Thema: „Klarheit“

Architektur und Ernst 

Warum, frage ich mich, zieht es mich in einer fremden Stadt, etwa in Köln, zuerst in die romanischen Kirchen? – Vermutlich, weil ich das andere suche, ein Gegenbild zu unserer Epoche, eben die Schlichtheit der Romanik, diese Atmosphäre von Klarheit und Dienst. Mit der Gotik fängt im Grunde schon das Entertainment an, das Sich-Zeigen, das Wir-werden euch-staunen-machen. Die architektonische Angeberei vollendet sich dann im Barock. Die Kirchen sind jetzt gewissermaßen umgewidmet und dienen der Verherrlichung der Architekten. Das kann mir alles gestohlen bleiben.

Mag sein, dass ich die Dinge etwas schroff gegeneinander stelle. Außerdem war, genau genommen, auch in der Romanik nicht alles so rein und schlicht. Nehmen wir den Dom meiner Heimatstadt Speyer, Kaiserbau und Kaisergrab, eindrucksvoll, aber eben ein imperiales Bauwerk, gleichsam schon durch die Macht kontaminiert; ich meine zu spüren, welche Gedanken und Ansprüche hier investiert wurden. Verläuft man sich indes in irgendeinem Winkel Frankreichs oder Deutschlands in einen romanischen Kreuzgang – dann spricht der eine Sprache, die uns heute fehlt, eine Sprache, die auf ganz neue Weise zu lernen wäre…

Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit.

Gotthold Ephraim Lessing

Nein danke

Erst wenn sich die Wasseroberfläche ganz beruhigt hat, kannst du bis zum Grund sehen. Das sollte doch klar sein. Sie aber sagen: Plansch doch ein bisschen! Warum hast du keinen Spaß?

Aufgescheucht und aufgewirbelt

Alles in leicht hektischer und angestrengter Weise zu tun, so wie es der Stil unserer Zeit ist und wie es unterschwellig sogar als Beleg von Wichtigkeit und Bedeutung gilt – darauf sollte man nicht stolz sein. Dieser unruhige Hintergrund wird sich in der einen oder anderen Form immer auch im Ergebnis niederschlagen. Den Werken wird die letzte Klarheit und Reife fehlen.

Es wäre allerdings auch denkbar, dass der tiefere Grund der Geschäftigkeit darin liegt, dass man Klarheit und Reife gar nicht anstrebt oder sogar subtile Angst vor ihnen hat. Die Klarheit könnte ja, zum Beispiel, auch eine Klarheit über die Hinfälligkeit und Belanglosigkeit vieler Aktivitäten sein. Vermutlich will die moderne, aktivitätsstolze Mentalität manches gar nicht wirklich sehen. Jedenfalls scheint es häufig, als wäre sie mindestens so sehr mit dem Zudecken wie mit dem Aufdecken beschäftigt. Oder – ihre Spezialität – sie deckt eine Sache mit solchem Wirbel auf, dass zwanzig andere in der Staubwolke verschwinden.

Das Argument gleicht dem Schuss einer Armbrust. Es ist gleichermaßen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg geschossen hat.

Francis Bacon 

Unbeirrt

Auf einem Krankenhausflur in Münster sehe ich einen Hinweis auf Graf von Galen, der 1946 in diesem Hospital starb. Als Bischof von Münster hatte er den Nazis mutig ins Gesicht gepredigt, dass die Tötung so genannter „unproduktiver Volksgenossen“ unter keinen Umständen akzeptiert werden könne. Im Hintergrund steht auf der kleinen Stele von Galens Wahlspruch: Nec laudibus nec timore. Weder Lob noch Furcht. Das ist, auch in weniger dramatischen Zeiten, ein sehr gutes Leitwort.

Von Nietzsche

Es gibt Sätze, die sind so klar und zugleich tief und hellsichtig, dass man besser schweigt, sich kurz verbeugt und Doppelpunkte macht:

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“

Aus der Seilbahn

Ist es denkbar, dass man fünfzig, sechzig, siebzig Jahre auf der Erde ist und diese Erde gleichsam gar nicht erreicht? – Jedenfalls kann es durchaus passieren, dass man sich ein Leben lang in Hülsen bewegt, in entlehnten Gedanken und übernommenen Erwartungen, dass man das hergebrachte Zeug nie ganz zurücklässt und niemals jenen Ort erreicht, an dem die Dinge selber sprechen, an dem sie sich in kleinen namenlosen Quanten mitteilen, so klar und frisch wie Wasser, das aus dem Gebirge springt. Man muss persönlich dorthin steigen.

Im Äquilibrium

Ein Tag
gleich einem klaren See
sehr selten dies, ganz störungsfrei
selbst du ganz still
und siehst die Dinge bis zum Grund
was nicht bedeutet
dass du sie verstündest.

Deine Stimme

Irgendwo in Mecklenburg, in einer alten Feldsteinkirche, in der gerade ein Knabenchor singt, nicht schlecht, aber doch in den Höhen gelegentlich verrutscht, in der Führung der einzelnen Stimmen immer wieder unsicher…  – Vielleicht ist es im Leben wie in der Musik. Das Beste entsteht, wenn jeder seine Linie möglichst klar durchhält und zum Strahlen bringt, wenn nichts verwischt wird und es keine falschen Annäherungen gibt. Erst aus dem Getrennten entsteht das Ganze.