Thema: „Glück“

Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: das allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde! Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, andern wehe zu tun und Wehes auszudenken.
Friedrich Nietzsche

Maß und Mittelmaß

Im Radio höre ich einen Beitrag über Aristoteles. Unter anderem geht es um seine Lehre vom rechten Maß. Dergleichen klingt wohl für die meisten Ohren heute, für meine auch, zunächst etwas altmodisch, klingt nach einer gebremsten Lebenshaltung, während heutzutage doch alle Welt nach Intensität und Leidenschaft lechzt. Das rechte Maß aber, wird in der Sendung deutlich, ist gerade nicht das Mittelmaß, sondern ein Optimum zwischen den Extremen. Zwischen Geiz auf der einen und Verschwendung auf der anderen Seite liegt die Großzügigkeit. Zwischen Feigheit und blindem Aktionismus liegt eine recht verstandene Entschlossenheit.

Eigentlich, denke ich, geht es hier um die Entwicklung von Lebensintelligenz, um eine volle – ja intensive! – Ausbildung dessen, was in uns liegt. Dass unsere Zeit dafür keinen Sinn hat und ihre hektische Glückssuche für ein großartiges Lebensprinzip hält – das ist mittelmäßig.

Porträt eines Gekränkten

Tief im Innern fühlt er sich vom Leben benachteiligt. Wie oft hat er darüber nachgedacht, inwiefern er von Beginn an schlechter als andere ausgestattet, von Kind an zurückgesetzt war. Zu dieser Empfindung haben viele Anlass. Die meisten aber finden sich damit im Lauf der Zeit ab und ordnen sich irgendwo ein. Soweit sie weiterhin vergleichen, beschränken sie sich auf benachbarte Fälle, begrenzen also den Raum der Vergleiche und begrenzen das Leiden.

Er aber gibt nicht nach. Er sieht nur die Gipfel und sich selbst tief darunter. So hält er stets die Wunde offen. Er sieht nur die vermeintlich Glücklichen, Begünstigten, Schönen, Leistungsfähigen. In manchen Momenten legt er sich zurecht, inwiefern seine Lage doch auch Vorteile bietet, einen anderen Blick, andere Qualitäten ermöglicht. Aber die inneren Konstrukte halten nicht stand gegen die Gewalt des Offensichtlichen.

Er ist wie ein Schwacher, der dennoch stets den Wettkampf sucht. Wie könnte sein Leben anderes sein als eine Reihe von Niederlagen, eine Geschichte von Verletzungen?

Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

Francis Bacon

Zu kurz gekommen   

Den Erfolg der anderen zu ertragen, ist keine leichte Sache. Manche können es, daneben aber gibt es den Groll der Glücklosen, die Bitterkeit derer, die begabt sind und spüren, dass sie, gesellschaftlich gesehen, mehr sein könnten als sie sind, die es aber nicht wurden, sei es wegen ungünstiger Ausgangsbedingungen, sei es durch Zufälle des Lebens. Wohin sie schauen, sehen sie besser gestellte Menschen, unverdienten Wohlstand, die Herrschaft des selbstgefälligen Mittelmaßes, es ist für sie kaum zu verwinden. Sie stellen die gesellschaftlichen Maßstäbe selbst in Frage (wofür es gute Gründe gibt) und sie finden – auf anderen Ebenen – Zeichen ihrer eigenen Überlegenheit.

Und doch hilft das meist nicht viel. In seelischer Defensive ein freies Selbstbewusstsein zu behaupten oder zu entwickeln, erfordert große mentale Kraft. Meist siegt die Schwerkraft der negativen Empfindungen. Dann flackern die Ressentiments gegen die Begünstigten, die Neigung, deren Leistungen zu entwerten, sie „runterzumachen“, eine Genugtuung über deren Scheitern, bis zur Gehässigkeit. Das Ergebnis ist ein unschönes Innenleben. Die äußerlich Glücklosen werden es auch innerlich, was keineswegs zwingend ist, wenngleich verständlich.

Geiz ist ja eines der verlässlichsten Anzeichen tiefen Unglücklichseins.

Franz Kafka

Zu viel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zu viel Misstrauen immer ein Unglück.

Jean Paul

Offene Grenzen

Was ist, neben vielem anderen, das Schöne an Kindern? Dass man sie noch in der Mitte ihrer Existenz erreichen kann; dass ihnen Geschichten, Spiele, Glück und Unglück bis ins Mark gehen. Bei Erwachsenen ist das häufig nicht mehr der Fall. Sie regulieren, meist recht routiniert, ihren Austausch mit der Welt. Oft kann nicht mehr viel das Mauerwerk ihres Lebens durchdringen.

Das hat gewiss seine Gründe. Die Mauern bieten Schutz. Wahrscheinlich ist ihre Höhe ganz einfach proportional zum Grad der Übergriffe, die erlebt wurden.

Dennoch: Ein trübes Dasein, das sich damit abfindet; das nicht zumindest die Option im Blick hat, wieder durchlässiger zu werden, die Zollkontrollen abzubauen, und sei es auf ganz eigene Weise, vielleicht höchst vorsichtig, in ganz persönlicher Dosierung. Erwachsen sein heißt doch auch: die Gesetze der eigenen Weltkommunikation frei bestimmen.

Wenn die Plagen der Kindheit und die Abwehrschlachten der jungen Jahre vorbei sind, kann gerade dies ein Entwicklungsziel sein: sich wieder voll verfügbar zu machen, wieder erreichbar zu sein wie ein Kind, sich zu erinnern: Es steht, auch jetzt noch, immer alles zur Disposition. – Am Ende gilt ohnehin: Es gibt Mauern, aber es gibt keinen Schutz.

Mut zum Unglück

Einer der ekelhaftesten Züge der modernen Kultur ist der permanente Druck, glücklich sein zu sollen. Wer es nicht ist, versteckt sich oder versucht zumindest einen guten Grund vorzubringen.

Dahinter steckt auch eine große Lüge oder jedenfalls Illusion: Als ob das Leben leicht wäre! Als ob diejenigen, die es nicht hinbekommen, irgendetwas nicht verstanden hätten. Und, nun gut, es gibt Naturtalente, die bekommen es auch hin. Aber das ist ein Terrormaßstab. Ich würde eine andere Bemessungsgrundlage vorschlagen: Das Leben ist verdammt schwierig, und wer sich einigermaßen achtbar schlägt, ist schon ein Held. Es ist nämlich keine Kleinigkeit, dass man ohne Vorwarnung in diese sonderbare Welt gerät, eine Zeitlang noch schreien darf, dann plötzlich ein Referat halten soll, nach einer beruflichen Entscheidung gefragt wird, vielleicht eines Morgens selbst einen kleinen Schreihals auf dem Arm trägt, und außerdem muss die Wäsche gewaschen werden. Wer das im großen und ganzen unfallfrei bewältigt, ist eigentlich schon ein staunenswertes Wesen.

So ungefähr sollten wir an die Sache rangehen. Dann wären auch nicht so viele Leute depressiv. Man kann das nämlich nicht ertragen, dass einem ständig etwas Leichtes vorgelogen wird und dann ist alles doch so schwierig. Dann denkt man natürlich, mit einem selbst sei etwas falsch. Dann hat man scheinbar nur noch die Wahl, entweder man macht den Schwindel mit oder man verkriecht sich.

Das alles – jetzt kommt der kulturhistorische Teil – hat mit einer Verschiebung im Status des Menschseins zu tun. In früheren Zeiten fühlte sich der Einzelne als Teil eines übergreifenden Zusammenhangs, des Schicksals, der göttlichen Vorsehung. War man unglücklich, konnte man dort nach Gründen suchen. Hiob zum Beispiel hat, als es ihm schlecht erging, lange Diskussionen mit Gott angefangen. Heute – wie schön, wie schrecklich – liegt scheinbar alles in unserer Hand. Wer nicht glücklich ist, ist ein Versager. Oder muss ein Attest vorlegen, das einen anerkannten Glückshinderungsgrund, am besten eine Krankheit nachweist.

Diesem Fanatismus – jetzt der politische Teil – ist Widerstand zu leisten. Hiermit erkläre ich: Ich möchte von dieser Glücksideologie nicht weiter belästigt werden. Ich möchte in aller Ruhe unglücklich sein. Ich möchte mein Unglück ganz entspannt genießen. Nein, ich will nicht in die alten Zeiten zurück. Noch unerträglicher aber ist die heutige Manie, das Glück einfangen zu wollen, es bis in die letzten Winkel zu verfolgen, ihm mit Scheinwerfern bis in die Wälder nachzustellen. Aber das Glück ist ein scheues Wesen. Es hockt wahrscheinlich längst auf einem dunklen Ast und wundert sich. Gleich neben uns, es leistet uns in unserem Unglück Gesellschaft.

Nachkommen

Eltern wollen ihre Kinder glücklich sehen. Ihr eigenes Unglück macht ihnen weniger Sorgen.

Selten ist es auch umgekehrt und wirkt dann, zumindest auf die meisten, befremdlich.