Thema: „Geschichte“

Anfänge politischer Bildung

Es muss 1967 gewesen sein. Auf einmal große Schlagzeilen: ein Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn! Ich war damals wohl in der vierten Klasse, vorwiegend am Fußballspielen interessiert, und erinnere mich, dass ich in der allgemeinen Aufregung die Kinderfrage stellte: Zu wem halten wir eigentlich? Zu Ägypten? – Das erschien mir wohl naheliegend, weil wir im Religionsunterricht gerade etwas über Joseph in Ägypten gehört hatten.

Nein, zu Israel, korrigierten mich die Eltern. Papa brach noch in den Ruf aus: Nasser, der Knallkopf! und hatte dabei mit seiner hochroten Glatze selbst einen schönen Knallkopf. Sie hatten wohl Angst vor einem großen Krieg. Im Rückblick wirken die Dinge ja immer handlicher, heute heißt es einfach Sechs-Tage-Krieg.

Feudalismus global

Selbstverständlich, wir leben nicht mehr im Zeitalter des Feudalismus, in dem zum Beispiel ein Mensch in einen höheren Stand hineingeboren wurde und von Geburt an privilegiert war. Bedenkenswert ist aber, was der Politikwissenschaftler Joseph H. Carens über die Vorzüge sagt, die einem heute allein durch den Ort der Geburt und die entsprechende Staatsbürgerschaft zufallen können: „Als Bürger eines reichen Staates in Europa oder Nordamerika geboren zu werden ist, als wäre man in den Adelsstand hineingeboren worden.“

Generationensprung

Was hat das zu bedeuten: dass junge, eher linksgestrickte Leute seit ein paar Jahren Fahrradhelme tragen, deren Form an die Stahlhelme der Großväter erinnert?

Rückert   (150 Jahre nach seinem Tod)

Wie es heutzutage um ein Bewusstsein der Herkunft und der Leistungen der Vorfahren bestellt ist, zeigt allein schon, dass ein Mann wie Friedrich Rückert fast vergessen ist. Dabei war der Mann ein Weltwunder. Nicht nur, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, weil er ein Genie der Sprachen und Kulturen war. Von Hebräisch über Arabisch, Koptisch und Persisch bis Sanskrit – er konnte das alles lesen und hat mit seinen Übersetzungen ein halbes Morgenland dem Abendland bekannt gemacht. Mindestens so erstaunlich ist seine eigene Dichtung. Nun gut, er war ein Vielschreiber. Das Reimen war seine Existenzform, er hat gedichtet wie geatmet, und manches schnauft so vor sich hin. Dazwischen aber einiges, das tiefer trifft als andre jemals trafen. Rückerts Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen… nach dem Tod von zweien seiner (zehn) Kinder ist so ergreifend, es versteigt sich in ein so herzzerreißendes Nichtwahrhabenkönnen, dass man gar nicht weiß, ob die Germanisten dafür Begriffe haben. Ist das frühexpressionistisch? vorexistentialistisch? Jedenfalls fällt es weit aus den Formen der Zeit heraus. (Wenigstens haben einige seiner Kindertodtenlieder in Gustav Mahlers Vertonungen ein zweites Leben erlangt.)
Nebenbei war der hochdekorierte Gelehrte von einer herrlichen Wurstigkeit und wohnte in dem langhaarigen Zwei-Meter-Mann eine unstillbare Melancholie:
Amara, bittre…
O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Mit dir um Kap Hoorn

Im Radio eine Sendung über die erste Umsegelung von Kap Hoorn im Jahr 1616. Achtzehn Tage gegen den starken Westwind, mit hohen Wellen, Salzwasser bis in die Kojen, aufgerissenen Händen, frierenden Seeleuten, singender Takelage. Und ich denke unentwegt an dich, den Segler, dem diese Sendung sehr gefallen hätte…

Nichts bringt uns in so unmittelbare Berührung mit einer Kultur vergangener Zeiten wie ein Kunstwerk, das innerhalb dieser Kultur etwas wie eine Mitte bezeichnet.

Titus Burckhardt

Traurige Symmetrie

Unterdrücker sind immer auch Selbstunterdrücker. Was auch umgekehrt gilt: Selbstunterdrücker sind immer auch Unterdrücker.

Man will, was man selbst nicht zulässt, auch nicht bei anderen zulassen.

Mächte der Gegenwart (10): Outsourcing

Dass sich globale, imperiale Macht in unserer Zeit nur selten offen zu erkennen gibt, sondern diskrete Lösungen bevorzugt, das zeigt sich nicht nur in ihrer Kernzone, unter „Freunden“ und Verbündeten, sondern auch darüber hinaus. Anders als die alten Römer schickt man, wenn es an den Reichsgrenzen Ärger gibt, nur noch ungern eigene Legionen. Lieber versucht man die Dinge über „Partner“ vor Ort zu regeln.

Dieses Prinzip wurde schon zu Zeiten des Kalten Krieges geübt, als die Sowjetunion und die USA in der Dritten Welt sogenannte Stellvertreterkriege führten, bestimmte Regime mit Waffen aufpumpten und nur im Notfall unmittelbar eingriffen; dann auch meist mit traumatischen Ergebnissen, wie für die USA in Vietnam und für die Sowjetunion in Afghanistan.

Auch heute wird immer wieder direkt militärisch eingegriffen, wie zurzeit durch mehrere Mächte in Syrien. Aber es ist riskant, können doch solche Interventionen selbst Großmächte (wie seinerzeit die USA im Irak) unter beträchtlichen Legitimationsdruck setzen. Die Regel ist daher ein indirektes Eingreifen, ein Agieren unterhalb des Radars der Weltöffentlichkeit, etwa durch die verdeckte Stärkung bestimmter lokaler Kräfte und das Unterminieren anderer, also ein strategisches Operieren, das profunde regionale Analysen voraussetzt. Soweit dann doch an bestimmten Punkten zielgenaue Interventionen erforderlich scheinen, die den lokalen Partnern nicht zugetraut werden, wird auch dies möglichst ohne eigene reguläre Kräfte und ohne formalen Auftrag erledigt. Vielmehr wird die Aufgabe vorzugsweise nichtstaatlichen „Dienstleistern“ übertragen, privaten Söldnerfirmen, die (wie Blackwater im Irak) ungenierter agieren können. Auch die verdeckten Interventionen Russlands in der Ukraine folgen offenkundig einem solchen Muster, wenngleich in eher operettenhafter Ausführung.

Letztlich werden ganze Weltregionen als Räume minderen Rechts behandelt, in denen Praktiken geduldet und gefördert werden, die „zuhause“ nicht opportun wären: Geheimgefängnisse, Entführungen, unzulässige Verhörmethoden, Folter. Das Outsourcing der schmutzigen Arbeit, das im wirtschaftlichen Bereich längst üblich ist, erstreckt sich dann auch aufs politische Feld.

Mächte der Gegenwart (7): Kaschierte Macht

In den heutigen Imperien hat sich im Vergleich zu früheren die Form der Herrschaftsausübung verändert. Früher, vom Römischen Reich bis zu den Kolonialimperien, war die Mechanik der Macht noch klar erkennbar, gab es sichtbare Kommandostränge vom Zentrum in die Peripherie. Das geht heute so nicht mehr, es widerspräche zu offenkundig den allgemein postulierten Maßstäben von Demokratie und nationaler Souveränität. Das heißt, die Mechanik der Macht musste im Lauf der Zeit subtiler werden. Ihr Mittel ist heute nicht mehr der Befehl, sondern die Pression, der strukturelle Zwang innerhalb ungleicher Beziehungen. Die schwächere Seite hat kaum eine andere Wahl als sich den Vorgaben der stärkeren Seite zu beugen und dies auch noch als „freie“ Entscheidung zu vertreten.

Adolf

Bei Leuten, die von Hitler als dem „Adolf“ sprechen – man trifft sie ja immer wieder –, bei diesen Leuten ist, selbst wenn sie dann etwas Kritisches und Distanziertes über ihn sagen, Misstrauen angebracht. Ein so leutseliger Ton ist bei einem solchen Thema mindestens geschmacklos. Meist ist es ohnehin, wie bei vielen schon gleich nach dem Krieg, nur eine pragmatische Distanz: Man setzt sich innerlich ab, nicht weil die Sache unmenschlich war, sondern weil sie unterlag. Und man vorher wie nachher auf der stärkeren Seite sein will. Aus dem „Adolf“ spricht der Opportunist.