Thema: „Moderne“

Anthroposophie (1): Augenschein

Die landläufige Vermutung geht dahin, in der Anthroposophie eine Art Soft-Deutung der Welt zu sehen, mit Nachklängen religiöser Vorstellungen. Immerhin, manche praktischen Ansätze seien wohl interessant, hört man die Leute sagen. Insbesondere die Waldorfschulen gelten als passende Lösung fürs sensible Kind. Diese Art Pädagogik fänden sie gut, sagen manche Eltern, mit dem „Überbau“ hätten sie sich nicht weiter beschäftigt – so als ginge es da um eine beliebige Zutat, die man auch weglassen kann.
Dass die Anthroposophie in Wirklichkeit alles andere als eine Wattepackung für die geplagte Moderne ist, ja dass sie einen scharfen, kulturell umwälzenden Anspruch erhebt – praktisch nichts davon ist im öffentlichen Bild sichtbar. Diesen Punkt sehen allenfalls, auf andere Weise, ihre Gegner.

Fotomanie

Wirklich nichts gegen ein paar schöne Fotos! Aber die heutige Mode, fast wahllos zu fotografieren, alles festhalten zu wollen, muss andere Hintergründe haben. Ob vielleicht die Menschen in unserer Epoche die Dinge nicht mehr recht in ihre Seele aufnehmen können? Oder dieser Art Aufnahme (im doppelten Sinn) nicht mehr voll trauen? So dass sie das Erlebte auf andere Weise fixieren wollen? Man trägt es dann nicht in sich, sondern hat es irgendwo abgelegt. Das fing schon mit den Dia-Kästen an, heute setzt es sich in der Cloud fort. Statt interner eine externe Speicherung. Ein Veräußerlichungsprozess.

Es gibt Deutungen der Menschheitsentwicklung, die davon ausgehen, dass in unserer Epoche etwas ansteht und notwendig wäre, das man als innere Kräftigung des Individuums bezeichnen könnte: dass der Mensch nicht nur irgendwie durch die Welt rutscht, sondern sein Leben und Erleben immer voller mit Bewusstsein durchdringt. Die heutige Fotomanie aber deutet darauf hin, dass die Dinge im Moment eher noch in die Gegenrichtung laufen. Sie offenbart eine Erlebnisschwäche, ein Verarbeitungsproblem, eine Art Innenschwäche. Und die Bilderflut ist nur ein hilfloser Ausgleichsversuch. Je weniger innen ankommt, desto hektischer wird nachgelegt. Falscher Ansatz.

Nutzerfreundlich

Dass man ohne tiefere Kenntnisse, allein mit ein paar Tasten oder Aktionen, erstaunliche Prozesse in Gang setzen kann, gilt nicht erst für das Zeitalter der Hochtechnologie. Schon immer haben beispielsweise Menschen – ohne jede Kenntnis der Genetik – durch einige einfache Praktiken die Entstehung neuen Lebens ausgelöst.

Wirklichkeiten

Man kann den verbreiteten Materialismus beklagen, das tun viele. Aber überwinden ließe er sich nur, wenn seine Voraussetzungen gesehen werden, wenn an der Wurzel angesetzt wird. Diese Wurzel ist ein Weltverständnis, das im Grunde nur die materielle Welt als wirklich ansehen kann und glaubt, dass alles auf dieser Ebene entschieden wird: im Handfesten, Sichtbaren, Greifbaren. Ein solches Weltverständnis mündet fast automatisch in materialistische Mentalitäten und Fixierungen, weil es eben gar keinen Zugang zu anderen Dimensionen der Wirklichkeit findet. Wenn überhaupt müsste man also mit der Frage beginnen, ob der heute üblichen Optik Entscheidendes entgeht, man müsste am Weltverständnis ansetzen. Das tun wenige.

Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren

Aus verschiedenen Gründen habe ich in letzter Zeit ein bisschen häufiger mit der kommunizierenden Generation zu tun. Also mit denen, die immer ein Gerät in der Hand haben und ständig online sind. Meine Erfahrung ist aber: Die kommunizierende Generation kann nicht kommunizieren. Sie bringen alles durcheinander. Wahrscheinlich sind es einfach zu viele Mails und Messages. Verabredungen werden vergessen, Fragen nicht beantwortet, man redet aneinander vorbei, Termine werden verwechselt. Halbwegs kommunikationsfähig sind nach meinem Eindruck nicht diejenigen, die die neuesten Tools haben, sondern die, die noch klar im Kopf sind.

Ich bin, was die menschlichen Kommunikationsmittel betrifft, nicht für die Rückkehr zu Rauchzeichen und Trommelsignalen. Aber vielleicht könnte man sich irgendwo treffen, wo das Ganze noch einen Sinn ergibt.

Mächte der Gegenwart (15): Paralyse

Ist nicht im Grunde die ganze heutige Kultur so gebannt, gelähmt und ruhiggestellt wie 13-Jährige vor einem Bildschirm?

Architektur und Ernst 

Warum, frage ich mich, zieht es mich in einer fremden Stadt, etwa in Köln, zuerst in die romanischen Kirchen? – Vermutlich, weil ich das andere suche, ein Gegenbild zu unserer Epoche, eben die Schlichtheit der Romanik, diese Atmosphäre von Klarheit und Dienst. Mit der Gotik fängt im Grunde schon das Entertainment an, das Sich-Zeigen, das Wir-werden euch-staunen-machen. Die architektonische Angeberei vollendet sich dann im Barock. Die Kirchen sind jetzt gewissermaßen umgewidmet und dienen der Verherrlichung der Architekten. Das kann mir alles gestohlen bleiben.

Mag sein, dass ich die Dinge etwas schroff gegeneinander stelle. Außerdem war, genau genommen, auch in der Romanik nicht alles so rein und schlicht. Nehmen wir den Dom meiner Heimatstadt Speyer, Kaiserbau und Kaisergrab, eindrucksvoll, aber eben ein imperiales Bauwerk, gleichsam schon durch die Macht kontaminiert; ich meine zu spüren, welche Gedanken und Ansprüche hier investiert wurden. Verläuft man sich indes in irgendeinem Winkel Frankreichs oder Deutschlands in einen romanischen Kreuzgang – dann spricht der eine Sprache, die uns heute fehlt, eine Sprache, die auf ganz neue Weise zu lernen wäre…

Mächte der Gegenwart (7): Kaschierte Macht

In den heutigen Imperien hat sich im Vergleich zu früheren die Form der Herrschaftsausübung verändert. Früher, vom Römischen Reich bis zu den Kolonialimperien, war die Mechanik der Macht noch klar erkennbar, gab es sichtbare Kommandostränge vom Zentrum in die Peripherie. Das geht heute so nicht mehr, es widerspräche zu offenkundig den allgemein postulierten Maßstäben von Demokratie und nationaler Souveränität. Das heißt, die Mechanik der Macht musste im Lauf der Zeit subtiler werden. Ihr Mittel ist heute nicht mehr der Befehl, sondern die Pression, der strukturelle Zwang innerhalb ungleicher Beziehungen. Die schwächere Seite hat kaum eine andere Wahl als sich den Vorgaben der stärkeren Seite zu beugen und dies auch noch als „freie“ Entscheidung zu vertreten.

Mächte der Gegenwart (3): Erkenntnis und Beherrschung

Die materielle Welt kühl und rational verstehen zu wollen, ohne Rückgriff auf die religiös und magisch aufgeladenen Weltbilder früherer Zeiten – das ist seit Galileis Zeiten der Ansatz der neuzeitlichen Wissenschaft. Aber mehr noch. Schon früh zeichnet sich ab, dass das neue Weltverständnis auch neue Formen der Weltbeherrschung ermöglicht. „Denn Wissen selbst ist Macht“, schreibt Francis Bacon schon um 1600. Wissenschaft ist die Voraussetzung von Technik. Zur Erkenntnis kommt die Anwendung, zur kontemplativen eine aktive Seite.

Daran ist soweit nichts falsch. Falsch ist aber, wenn die aktive Seite sich fast nur noch in einem schmalen Feld, in einem materiellen Nutzendenken auslebt und die Menschheit ganz in den Bann dieser Möglichkeiten gerät. Kaum merklich schwindet dann der Sinn für ein tieferes, umfassendes Erforschen der Welt und für ganz andere Felder menschlicher Aktivität und Entwicklung. Entsprechend kommt die Frage, ob ein tieferes Weltverstehen und Welthandeln noch anderer als der heute gängigen Kategorien bedarf, kaum mehr in den Blick.

Mächte der Gegenwart (2): Fokussierung

Die Dynamik der Moderne hat eine zentrale Voraussetzung: ein neues Verhältnis zur Welt, ein kühler, analytischer Blick auf die Wirklichkeit, genauer: die entschiedene Eingrenzung dessen, was überhaupt noch als Wirklichkeit aufgefasst wird: die materielle Welt. Ihr wendet sich die neuzeitliche Mentalität mit nie dagewesener Intensität und Präzision zu, und mit entsprechenden Erfolgen. Dass es neben ihr, hinter ihr, in ihr noch andere Bezüge und Wirklichkeiten geben könnte (geistige oder seelische, wie sie traditionell genannt werden), das wird entweder ausdrücklich geleugnet wie im philosophischen Materialismus oder nur noch hilflos bejaht: als eine diffuse Annahme, als Ahnung eines irgendwie Höheren, das der Beliebigkeit des Glaubens überlassen bleibt. An die Physik glauben alle, jenseits von ihr glaubt der eine dies, der andere das, manche gar nichts. Der Präzision und Methodik im Materiellen steht eine Willkür, ja Verwahrlosung im Mentalen gegenüber.

Im Prinzip ist diese Spaltung charakteristisch für die gesamte heutige westliche Kultur. In zugespitzter Form aber zeigt sie sich bei deren Vormacht, den USA, wo sich eine außerordentliche praktische Intelligenz vielfach mit verstörend primitiven Weltbildern paart. Dann koexistieren hochmoderne Technologien mit degenerierten Resten religiöser Traditionen.