Thema: „Freiheit“

Verteidigung der Unfertigkeit

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik, wenn ein Mensch mit über fünfzig sich noch immer im Vorfeld des Lebens fühlt, als bereite er sich auf das Entscheidende erst noch vor. Er wird sich auch in der Begegnung mit seinen robusteren Mitmenschen, die ihre Stellung im Leben längst gefunden haben, immer leicht schwankend und halmartig vorkommen.

Andererseits macht man es sich mit dem Spott zu leicht. Wenn sich manche nur widerstrebend auf ein bestimmtes Lebensmuster einlassen, kann das mit einem Mangel an Entscheidungsfähigkeit zu tun haben; es kann aber auch heißen, dass sie angesichts der Weitläufigkeit der Welt einfach keine Lust haben, sich auf ein kleines Äckerchen festzulegen; dass sie also, anders als jene Lebenspraktiker, den Reichtum der Wege und Wirklichkeiten überhaupt noch voll empfinden und sich darin zu orientieren versuchen.

Selbstverständlich kann das auch eine Überforderung sein. Überhaupt ist ja alles zu viel für ein Leben. Leider kann man nicht auf fünf Wegen gleichzeitig gehen, und es ist eine Illusion, man könne sich über die Jahre alles offen halten. Fortwährend schließen sich kleine Türen, lautlos, so wie die Adern verkalken. Und am Ende sitzt vielleicht einer mit weit ausgreifenden Gedanken in einer engen Küche und blickt auf Kaffeeflecken. Man ist einer, auch wenn man es gar nicht sein möchte.

Trotz allem aber könnte man ein solches Leben, selbst wenn es in gewissem Sinn stecken geblieben ist, interessant nennen. Es ist ein Bild des Menschseins, der großen Räume und der kleinen Möglichkeiten. Eigentlich ein treffenderes Bild als es diejenigen bieten, die sich in ihrem Inventar an Möbeln und Gedanken eingerichtet haben, ohne noch die Abenteuer und Abgründe zu empfinden, die sie umgeben. So gesehen können die scheinbar unreifen, unsicheren, ungeschickten Existenzen recht gute Welt-Bürger sein.

Gewohnheiten

Man kann beobachten, dass der Alltag der meisten Menschen in einem gewissen Lebensalter einrastet. Bestimmte Reihenfolgen verfestigen sich, nach dem Aufstehen wird geduscht, dann eine Tasse Tee getrunken, die Zeitung aufgeschlagen; am Abend vielleicht ein Blick durchs Fenster zum Nachbarn, ein Glas Wein, Punkt acht die Nachrichten.

Diese Abläufe, anfangs nur lockere Folgen, entwickeln mit der Zeit eine beträchtliche Beharrungskraft. Menschen können, wenn sie darin gestört werden, ziemlich ungnädig reagieren. Im Übrigen sind die stabilen Sequenzen auch Zeichen von Friedenszeiten. In geschichtlichen Extremsituationen kann die Wasserversorgung eines Tages unterbrochen sein, und die Nachrichten verfolgt man mit anderen Augen.

Grundsätzlicher betrachtet, sind Gewohnheiten natürlich immer Begrenzungen. Man schränkt die Verfügbarkeit über sich selbst ein. Ein Tag, der genau dies und das und jenes enthalten soll, ist kein Reich der Möglichkeiten mehr, sondern in hohem Maß vorstrukturiert.

Es ist kein Zufall, dass diejenigen, denen die Freiheit und Formbarkeit von Mensch und Welt am Herzen liegt, dieses Thema sehr ernst nehmen. So haben auch Religionen, die (in ihren besten Formen) um solche Freiheit ringen, fast immer gewisse Anti-Gewohnheits-Konzepte entwickelt. Dazu gehören etwa bestimmte Fastenzeiten, besonders markant im islamischen Ramadan, in dem eine Mondphase lang die sonstigen Abläufe außer Kraft gesetzt werden und von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird – ein beachtlicher Eingriff, der eine Veränderung der Lebensatmosphäre bewirkt, die von manchen mit Freude erwartet wird. Wo andererseits der Sinn der Operation nicht verstanden wird, ist ihr Ergebnis kein Gewinn an Souveränität, sondern bloß eine neue Fixierung.

In gewissem Sinn ist es eine große Kunst, sich als Mensch über Jahre und Jahrzehnte offen zu halten. Bescheidener gesagt, kann man zumindest versuchen, beides zu sehen: das Trägheitsmoment alles Menschlichen und zugleich seine traumhafte Beweglichkeit; dass jedenfalls ein Dasein, das sich zu sehr in bestimmten Formen eingräbt, unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt; und dass es eine anregende Übung sein kann, die gewohnten Muster zu unterlaufen, in sanfter Selbst-Subversion.

Selbstverständlich kann man auch sagen: Dazu habe ich keine Lust. Und selbstverständlich kommt – so oder so – die Stunde, in der alle Gewohnheiten zerreißen.

Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie ihm die geringste Zahl von Möglichkeiten vor Augen stellt. Das Individuum wird von seinen Erziehern behandelt, als ob es zwar etwas Neues sei, aber eine Wiederholung werden solle. Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden.

Friedrich Nietzsche

Freedom’s just another word for nothing left to lose.

Kris Kristofferson / Janis Joplin

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.

Grundgesetz, Artikel 5