Thema: „Literatur“

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Dichtung und Wahrheit

Neuerdings denke ich gelegentlich an Karlsson vom Dach; als die Kinder klein waren, haben wir ein oder zwei von Astrid Lindgrens Karlsson-Romanen gelesen und viel gelacht. Karlsson ist ein zunächst nicht für jeden sichtbarer, kleiner, gemeiner, verfressener, intelligenter, sich selbst stets überschätzender und doch irgendwie faszinierender Zeitgenosse. Beachtlich auch seine Devise, insbesondere wenn er den schüchternen Jungen der Familie mal wieder in einen großen Schlamassel hineingezogen hat: „Das stört keinen großen Geist!“

Was mir nicht klar war: Solche Menschen gibt es wirklich! Ich kenne seit einiger Zeit einen und beobachte ihn scharf.

Rückert   (150 Jahre nach seinem Tod)

Wie es heutzutage um ein Bewusstsein der Herkunft und der Leistungen der Vorfahren bestellt ist, zeigt allein schon, dass ein Mann wie Friedrich Rückert fast vergessen ist. Dabei war der Mann ein Weltwunder. Nicht nur, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, weil er ein Genie der Sprachen und Kulturen war. Von Hebräisch über Arabisch, Koptisch und Persisch bis Sanskrit – er konnte das alles lesen und hat mit seinen Übersetzungen ein halbes Morgenland dem Abendland bekannt gemacht. Mindestens so erstaunlich ist seine eigene Dichtung. Nun gut, er war ein Vielschreiber. Das Reimen war seine Existenzform, er hat gedichtet wie geatmet, und manches schnauft so vor sich hin. Dazwischen aber einiges, das tiefer trifft als andre jemals trafen. Rückerts Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen… nach dem Tod von zweien seiner (zehn) Kinder ist so ergreifend, es versteigt sich in ein so herzzerreißendes Nichtwahrhabenkönnen, dass man gar nicht weiß, ob die Germanisten dafür Begriffe haben. Ist das frühexpressionistisch? vorexistentialistisch? Jedenfalls fällt es weit aus den Formen der Zeit heraus. (Wenigstens haben einige seiner Kindertodtenlieder in Gustav Mahlers Vertonungen ein zweites Leben erlangt.)
Nebenbei war der hochdekorierte Gelehrte von einer herrlichen Wurstigkeit und wohnte in dem langhaarigen Zwei-Meter-Mann eine unstillbare Melancholie:
Amara, bittre…
O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Ansichten pflanzen sich durch Teilung, Gedanken durch Knospung fort.

Karl Kraus

Die Unaushaltbarkeit der Welt

Wenn Kinder in diese Welt geboren werden, dann ist wohl häufig ihre erste tiefe, große, wenngleich noch unbewusste Empfindung: Das ist hier nicht auszuhalten! Sicherlich gibt es auch manche, die in ein liebendes, ausgeruhtes Umfeld geboren werden, das die kleinen Neulinge gut empfängt. Häufig aber geraten sie vom ersten Tag an in ein überfordertes, spannungsreiches Milieu, das mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist. Die Aufmerksamkeit für die Kinder ist dann sehr begrenzt. Sie werden sozusagen nur mitgeschleift, müssen jede Bewegung des elterlichen Lebens mitmachen, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschieht. Oft sind sie, selbst mit der Mutter im selben Zimmer, mutterseelenallein.

Genau genommen sind sie noch nicht einmal in der Lage, ihre Einsamkeit klar zu empfinden. Anfangs ist ja das Kind noch mit Haut und Haaren Teil seiner Umgebung, ihm fehlt jede Möglichkeit der Distanzierung, es wird jeden Weltzustand als selbstverständlich hinnehmen, so selbstverständlich wie die Atemluft. Selbst im tiefsten Unglück hat es noch kaum die Mittel, sein Unglück wahrzunehmen.

Und dann, wie geht es weiter? Es geht weiter mit dem instinktiven Versuch, das Unglück zu begrenzen. Vielleicht sogar indem es ganz geleugnet und schöngeredet wird (von manchen ein Leben lang). Und natürlich indem das Kind versucht, ein rettendes Ufer zu erreichen. Wenn etwa ein bestimmtes Verhalten mit Zuwendung belohnt wird, wird es dieses Verhalten lernen. Wenn überhaupt keine Zuwendung in Sicht ist, wird es einen neutralen Modus suchen, das Leben stillstellen vor Bildschirmen oder in anderen Dämmerzuständen, nicht glücklich, aber wenigstens nicht brennend unglücklich. Und wenn es irgendwann einen Ausweg jenseits seiner Herkunftswelt entdeckt, das kleinste Versprechen von Anerkennung und Schutz, dann wird es darauf eingehen. Sei dies nun der Schutz einer Clique oder die Zuflucht einer eigenen einsamen Nebenwelt. Ich kenne eine Frau, die hat sich aus ihrem desolaten Elternhaus gleichsam ins Reich der Bücher verstiegen, sie ist nun hochgebildet und recht wunderlich.

Die Unaushaltbarkeit der Welt und der Versuch, sie doch irgendwie aushalten zu lernen! Die Ausweichbewegungen, mit denen wir zu überleben versuchen, die schmerzbegrenzenden, manchmal lebensrettenden Seitenwege, Abwege und Höhenwege – ganze Lebensgeschichten sind von dort her erklärbar!

„Väter und Söhne“

Ich staune, dass jemand einen solchen Roman schreiben konnte. Oberflächlich gesehen lässt Iwan Turgenjew nur eine Reihe von Gesprächen dahinplätschern, es ist die Welt der kleinen Gutsbesitzer, auch sie haben ihre Sorgen, es gibt Ärger mit den Bauern, man ist aufgeschreckt angesichts der jungen „Nihilisten“ mit ihren radikalen Ansichten.

Auf einer tieferen Ebene aber geht es um ein menschliches Grundverhältnis: um die Alten, die die Jungen nicht erreichen können. Die Alten zerfließen geradezu vor Liebe, sie versuchen sich ihren erwachsenen Kindern möglichst unauffällig zu nähern, schwankend zwischen Hilflosigkeit und Haltung, in verstohlener Frömmigkeit. Demgegenüber die Kraft und das Überlegenheitsgefühl der Jungen, in Wahrheit aber ohne Fundament. Ihre großen Impulse sind nicht nachhaltig, ein paar schöne Augen reichen, um sie aus der Bahn zu werfen, ihre Lebensgeschichten werden durch banale Zufälle gelenkt und gar beendet. Jugend erscheint wie eine Art Verpuffung.

Am Ende zwei untröstliche Alte am Grab ihres Sohnes. Der war ein arroganter Dummkopf, aber sie haben ihn geliebt. Es ist, als hätte Turgenjew das Ewige ins Zeitliche gewoben.

Die Vergänglichkeit ist ihr schon eingeschrieben

Ziehende Wolken, das Licht des Mondes auf der Fußmatte, ein ferner Ruf aus dem Dorf… – vielleicht liegt darin die unscheinbare Größe der alten chinesischen Poesie: dass sie etwas naturgleich Verwehendes hat. Nicht das westliche Meißeln und Festhaltenwollen. Ihre Zeitlosigkeit liegt in ihrer entschiedenen Zeitlichkeit.

Manchmal komme ich mir vor wie ein Fotograf, der immer dasselbe aus neuen Blickwinkeln fotografiert.

Patrick Modiano

Kalte Konfession

Flaubert sagt: „Der Autor muss in seinem Werk wie Gott im Weltall sein, überall anwesend und nirgends sichtbar.“ Ich denke, dieser herrliche Heide hat mehr vom Wesen Gottes verstanden als jene Frommen, die den Herrn überall herumfingern sehen.

Das Verlässlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut.

Arno Schmidt