Thema: „Kommunikation“

Wenige

Es gibt Tage, da erscheint mir die Welt wie eine Versammlung von Autisten. Jeder steckt in seinem eigenen Kosmos, zirkuliert in seinen eigenen inneren Abläufen, einen wirklichen Austausch gibt es nicht, man ist zusammen, ohne in Verbindung zu treten.
Dann fällt mir ein: Doch, ich kenne auch Menschen, die andere wahrnehmen, die ihre Umgebung zu lesen versuchen, die zum Beispiel auch ein Bild oder einen Text zu verstehen versuchen, ohne sogleich ihre drei, vier gedanklichen Raster drüberzustülpen.
Es sind wenige, sehr wenige. In ihrer Gegenwart atmet sich leichter. Sie tun etwas Ungewöhnliches: die Dinge erst mal anschauen, nicht immer gleich urteilen, nicht immer gleich alles zu wissen glauben. Aber das Einfache ist ebenso schwierig wie selten.

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.
Franz Kafka (Brief an Oskar Pollak 1903)

In Gesellschaft

Alle wollen reden – und kaum einer zuhören.

Man muss es immer für möglich halten, dass die Vernunft zuweilen auch auf der anderen Seite zu finden ist.
Jutta Limbach

Spiegelung

Es ist unterhaltsam, Menschen zu beobachten, während sie in ihr Smartphone schauen und wie sie in ihr Smartphone schauen. Es gibt eher sachliche Mienen, sie überfliegen wohl gerade die Nachrichten oder berufliche Mails; es gibt belanglose Mienen, manche machen ja einfach irgendein Spiel, das sie schon hundertmal spielten. Wiederum andere schauen nachdenklich ins Gerät, manche versonnen, lächelnd, amüsiert. Vor allem jüngere Frauen beobachte ich, wie kleine Zauber über ihr Gesicht huschen. Fast kannst du lesen, was sie lesen. Und dann tippen sie rasch etwas ein und der Zauber wird größer.

Traumwandler

Es hat etwas Eigentümliches, wenn man einem Menschen, der in einem Traum eine Rolle spielte, am Tag wieder begegnet. Man mag ihn anschauen, als gäbe es da ein Geheimnis, von dem er, obwohl daran beteiligt, nichts weiß. Oder mag sich einen Augenblick lang fragen, ob er sich an die Traumereignisse erinnert.

Tausend Kerzen kann man am Licht einer Kerze anzünden, ohne dass ihr Licht schwächer wird.
Buddha

Erinnerung

Du magst ihn nicht? Nur um es ins Gedächtnis zu rufen: Ihr teilt 99,5 Prozent eures Erbmaterials. Da sollte es doch eine Basis der Verständigung geben.

Indikator

Sich den Mund über andere zerreißen: das sicherste Kennzeichen der Kleinbürger.

Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren

Aus verschiedenen Gründen habe ich in letzter Zeit ein bisschen häufiger mit der kommunizierenden Generation zu tun. Also mit denen, die immer ein Gerät in der Hand haben und ständig online sind. Meine Erfahrung ist aber: Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren. Sie bringen alles durcheinander. Wahrscheinlich sind es einfach zu viele Mails und Messages. Verabredungen werden vergessen, Fragen nicht beantwortet, man redet aneinander vorbei, Termine werden verwechselt. Halbwegs kommunikationsfähig sind nach meinem Eindruck nicht diejenigen, die die neuesten Tools haben, sondern die, die noch klar im Kopf sind.

Ich bin, was die menschlichen Kommunikationsmittel betrifft, nicht für die Rückkehr zu Rauchzeichen und Trommelsignalen. Aber vielleicht könnte man sich irgendwo treffen, wo das Ganze noch einen Sinn ergibt.