Thema: „Individualität“

Vertigo

Starke Schwindelgefühle. Beim HNO-Arzt muss ich bestimmte Tests machen, Gleichgewichtsorgan, Hörvermögen – alles sei ok, sagt er. Dann noch, um andere, bedrohlichere Ursachen auszuschließen, schieben sie mich in die Röhre, „MRT des Schädels“. Aber auch hier keinerlei auffälliger Befund. Was ja an sich erfreulich ist.
Was allerdings in Mediziner-Kategorien nur bedeutet: Es entspricht dem anatomischen Standard. Auf den Schnittbildern, sie liegen vor mir, sieht offenbar alles so aus, wie es bei Menschen eben üblicherweise aussieht. – In meinem Kopf sieht alles aus wie bei den anderen? Ein bisschen beleidigt bin ich schon.

Unabhängig

Alles Bedeutende – in wissenschaftlichen, künstlerischen, sogar menschlichen Fragen – hat seinen Ursprung darin, dass Menschen die Dinge noch einmal ganz neu anschauen. Dass sie sich nicht mit übernommenen Vorstellungen begnügen, nicht aus zweiter Hand leben wollen.
Selbstverständlich muss dieser Neuansatz keineswegs sogleich zu großen Ergebnissen führen, die Dinge sind eben schwierig. Aber umgekehrt gilt: Nichts Bedeutendes, an dessen Anfang nicht ein fragender Blick gestanden hätte, ein Staunen, ein scheinbar naives, vielleicht ungestümes, respektloses Ausscheren aus den üblichen Sichtweisen.

Anthroposophie (6): Blick ins Schaufenster

Einer der ersten Eindrücke, wenn man das anthroposophische Milieu streift, ist der, dass dort ein großes Gewese um bestimmte Begriffe gemacht wird, insbesondere das „Ich“, die „Individualität“ und das „Denken“, vorzugsweise das „reine“ Denken.
Das wirkt nicht einladend, macht nicht neugierig. Was Ich und Individualität betrifft, werden viele Menschen finden, dass es damit heutzutage ohnehin schon übertrieben werde. Und in Bezug aufs Denken empfinden die meisten auch keinen Mangelzustand, sie ersehnen eher Aufschwünge emotionaler Art. Entsprechend kann es scheinen, als brächte Steiner mehr von dem, wovon es jetzt schon zu viel gibt.
All dies geht nun völlig an Steiners Verständnis dieser Begriffe vorbei. Bis dieses indes verdolmetscht ist, sind die Leute schon weitergezogen.

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Der Mensch soll sich in der Nacht und unter Tags stets eine gute Zeit nehmen, und in der soll er sich in seinen Grund hinein versenken, jeder auf seine Weise. Die edlen Menschen, die sich in Lauterkeit ohne Bilder und Formen in Gott versenken können, sie sollen es tun auf ihre Weise. Und die anderen sollen sich ebenfalls auf ihre Weise eine gute Stunde darin üben; jeder auf seine Weise.
Johannes Tauler

Unikat

Ich kenne eine Frau, die zeigt ein so unnachahmliches Mienenspiel, wenn ihr etwas nicht gefällt oder eine Formulierung nicht behagt – sie sollte das patentieren lassen!
Obwohl, eigentlich unnötig, ist es doch unnachahmlich.

Ich begreife nicht, ich ertrage nicht, dass man einen Menschen nicht nach dem beurteilt, was er ist, sondern nach der Gruppe, der er zufällig angehört.
Primo Levi

Selbstvergiftung

Vielleicht könnte man es so zusammenfassen: Sich mit anderen zu vergleichen, ist eine der menschlichsten und zugleich eine der schädlichsten Neigungen.

Die Schwäche der Eltern

Es ist wohl ein kindliches Urbedürfnis und ja anfangs auch eine Überlebensnotwendigkeit, starke Eltern zu haben. Die Mutter eine Löwin, in deren Schutz man gut spielen und schlafen kann. Der Vater ein Löwe, vor dem die ganze Savanne Respekt hat.
Aber die Savanne ist groß, und nicht alle Kinder sind Löwenkinder, und nicht alle Menschenkinder sind Kinder von Helden, und selbst die Helden werden eines Tages matt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht immer Helden waren. Kurz, irgendwann erlebt jedes lebende Wesen die Schwäche der Eltern.
Das ist keine einfache Erfahrung. Im besten Fall ist es eine Schule des Realismus, eine Sehschule. Man lernt erkennen, wo und wie Menschen in der Welt stehen, auf so unterschiedliche, besondere, einzigartige Weise, dass die Worte stark und schwach nur einen schmalen Ausschnitt davon erfassen. – Diese Erkenntnis ist dann doch eine ziemlich starke Sache.

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.