Thema: „Kinder“

Wir Wunschkinder

In den 1960er-Jahren, nach Einführung der „Pille“, ging die jährliche Geburtenzahl in der Bundesrepublik von etwa 1,3 auf 0,8 Millionen Kinder zurück. Diese 800.000 waren dann wohl, denke ich, der Netto-Kinderwunsch. Und schließe zurück: Vorher war etwa jedes dritte Kind nicht vorgesehen. Ziemlich harte Aussage.
Nun ist ja alles immer komplizierter als man denkt und ich lerne gerade, dass diese Entwicklung, diese Abnahme, nur teilweise auf neue Verhütungsmöglichkeiten zurückzuführen war. Neben anderen Faktoren spielte auch der wachsende Wohlstand eine Rolle, der in allen Kulturen zu einem reduzierten Kinderwunsch führt. (In Japan gab es einen entsprechenden „Knick“ praktisch ohne Pille.) Trotzdem darf man wohl festhalten, dass – früher mehr, heute weniger – manches süße Wesen ohne offizielle Erlaubnis auf diesem Planeten erscheint. Die Frage ist, wie sich Eltern und später auch das Kind dazu stellen und stellen können.
Ich habe Freunde, die hatten ihre Familienplanung nach Nummer zwei eigentlich abgeschlossen, sie wähnten sich auch sozusagen biologisch inzwischen auf der sicheren Seite, da kam plötzlich Nummer drei angesegelt. Es hat ihr Leben ordentlich durcheinandergewirbelt, sie wollten aber kein Veto einlegen. Eine Rolle spielte wohl auch das Empfinden, dass der Mensch hier vor Fragen steht, die er nicht rein pragmatisch, mit einem dürren Passt-gerade-nicht, entscheiden sollte. Oder, wie sie es ausdrückte (sie sprechen dort englisch): Maybe there is a greater plan.
Das ist, finde ich (auch wenn ich leider den großen Plan bislang nicht vollständig einsehen kann), eine gute Haltung. Und zwar nicht im Sinne irgendeines Aberglaubens, sondern aus dem schlichten Bewusstsein heraus, dass die Welt weiträumiger ist als die meisten Menschenhirne. Was auch immer Eltern planen oder ihnen nur unterläuft – es steht in größeren Zusammenhängen. Pathetisch gesagt: Sind wir nicht ihre Wunschkinder, so sind wir doch Wunschkinder des Universums. (Manche mögen sagen: Gottes Kinder.)
Fassen wir zusammen. Eltern sind extrem wichtig, aber nicht alles entscheidend. Unter welchen Vorzeichen auch immer ein Wesen in diese Welt gerät: es tut gut daran und hat allen Grund, sich als willkommen, zurechnungsfähig, voll verantwortlich und glücksfähig zu betrachten. Kein Grund, gewisse Ausgangsfaktoren wie ein Urteil oder Schicksal anzusehen.

Dichtung und Wahrheit

Neuerdings denke ich gelegentlich an Karlsson vom Dach; als die Kinder klein waren, haben wir ein oder zwei von Astrid Lindgrens Karlsson-Romanen gelesen und viel gelacht. Karlsson ist ein zunächst nicht für jeden sichtbarer, kleiner, gemeiner, verfressener, intelligenter, sich selbst stets überschätzender und doch irgendwie faszinierender Zeitgenosse. Beachtlich auch seine Devise, insbesondere wenn er den schüchternen Jungen der Familie mal wieder in einen großen Schlamassel hineingezogen hat: „Das stört keinen großen Geist!“

Was mir nicht klar war: Solche Menschen gibt es wirklich! Ich kenne seit einiger Zeit einen und beobachte ihn scharf.

Rückert   (150 Jahre nach seinem Tod)

Wie es heutzutage um ein Bewusstsein der Herkunft und der Leistungen der Vorfahren bestellt ist, zeigt allein schon, dass ein Mann wie Friedrich Rückert fast vergessen ist. Dabei war der Mann ein Weltwunder. Nicht nur, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, weil er ein Genie der Sprachen und Kulturen war. Von Hebräisch über Arabisch, Koptisch und Persisch bis Sanskrit – er konnte das alles lesen und hat mit seinen Übersetzungen ein halbes Morgenland dem Abendland bekannt gemacht. Mindestens so erstaunlich ist seine eigene Dichtung. Nun gut, er war ein Vielschreiber. Das Reimen war seine Existenzform, er hat gedichtet wie geatmet, und manches schnauft so vor sich hin. Dazwischen aber einiges, das tiefer trifft als andre jemals trafen. Rückerts Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen… nach dem Tod von zweien seiner (zehn) Kinder ist so ergreifend, es versteigt sich in ein so herzzerreißendes Nichtwahrhabenkönnen, dass man gar nicht weiß, ob die Germanisten dafür Begriffe haben. Ist das frühexpressionistisch? vorexistentialistisch? Jedenfalls fällt es weit aus den Formen der Zeit heraus. (Wenigstens haben einige seiner Kindertodtenlieder in Gustav Mahlers Vertonungen ein zweites Leben erlangt.)
Nebenbei war der hochdekorierte Gelehrte von einer herrlichen Wurstigkeit und wohnte in dem langhaarigen Zwei-Meter-Mann eine unstillbare Melancholie:
Amara, bittre…
O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Mächte der Gegenwart (13): Das Private ist, immer noch, politisch

Was ganz allgemein in der heutigen Nutzen-Mentalität einen schweren Stand hat: ein argloses, freies Menschsein ohne jedes Kalkül – das gibt es immerhin noch im Verhältnis zu Kindern. Da gibt es in vielen Fällen noch ein zauberhaftes Weltvergessen, ein Stillstehen der Zeit im Spiel, in der vertrauten Plauderei. Aber auch dort ist diese Atmosphäre immer schon gefährdet. Nicht nur durch die elterlichen Neurosen, die schon früh auf die Kinder übergreifen und sie in bestimmte Erwartungen hineinziehen, sondern auch durch die Rückwirkungen und Fernwirkungen jener Nutzen-Kultur. Wenn schon bei kleinen Kindern die Dinge in bestimmte Gleise gelenkt werden, wenn möglichst früh bestimmte „Kompetenzen“ vermittelt werden sollen und die sogenannte Frühförderung auf die Kleinen zugreift, kurz wenn es keinen Sinn mehr für Spiel und gemächliche Entfaltung gibt, dann bedeutet das – bei allen berechtigten Anteilen – doch schon eine Abrichtung der Kinder auf die Welt, in der sie später funktionieren sollen. Mit der Kindheit wird einer der letzten Räume der Nicht-Funktionalität ausgeräumt, eines der letzten Milieus vernichtet, das noch andere Arten von Erfahrungen erlaubt.

Notwendig wäre aber das Gegenteil: die Räume der Nicht-Funktionalität zu schützen, ja diese Räume zu stärken und zu erweitern. Aus welchen Reservoirs sollten sonst Kräfte der Humanisierung kommen?

Natürlich hat das Fehlverhalten der Eltern seine Gründe. Sie, die bekanntlich immer nur „das Beste“ wollen, möchten ihre Kinder optimal aufs Leben vorbereiten. Diese zu lange in ihrer eigenen Welt, auf ihren unregulierten Wegen zu lassen, könnte, das ist die Angst, nette, aber lebensuntüchtige Träumer hervorbringen. Im Grunde leiten also die Eltern nur den gesellschaftlichen Druck, den sie selbst empfinden, zum Nachwuchs weiter.

Diese große systemische Fehlentwicklung wird sich nur in einem langen Prozess korrigieren lassen. Wenn man indes schon heute ein sinnvolles Verhalten finden muss – gibt es dann ein anderes Mittel als Vertrauen? Das Vertrauen, dass aus einer freien, erfüllten Kindheit Menschen hervorgehen werden, die stark genug für beides sind: in der heutigen Welt zurechtzukommen und an einer besseren mitzuwirken.

So vielversprechend

Es ist immer eine Freude, Kinder im Alter von etwa fünf bis zehn Jahren zu beobachten: ihre offenen Augen, ihre tastende Intelligenz, ihre Fähigkeit zum Guten.

Wie viele von ihnen aber werden siebzig Jahre später enttäuscht und gebrochen aus dem Leben gehen! Noch ist die Welt keine erfreuliche Veranstaltung.

Ampelpädagogik

Ich gehe manchmal bei Rot über die Straße, sogar wenn Kinder in der Nähe sind. Zumindest wenn sie in Begleitung Erwachsener sind. Meiner Ansicht nach sollten Kinder auch sehen, dass es Leute gibt, die Regeln übertreten. Kinder sind ohnehin in einem bestimmten Alter schrecklich regelbewusst. Und wenn sich die Erwachsenen dann aufspielen: „Guck mal, dieser Mann macht das aber gar nicht richtig!“, dann wird ohnehin die Weltordnung wieder schön gefestigt.

Die Kinder werden das verstehen

Auf Eltern lastet ein großer Druck, die Dinge richtig zu machen. Man könnte daran verzweifeln, und man kann, im Rückblick, betroffen sein über das, was man versäumt und nicht gesehen hat.

Aber wir können und müssen nicht vollkommen sein. Wenn Eltern um das Richtige ringen und wenn sie dabei in ihrer Fehlbarkeit erkennbar bleiben, dann ist das schon viel. In gewisser Weise ist es bereits das Richtige, jedenfalls scheint darin das Richtige auf, als etwas, das sie wollten, das sie meinten.

Jemanden, der so viel für Fremde tut wie wir alle für unsere Kinder, würde man einen Heiligen nennen.

Alison Gopnik

Kind und Mensch

In der Liebe der Eltern, in der ungeheuren, unzerreißbaren Kraft ihrer Hingabe, ist sicherlich viel Biologie am Werk: Weitergabe der eigenen Gene, unbedingter Schutz der Nachkommen, bis hin zum Opfer seiner selbst.

Aber da ist noch etwas anderes im Spiel. Man könnte sagen: ein Wissen um die Verletzlichkeit des Menschen, die man nirgendwo so klar empfindet wie bei einem Kind. Dieses Kind hat man von seiner ersten Stunde an gesehen, hat es danach durch tausend Wechselfälle begleitet, hat in tausend Situationen erlebt, wie fragil, wie ausgeliefert, wie strahlend und dankbar, wie aufsässig ein Menschenwesen sein kann. Es ist wie ein Paradigma des Menschseins.

Gewiss wird dieses Erleben im Alltag durch alles Mögliche getrübt; Eltern stehen ja meist mitten im Stress des Lebens und sind kaum reif für solche Wahrnehmungen. Dennoch gilt in der Tiefe: dass wir nie einen Menschen so vollständig erleben wie unser Kind. Keine spätere Bekanntschaft – mit Menschen, die sich immer schon gemäßigt, von ihren Wünschen entwöhnt und in die Welt gefügt haben – kann solche Einblicke gewähren. Bei unseren Kindern jedenfalls sehen wir, selbst wenn sie inzwischen einen Anzug tragen, immer noch das frühe Bild, das ganze Bild, das Bild des Menschen in seiner ganzen Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit. Dies erst erklärt, über die biologische Mechanik hinaus, das Maß unserer Hingabe.

Man könnte sogar so weit gehen zu sagen: Gerade im Privatesten, in der elterlichen Brutpflege, wird etwas Allgemeines erfahrbar. Gerade im Archaischsten kündigt sich ein Moment der Humanität an, das über die genetischen Bande hinausgeht. Das lässt hoffen.

Wie einem Kind

Wenn man mit einem kleinen Kind beschäftigt ist, sollte man alles andere vorübergehend ausblenden, sich von den vermeintlichen Wichtigkeiten der Welt nicht beirren lassen und sich allein diesem Wesen zuwenden. Dann zählt nur Hingabe, unabgelenkt.

Genau diese Haltung aber, scheint mir, sollten wir auch sonst einnehmen lernen – ohne Kind. Dem, was wir tun, was es auch sei, unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken: das ist vielleicht das Größte, das wir vermögen.