Thema: „Liebe“

Auf einem Waldweg

Erinnerst du dich an die beiden Rehe
die uns auf einmal
nach einer Biegung des Weges
entgegenkamen?
Nebeneinander
jedes in seiner Spur
wie wir.
Sie brauchten eine Weile
um zu erschrecken
so versunken waren sie
in den gemeinsamen Weg.

Spiegelung

Es ist unterhaltsam, Menschen zu beobachten, während sie in ihr Smartphone schauen und wie sie in ihr Smartphone schauen. Es gibt eher sachliche Mienen, sie überfliegen wohl gerade die Nachrichten oder berufliche Mails; es gibt belanglose Mienen, manche machen ja einfach irgendein Spiel, das sie schon hundertmal spielten. Wiederum andere schauen nachdenklich ins Gerät, manche versonnen, lächelnd, amüsiert. Vor allem jüngere Frauen beobachte ich, wie kleine Zauber über ihr Gesicht huschen. Fast kannst du lesen, was sie lesen. Und dann tippen sie rasch etwas ein und der Zauber wird größer.

Innere Entwicklung

Es gibt keine Abkürzungen. Alles, alles muss aufgearbeitet werden, um keine schwierige Frage kommen wir herum.

Was es aber gibt: dass wir uns den Fragen stellen. Dass wir uns dem, was vor uns liegt, aussetzen statt in leeren alten Mustern zu kreisen.

Und es gibt helfende Prozesse. Die Liebe eines Menschen hat eine helfende Ausstrahlung. Sie erleichtert das Sich-Stellen. Auch das Religiöse kann eine solche Logik haben: dass es uns gleichsam in eine Geborgenheit taucht, die alles leichter macht. So könnte man Teresa von Avila verstehen, wenn sie sagte: „Beten ist das Verweilen bei einem Freund.“ Wir gehen freier und mutiger zurück in den Tag.

Insofern: Nichts vom Weg bleibt uns erspart. Die Frage ist eher, inwieweit wir uns überhaupt auf den Weg begeben.

Denn keiner ist je dem Eros entflohen, oder wird ihm entfliehen, solang es Schönheit gibt und Augen sehen.

Longos    (im Vorwort zu „Daphnis und Chloe“)

Kind und Mensch

In der Liebe der Eltern, in der ungeheuren, unzerreißbaren Kraft ihrer Hingabe, ist sicherlich viel Biologie am Werk: Weitergabe der eigenen Gene, unbedingter Schutz der Nachkommen, bis hin zum Opfer seiner selbst.

Aber da ist noch etwas anderes im Spiel. Man könnte sagen: ein Wissen um die Verletzlichkeit des Menschen, die man nirgendwo so klar empfindet wie bei einem Kind. Dieses Kind hat man von seiner ersten Stunde an gesehen, hat es danach durch tausend Wechselfälle begleitet, hat in tausend Situationen erlebt, wie fragil, wie ausgeliefert, wie strahlend und dankbar, wie aufsässig ein Menschenwesen sein kann. Es ist wie ein Paradigma des Menschseins.

Gewiss wird dieses Erleben im Alltag durch alles Mögliche getrübt; Eltern stehen ja meist mitten im Stress des Lebens und sind kaum reif für solche Wahrnehmungen. Dennoch gilt in der Tiefe: dass wir nie einen Menschen so vollständig erleben wie unser Kind. Keine spätere Bekanntschaft – mit Menschen, die sich immer schon gemäßigt, von ihren Wünschen entwöhnt und in die Welt gefügt haben – kann solche Einblicke gewähren. Bei unseren Kindern jedenfalls sehen wir, selbst wenn sie inzwischen einen Anzug tragen, immer noch das frühe Bild, das ganze Bild, das Bild des Menschen in seiner ganzen Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit. Dies erst erklärt, über die biologische Mechanik hinaus, das Maß unserer Hingabe.

Man könnte sogar so weit gehen zu sagen: Gerade im Privatesten, in der elterlichen Brutpflege, wird etwas Allgemeines erfahrbar. Gerade im Archaischsten kündigt sich ein Moment der Humanität an, das über die genetischen Bande hinausgeht. Das lässt hoffen.

Tolstoi Taliban

Ich habe eine Erzählung von Tolstoi gelesen, ein Spätwerk, die Kreutzersonate. Dieser Mann ist ja ein Extremist! Darauf war ich überhaupt nicht gefasst. Ich hatte nur irgendwo gelesen, bei der Kreutzersonate handele es sich um eine Ehegeschichte und wohl auch eine Geschichte über eheliche Aggressionen. Das machte mich neugierig. Aus meiner Sicht wird zu wenig über die Ehe geschrieben. Alle schreiben über die Einsamkeit oder über Liebesaffären, gewiss auch dankbare Themen, aber eine Welt-Tatsache wie die Ehe bleibt unterbelichtet.

Die Kreutzersonate ist ein einziger Redeschwall. In einem dunklen Zugabteil erzählt ein Mann namens Posdnyschew einem Mitreisenden seine Lebensgeschichte. Er hat seine Frau umgebracht, aus Hass und Eifersucht, die Kinder leben jetzt bei der Schwägerin. Im Kern aber ist es eine Moralpredigt der schärfsten Sorte. Posdnyschew ereifert sich nicht nur über die losen Sitten seiner Zeit, etwa Liebschaften vor der Ehe, er vertritt auch die mir bis dahin nie begegnete Auffassung, dass sogar Sex in der Ehe möglichst zu vermeiden sei. „Beachten Sie doch: Die Tiere paaren sich nur dann, wenn sie Nachkommenschaft erzeugen können, der unflätige Herr der Schöpfung dagegen – immerwährend…“ Seine Frau immer wieder begehrt zu haben, schildert Posdnyschew als etwas Schreckliches. Beim Lesen denke ich unentwegt: So sinnenfeindlich kann nur ein Mensch mit einer außerordentlichen Libido schreiben.

Der ganze Sermon dieses Reisenden kommt so rabiat daher, dass man kaum umhin kann, durch ihn die Stimme des Autors zu hören. Tatsächlich hat Tolstoi, nachdem die Erzählung beträchtliche Diskussionen ausgelöst hatte, eine Art Beipackzettel nachgereicht. In einem Nachwort stellt er klar: Alles ist voller Ernst, auch seine talibanhafte Verdammung von Literatur und Musik, die er für ein Vehikel der Verführung und Verwahrlosung hält. An zentraler Stelle taucht dieses Motiv auch in seiner Erzählung auf. Als Posdnyschews Frau mit einem hergelaufenen Geiger Beethovens Kreutzersonate spielt, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Aus dem kleinen Werk spricht eine unbändige Sehnsucht nach Heiligkeit. Zu dieser gehört aus Tolstois Sicht auch Keuschheit, was eine heute unpopuläre, aber diskutable Vorstellung ist. Explosiv wird das ganze durch die Kombination dieser Sehnsucht mit jener intensiven Sinnlichkeit, die das seelische Gefüge unter eine ungeheure Spannung setzt. Und bizarr wird es, indem Tolstoi dies alles nicht als Privatproblem abhandelt, sondern als Menschheitsthema. Alle sollen ihr Leben entsprechend ändern.

Dennoch, eine solche Unbedingtheit, ein solcher Grad der Abweichung von den gängigen Meinungsbildern – ich bewundere ihn.

Tja, die Liebe macht Blaue Flekke.

Arno Schmidt

Im Arm

Ein eigentümlicher Kontrast: Die materielle Welt ändert sich unaufhörlich, fortwährend tauchen neue Technologien auf, die Menschen sind wie benommen von der Zahl der Möglichkeiten, sind vollauf damit beschäftigt, Schritt zu halten. Die menschliche Welt dagegen bleibt in geradezu archaischer Weise konstant: Wie seit Urzeiten braucht das kleine Kind Schutz und Liebe, nichts als dies. Seine Welt sind die Augen der Eltern, die hoffentlich nicht ständig anderweitig kommunizieren. Es braucht die einfachste Zuwendung, später vielleicht auch ein paar weiterführende Hinweise, eine freundliche Einführung ins Erdendasein. Und selbst in der Erwachsenenwelt wirken ja unter der unruhigen Oberfläche die uralten Sehnsüchte weiter, wird – in tausend Kontakten zerstreut – um Innigkeit und Anerkennung geworben. Muten nicht die meisten Erwachsenen wie Kinder an, die sich verlaufen haben?

So ist alles unendlich kompliziert und zugleich zeitlos einfach. Und das Eigentümlichste ist: Je tiefer ein Mensch in dieser Einfachheit wurzelt, desto souveräner wird er im Labyrinth der Welt zurecht kommen.

Das Mädchen

Schau nur in ihr Gesicht und sieh: Die Welt ist, neben anderem, auch gut.

Umgekehrt

Es gibt Menschen, die gehen in eine Beziehung hinein, ohne eigentlich den Anderen zu sehen. Ausgangspunkt ist oft vielmehr der Stolz und die Genugtuung, diese Person überhaupt erreichen und gewinnen zu können. Riskante Sache. Liebe macht blind, schwätzt man danach. Aber es war, wenn überhaupt, Selbstliebe. Liebe hätte sehend gemacht.