Thema: „Gott“

Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse; wir aber denken an den Namen des Herrn.

Psalm 20

Kalte Konfession

Flaubert sagt: „Der Autor muss in seinem Werk wie Gott im Weltall sein, überall anwesend und nirgends sichtbar.“ Ich denke, dieser herrliche Heide hat mehr vom Wesen Gottes verstanden als jene Frommen, die den Herrn überall herumfingern sehen.

Schlöss in die Dinge sich nicht etwas Göttlichs ein,
Sie sämtlich würden nicht nach der Erlösung schrein.

Daniel Czepko von Reigersfeld     (1605 – 1660)

Apollon als Kithara-Spieler, attisch, 6. Jh. vor Christus

Was ist passiert, dass so etwas in späteren Zeiten undenkbar wurde: ein Gott, der musiziert? Auch Krishna wurde gern mit Flöte gezeigt.

Im Vergleich dazu wirkt das jüdisch-christlich-islamische Gottesbild starr, moralbeschwert, fast totalitär. Was wurde im Zuge dieser religiösen Transformation alles ausgetrieben? Wie lebte es sich mit Göttern, die nicht nur durch Strenge und Barmherzigkeit, sondern auch durch Schönheit überzeugten? – Aber dazu hat ja schon Nietzsche einiges gesagt.

Götterkunde

In der Entwicklung der Götterwelt hat es seit den Tagen von Zeus und Athene möglicherweise auch einige bedenkliche Entwicklungen gegeben.

Die frühesten Götter – seien es die Indiens, Ägyptens oder Griechenlands – waren mächtig, aber nicht allmächtig. Sie ragten über das Irdische hinaus, ohne doch vollkommen zu sein. Sie zeigten gelegentlich sogar sehr menschlich wirkende Schwächen, verstrickten sich tief in Liebe und Eifersucht.

Im Monotheismus ist damit Schluss. Gott – jetzt gibt es ihn nur noch im Singular – gilt als allmächtig und vollkommen. Das setzt alle Seiten offenbar unter beträchtlichen Stress. Die Menschheit plagt sich seitdem mit der Frage ab, wie Gottes Vollkommenheit mit seiner ziemlich unvollkommenen Schöpfung zusammenpasst. Gott selbst wiederum steht unter dem Zwang zur Perfektion. Er darf nicht mehr, wie Zeus, hin und wieder schwach werden. Gott zu sein ist wohl auch, wie so vieles, im Laufe der Zeiten anstrengender geworden.

Der Weg

Die religiöse Behauptung ist, dass der Mensch, ob es ihm bewusst ist oder nicht, in der Gegenwart Gottes lebe. Und der religiöse Weg bedeutet nichts anderes als dass ihm diese Gegenwart bewusst werde. Alles weitere, das rechte Leben und Handeln, ergibt sich daraus.

Anzeige gegen Unbekannt

Menschen sind gewohnt, nach Verantwortlichen zu suchen. Ins große Ganze übertragen führt das zum Gedanken an Gott, den Hauptverantwortlichen. Wie aber, wenn diese Übertragung ins Leere liefe? Wenn sich zwar für manche Weltdinge Schuldige finden ließen, für Diebstähle und Diktaturen, nicht aber für die entscheidenden Tatsachen des Daseins: die menschliche Begrenztheit, Hinfälligkeit, Sterblichkeit? Wenn es also in diesen Fragen keinerlei Ansprechpartner gäbe.

Womöglich ist es dem Universum vollkommen gleichgültig, wie es uns geht. Womöglich ist es der Welt vollkommen gleichgültig, ob wir sie verstehen. Womöglich ist da überhaupt nichts und niemand, dem irgendetwas gleichgültig sein könnte.

An diesen Gedanken muss ich mich erst gewöhnen. Es wird ein wenig kühler, wenn man so denkt. Vielleicht aber die Luft ein wenig klarer?

Fromme Schmalzköpfe

Diese Gläubigen, die sich ihrer Sache so sicher sind und mich mit der Botschaft beglücken wollen, dass Gott auch mich liebt (was ich für vertretbar hielte, aber gewissermaßen auch zu seinen Amtspflichten rechnen würde) – diese Leute sind es, die mich irgendwann dazu bringen werden, vom Glauben abzufallen.

Auskunft

Man hat mir gesagt, dass alle Menschen sterben müssen.
Das ist richtig.
Lässt sich da keine Ausnahme machen?
Warum?
Ist nur eine Frage.
Ist dein Leben so schön?
Ich bin zufrieden. Mal abgesehen davon, dass ich grundsätzlich unzufrieden bin, oder jedenfalls ungeduldig.
Warum hängst du also daran?
Ich habe nicht gesagt, dass ich daran hänge. Ich kenne nichts anderes. Was kommt eigentlich danach?
Sag ich nicht.
Das heißt, wir sollen die ganze Zeit mit dieser Unklarheit leben. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?
Wie man’s nimmt.
Und fest steht nur, dass wir eines Tages nicht mehr atmen?
So sind die Regeln.
Wer hat sie erfunden?
Ich.
Dann könntest Du sie auch ändern.
Vielleicht. Manche halten mich für allmächtig.
Andere sagen, dass es Dich gar nicht gibt.
Dann führtest du ein Selbstgespräch.
Aus Deinem Mund ein deutscher Konjunktiv!
Ich spreche viele Sprachen.
Ist mir klar. Man könnte auch sagen: Du schweigst in vielen Sprachen.
Könnte man sagen.
Gibt es andere, an die ich mich in dieser Angelegenheit wenden könnte?
Ich habe viele Zweigstellen, auch in deiner Nähe.
Aber dort werde ich auch nicht mehr erfahren…
Ich fürchte nein.
Wir sollen also, obwohl wir im Großen und Ganzen praktisch ahnungslos sind, fröhlich und friedlich durch unsere Tage gehen.
Ich rate dazu.
Es ist ein Skandal.
Es ist eine Frage der Sichtweise.
Eine Frage der Sichtweise ist allenfalls, wie wir mit diesem Skandal umgehen.
Auch das ist eine mögliche Sichtweise.
Ich danke für das Gespräch.

Allhier

Dass es nicht besser
vorangeht,
damit kann ich
leben, solange Du
bei mir bist.
Denn was wäre
der Weg anderes
als ein Weg
zu Dir?