Thema: „Kindheit“

Auf dem Weg ins Leben

Zwischen den Bäumen taucht eine Gruppe Mädchen auf, die offenbar einen Waldlauf machen – federnd, hüpfend, schwebend, plaudernd. Noch ganz ohne die Schwere der Erwachsenen. Als wären sie, körperlich wie seelisch, nur erst lose und versuchsweise mit der Erde verbunden.

Kreislauf

Der Ausgang ist wie der Eingang. Gegen Ende gleicht das Menschenleben häufig seinem Anfang: in seiner Schwäche, in seiner Hilflosigkeit, im Angewiesensein auf andere. Vielleicht nässen wir sogar wieder ein.
Nur selten aber erfahren Menschen auf dieser letzten Strecke ähnliche Aufmerksamkeit und Fürsorge wie in ihren ersten Jahren.
Liegt es daran, dass sie sowieso bald gehen werden? So dass, in einer unbewussten Rechnung, der Einsatz nicht recht lohnt? Könnte es sein, dass eine solche Sichtweise die Dinge des Lebens gründlich missversteht?

Die Schwäche der Eltern

Es ist wohl ein kindliches Urbedürfnis und ja anfangs auch eine Überlebensnotwendigkeit, starke Eltern zu haben. Die Mutter eine Löwin, in deren Schutz man gut spielen und schlafen kann. Der Vater ein Löwe, vor dem die ganze Savanne Respekt hat.
Aber die Savanne ist groß, und nicht alle Kinder sind Löwenkinder, und nicht alle Menschenkinder sind Kinder von Helden, und selbst die Helden werden eines Tages matt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht immer Helden waren. Kurz, irgendwann erlebt jedes lebende Wesen die Schwäche der Eltern.
Das ist keine einfache Erfahrung. Im besten Fall ist es eine Schule des Realismus, eine Sehschule. Man lernt erkennen, wo und wie Menschen in der Welt stehen, auf so unterschiedliche, besondere, einzigartige Weise, dass die Worte stark und schwach nur einen schmalen Ausschnitt davon erfassen. – Diese Erkenntnis ist dann doch eine ziemlich starke Sache.

Die Unaushaltbarkeit der Welt

Wenn Kinder in diese Welt geboren werden, dann ist wohl häufig ihre erste tiefe, große, wenngleich noch unbewusste Empfindung: Das ist hier nicht auszuhalten! Sicherlich gibt es auch manche, die in ein liebendes, ausgeruhtes Umfeld geboren werden, das die kleinen Neulinge gut empfängt. Häufig aber geraten sie vom ersten Tag an in ein überfordertes, spannungsreiches Milieu, das mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit für die Kinder ist dann sehr begrenzt. Sie werden sozusagen nur mitgeschleift, müssen jede Bewegung des elterlichen Lebens mitmachen, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Oft sind sie, selbst mit der Mutter im selben Zimmer, mutterseelenallein.

Genau genommen sind sie noch nicht einmal in der Lage, ihre Einsamkeit klar zu empfinden. Anfangs ist ja das Kind noch mit Haut und Haaren Teil seiner Umgebung, ihm fehlt jede Möglichkeit der Distanzierung, es wird jeden Weltzustand als selbstverständlich hinnehmen, so selbstverständlich wie die Atemluft. Selbst im tiefsten Unglück hat es noch kaum die Mittel, sein Unglück wahrzunehmen.

Und dann, wie geht es weiter? Es geht weiter mit dem instinktiven Versuch, das Unglück zu begrenzen. Vielleicht sogar indem es ganz geleugnet und schöngeredet wird (von manchen ein Leben lang). Und natürlich indem das Kind versucht, ein rettendes Ufer zu erreichen. Wenn etwa ein bestimmtes Verhalten mit Zuwendung belohnt wird, wird es dieses Verhalten lernen. Wenn überhaupt keine Zuwendung in Sicht ist, wird es einen neutralen Modus suchen, das Leben stillstellen vor Bildschirmen oder in anderen Dämmerzuständen, nicht glücklich, aber wenigstens nicht brennend unglücklich. Und wenn es irgendwann einen Ausweg jenseits seiner Herkunftswelt entdeckt, das kleinste Versprechen von Anerkennung und Schutz, dann wird es darauf eingehen. Sei dies nun der Schutz einer Clique oder die Zuflucht einer eigenen einsamen Nebenwelt. Ich kenne eine Frau, die hat sich aus ihrem desolaten Elternhaus gleichsam ins Reich der Bücher verstiegen, sie ist nun hochgebildet und recht wunderlich.

Die Unaushaltbarkeit der Welt und der Versuch, sie doch irgendwie aushalten zu lernen! Die Ausweichbewegungen, mit denen wir zu überleben versuchen, die schmerzbegrenzenden, manchmal lebensrettenden Seitenwege, Abwege und Höhenwege – ganze Lebensgeschichten sind von dort her erklärbar!

Nein

Kindheit ist überhaupt nicht schön. Denn typischerweise werden Kinder von klein auf belastet, sind einem unsichtbaren Netz an Erwartungen ausgesetzt, wird ihnen all das Unerfüllte der vorherigen Generationen aufgebürdet. Und es ist immer vieles unerfüllt.

Dass Kinder sich instinktiv gegen dieses Aufladen sperren – das erklärt wohl einen Großteil der kindlichen Unruhe und Bockigkeit. Denn sie ahnen ihr Unglück, spüren dunkel, dass sie das alles nicht erfüllen können, oder nur unter Opferung ihrer selbst.

Aber Kinder sind schwach und der Generationenmechanismus ist mächtig. Meist wird die Last am Ende doch übernommen und dreißig Jahre später an die nächsten weitergegeben.

Nur wenige, die die unheilvolle Kette unterbrechen. Und manche brauchen Jahrzehnte, bis sie innerlich sagen: Herzlichen Dank, ich lehne den Auftrag ab!

Leuchten der Menschheit

Jeder Mensch, der neu in die Welt kommt, muss in gewisser Weise erst seinen Platz erobern. Er muss in vorgefundenen Verhältnissen seine Rolle finden, muss sich quasi dazwischenschieben, als Kind und als Jugendlicher in der Gruppe, anschließend im Berufsleben. Das kann ein beträchtlicher Kampf sein. In der Regel sind wir damit über Jahre und Jahrzehnte seelisch und kräftemäßig voll gefordert und ausgelastet.

Ins Leben gehen heißt also zunächst einmal: sich durchsetzen und sich behaupten. Nur wenige, die noch einen Schritt weiter kommen. Nur wenige, die einen Beitrag jenseits der eigenen Selbstbehauptung zu leisten vermögen.

Revision

Wie eigentlich wurde aus einem netten, etwas unsicheren Jungen ein alles abschätzender, besserwisserischer Mann? Und wie bekomme ich den Rückbau hin?

Kein Kinderspiel

Früher gab es diese billigen Werbegeschenke aus Plastik: flache durchsichtige Kästchen, in denen zwei oder drei winzige Kugeln hin und her liefen. Mit einigem Geschick, durch sachtes Kippen und Schwenken des Kästchens, konnte man die Kugeln in kleine Mulden bugsieren, aus denen sie doch immer wieder leicht herausliefen.

Ungefähr so erscheint mir heute mein Leben: Es läuft hin und her, streift immer wieder die entscheidenden Punkte und schießt doch ständig über sie hinaus.

Vielleicht ist es sogar nur ein Punkt, aber er ist so winzig, so unscheinbar, dass ich ihn nur in guten Stunden überhaupt erkenne, ihn immer wieder zwar berühre und dann doch regelmäßig überlaufe. Es ist, scheint mir, ein wundersamer Punkt, fast unsichtbar, und doch bedeutsamer als alles andere.

Überhaupt fehlt uns ja die Ruhe für dieses Spiel. Meist spielen wir so, als ob es auf die Geschwindigkeit der Kügelchen ankäme! Überall höre ich sie gegen die Ränder schlagen.

So ist das Ziel stets nah – und doch auf solche Weise kaum erreichbar.

Vom Nutzen des Erwachsenwerdens

Von jeher kursieren allerhand kitschige Vorstellungen von der Kindheit, von angeblich unbeschwerten Jahren, von einem Blumenwiesenglück, in dem der so genannte Ernst des Lebens noch fern war.

Ich will gar nicht behaupten, dass es sich dabei immer um rückblickende Verklärung handeln muss. Es gibt tatsächlich Kinder, die unter glücklichen Umständen aufwachsen, im Schutz starker Menschen, die zugleich ein Gespür für die kleinen Wesen haben, die neben ihnen heranwachsen.

Meist aber ist es anders. Ich verbinde Kindsein vor allem mit einer Empfindung der Wehrlosigkeit. Ich spreche gar nicht von der Erfahrung roher Gewalt oder sexuellen Missbrauchs; das sind eigene Kapitel. Ich spreche ganz einfach vom naturgegebenen Kräfteverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, sprich von der Unterlegenheit der Kinder. Kein Kind kann es in einer Auseinandersetzung mit einem Erwachsenen aufnehmen. Jedes Kind kann man an die Wand diskutieren. Ein Kind ist eben noch neu in der Welt und weiß nicht wirklich, wie es hier zugeht. Und selbst wenn es in Wahrheit die besseren Gründe auf seiner Seite hat, können die Erwachsenen das mit ihren starken Worten überdecken und im Zweifelsfall einfach entscheiden, was Sache ist. Kinder werden, fast schon routinemäßig, überwältigt. Das setzt sich bis in die Schulen fort, wo manche Lehrer Meister der Demütigung sind. Und manche Mitschüler auch.

In meinem Fall würde ich das Erwachsenwerden in weiten Teilen als einen Prozess der Aufrüstung beschreiben. Es ging, bewusst oder unbewusst, um die Fähigkeit, dergleichen Übergriffe abwehren zu können. Das psychologische Ziel lässt sich ganz einfach beschreiben: dass sie dich nicht mehr kleinmachen können; dass du die grobe Richtung selbst bestimmen kannst; gegebenenfalls auch, dass du für dein Elend wenigstens selbst verantwortlich bist.

Ich habe überhaupt keine Sehnsucht nach der Kindheit. Ich finde es sehr angenehm, allerhand Worte und Pfeile im Köcher zu haben. Ich finde es sehr angenehm, bewaffnet zu sein. Warum eigentlich greift keiner mehr an? Ich finde es sehr angenehm, bewaffnet zu sein, ohne die Waffen zu gebrauchen zu müssen. Ich finde es sehr angenehm, als Erwachsener Kind zu sein.

Ausflug in die eigene Vergangenheit

Zu den Eigentümlichkeiten menschlichen Daseins gehört wohl auch, dass man vieles erlebt, das erst im Nachhinein, manchmal mit großer Verzögerung, verständlich und lesbar wird. In besonderem Maß gilt das für die Kindheit. Einem Kind erscheint die eigene Familienwelt fast immer als etwas Selbstverständliches und Endgültiges, als ein So-ist-die-Welt. Erst später wächst die Distanz und wird dieses Milieu in seiner Besonderheit erkennbar: So ist die Welt nur an diesem Ort. Sie kann auch recht anders sein. Vielleicht war sie schon bei den Nachbarn anders, ohne dass man es damals ganz erfassen und einschätzen konnte.

Wenn man das Glück hat, dass die eigenen Eltern lange leben und man besuchsweise hin und wieder in die alte Atmosphäre eintaucht (sie bleibt ja im Kern dieselbe, weil Menschen sich meist wenig ändern), wenn man sich also eines Tages in gesunder Fremdheit im Vertrauten bewegt, dann kann sich etwas Interessantes zutragen: Es kann sein, als liefe man als Erwachsener durch die eigene Kindheit. Jetzt merkt man, was da fehlte und fehlt, jetzt merkt man, an welchen Stellen man sich unter Druck fühlt und wann kleine Stiche ins Herz treffen, jetzt merkt man, wo hingehört wird und was ins Leere läuft. Jetzt wird in Umrissen die eigentliche Geschichte einer längst vergangenen Zeit sichtbar.

Ja, es ist zu spät, ja, es ist alles vorbei, nichts ist revidierbar. Und doch hat der Ausflug in die Kindheit etwas Heilsames. Es ist nie zu spät sich zu verstehen.