Thema: „Kunst“

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.
Paul Klee

Kunst & Leben

Zumindest für die Neurotiker unter den Künstlern, mithin die große Mehrheit, gilt: Ein Künstler hat kein Leben. Ein Künstler hat nur ein Lebensarrangement, das er für günstig hält, um Kunst zu produzieren.

Als ik kan

Jan van Eyck    („So gut ich es vermag“: Leitsatz des flämischen Malers, den er auf manchen seiner Werke notierte)

Und die Welt steht still

Ich stolpere in eine Klassik-Sendung. Es singt Maria Callas. Wie gebannt höre ich zu, ich lasse alles liegen, es ist, als hielte die Welt ihren Lauf an. Diese warme, leuchtende Stimme, die Sicherheit, mit der sie ihre Wege geht. Man spürt: Kunst hat in ihrem Wesen gerade nichts Künstliches, sondern äußert sich vollkommen natürlich. Dass es so etwas gegeben hat! Es ist, als zeige die Welt eine ihrer tiefsten Möglichkeiten.

Nichts bringt uns in so unmittelbare Berührung mit einer Kultur vergangener Zeiten wie ein Kunstwerk, das innerhalb dieser Kultur etwas wie eine Mitte bezeichnet.

Titus Burckhardt

Architektur und Ernst 

Warum, frage ich mich, zieht es mich in einer fremden Stadt, etwa in Köln, zuerst in die romanischen Kirchen? – Vermutlich, weil ich das andere suche, ein Gegenbild zu unserer Epoche, eben die Schlichtheit der Romanik, diese Atmosphäre von Klarheit und Dienst. Mit der Gotik fängt im Grunde schon das Entertainment an, das Sich-Zeigen, das Wir-werden euch-staunen-machen. Die architektonische Angeberei vollendet sich dann im Barock. Die Kirchen sind jetzt gewissermaßen umgewidmet und dienen der Verherrlichung der Architekten. Das kann mir alles gestohlen bleiben.

Mag sein, dass ich die Dinge etwas schroff gegeneinander stelle. Außerdem war, genau genommen, auch in der Romanik nicht alles so rein und schlicht. Nehmen wir den Dom meiner Heimatstadt Speyer, Kaiserbau und Kaisergrab, eindrucksvoll, aber eben ein imperiales Bauwerk, gleichsam schon durch die Macht kontaminiert; ich meine zu spüren, welche Gedanken und Ansprüche hier investiert wurden. Verläuft man sich indes in irgendeinem Winkel Frankreichs oder Deutschlands in einen romanischen Kreuzgang – dann spricht der eine Sprache, die uns heute fehlt, eine Sprache, die auf ganz neue Weise zu lernen wäre…

Die schönsten meiner Werke, kleine oder große, waren immer Selbstüberraschungen.

Emil Nolde

Wenn dies bliebe

Ich will nicht viel
ich wäre ganz zufrieden
wenn am Ende
nichts andres bliebe als
ein Häufchen Asche und
ein Diamant.

Nah am Nichts

Unter allen Kulturen der Erde gibt es zwei, die sich in ihrer ästhetischen Richtung, soweit ich sehe, von allen anderen unterscheiden: die arabische und die japanische. Beide haben eine Kultur der Leere entwickelt.

Betritt man eine der klassischen Moscheen, oder auch die Säle und Höfe der Alhambra, dann ist da gleichsam nichts als Raum. Gewiss gestalteter Raum, mit Schrift und Ornament an den Wänden, aber eben auf so unaufdringliche Weise, dass nie das Einzelne, sondern immer nur das Ganze wirkt. Selbst der Mihrab, der die Gebetsrichtung anzeigt, ist nichts als eine schöne Nische.

Im Vergleich dazu sind Kirchen Erzählmaschinen. Vorn hängt der Herr am Kreuz, an jeder Wand wird seine Geschichte vertieft, aus jedem Bild kommt ein Du sollst. Während die islamische Tradition, wohl auch durch das Bilderverbot gefördert, eine Ästhetik der Zurückhaltung entwickelt hat, mit einem diskreten Rhythmus von Dekor und leeren Flächen, ist die Atmosphäre der Kirchen didaktisch geladen, eindringlich bis aufdringlich.

Ähnliche Gegensätze gibt es offenbar in Asien. Hier reicht das Spektrum vom opulenten Erzählen, der überbordenden Phantasie der indischen Götterwelten bis zur kühlen Ästhetik Japans. Zumindest lebt in Teilen der japanischen Kultur, in den Zen-Gärten, aber auch in einer schlichten, unprätentiösen Wohnkultur, ein seltener Sinn für Takt und Distanz. In Räumen, die sich nah am Nichts bewegen, wird doch das Sein am ehesten erfahrbar.

Kalte Konfession

Flaubert sagt: „Der Autor muss in seinem Werk wie Gott im Weltall sein, überall anwesend und nirgends sichtbar.“ Ich denke, dieser herrliche Heide hat mehr vom Wesen Gottes verstanden als jene Frommen, die den Herrn überall herumfingern sehen.