht, freiheitstechnisch führend sind. Plötzlich, man reibt sich die Augen, tragen sie die Fahne der Frauen- und Schwulenrechte vor sich her und feiern die Ideale der Aufklärung, als ob sie das alles persönlich erfunden und erkämpft hätten.

Dabei erinnern sie in ihrem Auftreten so verdammt an diejenigen, die seinerzeit die Aufklärer am liebsten in Ketten gelegt hätten.

Die Furcht kann aber durch Rüstungen nicht vermindert werden, sondern nur dadurch, dass ein neuer Zugang zur Freiheit gefunden wird.

Ernst Jünger

Professionell

Wenn du sehr weit gehen oder sehr hoch steigen möchtest, dann solltest du allen Ballast meiden, alles unnötige Gewicht zurücklassen. Die alten Eitelkeiten und Stapel an Gedanken – lass sie im Basislager.

Hier bist du geboren, da ist das Gehirn des Monsters. Hier musst du kämpfen.

Che Guevara

Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.

Muhammad Ali

Durch jene Tür

Dann gehen wir
mit leichtestem Gepäck
so leicht dass alles
was wir unsres nannten
dass selbst die Namen
liegen bleiben
durch jene Tür
die immer offen
stand und steht
bis wir sie
federleicht durchschreiten.

Sich zeigen

Im Rückblick auf das eigene Leben kann man sich eine einfache Frage vorlegen: Wie viel in meinem Leben hat sich ergeben, ist mir gleichsam widerfahren, und wie viel habe ich selbst gewählt?

Letztlich ist wohl jedes Leben eine Mischung aus beidem, ein fortwährendes Aushandeln zwischen äußeren Faktoren und inneren Impulsen, ein Produkt aus Fügung und Freiheit. Aber je länger ich überlege, desto mehr denke ich: Ich habe mich doch zu viel gefügt. Ich habe immer nur versucht, die Dinge ein bisschen zu korrigieren, habe immer nur an den Umständen herumgezupft, ohne irgendwelche Risse zu riskieren. Ich habe wohl nichts Entscheidendes unterdrückt, aber doch vieles undeutlich gelassen. Ich bin kein Held, sondern der Anders-wäre-es-mir-etwas-lieber-Typ.

Dass jemand seine eigenen Lebenswünsche klar zur Geltung bringt, hat gar nichts mit Egoismus oder einem Sich-wichtig-Nehmen zu tun. Es heißt zunächst mal nur, dass dieser Mensch sich zeigt. Das ist ein faires Angebot an die Umgebung, jedenfalls fairer als das verdruckste Herumtragen von tausend ungelüfteten Phantasien und Ambitionen. Die Offenheit ist erfrischend, gerade weil sie sich exponiert, weil sie ein Bekenntnis und ein Wagnis enthält. Wer zeigt, was er will, zeigt auch, was er nicht bekommen hat und vielleicht niemals bekommen wird. Manches lässt sich ja nicht erzwingen oder braucht viel Zeit, und eh man sich umdreht, ist man sechzig und hat Arzttermine.

Dabei ist gar nicht allein entscheidend, ob die Träume oder Ambitionen tatsächlich realisierbar sind. Selbst wenn sie sich nur in Ansätzen, vielleicht unbeholfen und fragmentarisch verwirklichen lassen, hat ihre Sichtbarkeit schon einen tieferen Effekt: Sie bringt Klarheit. Man arbeitet sich in seiner eigenen Gestalt heraus. Es gibt ein Coming Out auf vielen Gebieten. Man wird ein Besonderer – und das ist das Gegenteil von Sich-wichtig-Nehmen. Nur die Wichtigtuer glauben insgeheim und unentwegt, das Allgemeine zu verkörpern, während sie in Wahrheit nur ihre spezielle Neurose spazieren führen. Mir scheint sogar, je klarer einer seinen eigenen Weg geht, desto mehr kann er auch andere Wege sehen und schätzen. Wie von allein ergibt sich daraus – welch schöne Dialektik – ein höherer Grad an Allgemeinheit als bei denen, die am liebsten den Vorsitz der Menschheit für sich reklamieren würden.