Thema: „Leben“

Anthroposophie (7): Kontinuum

Vollkommen fremd ist den heute verbreiteten Denkformen allein schon die Selbstverständlichkeit, mit der Steiner nicht nur vom „Leben zwischen Geburt und Tod“, sondern auch vom „Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt“ spricht. Und überhaupt: dass er auch im zweiten Fall von Leben spricht.
Das Leben in einem Körper ist in seiner Weltsicht eben nur eine, nicht die einzige Form des Lebens.

Eitel ist es, sich ein langes Leben zu wünschen und sich um ein gutes Leben kaum zu bemühen.
Thomas von Kempen

Nutzerfreundlich

Dass man ohne tiefere Kenntnisse, allein mit ein paar Tasten oder Aktionen, erstaunliche Prozesse in Gang setzen kann, gilt nicht erst für das Zeitalter der Hochtechnologie. Schon immer haben beispielsweise Menschen – ohne jede Kenntnis der Genetik – durch einige einfache Praktiken die Entstehung neuen Lebens ausgelöst.

Es gibt vielleicht unter allen Leiden kein so marterndes wie das, zum Gegenstand des Mitleids ausersehen zu sein.

Sören Kierkegaard

Philosophie der Markise

Eine der erstaunlichen Fähigkeiten lebender Wesen liegt darin, unabhängig von den Verhältnissen der Umgebung ein weitgehend gleichbleibendes inneres Milieu aufrechtzuerhalten. Homöostase nennen es die Biologen. Bei manchen Lebewesen bezieht sich dies auch auf die Körpertemperatur. Gleichwarme Arten wie der Mensch sind, anders als etwa die wechselwarmen Schlangen oder Eidechsen, auf eine stabile Innentemperatur angewiesen. Nur zwei Grad Abweichung, und es geht uns ziemlich schlecht.

Nun könnten wir die Regulation dadurch erleichtern, dass wir uns ein Leben lang in perfekt temperierte Räume verkriechen. Aus sachfremden Gründen aber möchte der Mensch manchmal „raus“. Sogar dann, wenn es sehr heiß ist und eine gewisse Hitze-Dämpfung erforderlich ist, um die Regulation noch zu schaffen. Das ist die Stunde der Markise. Ihr Sinn erfüllt sich darin, von einem erwünschten Mehr stufenlos etwas zurücknehmen zu können.

Frei im Raum

Irgendwann musst du das Gehäuse deines Lebens verlassen. Irgendwann, ob du willst oder nicht, wird der Kreis deiner Gewohnheiten durchbrochen. Irgendwann geht die Welt mit einem lässigen Schritt über das hinweg, was du dein Leben nanntest. Dann gehst du in den freien Raum, wo du in Wahrheit immer gingst, nur die Gespinste deines Lebens haben das verdeckt – und gehst dort gut! Wo kein Geländer und weit und breit kein Halt mehr ist, dort gehst du sicherer denn je.

Maß und Mittelmaß

Im Radio höre ich einen Beitrag über Aristoteles. Unter anderem geht es um seine Lehre vom rechten Maß. Dergleichen klingt wohl für die meisten Ohren heute, für meine auch, zunächst etwas altmodisch, klingt nach einer gebremsten Lebenshaltung, während heutzutage doch alle Welt nach Intensität und Leidenschaft lechzt. Das rechte Maß aber, wird in der Sendung deutlich, ist gerade nicht das Mittelmaß, sondern ein Optimum zwischen den Extremen. Zwischen Geiz auf der einen und Verschwendung auf der anderen Seite liegt die Großzügigkeit. Zwischen Feigheit und blindem Aktionismus liegt eine recht verstandene Entschlossenheit.

Eigentlich, denke ich, geht es hier um die Entwicklung von Lebensintelligenz, um eine volle – ja intensive! – Ausbildung dessen, was in uns liegt. Dass unsere Zeit dafür keinen Sinn hat und ihre hektische Glückssuche für ein großartiges Lebensprinzip hält – das ist mittelmäßig.

So vielversprechend

Es ist immer eine Freude, Kinder im Alter von etwa fünf bis zehn Jahren zu beobachten: ihre offenen Augen, ihre tastende Intelligenz, ihre Fähigkeit zum Guten.

Wie viele von ihnen aber werden siebzig Jahre später enttäuscht und gebrochen aus dem Leben gehen! Noch ist die Welt keine erfreuliche Veranstaltung.

Zwei Wahrheiten

Wer versteht die Welt, wer versteht das Leben? Es ist alles unendlich schwierig. Und andererseits ganz einfach. Man kann nur tun, was man tun kann. Das ist dann auch genug. Genug, um Frieden zu finden.

Eine Art Seelenwanderung

Entwicklung bedeutet zunächst, dass man seine gegebene Existenz erweitert und abrundet, sie ausbaut und umbaut. Entwicklung kann aber, extremer, auch eine Umstülpung des ganzen Daseins bedeuten, eine ganz neue innere Organisation. Dann wird sie wie der Übergang in eine andere Existenz erlebt, als beginne ein „neues Leben“. Vermutlich bedeutet Entwicklung immer erst das eine, dann das andere; immer zunächst die Modifikation und dann, sehr selten, die Transformation.

Selten, weil wir in tausend Fasern an uns hängen, an dem, was wir für uns halten, und weil wir kaum fassen können, dass wir andere sind oder sein könnten.

Im zweiten, radikalen Sinn bedeutet Entwicklung: dass man bereits in diesem Dasein so etwas wie eine Seelenwanderung erlebt. Dass man von einem Sein in ein anderes übergeht.