Thema: „Krankheit“

Vertigo

Starke Schwindelgefühle. Beim HNO-Arzt muss ich bestimmte Tests machen, Gleichgewichtsorgan, Hörvermögen – alles sei ok, sagt er. Dann noch, um andere, bedrohlichere Ursachen auszuschließen, schieben sie mich in die Röhre, „MRT des Schädels“. Aber auch hier keinerlei auffälliger Befund. Was ja an sich erfreulich ist.
Was allerdings in Mediziner-Kategorien nur bedeutet: Es entspricht dem anatomischen Standard. Auf den Schnittbildern, sie liegen vor mir, sieht offenbar alles so aus, wie es bei Menschen eben üblicherweise aussieht. – In meinem Kopf sieht alles aus wie bei den anderen? Ein bisschen beleidigt bin ich schon.

Zwei Fragen, eine Antwort

Ein Freund liegt – wieder einmal – nach einer schweren Operation im Krankenhaus, in der Todesabwehrfabrik, wie er es nennt. Aufs Bett gestreckt, sozusagen zwischen den Schläuchen hindurch, schaut er mich an. Etwas später: Er hätte zwei Fragen an mich, die er tags zuvor auch seinem Freund T. gestellt habe. Erstens, warum es kein Leben ohne Leiden gebe. Und zweitens, was ich antworten würde, wenn man mich vor dem Betreten der Welt fragte, ob ich reinwill. Und, um die Sache ein wenig zu verschärfen: falls Nein, ob ich dabei auch bliebe, wenn ich dann die Welt nicht einmal sehen dürfe. Er hat auch in solchen Lebenslagen noch Humor.

Ich hole tief Luft und gebe mein Bestes – aber natürlich gleiche ich dem kleinen Jungen, den Augustinus am Strand beobachtete, wie er mit einer Muschel das Meer ausschöpfen wollte. Und was hat T. geantwortet?, erkundige ich mich schließlich. – Er habe seine Hand genommen.

Da habe ich mich geschämt.

Vom Umgang mit Verzweiflung

Wenn einer, zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit, verzweifelt ist, dann kommen wohlmeinende Leute, die ihn „aufbauen“ möchten. Der eine bringt ein Büchlein mit heiteren Geschichten. Der andere sagt ein Das-wird-schon-wieder. Allgemeiner Subtext: Schau nicht zu negativ auf die Dinge, die Welt ist doch ganz okay.

Die Welt ist aber überhaupt nicht okay. Jedenfalls nicht in dieser Lage. Ob man sich davon ablenken lassen möchte oder nicht – das mag eine Typfrage sein. Jedenfalls gibt es Menschen, denen gerade nicht geholfen ist, indem man die Dinge verkleistert und vertuscht. Sie empfinden sogar umgekehrt, scheinbar paradox: dass es tröstlich sein kann, wenn einer mit ihnen verzweifelt ist; vielleicht ja weil das bedeutet, dass einer mit ihren Augen sieht, mit ihnen in einem inneren Raum ist, ohne Wertung und ohne Lösung. Anders gesagt: dass einer nicht schwindelt. Denn liegt nicht im Verhalten der anderen, der ewig Positiven, auch ein unverschämter Übergriff: ein Nicht-ernst-nehmen, ein Du-siehst-die-Welt-nicht-richtig? Obwohl man die Welt gerade ziemlich richtig sieht, jedenfalls diesen Ausschnitt der Welt, den man erst mal annehmen muss, bevor man wieder anderes sehen kann.

Mein (verzweifelter) Freund sagt: Vielleicht muss man das Unglück auch akzeptieren, es wie ein Unwetter über sich ergehen lassen, erstaunlicherweise zieht es dann nämlich häufig weiter; vielleicht muss man reingehen, um wieder herauszukommen. – Nach einer Pause fügt er hinzu: Andererseits kann es wahrscheinlich auch passieren, dass man im Unglück stecken bleibt, darin versinkt.

Sich wachen Auges in diesem Feld der Empfindungen zu bewegen, überzeugt mich mehr als ein Schönreden, dem man selbst kaum glauben kann.

Robust

Wenn ich die zahlreichen Gefährdungen des Daseins sehe, durch Unfälle oder Krankheiten, selbst eine Grippe kann uns schon an unsere Grenzen bringen – dann wundere ich mich manchmal, dass überhaupt so viele Menschen ein höheres Alter erreichen.

Vermutlich sehe ich zu wenig, dass der Mensch auch ein äußerst starkes Gewächs ist. Die langen Wege der Evolution haben ihn offenbar mit beachtlichen Kräften oder Gegenkräften ausgerüstet, zur Not greift die moderne Medizin noch stützend ein. Zwar können wir dennoch durch bestimmte Krankheiten innerhalb von Monaten zugrundegehen. Daneben aber bleibt ein weites Spektrum an Bedrohungen, mit denen wir noch fertig werden, so dass tatsächlich viele, gewiss gezeichnet und vernarbt, ihr Haar ergrauen sehen.

Im finstern Tal

So etwas wie die Hölle auf Erden gibt es wirklich. Ein Freund ist schwer krank. Er musste sich einer großen Operation unterziehen. Danach Bestrahlung. Dann Chemotherapie, mehrere Zyklen. Alles mit beträchtlichen Nebenwirkungen, die den Alltag quälend werden lassen. Man kann förmlich zusehen, wie ein phantasievoller, vielschichtiger Mensch fast ganz auf die körperliche Ebene heruntergedrückt wird. Immer wenn sich die Dinge zwischenzeitlich stabilisieren, wenn er innerlich Luft zu holen beginnt, taucht das nächste medizinische Thema auf. Weitere Operation. Weitere Chemotherapie. Immer erscheint es unausweichlich. Niemand ist zu beschuldigen. Und doch ist es, als werde ein Menschenkind aus einem Schrecken in den nächsten weitergereicht.

Alte

Die Tochter plaudert mit ihrem Vater, dem es gesundheitlich sehr schlecht geht. Ihm fehlt die Kraft, das Essen schmeckt nicht mehr. Sie erzählt von ihrem alten Hund, der sich nur noch mit Mühe bewegen kann. Er bekommt sogar Medikamente, aber selbst wenn diese in Wurst gewickelt sind, mag er sie nicht fressen. Der Vater: Ich kann ihn verstehen.

WIE GEHT ES IHNEN?

Auf der geriatrischen Station wird nicht mehr natürlich gesprochen. Schwestern und Pfleger wenden sich an die Patienten grundsätzlich in einer Lautstärke und Form, als ob diese in jedem Fall schwerhörig und begriffsstutzig sein müssten.

Dahinter mögen Erfahrungswerte stehen. Dennoch hat diese Art der Ansprache für diejenigen, die gut hören und bei Verstand sind, etwas Entwürdigendes.

Kraftlos

Der alte Mann kann sich schwer damit abfinden, dass die Dinge nicht mehr so gehen wir früher. Immer wieder übernimmt er sich, ständig muss er sich ausruhen, beim Anziehen muss er sich festhalten.

Als er mit dem Auto etwas länger an einem Zebrastreifen warten muss, weil ein anderer Mann langsam die Straße überquert, klingt Mitgefühl aus seiner Stimme: Der kann halt auch nicht mehr.

Notizen von einer Chinareise 8: Xi’an

Der Chinese an sich, vom einfachen Arbeiter bis zum BMW-Fahrer, trägt gern einen kleinen Thermo-Behälter mit sich, aus Glas oder Metall. Zum Beispiel mit Jasmin-Tee drin. Habe jetzt auch einen.

In dem, was ich bisher sah, ist China, mehr als ich es erwartet hätte, Orient. Oder jedenfalls Teil jener kleinteilig-bunten, halb ärmlichen, halb modernisierungs-süchtigen Zone, die sich wohl wie ein Gürtel um den Globus zieht.

Wenn ich das leibhaftige China sehe, die riesigen Städte, die vielen Menschen, jeder mit seinem kleinen Glücksverlangen, das sich gerade erst aus Abgründen an Armut erhoben hat, dann vermute ich, dass die überwältigende Mehrheit mit dem groben politischen Kurs vorerst noch einverstanden sein wird. Das ganze wirkt wie ein riesiges menschliches Imperium, in dem man kollektiv in kleinen oder größeren Schritten eine akzeptable Existenz zu erreichen versucht. Und die politische Führung scheint das im wesentlichen zu garantieren. – Selbstverständlich haben diejenigen hier recht, die auf die Zensur und die Verletzung zahlreicher Menschenrechte hinweisen. Klar erscheint mir aber auch, dass ein diskutierendes, aushandelndes und sich unvermeidlich immer wieder verzettelndes politisches System nicht den ökonomischen Schub erzeugen könnte, dessen es hier bedarf. – Wenn das Minimum gesichert ist, werden auch hier die Karten neu gemischt werden.

Als ich irgendwo jenseits der Touristen-Routen in einem Imbiss einen Kaffee bestelle, bekomme ich einen randvollen Plastikbecher mit Deckel. Als ich nach Zucker frage, bedeutet man mir, nein, Zucker habe man nicht. Draußen stelle ich fest: Milch und Zucker sind schon drin. Ich hätte etwas vorsichtiger dosiert, aber es ist okay. Und während ich trinke, denke ich: Dieses Verfahren ist, in der jetzigen Phase, symptomatisch für das ganze Land.

Auf den Straßen, in den Unterführungen, den Bussen – so viele Menschen auf so engem Raum. Wenn irgendwann Seuchen ausbrechen sollten, wird das ein Problem sein. Sie können ja nicht mal eben in die wüsten Weiten im Westen des Landes ausweichen. Dass manche – es sind nur Einzelne – mit einem Mundschutz rumlaufen, ist vielleicht ein Vorbote solcher Ahnungen. (Bei manchen ist der Grund wohl auch der Staub bzw. Feinstaub in der Luft.)

Das Einfachste und in meinen Augen Schönste, das ich bisher hier gesehen habe, sind die alten steinernen Pagoden in Xi’an. Die bekanntesten sind die beiden Wildgans-Pagoden, aber ich habe noch eine andere, kleinere gleich hier um die Ecke entdeckt, mit schönen Buddha-Reliefs in den Nischen. – Erbaut wurden sie in der Zeit der Tang-Dynastie (618 bis 907). Damals hat das Reich wohl seinen größten Charme entfaltet, vielleicht weil sich die pragmatische Mentalität Chinas mit der geistigen Intensität des Buddhismus verband, der vom Westen her aus Indien gekommen war. – Es war auch eine Blütezeit der Dichtung. Ich las, dass ein moderner chinesischer Schriftsteller äußerte, von der Lyrik lasse er lieber die Finger, das Niveau der Tang-Poesie sei ohnehin nicht zu erreichen.

Bettruhe für Salamander

Jugendliche fühlen sich in gewissem Sinn unverwundbar. Unbewusst fühlen sie sich wie jene Tiere, denen eine verlorene Gliedmaße schon irgendwie nachwächst und die, wenn sie ein bisschen aufpassen, überhaupt keine Gliedmaßen verlieren, sie sind ja sehr flink.

Wenn dieses Lebensgefühl dann doch einmal erschüttert wird, wenn sie zum Beispiel einmal ernsthaft erkranken, dann kann man eine Art Verblüffung bei ihnen spüren: Dass ihnen so etwas passiert! Dass einer, der gestern stark war, heute schwach ist. Dass einer, der gestern noch dreitausend Meter lief, heute kaum den Weg ins Bad schafft. Vielleicht haben sie sogar Schmerzen, aber fast größer als die Schmerzen wirkt ihre Ratlosigkeit.

Als Erwachsener kennt man das alles schon. Da hat man sozusagen schon eine Geschichte der Schwäche und hat gelernt, mit dem Auf und Ab umzugehen. Manche haben sich sogar in der Schwäche eingerichtet.

Von alldem sind die Jugendlichen weit entfernt. Ihnen ist, als lebten sie in einem anderen Universum als die Älteren, die mit ihren Kräften haushalten, Mittagsschlaf machen und sich ständig irgendwelche Sorgen machen. Sie schauen auf uns herunter. Ist es nicht ein entzückendes Spiel, das wir in wechselnden Rollen seit Urzeiten aufführen?