Thema: „Freiheit“

Lockerungsübung

Es ist schon schlimm genug, dass andere uns häufig auf ein Bild festlegen und aus einer Szene oder Bemerkung ihre Meinung über uns ableiten. Noch unverständlicher ist, dass wir das häufig sogar selbst betreiben und ein ziemlich starres Verständnis davon haben, wer wir sind.

Warum aber sollte man sich so einengen? Wäre es nicht schön zu sagen: Der war ich gestern, wer aber werde ich morgen sein? Oder zu sagen: So sehe ich die Dinge, aber – ich bin ja nicht dumm – ich sehe sie auch noch ein bisschen anders.

Damit meine ich nicht irgendein modisches Gerede über multiple Identitäten oder Patchwork-Persönlichkeiten. Ich meine die Bereitschaft, sich als wandelbar und unabgeschlossen zu betrachten, die Fähigkeit in Paradoxien zu denken, eine klare Position zu haben und zugleich eine von kubistischer Komplexität, kurz: ein liberales Verständnis von sich selbst zu haben. In einem Menschen kann nämlich allerhand vor- und unterkommen, und von manchem auch das scheinbare Gegenteil. Die Welt ist ziemlich großzügig, warum sollten wir da kleinlich sein?

Ich denke wir müssen bei alldem keine Sorge haben, dass man uns nicht wiedererkennt.

Nachts am Ruder

Könnte es sein, dass mir niemand so viele Vorgaben und Vorschriften macht wie ich mir selber? Zum Beispiel darüber, was es bedeutet, einen Tag produktiv zu nutzen. Obwohl doch die Produktivität an Stellen und aus Quellen kommt, deren geistige Geographie ich nicht wirklich überschaue. Sieht so aus, dass ich das noch lernen muss: wann man steuern und wo man treiben lassen sollte.

Vom Leben in Festungen

Ich neige zu der Auffassung, dass jede Erkenntnis über einen selbst, so schmerzlich sie sein mag, letztlich doch befreiend wirkt. Meine Lebenserfahrung indes – sie ist nicht groß, aber ein paar Leute habe ich im Lauf der Jahre kennengelernt –, meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass es auch Menschen gibt, die bestimmte Dinge über sich selbst definitiv nicht wissen wollen.

Sicherlich jubelt niemand, wenn, die eigene Person betreffend, unangenehme oder auch nur ungewohnte Fragen in den Raum kommen. Jene Menschen aber gehen weiter: Sie versuchen entsprechende Hinweise oder auch nur Fragen nach Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Ich habe sogar erlebt, dass sie das lästige Thema mit allen Mitteln eliminieren wollen, ja sogar denjenigen, der es aufbrachte, mit einer gewissen Planmäßigkeit und bösen Systematik auszuschalten versuchen. Es ist verblüffend, aber das gibt es.

Ich erkläre es mir so, dass es Grade an Verletzung und Schmerzerfahrung gibt, in der Regel schon in der Kindheit, bei denen ein Mensch ganz außerordentliche Verteidigungsanlagen aufbauen musste, um sich zu behaupten; dass selbst Täuschungen und Selbsttäuschungen notwendig waren, um zu überleben; und dass dieser Mensch sich womöglich über Jahre und Jahrzehnte in diesen Systemen einleben musste, gleichsam in ein Leben in Tunneln und Wehrgängen, die am Ende scheinbar seine ganze Existenz ausmachten.

Eines Tages gibt es dann kaum ein Zurück mehr. Dann wird, selbst wenn die Gegner längst abgezogen oder tot sind, die Verteidigungsanlage selbst verteidigt, als gäbe es, jenseits von ihr, kein Leben.

Mentale Meteorologie

Wer verhindert hier eigentlich ständig, dass die Dinge sich ganz frei entfalten, dass die Gedanken sich in klarer Luft bewegen, dass der Wind weht, wo er will? Und an wem liegt es, dass die ganze Atmosphäre ein wenig steif und befangen ist?

Hmm, ich glaube das bin ich.

Ein Klassiker

Trifft man sich, längst erwachsen, wieder in der Familie, mit den Eltern und den Geschwistern, dann gibt es, als hätte es die Jahrzehnte dazwischen nicht gegeben, eine Gravitation in die alten Rollen und Regelkreise. Die Kommunikationswege sind so tief eingegraben, die familiären Muster so stabil, die Geplänkel so eingespielt, dass es auf einmal scheint, als gäbe es keine Wege mehr außer den alten Wegen. Quasi mit dem Öffnen der Tür ist die eigene Unbefangenheit verdampft, ist der Stolz vieler Entwicklungsjahre dahin, man spielt die alten Spiele.

Oder spielt man mit den alten Spielen? Gibt es doch Zeichen der Reife? Jedenfalls ist es nirgendwo schwieriger, eine kontemplative Haltung einzunehmen als im vertrauten Gelände. Zuhause frei zu sein, auch von sich selbst, ist eine Leistung.

Zweihundert Jahre später

Wenn ich mich in eine andere Zeit vertiefe, wenn ich mir etwa anschaue, wie Deutschland nach der Eroberung durch Napoleon aussah, wie damals diskutiert wurde, ob vielleicht die deutsche Sprache ganz verschwinden werde, ob Deutschland untergehen werde, und wie es wieder aufzurichten wäre, ob als loser Verband oder in festerer Form, ob die Macht der Fürsten einzuschränken sei, manche sprachen gar von einer Republik (am Ende wurde es dann 1815 ein lascher Deutscher Bund, der alle enttäuschte und in dem nur die Zensur einigermaßen funktionierte) – wenn ich also in solch ferne Verhältnisse so weit abgetaucht bin, dass ich meine eigene Zeit vergessen habe, dann gibt es ein seltsames Erwachen: Ach stimmt, es existiert noch immer, dieses Deutschland, es ist, nach allem, was danach kam, doch irgendwie zurückgekommen, als Republik, hübsch föderal geordnet, wie es deutsche Sitte ist, ein bisschen farblos zwar und doch recht frei, recht friedlich, sie hatten einst davon geträumt.

Und was machen wir daraus? Hocken darin und lassen uns bedienen. Nutzen nicht im Entferntesten die Räume, die uns dieses wirklich nicht üble politische Gehäuse bietet.

Querfeldein

All die Ansichten, die der anderen und meine eigenen. Ich versuche, zwischen ihnen hindurchzugehen.

Leben, handgemacht

Das junge Mädchen hat ein Jahr in Australien verbracht. Sie landete dort in einer charmanten Patchwork-Familie, in der so manches drunter und drüber ging. Besonders Mutter M., Vegetarierin, Feministin und Weltretterin, versprühte beste Laune und hatte immer große Pläne, von denen einzelne auch realisiert wurden, nicht aber zum Beispiel die Erneuerung des Haustürschlosses. Bevor sie wegging, schob sie immer einen Sessel von innen gegen die Tür, „my security system“, und entwich durch den Kellerausgang. Jedenfalls war in diesem Haushalt selten klar, was der Tag bringen würde.

Seit längerem ist das Mädchen, oder inzwischen eher: die junge Frau, wieder in Deutschland. Der Kontakt ist sporadisch, gelegentlich geht ein Telefonat oder ein Päckchen nach Australien. Auch M. hat einmal ein Weihnachtspaket angekündigt, hat offenbar schon kleine Geschenke, aber es kam immer etwas dazwischen. Für Weihnachten im darauf folgenden Jahr hat es leider auch nicht gereicht. Die junge Deutsche allerdings reagiert erstaunlich. „Ich liebe es, wie verplant die sind!“

Plötzlich wird mir klar: Gerade das hat sie dort genossen – dass nicht alles so organisiert und das Leben nicht immer schon festgezurrt war. Wahrscheinlich hat es für Jugendliche auch etwas Entlastendes, wenn die Erwachsenenwelt selbst leicht erziehungsbedürftig wirkt. Dass alles funktioniert, ist ja tatsächlich unmenschlich.

De l’Allemagne

Wenn man, wie ich, damit aufgewachsen ist, die Deutschen schwerfällig und schwermütig zu finden und mit Bewunderung nach Frankreich zu blicken, wo scheinbar alles leichter, freier, eleganter zugeht, und wenn man sich mit dieser Neurose sozusagen einige Jahre lang reisend durch Europa geschämt hat, dann ist es eine merkwürdige Erfahrung, eines Tages Madame de Staels „Über Deutschland“ zu lesen.

Sie bestätigt im Grunde dieses Bild (und hat es teilweise mit geschaffen), sie versieht es aber mit ganz anderen Wertungen. Tatsächlich fand sie, als sie zwischen 1803 und 1808 durch die deutschen Lande reiste, deren Bewohner wenig weltläufig und konstatierte, die Freiheitsliebe sei bei ihnen „nicht entwickelt“. Zugleich aber spricht sie geradezu liebevoll von der geistigen Atmosphäre auf dieser Seite des Rheins, von der Musikalität und „Seelenpoesie“ der einfachen Leute, vom verschrobenen Ernst der literarischen und philosophischen Diskussionen. „Sachsen lag in tiefer Ruhe; bisweilen machte man Lärm mit einigen Ideen, ohne an ihre Anwendung zu denken… Bei dem allen ist nichts so achtungswert als diese friedlichen Eroberungen der Betrachtung und des Nachdenkens.“ Mit ihrer intellektuellen Neugierde, ihren „Reisen in das Unendliche“ bildeten die Deutschen gleichsam die éclaireurs, „den Vortrab der Armee des menschlichen Geistes“.

Zweihundert Jahre später, nachdem die Deutschen ganz anderen Armeen gedient und ganz andere Eroberungen versucht haben, möchte man über diesen Fortgang der Dinge weinen. Es ist, als hätten die Deutschen ihre Talente in furchtbarer Weise verdreht. Mag sein, dass die Französin ein idealisiertes Deutschlandbild hatte. Aber hatte nicht auch Hölderlin, schon kurz vor ihr, dem Vaterland vorgehalten, „daß du immer / Blöde die eigene Seele läugnest“? – Am Ende hat wohl dieses Volk bei seinem Höllenritt durch die weitere Geschichte nicht nur manch anderes, sondern vor allem sich selbst planiert.

Wenn jemand unliniert ist, so muss er immer wieder feststellen, dass die Welt liniert ist.

Kurt Schwitters