Thema: „Frieden“

Seelenruhig

Bedingungslos auf das setzen, was man für richtig hält, nicht ständig schielen, sich von außen nicht terrorisieren lassen, wohl zuhören, aber dann gemächlich durch den Wald der Meinungen hindurchgehen – – – süßer Friede.

Zwei Wahrheiten

Wer versteht die Welt, wer versteht das Leben? Es ist alles unendlich schwierig. Und andererseits ganz einfach. Man kann nur tun, was man tun kann. Das ist dann auch genug. Genug, um Frieden zu finden.

Vorwärtsdrängen     

Fast jeder kennt diese Ungeduld: die subtile Nervosität, wenn scheinbar nichts vorangeht, dieses tiefsitzende Sich-steigern-Wollen, Die-Zeit-Ausnutzen und Etwas-erarbeiten-Wollen. All dies gehört wohl zum Wesen des Menschseins. Und es wird auch kaum dadurch gebremst, dass das Ziel dieser Steigerungen oft fragwürdig ist und von den Trägern dieser Energien am Ende nur eine Handvoll Staub und Knochen bleibt.

Schwer zu sagen, woher dieses immerwährende Streben und Drängen kommt, das über die äußeren Notwendigkeiten des Lebens weit hinausgeht. Sicherlich sind evolutionäre Prägungen im Spiel; über lange Zeiten war wohl die Not so groß, dass der Mensch gleichsam auf Aktivität gepolt ist und es auch bleibt, wenn sich die Lage längst beruhigt hat. Darüber hinaus könnte das jüdisch-christliche Erbe eine Rolle spielen, das in Europa noch protestantisch verstärkt wurde: dass der Mensch seine Zeit nicht vertändeln, sondern zum Heil der Welt und seiner Seele nutzen solle. Der moderne Kapitalismus mit seiner Rationalisierungsideologie hat dann zweifellos noch einiges draufgesetzt.

Ich sitze am Rand des Geschehens und staune – voller Ungeduld, weil da so viel zu steigern und zu ändern wäre! Auch wenn die heutigen Steigerungen aus meiner Sicht einen anderen Charakter haben müssten, eher als Klärung und intelligente Beruhigung zu verstehen wären…

Aufgescheucht und aufgewirbelt

Alles in leicht hektischer und angestrengter Weise zu tun, so wie es der Stil unserer Zeit ist und wie es unterschwellig sogar als Beleg von Wichtigkeit und Bedeutung gilt – darauf sollte man nicht stolz sein. Dieser unruhige Hintergrund wird sich in der einen oder anderen Form immer auch im Ergebnis niederschlagen. Den Werken wird die letzte Klarheit und Reife fehlen.

Es wäre allerdings auch denkbar, dass der tiefere Grund der Geschäftigkeit darin liegt, dass man Klarheit und Reife gar nicht anstrebt oder sogar subtile Angst vor ihnen hat. Die Klarheit könnte ja, zum Beispiel, auch eine Klarheit über die Hinfälligkeit und Belanglosigkeit vieler Aktivitäten sein. Vermutlich will die moderne, aktivitätsstolze Mentalität manches gar nicht wirklich sehen. Jedenfalls scheint es häufig, als wäre sie mindestens so sehr mit dem Zudecken wie mit dem Aufdecken beschäftigt. Oder – ihre Spezialität – sie deckt eine Sache mit solchem Wirbel auf, dass zwanzig andere in der Staubwolke verschwinden.

Abendgedanken

Ach, das ist immer eine Mühe, wenn ich abends die Herde meiner Gedanken zusammenrufe! Sie haben sich ja tagsüber in so vielen Tälern verstreut, sind über Berge gegangen, haben sich im Gestrüpp verbissen. Ich will gar nicht behaupten, dass es ihrer so viele sind, ich kenne noch alle mit Namen. Aber sie verlaufen sich so weit, sie sind so störrisch. Manche, wenn ich sie rufe, tun erst so, als kämen sie zurück, und wenn ich später hinschaue, sind sie wieder irgendwelche Hänge hochgestiegen.

Mein Nachbar sagt: Lass sie doch grasen, wo sie wollen, es gibt keine Wölfe mehr.

Aber ich habe sie einfach gern über Nacht beisammen. Ich bin ein liberaler Hirte, aber gelegentlich, finde ich, sollten sie sich sammeln. Wenigstens nachts sollten sie beisammen liegen, hier mit mir unterm Sternenzelt. Ich kann nicht recht erklären, warum.

Unter uns, ich glaube, ich habe die Hektik.

Georg Christoph Lichtenberg

Im Hintergrund

Es gibt, ganz tiefliegend, sozusagen als Erstausstattung des Erdenbürgers, die Ängstlichkeit, irgendetwas nicht zu schaffen.

Mir scheint, sie zieht sich selbst bei Menschen, die nach den üblichen Maßstäben gut zurechtkommen, als leiser Ton durchs Leben. Wenige nur, die eines Tages ganz darüber hinwegkommen.

Von Nietzsche

Es gibt Sätze, die sind so klar und zugleich tief und hellsichtig, dass man besser schweigt, sich kurz verbeugt und Doppelpunkte macht:

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“

Im Äquilibrium

Ein Tag
gleich einem klaren See
sehr selten dies, ganz störungsfrei
selbst du ganz still
und siehst die Dinge bis zum Grund
was nicht bedeutet
dass du sie verstündest.

Die Evolution ist kein Ponyhof

Über Jahrmillionen haben unterschiedliche Lebewesen die Erde dominiert, zeitweise die Saurier, später andere Großtiere. Aber auch kleine Tiere wie die Ameisen haben, im Kollektiv, beträchtliche Lebensräume besetzt. Im Ganzen herrschte ein veränderliches Gleichgewicht, das mit dem Entstehen neuer Arten und dem Niedergang anderer Arten immer wieder evolutionär ausgehandelt wurde. Dass sich in diesem Prozess irgendwann ein Lebewesen entwickelte, das eine Totaldominanz erreichen konnte, ist ein erstaunliches Phänomen. Mit seiner erfinderischen Intelligenz hat der Mensch Gewaltverstärkungsmittel geschaffen, vom Speer bis zu den heutigen technologischen Möglichkeiten, die ihm eine unbegrenzte Übermacht verschaffen. Er kann Leben, fast nach Belieben, auslöschen. Es ist der absolute evolutionäre Triumph einer Art.

Zugleich ist damit, das ist im Lauf der vergangenen hundert Jahre vielen klar geworden, ein Wendepunkt erreicht. Der evolutionäre Grundtrieb, das Streben nach maximaler Expansion, stößt an eine Grenze. Denn der Mensch ist ohne sein biologisches Umfeld nicht lebensfähig. Die Vernichtung des Anderen würde, ginge sie zu weit, in die Selbstvernichtung münden.

An diesem Punkt ist also etwas seltsam Neues zu lernen: zu schonen. Zu erhalten, wo man vernichten kann. Sich einzufügen, wo man herrschen kann.

Na selbstverständlich, werden manche rufen. In einem bestimmten Milieu kann man gar nicht verstehen, dass dies alles noch so wenig beherzigt wird und auf Erden nicht längst alle nett zueinander sind. Wie gerufen kommen da neuere Theorien, die die Bedeutung der Kooperation in der Evolution herausarbeiten, nur leider übersehen, dass in deren Verlauf doch deutlich mehr gejagt und gefressen als kooperiert wurde. Und wenn, dann meist, um gemeinsam noch besser Beute zu machen.

Nein, solche Selbstverniedlichung ist genauso beschränkt wie das einstige Macht-euch-die-Erde-untertan. Sie unterschätzt die Kräfte, die hier am Werk sind. Sie unterschätzt vor allem, welch tief greifende Umstellung an dieser Schwelle zu leisten ist. Wesen, die seit Urzeiten hart am Minimum existierten und ganz auf Kampf und Durchsetzung gepolt sind, sollen quasi über Nacht, vom Großvater bis zum Enkel, zu Maß und Selbstbeherrschung finden. Das ist nicht wenig verlangt. Ohnehin kann es kaum sogleich eine Sache der Menschheit sein, sondern wird in manchen Teilen, allmählich wachsen müssen.

Im Übrigen ist es nicht nur eine Frage des Willens, sondern auch der Intelligenz. Denn es erfordert nicht allein eine Kontrolle der evolutionären Impulse, sondern eine Umstellung der gesamten Mentalität. Wenn der Mensch nicht mehr in erster Linie erobern, sondern sich integrieren will, muss er die Systeme, in die er sich integrieren möchte, verstehen. Als bloßem Eroberer und Ausbeuter genügte ihm ein schmaler funktionaler Zugriff, der die Nebenfolgen ignorierte und den Müll zurückließ; jetzt dagegen muss er die Dinge umfassender erkennen, in ihren Beziehungen durchschauen und austarieren. Man könnte sagen, seine erfinderische, ausgreifende Intelligenz muss durch eine verstehende, justierende Intelligenz ergänzt werden. Der Mensch kann und muss sich nicht für seine Übermacht entschuldigen, aber er muss sie klug einsetzen.

Im eigenen Interesse. Denn am Verstehen und Justieren hängt seine eigene Existenz.

Was nicht ausschließt, dass ihm eines Tages aufgeht, dass all dies noch mehr sein kann als eine Frage der Berechnung. Dass er vielmehr daran Gefallen findet. Wenn der Prophet Recht hat und eines Tages die Wölfe bei den Lämmern wohnen werden, dann wird wohl auch der Mensch den Frieden nicht auf Dauer stören wollen.